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Protokoll der Landratssitzung vom 31. Oktober 2013

Nr. 1544

Landratspräsidentin Marianne Hollinger (FDP) teilt mit, der Regierungsrat nehme das Postulat entgegen und fragt an, ob Einwendungen gegen die Überweisung erhoben werden.


Michael Herrmann (FDP) hält einleitend fest, es brauche doch etwas Mut, sich um zwanzig vor fünf noch gegen die Überweisung eines Postulats zu äussern, insbesondere wenn die Regierung zur Entgegennahme bereit ist und es sich zudem um einen kulturell sehr hoch stehenden Vorstoss handelt. Der Vorstoss hat etwa die Flughöhe der Umgestaltung des Landratssaales oder der Umbenennung der St. Jakobshalle oder allenfalls auch der Erhöhung der Entschädigung der Landräte. Die FDP fühlt sich aber speziell kompetent, in dieser Sache etwas zu sagen, weil sie herausgefunden hat, dass ein Mitglied ihrer Fraktion ein Werk von Carl Spitteler gelesen, genauer: fast fertiggelesen, hat. Möglicherweise handelte es sich um das Werk «Der olympische Frühling», da ist der Votant aber nicht ganz sicher. Die FDP hat das Gefühl, dieses Postulat habe doch die falsche Flughöhe. Zum Literaturnobelpreisträger Carl Spitteler ist zu sagen, dass es über ihn bereits ungefähr 20 Biografien oder biografie-ähnliche Werke gibt. Die Forderung aus dem Postulat geht dahin, dass sich der Kanton Baselland dafür einsetzen soll, dass noch eine 21. Biografie von Carl Spitteler geschrieben wird. Die jüngste datiert übrigens aus dem Jahr 2008, und man kann sich auch die gesammelten Werke von Carl Spitteler - zehn Bände - noch besorgen. Ohne die Leistungen Spittelers schmälern zu wollen, möchte der Votant doch fragen, ob dies wirklich die Flughöhe ist, in der sich das Parlament bewegen soll. Wäre es nicht ein Variante, wegen einer Biografie auf eine Universität zuzugehen? Nichts spricht dagegen, das man vielleicht einmal ein Denkmal für Spitteler umplatziert oder eine Strasse oder einen Platz nach ihm benennt. Aber man sollte sich, bevor man einen solchen Vorstoss einreicht, doch Gedanken darüber machen, was für einen Aufwand man dadurch bei der Verwaltung auslöst und wie man die Zeit der 90 Landratskolleginnen und -kollegen damit in Anspruch nimmt.


Christoph Hänggi (SP) findet, es sei - angesichts dessen, dass man heute die Traktandenliste praktisch vollständig wird erledigen können - nicht tragisch, wenn sich der Landrat nun noch mit diesem Postulat beschäftigt. Die SP hatte sich zuerst auch gefragt, ob dieser Vorstoss wirklich nötig ist, aber man fand dann doch, man solle ihn durchwinken. Carl Spitteler hat dreimal probiert, von Liestal wegzuziehen, erst beim dritten Mal hat er es dann geschafft. Zweimal war er wieder zurückgekommen, 1856 und 1868. Er war dann in Zürich tätig und erhielt dort den Ehrendoktor verliehen. Er ist Ehrenbürger von Luzern. Er hat also an vielen anderen Orten als nur in Liestal gewirkt, und hier hat er ein Denkmal. Es gibt auch, wie Michael Herrmann erwähnte, bereits sehr viel Literatur über ihn. Daher hält die SP den Vorstoss nicht für sehr dringend. Aber man dachte sich, es ist eben ein Postulat, und bis 2024, zum 100. Todestag Spittelers, erwartet man die Antwort. [Heiterkeit]


Agathe Schuler (CVP) ist nicht der Meinung, dass hier die Flughöhe falsch ist. Auch kulturelle Angelegenheiten sind es wert, dass ihnen der Landrat Zeit widmet. Wenn die Regierung bereit ist, das Postulat entgegenzunehmen, wird sie sich wohl im Vorfeld schon überlegt haben, was sie tun könnte, um dem Postulat Rechnung zu tragen im Sinne von «Prüfen und Berichten». Die CVP/EVP-Fraktion ist daher für Überweisen und hätte es gut gefunden, wenn dies stillschweigend hätte geschehen können, statt dass man schon wieder eine Menge Zeit für diese Diskussion aufwenden muss.


Ruedi Brassel (SP) hält fest, er sei etwas erschüttert über das Votum aus der FDP, aber man gewöhne sich an solche Äusserungen. Carl Spitteler ist nicht irgendein Autor, der zufällig Wurzeln im Baselbiet hat. Er ist eine sehr wichtige Figur, nicht nur wegen seines literarischen Werks, sondern auch wegen einer ganz bestimmten politischen Stellungnahme eines Dichters, der sich sonst politisch kaum eingemischt hat. Er hat 1914, als der Erste Weltkrieg ausbrach und der Dissens zwischen den frankophilen Welschen und den germanophilen Deutschschweizern die Schweiz zu zerreissen drohte, eine wunderbare Rede gehalten: «Unser Schweizer Standpunkt». Wer ein nicht so voluminöses Werk wie «Der olympische Frühling» lesen möchte, dem sei diese Schrift sehr ans Herz gelegt. Die Rede enthält einen grossartigen Aufruf zur Einigkeit, der in der Schweiz sehr einflussreich war. Das ist bald hundert Jahre her. Der Votant fände es sehr schön, wenn die Regierung vom Landrat den Auftrag erhielte, zum hundertsten Jahrestag dieser Stellungnahme etwas zu tun, was Michael Herrmann im Prinzip selber vorgeschlagen hat: auf die Uni zuzugehen und zu fragen, was dort in Gang gesetzt werden könnte. Was mit diesem Postulat verlangt wird, ist nichts, was viel Geld kosten muss, wie dies jedoch Michael Herrmann suggeriert hat. Es handelt sich um einen freundlichen, sinnvollen Vorstoss. Und der Votant würde sich wünschen, dass, wenn ein nächstes Mal über Spitteler diskutiert wird, mehr als nur eine Person aus der freisinnigen Fraktion Spitteler gelesen hätte.


Paul Wenger (SVP) stellt fest, es komme in diesem Saal vermutlich nur sehr selten vor, dass er 1:1 einig sei mit Ruedi Brassel; aber in diesem Fall sei er es tausendprozentig. Die erwähnte legendäre Rede hat Carl Spitteler am 14. Dezember 1914 gehalten; der Votant hat sie heute zwischendurch nochmals gelesen und empfiehlt sie jedem im Saal zur Lektüre. Das ist ein historisches Dokument, dessen Inhalt auch heute noch eine gewisse Bedeutung hat. Spitteler war übrigens nicht nur Ehrendoktor der Uni Zürich, sondern auch von Lausanne. Er ist der einzige Schweizer Literaturnobelpreisträger. Es gab noch einen zweiten, Hermann Hesse, der aber ursprünglich Deutscher war. Aber weder Frisch noch Dürrenmatt haben es zu diesen Weihen gebracht. Flughöhe hin oder her - man sollte sich wieder einmal aufraffen, etwas Geistreiches zu lesen: «Unser Schweizer Standpunkt». Der Votant ist für Überweisen.


Hans Furer (glp) stellt, an Michael Herrmann gewandt, klar, er meine seinen Vorstoss durchaus seriös. Wenn Michael Herrmann die Sache ins Lächerliche gezogen habe in dem Sinne, dass seine, Hans Furers, Vorstösse oft etwas speziell seien, so ist dazu zu sagen: Sie sind in der Tat speziell. Dies ist auch Grund, weshalb er in den Landrat gekommen ist: um manches zu ändern. Er geht mit Michael Herrmann allerdings hundertprozentig einig darin, dass man zuerst nachdenken soll, ehe man einen Vorstoss einreicht, und eben dies hat er auch im vorliegenden Fall getan. Er hatte vorgängig mit Stefan Hess gesprochen, dem Leiter des Dichtermuseums in Liestal, auch um die zutreffende Formulierung zu wählen. Er weiss auch, dass an der Universität Basel sehr viele deutsche Professoren am phil.-I-Bereich sind, die nicht einmal mehr wissen, dass es einen Carl Spitteler gegeben hat. Er weiss aber auch, dass sich die Uni Basel neu ganz speziell um Carl Spitteler kümmert. Auf der anderen Seite hat Hans Furer auf sein Postulat eine Reaktion erhalten, nämlich die Information, dass an der Rheinstrasse in Liestal ein Denkmal für Carl Spitteler seht, das am Verrosten und nicht einmal angeschrieben ist. Kein Mensch weiss, was das für ein Denkmal ist - vielleicht kann man es mit der Bildungskommission einmal besichtigen, es befindet sich 50 Meter von deren Sitzungsort entfernt in dem kleinen Park. Es gibt Dinge - nicht allzu viele -, die mit der kulturellen Identität von Baselland zu tun haben, und Carl Spitteler gehört dazu. Er sollte aus der untersten Schublade, wo er vergessen gegangen ist, wieder auf die richtige Flughöhe gebracht werden, wo ein Nobelpreisträger hingehört.


Regierungspräsident Urs Wüthrich (SP) dankt vorab Michael Herrmann dafür, dass er mit seinem Votum Anlass dazu gegeben habe, Carl Spitteler Ehre anzutun und über ihn zu reden. All jene, die befürchten, man würde nun im Amt für Kultur als Eigenproduktion eine weitere Biografie von Carl Spitteler produzieren, kann er beruhigen. Diejenigen, die befürchten, man werde nur prüfen und dann ein Berichtlein schreiben, kann er ermutigen, indem er die Gründe aufzeigt, weshalb die Regierung die Absicht hat, den Vorstoss entgegenzunehmen. Wie bereits angesprochen, ist Carl Spitteler nach einigen Anläufen doch aus Liestal herausgekommen. Dies führt dazu, dass das Baselbiet ihn nicht für sich allein in Beschlag nehmen kann und will. Die Absicht ist vielmehr, dass man mit dem Schweizerischen Literaturmuseum, wo sich Spittelers Werk vor allem befindet, sowie zusammen mit Luzern und weiteren Partnern nach einer guten Möglichkeit sucht, das Jubiläum der besagten Rede in die öffentliche Erinnerung zu rufen, und nicht nur das Jubiläum, sondern das Wirken von Carl Spitteler. Von daher wäre es zweckmässig, wenn das Parlament der Regierung den Auftrag geben würde, ein Grobkonzept zu skizzieren, wie man Spittelers Wirken gerecht werden kann. Urs Wüthrich wäre daher dankbar, wenn das Parlament in diesem Sinne beschliessen würde.


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- Beschlussfassung


://: Das Postulat 2013/106 wird mit 63:4 Stimmen bei 8 Enthaltungen überwiesen. [ Namenliste ]


Für das Protokoll:
Jörg Bertsch, Landeskanzlei



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