Protokoll der Landratssitzung vom 22. und 29. September 2016

Der Kommissionsantrag auf Nicht-Abschreibung sei einstimmig erfolgt, sagt Landratspräsident Philipp Schoch (Grüne).

Kommissionspräsident Christoph Hänggi (SP) wendet sich an die Kolleginnen und Kollegen – und die Vertreter einer nicht mehr ganz so grossen Basler Zeitung (wie sie öfters in einer Kolumne genannt wird): Die spezielle Anrede wurde gewählt, weil im Sommer in dieser Zeitung in einem Artikel erwähnt wurde, die BKSK habe sämtliche Verbesserungsvorschläge von Landrätinnen und Landräten in Sachen Lehrerinnen- und Lehrerausbildung zur Abweisung empfohlen beziehungsweise abgeschrieben. Der schnelle Journalist hat aber schlicht übersehen, dass die Kommission zum Postulat von Thomas Bühler einstimmig Nicht-Abschreiben beschlossen hat.

Das Postulat möchte von der Regierung wissen, wie die Ausbildung von Primarlehrpersonen auch künftig einen Einsatz als Generalist oder Generalistin zulässt; ohne dass beim Berufseinstieg über Gebühr mit Nachstudien eine Belastung entsteht. Während der Ausbildung der Studierenden können nämlich Fächer abgewählt werden: Im sogenannten moderaten Allrorunder-Studium an der FHNW müssen sich die Studierenden neben den vorgegebenen Fächern Deutsch, Mathematik und Sachunterricht zwischen Französisch und Englisch entscheiden – sowie eines der Fächer Bewegung und Sport, Musik und Bildnerisch-technisches Gestalten abwählen. Die leicht eingeschränkte Generalisten-Ausbildung ist flankiert von Facherweiterungsstudien, die man nach Abschluss des Studiums absolvieren kann (was aber einen gewissen Mehraufwand mit sich bringt). Die Fächerabwahl hat zur Folge, dass viele Lehrkräfte auf Primarstufe teilzeitlich unterrichten (müssen); dass weniger Männer als Frauen unterrichten – und dass vorallem beim Sportunterricht Probleme entstehen, weil das Fach oft abgewählt wurde. Wie der Postulant sieht auch die Bildungskommission hier ein Problem und möchte den Vorstoss deswegen nicht abschreiben – sondern der Regierung den Auftrag geben, zu prüfen und zu erklären, wie in dieser Sache eine Optimierung erreicht werden kann und wie es in den andern Trägerkantonen der FHNW aussieht, wo wahrscheinlich die gleichen Probleme bestehen (auch wenn man wenig davon hört).

Eintretensdebatte

Caroline Mall (SVP) erklärt, der Präsident habe das Wesentliche gesagt. Es war ein 11:0-Entscheid. Thomas Bühler hat tatsächlich ins Schwarze getroffen. Man hat es zuvor bei der Initiative gesehen – Generalisten sind nach wie vor gefragt. Das Problem ist einmal mehr: Die EDK-Richtlinien schaffen ein Korsett, sodass man sich im Kanton Baselland (oder auch in Basel-Stadt, Solothurn und Aargau) nicht wirklich frei bewegen kann. Es kann nicht sein, dass man moderate Studiengänge anbietet und ein Studierender zwischen Französisch und Englisch wählen muss, obwohl er beide Fächer wählen möchte (und er sogar noch ein weiteres Fach abwählen muss). Er darf das Fachstudium zwar gemäss EDK-Richtlinien nach dem abgeschlossenen moderaten Studium nachholen. Deshalb ist es absolut sinnvoll, dass man vorallem diese Richtlinien anschaut; nicht nur mit den Nachbarkantonen. Wünschenswert ist nicht eine Vorlage, welche bloss das Ergebnis der Diskussionen abbildet (und man beim Status Quo bleibt) – der Kanton Baselland soll Generalisten ausbilden dürfen; ohne dass sie Fächer abwählen müssen oder nicht absolvieren dürfen (bloss weil es den EDK-Richtlinien widerspricht).

Thomas Bühler (SP) ist der BKSK, auch im Namen der SP-Fraktion, sehr dankbar, dass sie den Vorstoss stehen lassen will. Das Problem mag nicht weltbewegend sein; aus Sicht der Schulen ist es aber gegeben. – Heute Morgen hat der Redner die FHNW in den höchsten Tönen gelobt (Bericht und Rechnung). Selbstverständlich gibt es auch bei der FHNW Aspekte, wo man genau hinschaut und Kritik übt und Einfluss zu nehmen versucht. Hier nun ist man gut beraten, Einfluss zu nehmen – vorallem in den Gremien, wo das möglich ist (also zuerst via Leistungsauftrag in der Kommission). Es besteht (etwas despektierlich gesagt) die Überzeugung, dass man als Besteller ein Produkt erhält, das nicht genau dem entspricht, was man als Besteller gut gebrauchen kann – es braucht vielseitig einsetzbare Generalistinnen an der Primarschule. Man darf ein Fragezeichen setzen [dies an Caroline Mall], ob es wirklich möglich ist, Französisch und Englisch zu studieren; es sollte aber nicht gleich verboten sein (es gibt gangbare Modelle).

Extrem schwierig ist es für die jungen Kolleginnen und Kollegen, die den Sport abgewählt haben. Viele Schulleitungen legen solche Bewerbungen von Anfang an auf die Seite. Es ist in vielen Schulen schlicht nicht möglich, solche Leute überhaupt anzustellen; das ist schade. Wenn schon müsste man die jungen Studierenden ganz am Anfang in diesem Sinne warnen. Es ist zu hoffen [dies an Monica Geschwind], dass es gelingt, hier eine Lösung zu finden. Es ist auch bei der neuen PH-Leitung ein anderer Zugang zu spüren. – Der Antrag der BKSK soll unterstützt werden; das hält den Druck aufrecht.

Die FDP hat in der Kommission ebenfalls für Nicht-Abschreibung votiert, sagt  Paul R. Hofer (FDP). Aus einem Grund: Man hätte gerne die vertiefte Abklärung, wie es im letzten Paragrafen festgehalten ist.

Die Grüne/EVP-Fraktion sieht die Probleme, insbesondere bezüglich der erschwerten Vollzeitarbeit, sagt Andrea Heger (EVP). Vollzeitarbeit ist auch für jene schwierig, welche gerne 100 Prozent arbeiten wollen, dies aber [mangels genügender Ausbildung] nicht können – aber auch für jene, die arbeiten und die Ergänzungen nachholen möchten (was in den ersten Jahren extrem schwierig ist neben dem Unterricht). Die Abnahme der Attraktivität des Berufs ist eine Folge des jetzigen Zustands. – Die Fraktion folgt dem Kommissionsantrag.

Wenn eine Lehrperson mit J&S-Ausweis, die das Fach Sport abgewählt hat, ausnahmsweise Sportunterricht erteilt, so sagt Christine Gorrengourt (CVP), hat ein allfälliger Unfall ernsthafte Probleme mit der Versicherung zur Folge. Diesem Problem geht eine Schulleitung lieber aus dem Weg. Das ist im Kanton schon mehrfach passiert – es ist ungut. Die Nicht-Abschreibung soll ein Werkzeug für die Regierungsrätin sein, um bei ihren Kollegen nachzudoppeln; weil dieses Problem auch in andern Kantonen (ohne dass die Politik bereits Kenntnis genommen hätte) auf Lehrer- wie auf Schulseite besteht. Vielleicht ist die Politik in Baselland etwas näher bei den Lehrpersonen. – Die CVP/BDP-Fraktion ist für Nicht-Abschreibung.

Auch die GLP-/GU-Fraktion ist für Nicht-Abschreibung, sagt Jürg Wiedemann (Grüne-Unabhängige), der auf einen Punkt hinweist: Einerseits will man auf Primarstufe ein Modell mit einer einzigen Lehrperson als Unterrichts- und Bezugsperson; andererseits muss man sehen, dass in den letzten Jahren immer mehr in die Primarschulen hineingedrückt wurde. Sie musste das sechste Schuljahr übernehmen, sie muss zwei Fremdsprachen unterrichten, die Kinder haben vier Jahre Französisch und müssten auf ein gewisses Level kommen. Es geht auch um die Computer-Welt, welche in die Primarschulen gekommen ist. Da braucht es eine gute Ausbildung der Lehrpersonen. Man muss aber aufpassen, dass den Primarschulen nicht zu viel aufgebürdet wird und den Lehrpersonen damit eine Hürde aufgebaut wird, sodass sie nur noch gewisse Fächer unterrichten können (weil sie sonst die einzelnen Fächer zu wenig beherrschen). Es ist sicher richtig, dass man prüft, wie man das Problem lösen kann. Eine Lösung ist klar; sie steht im Raum – eine Master-Ausbildung für die Lehrpersonen. Das ist für den Kanton aber schlicht nicht finanzierbar.

Regierungsrätin Monica Gschwind (FDP) kann das Problem gut nachvollziehen. Auch hier hat sich die Rednerin intensiv damit befasst. Das geschah nicht nur unter «ferner liefen» im Regierungsausschuss. Man hat vertiefte Abklärungen in Auftrag gegeben, unter anderem bei der Leitungskonferenz der Volksschulen und natürlich auch bei der Pädagogischen Hochschule. Man hat sich an mehreren Sitzungen intensiv mit der Thematik beschäftigt. – Wenn auf die Abwahlmöglichkeit bei den Wahlfächern verzichtet würde, müsste man an anderem Ort verzichten. Das heisst: Wenn man diese Fächer vollumfänglich anbietet, müsste man im fachwissenschaftlichen oder -didaktischen Bereich kürzen. Bei solchen Lehrveranstaltungen hätte man nicht einmal mehr zwei Veranstaltungen pro Fach – das wäre auch eine schlechte Lösung. Mit einem solchen Studienumfang kann eine angemessene berufsspezifische Fachqualifizierung nicht mehr gewährleistet werden. Die Fachausbildung darf auch nicht vermehrt auf Kosten der Pädagogik-Ausbildung gehen. Heute hat letztere eine grosse Bedeutung, weil sich die künftigen Lehrpersonen etwa mit der Heilpädagogik beschäftigen müssen. Dort Abstriche zu machen, ist keine gute Lösung.

Die Pflicht zur Abwahl von Fächern besteht praktisch an allen Deutschschweizer Pädagogik-Hochschulen. Jürg Wiedemann hat es erwähnt: Eine Möglichkeit wäre ein Master-Studium. Das scheidet aber aus finanziellen Gründen aus; es ist auch nicht gewünscht. Das fehlende Schulfach kann aber mit einem Facherweiterungsstudium mit 10 Kreditpunkten nachgeholt werden. Andrea Heger hat gesagt, dass dies für viele junge Lehrer nicht möglich ist – es ist trotzdem anzuregen, dies in Betracht zu ziehen (die Kosten werden vom Kanton übernommen); auch wenn es ein Zusatzaufwand ist. – Man hat alle möglichen Varianten geprüft, damit man die Fächer nicht abwählen muss – und der Regierungssausschuss ist klar der Meinung, dass die heutige Ausbildung die beste Variante darstellt. Es wurde auch unter allen Baselbieter Primarschulen eine Umfrage zur Einschätzung der Situation gemacht. Rückmeldungen kamen von einem Drittel aller Schulleitungen. Das zeigt, dass dieses Drittel kritisch eingestellt ist; zwei Drittel haben aber gar nicht geantwortet. Das ist ebenfalls zu berücksichtigen.

Selbstverständlich wird der Auftrag, die Frage nochmals zu prüfen, entgegen genommen. Es ist aber zu sagen, dass bereits bisher alles unternommen wurde; und man hat im Regierungsausschuss sehr intensiv diskutiert, was möglich wäre. – Der Landrat soll sich bitte darauf vorbereiten, dass es keine einfache Lösung geben wird.

Klaus Kirchmayr (Grüne) meldet sich zu diesem Postulat, weil er vor sieben oder acht Jahren einen Vorstoss  mit der gleichen Stossrichtung eingebracht hat. – Ehrlich gesagt besteht eine gewisse Enttäuschung; es besteht auch nicht die volle Überzeugung, dass wirklich alles unternommen wurde, um die Thematik seriös abzuklären. Es erscheint auch logisch, dass die Kreise, welche die Frage abklären mussten, das Problem haben, dass sie auf einen Entscheid, den sie selber getroffen haben, zurückkommen müssten; dies insbesondere in den entsprechenden Bildungsverwaltungen.

Bedenklich ist auch, dass die Richtlinien der EDK als Begründung herangezogen werden. Man hat auch in andern Bereichen angemahnt, dass die Direktorenkonferenzen sich bewusst sein sollten, was ihre Kompetenzen sind (oder eben nicht): Weitreichende Konsequenzen auf EDK-Level vorzuspuren, welche de facto Gesetzescharakter haben, erscheint fragwürdig. Der Wunsch des Parlaments, der in seltener Einmütigkeit und auch schon sehr lange geäussert wird, soll nicht bloss zu einer zusätzlichen Abklärung führen – vielmehr soll klar artikuliert werden, dass es mehr als ein Wunsch ist. Es muss hier drinnen nicht ein Befehl erteilt werden mit dem entsprechenden Argumentarium – wichtig ist aber, dass das Anliegen ernst genommen wird. Weiter ist daran zu erinnen, dass es massive Kostenfolgen hat, was man hier machen muss. Die Flexibilität von Schulleitungen und -räten wird massiv eingeschränkt durch den Mangel an Generalisten; mit entsprechenden Kostenkonsequenzen vorab in den Gemeinden. Darum soll Monica Gschwind hartnäckig auftreten.

Regierungsrätin Monica Gschwind (FDP) betont, dass sie hartnäckig sein kann und es bleiben wird. – Ein Wort zur EDK: Die Schwierigkeit ist, dass die Fachhochschul-Lehrgänge re-akkreditiert werden müssen (sonst kann man sie gar nicht mehr anbieten). Man kann dort nicht einen Lehrgang beantragen, der von der EDK nicht gestützt wird. Man darf nicht mehr Kreditpunkte in ein Studium packen, als es bundesseitig vorgesehen ist.

Klaus Kirchmayr (Grüne) sagt, dass dieser Akkreditierungsprozess einseitig erfolgt: Die Kantone kuschen vor dem Bundesamt für Ausbildung. Man möchte ja nicht wissen, was dieser Mechanismus die Kantone in den letzten Jahren gekostet hat; indem er die Standards der Fachhochschulen auf ein Level gebracht haben, das vielleicht nicht überall gerechtfertigt war. Der Bund macht es sich relativ einfach, indem durch solche Mittel Kosten auf die Kantone abgeschoben werden; da braucht es Gegenwind. Wenn man schaut, was in Bern in der Pipeline ist und auf die Kantone zukommt, so ist das ein nicht unerhebliches Risiko auch für die Kantonsfinanzen. Ein Bündnis der Kantone wäre angezeigt.

Immer wenn Paul Wenger (SVP) die drei Buchstaben E, D und K hört, stellen sich Fragen. Wer eigentlich legitimiert die EDK, Richtlinien und Verfügungen herauszugeben, die angeblich allgemeinverbindlich sind für das Land? Die EDK hat keinen Rechtsstatus, der ihr erlaubt, Recht zu sprechen. Sie besteht aus vom Volk gewählten Erziehungsdirektoren. Mehr nicht. Sie müssen die Interessen des Volks vertreten. Es wäre zu untersuchen, mit welchem Recht die EDK die Lehrgänge ständig überprüfen lässt. Klaus Kirchmayr hat absolut recht, dass man diesen Leuten auf die Finger schauen muss. Eine Re-Akkreditierung der EDK wäre ins Auge zu fassen. In diesem Sinne soll dort Wind gemacht werden.

://: Eintreten ist unbestritten.

Detailberatung Landratsbeschluss

Keine Wortmeldungen.

Rückkommen

Es wird kein Rückkommen verlangt.

Beschlussfassung

://: Der Landrat stimmt dem Landratsbeschluss über den Bericht zum Postulat 2013/431 gemäss Kommissionsfassung mit 78:0 Stimmen zu.

[Namenliste]

Landratsbeschluss

betreffend Bericht zum Postulat 2013/431 von Thomas Bühler: Die Primarschule braucht nach wie vor GeneralistInnen

vom 29. September 2016

Der Landrat des Kantons Basel-Landschaft beschliesst:

1. Das Postulat 2013/431 wird nicht abgeschrieben.

2. Der Regierungsrat wird beauftragt zu prüfen und vertieft abzuklären, wie in anderen Kantonen des Bildungsraums Nordwestschweiz in der Praxis mit dem Problem der Fächerabwahl, speziell der Abwahl des Fachs Sport und der Facherweiterungsstudien, umgegangen wird.

Für das Protokoll:
Georg Schmidt, Landeskanzlei