Helvetismen

Helvetismen sind Teil des Kulturguts der deutschen Sprache in der Schweiz. Sie bilden eine Variante innerhalb des Hochdeutschen. (Foto: Adobe Stock)
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Wissen Sie, wie Feldsalat auf Schweizerhochdeutsch heisst? Richtig, Nüsslisalat. Nüsslisalat gehört zu den Helvetismen, welche nur im Schweizerhochdeutsch, nicht aber im Hochdeutsch verwendet werden. Helvetismen sind eine nationale Variante innerhalb des Hochdeutschen und sie dürfen in der Schriftsprache verwendet werden.

Helvetismen sind Wörter, die nur im Schweizerhochdeutsch Anwendung finden, jedoch nicht im restlichen deutschen Sprachgebiet. Ausdrücke und Wörter, die eindeutig der Mundart zugeordnet und nur im gesprochenen Dialekt verwendet werden, zählen nicht zu den Helvetismen. Ein Helvetismus darf in der Schriftsprache verwendet werden und ist korrekt. Auch wenn dies ausserhalb der Schweizer Landesgrenzen für Verwunderung sorgen kann (Schweizer Hochdeutsch: Das mit den Helvetismen drin). Sprachliche Besonderheiten kennt übrigens nicht nur die Schweiz. Es gibt sie ebenso in Österreich (Austriazismen) und in Deutschland (Teutonismen) sowie in kleinerem Mass in Regionen, in denen Deutsch Amtssprache, nicht aber Nationalsprache ist, nämlich in Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol (Schweizerhochdeutsch, Duden Verlag).

Helvetismen verwenden?

Viele sind sich nicht bewusst, dass sie Helvetismen verwenden. Erst wenn sie in Deutschland sind und nicht verstanden werden oder das Gegenüber schmunzelt, realisieren sie die sprachlichen Unterschiede: Wenn es in der Schweiz Velo heisst, ist es in Deutschland ein Fahrrad oder Rad. Eine Liste der gängigen Helvetismen ist auf Wikipedia zu finden. «Schweizerhochdeutsch» aus dem Duden Verlag enthält über 3'500 Helvetismen. Die Sammlung reicht von Abgeltung (Vergütung) bis Zwischenrang (vorläufige Platzierung während eines noch laufenden Rennens). Teil der Sammlung sind auch Wörter, die als mundartnah gekennzeichnet sind. Pflotsch (Matsch) gehört dazu und ist beispielsweise in einem Beitrag von «20 Minuten» zu finden: «Von Pflotsch bis 23 Zentimeter Schnee …» (20 Minuten, 10.1.2022). Mundartnahe Helvetismen sollten jedoch mit Bedacht verwendet werden. In Texten, die sich vorwiegend an eine schweizerische Leserschaft richten, dürfen gängige Helvetismen bedenkenlos verwendet werden – besonders solche, die hierzulande den wenigsten bewusst sind, etwa einlässlich, allfällig, Tobel, Ende Jahr, brauchen im Sinn von «nötig haben» (www.sprachlust.ch).

Helvetismen in der Grammatik

Bei Helvetismen geht es nicht nur um Wörter, sondern auch um einen anderen Gebrauch der Artikel, andere Bedeutungen, eine andere Grammatik und eine andere Aussprache. Folgende Beispiele veranschaulichen dies:

  • Wortschatz: Morgenessen (Frühstück), Natel (Handy), Garage (Autowerkstatt), Occasion (Gebrauchtwagen), Bahnhofbuffet (Bahnhofsrestaurant), Apéro (Aperitif), Match (Spiel), Corner (Eckball), Penalty (Elfmeter), Goalie (Torhüter), Serviertochter (Kellnerin), Götti (Pate), Trottinett (Tretroller), Bijoutier (Juwelier), Gemeindepräsident (Bürgermeister), amten (ein Amt ausüben, amtieren)
  • Relativpronomen: Das im Hochdeutschen als veraltet oder schwerfällig geltende Relativpronomen welcher, welche, welches ist im schweizerischen Hochdeutsch recht geläufig.
  • Präposition: Bei Präpositionen, die im Hochdeutschen vorwiegend mit Genitiv gebraucht werden, gibt es im Schweizerhochdeutschen eine starke Tendenz zum Dativgebrauch. Dies gilt insbesondere für dank und trotz. Umgekehrt zieht betreffend in der Schweiz oft den Genitiv nach sich.
  • Wendungen, Konstruktionen: Es nimmt jemanden wunder, ob (es interessiert jemanden, ob), am Fernsehen (im Fernsehen), verunfallen (einen Unfall erleiden), in den Ausgang gehen (ausgehen), handkehrum (plötzlich, andererseits), ausjassen (aushandeln), bachab schicken (etwas verwerfen)
  • Artikel: das E-Mail, das Tram, das SMS
  • Orthografie: In der Schweiz gibt es kein -ß. Für Deutsche kann ein Satz wie folgender verwirrend sein: « … wenn die Stadt in hohem Masse Bussen für falsch parkierte Busse einnimmt.»
  • Aussprache: In der Schweiz spricht man das -g am Ende von König tatsächlich wie ein g und nicht wie in Norddeutschland «Könich». Viele Fremdwörter, Länder und Abkürzungen werden auf der ersten Silbe betont, z. B. Apostroph, Balkon, Billett, Budget, Büro, WM, EU, Irak, Iran (Helvetismen: Warum die Schweiz ihr eigenes Hochdeutsch pflegt).

Lange wurde Schweizerdeutsch als «minderwertiges» oder gar «falsches» Deutsch angesehen. Inzwischen zeigt sich, dass es sich nicht um minderwertigeres Deutsch, sondern einfach um eine Variation der deutschen Sprache handelt (Schweizerdeutsch und Helvetismen). Die Verschriftlichung der Mundart ist wieder angesagt. Auf WhatsApp schreiben viele in Mundart, und auch die Werbung verwendet Mundart, zum Beispiel die Fondue-Werbung von Coop: «Chli stinke muess es!»

Welche Helvetismen kennen Sie? Welche Helvetismen fallen Ihnen in Medienberichten auf?

Text: Erna Truttmann Redaktorin Infoheft 

Weiterführende Links zum Thema:

Im Merian Verlag sind zum Thema Baseldeutsch die Baseldeutsch-Grammatik, das Baseldeutsch-Wörterbuch und das Baselbieter Wörterbuch erschienen.

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Infoheft Nr. 210, März 2022