«Ich habe mich in meiner beruflichen Laufbahn noch nie über mein Geschlecht definiert»

Isabelle Wyss, neue Leiterin KIGA BL

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Die 48-jährige Isabelle Wyss ist seit Anfang Dezember 2021 neue Leiterin des Kantonalen Amts für Industrie, Gewerbe und Arbeit KIGA Baselland und damit Nachfolgerin von Thomas Keller, der Ende November pensioniert wurde. Wyss hat an der Universität Zürich Englisch und Deutsch studiert und verfügt über einen Executive Master of Business Administration (FH) in strategischem Management und Unternehmensführung. Zudem ist sie Sozialversicherungsfachfrau mit eidgenössischem Fachausweis.

Frau Wyss, Sie haben Anfang Dezember Ihre Stelle als Leiterin des Kantonale Amts für Industrie, Gewerbe und Arbeit KIGA als Nachfolgerin von Thomas Keller angetreten. Wie haben Sie die ersten Tage erlebt?

Isabelle Wyss: Die ersten Tage waren sehr aufregend, aber auch anstrengend. Ich habe vergessen, wie es sich anfühlt, wenn man als Neuling in einem Unternehmen von A wie Altpapier bis Z wie Zeiterfassung alles lernen muss.

Was für ein KIGA haben Sie angetroffen?

Ein fast leeres (lacht) – aufgrund der Homeoffice-Pflicht. Aber Spass beiseite: Die Offenheit und Neugier, mit der man mir begegnet, macht es mir einfach, mich nach so kurzer Zeit schon zugehörig zu fühlen. Ich schätze mich sehr glücklich, die Leitung eines Amtes mit so vielen motivierten und engagierten Mitarbeitenden inne haben zu dürfen.

Sie sind auch die erste Frau als KIGA-Chefin. Haben Sie das Gefühl, Sie werden anders behandelt?

Nein, und das ist sehr gut so. Ich habe mich in meiner beruflichen Laufbahn noch nie über mein Geschlecht definiert. Ich bin ich.

Welche Themen beschäftigen Sie aktuell am meisten?

Natürlich bin ich nach wie vor stark damit beschäftigt, mir all das Wissen anzueignen, das mir noch fehlt. Ich hatte in meiner bisherigen Tätigkeit nur am Rande mit politischen Geschäften zu tun. Dann darf ich mich in für mich ganz neue Themengebiete einarbeiten. Wie ich erwartete, ist es eine steile Lernkurve. So langsam fasse ich aber Tritt. Neben den Fachthemen beginne ich, die Organisation als solche zu spüren. Hier stehen Themen wie die Rückkehr aus dem Homeoffice oder die Gesundheit der Mitarbeitenden im Vordergrund.

Von aussen kann man den Eindruck haben, die KIGA-Themen seien eher etwas trocken und kompliziert. Sie sind ja mit den Themen durch Ihre vorhergehende Stellung vertraut. Wie empfinden Sie das?

Das mag von aussen betrachten so scheinen. Allerdings hat der sogenannte Vollzug seinen eigenen Reiz, denn wir bewegen uns ja damit stets in einem Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Interessen. Sich darin zu behaupten, die richtige Balance zu finden, ist alles andere als trocken. Da brauchen die Mitarbeitenden in ihren jeweiligen Aufgaben nicht nur Fachkenntnisse, sondern auch viel Fingerspitzengefühl. Manchmal ist viel diplomatisches Geschick nötig, um unsere diversen Aufgaben kundenorientiert und dennoch korrekt zu erfüllen.

Sie führen den grössten «Laden» der Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion mit rund 200 Mitarbeitenden. Was sind Sie für eine Chefin?

Das müssten Sie eigentlich meine Mitarbeitenden fragen. Ich hätte gesagt, eine faire, offene Chefin, durchaus unkompliziert, aber mit einem gewissen Anspruch an Verbindlichkeit. Ein ehemaliger Mitarbeiter beschrieb mich als jemand, die schnell denkt, gerne vorwärts macht, fordert und fördert – und das alles ergänzt mit einer guten Portion Optimismus und positiver Grundhaltung. Man wisse bei mir, woran man sei. Ich erkenne mich in dieser Beschreibung durchaus wieder.

Als wie gross empfinden Sie die Verantwortung?

Als sehr gross. Diese Verantwortung zu tragen, ist auf der einen Seite sehr reizvoll, phasenweise natürlich auch belastend. Denn es ist ja keine «einseitige» Verantwortung. Ich habe sehr viele oftmals gegensätzliche Interessen zu wahren.

Wie erleben Sie als «Aargauerin» den Kanton Basel-Landschaft?

Ich habe in meiner Zeit im Amt für Wirtschaft und Arbeit Aargau sehr viel lernen dürfen und bin sehr dankbar, auf diesem Wissen im Kanton Basel-Landschaft aufbauen zu können und mich weiterzuentwickeln. Es widerstrebt mir, in Kategorien «besser» oder «schlechter» zu denken. Wie der Kanton Aargau hat auch der Kanton Basel-Landschaft seine Eigenheiten, die zu entdecken spannend ist. Und damit meine ich nicht nur den Kanton als Arbeitgeber, sondern natürlich auch Kultur, Menschen und Politik.

Wo ist das grösste Plus im KIGA Baselland, wo die grösste Schwachstelle?

Schwachstelle klingt defizitär – hier kommt nun meine positive Grundhaltung zum Einsatz. Nach diesen ersten drei Monaten merke ich, dass die Mitarbeitenden im KIGA ihren jeweiligen Aufgaben sehr verpflichtet sind, sich sehr dafür einsetzen. Es ist sehr viel umfassendes Fachwissen vorhanden. Das ist meines Erachtens eine grosse Stärke. Bei so viel Leidenschaft für eine Aufgabe kann aber manchmal in Vergessenheit geraten, dass zum Beispiel ein Arbeitgeber nicht genau gleich viel Leidenschaft für den Vollzug hat, oder unsere Sprache nicht so gut versteht. Diese Übersetzungsarbeit kann man stärken. Sehr eindrücklich finde ich auch die Bereitschaft, digitale Lösungen zu erarbeiten. So haben wir erst gerade den ersten Chatbot schweizweit in der Arbeitslosenversicherung eingeführt, haben ein digitales Kundenfeedback-Tool und ermöglichen die Online-Abwicklung von Bewilligungen.

Interview: Rolf Wirz, Kommunikation Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion (Foto: zVg)

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Infoheft Nr. 210, März 2022