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Protokoll der Landratssitzung vom 25. Juni 2015

Nr. 2998

Landratspräsidentin Myrta Stohler (SVP) verabschiedet Regierungsrat Urs Wüthrich-Pelloli, der per 30. Juni 2015 aus dem Regierungsrat zurücktritt:


«Urs Wüthrich ist im Emmental aufgewachsen - wie man heute noch hört [Heiterkeit] - und hat eine kaufmännische Lehre und eine Fachausbildung im Gesundheitsbereich absolviert. Nach Tätigkeiten in diesen beiden Bereichen war er von 1981 bis 2003 Zentralsekretär des VPOD.


Seine ersten politischen Erfahrungen sammelte Urs Wüthrich als Gemeinderat in Zuchwil. Später war er Präsident des Baselbieter Gewerkschaftsbunds und von 1995 bis 2003 Landrat, davon sechs Jahre als Präsident der SP-Fraktion. Am 1. Juli 2003 hat er das Amt als Regierungsrat angetreten und seither die Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion geleitet. Gleich dreimal, nämlich in den Amtsjahren 2006/07, 2009/10 und 2013/14,war er Regierungspräsident.


In der Bildungspolitik sind in den letzten Jahren einige grosse Pflöcke eingeschlagen worden: Das Baselbiet ist nun Mitträger der Universität und der Fachhochschule, und auch die ETH hat einen Brückenkopf in unserer Region aufgebaut. Für die Bildungsharmonisierung hat es bei allen Vorlagen Mehrheiten in der Volksabstimmung gegeben, und nach langen Beratungen hat das Baselbiet jetzt auch ein Kulturgesetz. Für Urs Wüthrich als Kulturminister war bestimmt auch die Wiedereröffnung des restaurierten Römertheaters Augusta Raurica ein Höhepunkt, und überhaupt ist er oft bei kulturellen Anlässen anzutreffen gewesen, und zwar sowohl bei der sogenannten Hochkultur als auch bei vielen kleineren Aufführungen von Chören, Blasmusiken usw. Auch selber singt er gerne, wie wir nicht nur an den Landratsabenden haben feststellen können.


Persönlich haben sich unsere Wege schon einige Male gekreuzt, aber kennengelernt haben wir uns erst spät. Ich habe einst in Zuchwil als Kindergärtnerin gearbeitet, und er war im gleichen Ort Gemeinderat. Später haben wir beide in Sissach gelebt, ohne einander zu begegnen. Erst als Präsidentin des Verbandes Basellandschaftlicher Gemeinden habe ich dann oft mit ihm am gleichen Sitzungstisch gesessen. Und in meinem Präsidialjahr durfte ich hin und wieder mit ihm zusammen den Heimweg von gemeinsam besuchten Anlässen in Basel-Stadt antreten.


Urs Wüthrich ist im persönlichen Umgang immer angenehm gewesen. Für seine politischen Überzeugungen hat er mit viel Einsatz gekämpft, zum Teil in mehreren Anläufen. Die lange Regierungstätigkeit hat Urs nicht abgestumpft: Auch nach zwölf Jahren hat er sich über Erfolge noch freuen können und sich über Niederlagen geärgert.


Nun hat Urs Wüthrich viel Zeit für ganz andere Beschäftigungen, und deshalb übergebe ich ihm zusammen mit dem Regierungspräsidenten als gemeinsames Geschenk von Land- und Regierungsrat einen Beitrag an einen Holzbackofen, damit er künftig - wie er es selber gesagt hat - kleinere Brötchen backen kann [Heiterkeit] ; dazu einen original Emmentaler Bauernzopf aus der Backstube der Landeskanzlei.


Ich danke Urs Wüthrich für sein langes Engagement für den Kanton und wünsche ihm alles Gute!» [lang anhaltender, stehender Applaus]


Regierungsrat Urs Wüthrich (SP) bedankt sich herzlich für das tolle Geschenk. Er hat schon bisher gelegentlich, vor allem am Sonntag Morgen, Zöpfe gebacken. Das Tolle daran ist, das man den Teig so richtig auf den Tisch knallen muss; dabei kann man bestens die Woche Revue passieren lassen. [Heiterkeit]


Der scheidende Regierungsrat verabschiedet sich mit folgenden Worten:


«Das positive Klima im Baselbiet - im Unterschied zum Mittelland gibt es hier sonnige Herbst- und Wintermonate statt Hochnebel -, aber auch im übertragenen Sinn die Aufbruchstimmung, unkomplizierte, pragmatisch funktionierende Service-public-Einrichtungen statt Verwaltungsrituale und überreglementierte Formularwirtschaft: diese Standortattraktivität hat meinen Entscheid, ins Baselbiet zu ziehen, massgeblich beeinflusst. Einzelne mögen dies rückblickend bedauern...


Auch ohne Rotstab am Revers ist mir meine Wahlheimat ans Herz gewachsen - nicht einfach von Amtes wegen, sondern wegen der Qualitäten, die wir zu bieten haben, und wegen des Potentials, das wir nutzen können und müssen.


Weil ich mich ausdrücklich nicht im Nachrufrufmodus verstehe und weil mich die Medien gleichzeitig als 'lame duck' und 'zunehmend streitlustig' qualifizieren, verzichte ich auf einen Rückblick auf zwölf Jahr Zusammenarbeit mit Landrat und Kommissionen, und ich verzichte auch darauf, die freundliche Würdigung durch die Landratspräsidentin oder durch Journalistinnen und Journalisten zu kommentieren.


Mein Hinweis auf die widersprüchliche Qualifizierung durch die Medien hat einen doppelten Grund: Einerseits gehöre ich bekanntlich nicht zu den Politikern, welche die Auffassung vertreten, Medienberichte seien heute derart bedeutungslos, dass es sich nicht einmal lohnt, sie zu ignorieren. Andererseits gehören Widersprüche zu meinen engsten Begleitern - stellvertretend erwähne ich drei solcher Widersprüche:


Erstens: Finanzkontrolle und externes Controlling bestätigen übereinstimmend, dass die Bildungsharmonisierung Baselland in Sachen Inhalte, Prozesse, Strukturen und Kosten auf Kurs sei, und gleichzeitig bewegen wir uns angeblich ständig irgendwo zwischen In-den-Abgrund-Stürzen und An-die-Wand-Fahren.


Zweitens: Während die Weiterführung von Kleinklassen, die undogmatische Integration mit Augenmass oder die klare Niveautrennung in drei Leistungszügen in den Sekundarschulen, aber auch der Grundsatz 'Sorgfalt vor Tempo' bei der Umsetzung von Reformen gerade von meinen bürgerlichen Kollegen in der Schweizerischen Erziehungsdirektorenkonferenz als pragmatische und sogar konservative Bildungspolitik beurteilt werden, habe ich mir in unserem Kanton auch schon Titel wie 'Integrations-Turbo', 'HarmoS-Speerspitze' oder 'Lehrplan-Erfinder' eingehandelt.


Und drittens: Besonders visionär sind auch angeblich gesicherte Erkenntnisse, wonach Lehrmittel und Unterrichtsmethoden als 'in der Praxis gescheitert' erklärt werden, bevor sie überhaupt eingeführt worden sind.


Weil es auch heute nicht gelingen kann, diese Widersprüche aufzulösen - und weil sie spätestens ab heute für mich nicht mehr so belastend sind -, beschränke ich mich jetzt darauf, ganz herzlichen zu danken:


Ich danke ganz herzlich allen, die dazu beigetragen haben, dass ich zwölf Jahre bei guter Gesundheit bleiben konnte - ich musste die Krankentaggeldversicherung zum Glück nie belasten -, und dass ich nun in grosser Zufriedenheit, mit grosser Zuversicht und mit einer Grundfröhlichkeit, die ich nie verloren habe, den nächsten Lebensabschnitt in Angriff nehmen kann.


Ich danke meiner Regierungskollegin und meinen Regierungskollegen für die kollegiale Zusammenarbeit; gerade im aktuell finanzpolitisch sehr schwierigen Umfeld haben wir gar nicht die Wahl, und wir müssen geschlossen auf- und antreten.


Ich danke den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in allen Direktionen für ihr professionelles Engagement, für die wertvolle Unterstützung und ganz besonders für die Zusammenarbeit zwischen verschiedensten Berufsgruppen, Hierarchiestufen und Organisationseinheiten.


Ich danke den Medienschaffenden für ihre kritische Begleitung, auch wenn die mediale Begleitung der 'Guten Schule Baselland' nicht immer das Prädikat 'Gute Presse Baselland' verdient hat. [Heiterkeit]


Schliesslich danke ich euch, geschätzte Landrätinnen und Landräte. Ich danke allen, die meine Arbeit als Regierungsrat und Vorsteher der BKSD konstruktiv unterstützt haben. Ich danke allen, die mein Engagement kritisch, aber in Übereinstimmung mit dem Amtsgelübde begleitet haben, und hoffe, das sich jetzt alle angesprochen fühlen.


Das Zitat vom Che Guevara, das in den Medien immer wieder erwähnt wurde und das während der letzten zwölf Jahren in meinem Büro gehangen und mich so lange begleitet hat - 'Un révolutionnaire ne demissionne jamais' - passt nicht besonders gut zu dem Moment, in dem ich meine letzten Worten in diesem Landratssaal sage. Ich verabschiede mich deshalb mit einem Sprichwort aus dem Tibet, das im Original ungefähr so tönt und wahrscheinlich kaum jemanden überrascht: 'Go thi' nieu nez yin na ka la ma nyen haché geu'. [Heiterkeit] Und weil sich der Landrat seinerzeit - gegen den Antrag des Regierungsrates - für Frühfranzösisch entschieden hat, hier noch die Übersetzung: 'Les vrais chefs doivent savoir désobéir.' [Heiterkeit]


Ich wünsche Euch allen alles Gute und: Häbet em Baselbiet Sorg!» [Applaus]


Für das Protokoll:
Alex Klee-Bölckow, Landeskanzlei


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