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- Ausgabe Dezember 2025
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«Gemeinschaft schafft Nähe» – Wie Thorben Rakers in der Region Basel Anschluss fand
Thorben Rakers kam aus beruflichen und familiären Gründen in die Schweiz. Heute lebt der deutsche Ingenieur mit seiner Familie in der Region Basel. Im Interview erzählt er, wie er hier angekommen ist, welche Rolle die Bahá’í-Gemeinschaft für sein Zugehörigkeitsgefühl spielt und weshalb Integration für ihn kein einseitiger Prozess ist.
Thorben Rakers (vierter von links) mit Bahá’í-Freunden verschiedener Generationen und Herkunftsländer. Am Treffen waren Menschen sechs verschiedener Herkunftssprachen dabei – Türkisch, Chinesisch, Persisch, Deutsch, Englisch und Schweizerdeutsch.Sie leben heute in der Region Basel. Was hat Sie ursprünglich in die Schweiz geführt – und wie haben Sie die erste Zeit hier erlebt?
Meine Frau erhielt ein Jobangebot in Basel. Eine Fernehe kannten wir schon – und wollten wir nicht erneut. Also habe ich meinen Job in Aachen gekündigt und im Aargau eine passende neue Stelle gefunden. In der Region Basel wurden wir beide herzlich willkommen geheissen. Der Arbeitgeber meiner Frau und auch der Kanton Basel-Stadt boten spezielle Angebote für Zugezogene an – zum Beispiel einen Fonduekurs oder eine Fahrt auf dem Rhein, bei der Vereine und Organisationen vorgestellt wurden. Das half uns, andere Neuzugezogene kennenzulernen.
Wie haben Sie hier Anschluss gefunden – beruflich, aber auch privat?
Beruflich entstand der erste Kontakt vor allem zu anderen Hinzugezogenen. Privat öffnete mir die Bahá’í-Gemeinde Türen. Noch nie zuvor war ich als Teil einer Glaubensgemeinschaft in eine neue Stadt gezogen – und es fühlte sich tatsächlich so an, als hätte ich hier bereits Familie, die sich interessiert und sorgt. Die erste Begegnung fand in einem Wohnzimmer statt. Es war warm, vertraut, fast so, als wäre ich schon einmal dort gewesen. Mit der Geburt unseres ersten Kindes kamen weitere Kontakte dazu, zum Beispiel im Geburtsvorbereitungskurs oder später in der Kita.
Welche Rolle spielt die Bahá’í-Gemeinschaft in Ihrem Leben – und inwiefern hat sie Ihnen geholfen, sich in der Schweiz zu Hause zu fühlen?
Den ersten Kontakt hatte ich während meines Studiums in Aachen, nachdem ich zufällig eine TV-Dokumentation über das Weltzentrum der Bahá’í in Haifa gesehen hatte. Die Grundsätze haben mich so angesprochen, dass ich damals Kontakt zur Gemeinde in Aachen aufnahm – und geblieben bin. Eine der Bahá’í-Lehren ist die Einheit der Menschheit – „Die Erde ist nur ein Land und alle Menschen ihre Bürger.“ Als Ingenieur schätze ich zudem die Überzeugung, dass zwischen wahrer Religion und Wissenschaft kein Widerspruch besteht.
Hier in der Schweiz war besonders meine erste Teilnahme an der Nationaltagung prägend: eine Wahl ohne Kandidaturen oder Wahlkampf, dafür mit Demut und einem starken Dienstgedanken. Das hat mich tief beeindruckt. Beeindruckt hat mich auch das Engagement von Bahá’í-Freunden in Therwil, die zu Beginn des Ukrainekriegs ihren Hof als Begegnungs- und Verteilzentrum öffneten. Innerhalb weniger Wochen kamen rund 2’000 Menschen vorbei – daraus entstanden weitere Projekte wie Kinder- und Jugendklassen. Die Gemeinde Therwil unterstützt das Vorhaben sogar mit Räumlichkeiten. Diese unmittelbare Handlungsbereitschaft hat mir gezeigt, wie stark Gemeinschaft wirken kann.
Wie erleben Sie das soziale Miteinander in Ihrer Gemeinde und gibt es Bereiche, in denen Sie sich selbst aktiv einbringen?
Ich wurde vom lokalen Geistigen Rat herzlich begrüsst und zu Beginn begleitet. Die regelmässigen Neunzehntagefeste – mit Gebet, Beratung und Austausch – schaffen ein Gefühl der Kontinuität und Zusammengehörigkeit. Hinzu kommen Treffen beider Basel, bei denen wir uns über laufende Projekte austauschen und uns gegenseitig unterstützen. Zusammenkünfte zum Gebet im kleinen und grossen Rahmen gehören ebenfalls zum Gemeindeleben. Seit einiger Zeit bin ich selbst gewähltes Mitglied im lokalen Geistigen Rat der Bahá’í in Basel und darf mich dort mit acht weiteren Mitgliedern für die Belange der Gemeinde einsetzen. Ausserdem vertrete ich die Bahá’í-Gemeinde am Runden Tisch der Religionen beider Basel. Dieses Jahr organisierte ich erneut die interreligiöse Friedensandacht zum Abschluss der Woche der Religionen mit – diesmal mit noch mehr Glaubensgemeinschaften als im Vorjahr.
Als Deutscher mussten Sie keine neue Sprache lernen. Gab es dennoch Dinge, die Sie für Ihre Integration anpassen mussten?
Privat und beruflich werde ich mit verschiedenen Schweizer Dialekten konfrontiert. Meist verstehe ich sie, aber es gibt immer wieder neue Wörter – zuletzt etwa «pfuse» (schlafen) oder «zueschaffe» (schnell arbeiten). Wenn Freunde oder Kollegen mit mir Dialekt sprechen, fällt es mir schwer, beim „eintönig korrekten Hochdeutsch“ zu bleiben. Unbewusst beginne ich mehr zu singen. Oft frage ich mich: Versuche ich es selbst mit Schweizerdeutsch – oder lasse ich es lieber, weil es nie gut genug sein wird? Was mir hilft: Meine Erfahrung, dass Sprache hier vor allem der Verständigung dient. Kommt schon gut. Was ich ebenfalls lernen musste: Die Menschen sind eher zurückhaltend – und an die Preise musste ich mich ebenfalls gewöhnen.
Gibt es ausserhalb der Bahá’í-Gemeinschaft weitere Orte, an denen Sie Kontakte pflegen?
Ja. Ich versuche zum Beispiel, Väter mit Kindern zusammenzubringen – der Austausch hilft ungemein, und geteilte Freude ist doppelte Freude. Seit längerem spiele ich mit dem Gedanken, einer Guggenmusik beizutreten. Und ich unterstütze Familienangehörige organisatorisch und administrativ.
Was würden Sie Menschen raten, die neu in die Region kommen und Anschluss suchen?
Wir haben uns bewusst entschieden, mehrere Jahre hier zu bleiben. Dieses Commitment hat vieles erleichtert – man investiert mehr und bekommt mehr zurück. Grundsätzlich gefällt mir das Wort „Integration“ nicht besonders, weil es oft so klingt, als müsse jemand sich in etwas Vorbestehendes „einfügen“. Ich sehe es anders: Alle sind Teil einer Gesellschaft, die vielfältig ist – in Herkunft, Religion, Kultur. Ein Zitat, das mich begleitet: «Es rühme sich nicht, wer sein Vaterland liebt, sondern wer die ganze Welt liebt.» Ganz konkret: Selbst Menschen einladen – ein gemeinsames Fest oder ein Treffen im Quartierzentrum kann sehr viel bewegen. Ich fühle mich an den Tagen als Teil der Gemeinschaft, an denen ich mich einbringen kann.