Protokoll der Landratssitzung vom 26. Januar 2012

Nr. 330

Regierungsrat Urs Wüthrich (SP) erklärt, dass der Regierungsrat den Vorstoss aus kulturpolitischen Gründen als problematisch einstufe und ihn deshalb ablehne. Es ist immer heikel, wenn man kulturelle Werke, die aus einer bestimmten Zeit stammen, für die man sich nicht schämen muss, ausblendet.


Der Regierungsrat möchte nicht mit leeren Händen für eine Ablehnung plädieren, sondern ist der Auffassung, dass in Sachen künstlerischer Gestaltung des Foyers und der Sitzungsräume eine Verbesserung angestrebt werden kann. Zusammen mit der Fachgruppe Kunst sollen die Räumlichkeiten im Regierungsgebäude einer kritischen Prüfung unterzogen werden, mit dem Ziel, in diesem Bereich frischen Wind ins Haus zu bringen.


Rolf Richterich (FDP) spricht sich im Namen der FDP-Fraktion gegen das Postulat aus. Die glp ist eingeladen, sich für die echten Themen im Kanton einzusetzen.


Hans Furer (glp) sagt (währenddem er eine Diaschau mit verschiedenen Vorschlägen für die künstlerische Umgestaltung zeigt), dass er grossen Respekt vor dem Wandbild von Otto Plattner und Emilio Müller, welches 1932 gemalt wurde und nun seit achtzig Jahren im Landratssaal hänge, habe. Viele Generationen haben nun diese drei Bilder erlebt. Seit 1932 hat sich die Welt aber sehr fundamental verändert. Aus dem Bauernkanton Baselland ist ein wirtschaftlich starker Kanton geworden. Auch äusserlich hat sich der Kanton verändert. Wenn man bspw. das Buch von Klaus Ewald und Gregor Klaus «Die ausgewechselte Landschaft» anschaut, findet man ein Bild «Arisdorf vorher» und «Arisdorf nachher», einmal mit und einmal ohne Kirschbäume. Auch diese Landschaft wurde ausgewechselt. Aber auch die Menschen wurden ausgewechselt. Das untere Baselbiet ist heute eher städtisch geprägt. Agglomerationen sind erschlossen, Schweizerhalle wurde zum Industriepark und Autobahnen bringen uns quer durch die Landschaft.


In der bildenden Kunst gibt es viele Künstler, die in die Zukunft gewiesen, aber dabei auch ihre Zeit gespiegelt haben. Leonardo da Vinci als Vertreter der Renaissance, der das Menschenbild wieder in den Vordergrund gestellt hat. Picasso mit dem Kubismus, der eigentlich den 2. Weltkrieg vorausgenommen hat. Das Bild von Plattner und Müller spiegelt nicht einmal den Landkanton im Jahr 1932, sondern ist ein Abbild einer schon damals vergangenen Zeit.


Man gewöhnt sich an das Bild. Der Mensch ist ein bequemes Gewohnheitstier. Manchmal braucht es aber im Leben ein bisschen Bewegung. Es wäre gut, wenn diese Bewegung hier im Landratssaal staatfinden würde. Das Bild soll nicht übermalt, sondern überdeckt werden. Das Postulat bietet die Möglichkeit, Alternativen zu prüfen. Dieser Raum wird sehr oft fotografiert. Hier werden Gäste empfangen und es wird repräsentiert. Aber in diesem Raum kann man nicht repräsentieren. Man könnte meinen, dass gewisse Stücke hier - etwas übertrieben ausgedrückt - aus der Brockenstube stammen.


Man könnte auch kostenlose Leihgaben beschaffen. Es wäre wünschenswert, wenn dieser Saal optisch etwas aufgefrischt würde. Wenn Regierungsrat Ballmer sagt, dass der Kanton Baselland immer noch ein Triple-A-Rating habe, dann könnte man analog sagen, dass es sich, was den Landratssaal betrifft, eher um ein Triple-C-Rating handelt. Womit man sich zumindest gefühlsmässig in Griechenland wähnt.


Sandra Sollberger (SVP) hat nicht das Gefühl, dass Repräsentation im Landratssaal nicht möglich ist. Vor allem soll nicht der Saal, sondern die Personen mit ihrer Arbeit repräsentieren. Im März wird der Landrat darüber diskutieren, ob der Kanton Schlösser verkaufen und das ÖV-Angebot reduzieren soll. Es wäre unglaubwürdig und unprofessionell, wenn hier für diesen Saal Geld ausgegeben würde, während draussen gespart werden muss. Ein Änderung wäre sicher nicht kostenlos. Ein luxuriöses «Make-up» für diesen Saal ist unnötig. Kunst ist Geschmacksache und es wird immer Leute geben, denen gewisse Dinge nicht gefallen. Es wäre ein endloses Unterfangen. Die SVP-Fraktion ist klar gegen dieses Postulat.


Philipp Schoch (Grüne) erklärt, dass der Fraktion der Grünen das Bild rein inhaltlich auch nicht gefalle und es auch die aktuelle Situation des Kantons nicht mehr widerspiegle. Er findet aber das Bild vom rein künstlerischen Standpunkt und von der Farbgebung her schön. Die Fraktion der Grünen ist der Ansicht, dass in diesem Saal tatsächlich einmal etwas gemacht werden muss. In die Möblierung und die zu kurzen Vorhänge sollte man einmal etwas investieren. Die Fraktion der Grünen lehnt das Postulat ab.


Christine Koch (SP) spricht sich für das Postulat in abgewandelter Form aus. Eine grosse Mehrheit der SP-Fraktion möchte aber nicht, dass Bilder der Fondation Beyeler oder des Kunstmuseums aufgehängt werden. Regionale, heute noch aktive Künstler sollen berücksichtigt werden. Man möchte auch nicht, dass die Bilder überhängt werden und dann für die nächsten vierzig Jahre die neuen Bilder hängen. Auf grosse Akzeptanz ist der Vorschlag gestossen, nach jeder Legislatur ein neues Bild auszusuchen. Leihgaben sind zwar je nachdem gratis, aber die Versicherung ist sehr teuer und die Transportgebühren müssen auch berücksichtigt werden. In erster Linie braucht es Mittel für die politische Arbeit, die Gestaltung des Saals ist sekundär. Aber darüber nachzudenken ist nicht verboten. Man kann durchaus überlegen, wie das Foyer neu gestaltet werden könnte. Die SP-Fraktion spricht sich grossmehrheitlich für eine Überweisung des Postulats aus mit der Bemerkung: «Darüber nachdenken ist erlaubt».


Thomas Weber (SVP) gibt zu bedenken, dass man jeden Franken der ausgegeben werde real erarbeiten müsse. Es müssen Material und echte Werte dahinter sein. Unter diesem Aspekt ist das Bild viel moderner als man meint. Wir kommen dann in griechische Verhältnisse, wenn wir Zeit und Geld haben, über solche «Luxusprobleme» zu reden und wenn wir vergessen, dass wir irgend einmal mit echten Werten unsere Währung decken müssen. Wer künstlerische Abwechslung sucht kann jederzeit eine Diaschau als Bildschirmschoner einrichten.


Karl Willimann (SVP) sagt, dass das Bild zwar nicht mehr unsere heutige Gesellschaft abbilde, aber dass es auch einige andere Beispiele gäbe wo dies so sei. Im Grossratssaal Basel-Stadt hängt bspw. ein Bild aus dem Jahr 1501. Es ist kein Argument, bestehende Bilder deshalb auszuwechseln, weil sie nicht mehr aktuell sind und nicht die heutige Gesellschaft abbilden.


Ruedi Brassel (SP) bemerkt, dass es sowohl im Grossratssaal als auch im Bundeshaus Gemälde habe, welche nicht die heutige Zeit widerspiegeln. Trotzdem käme es niemandem in den Sinn, diese zu entfernen. Diese Kulturgüter sind mit den Gebäuden verwachsen. Es stimmt übrigens nicht, dass das Bild im Grossratssaal von 1501 ist, es ist Ende 19. Jahrhundert entstanden.


Das Bild in diesem Saal ist hundert Jahre nach der Kantonsgründung entstanden und widerspiegelt die Wahrnehmung von dem, was als Substanz dieses Kantons gedacht wurde. Substanz die Historisches und Aktuelles in sich vereint und allegorisch zum Ausdruck bringt. So viel Kunsthistorik kann vorausgesetzt werden, dass man auch sucht, was in einem Bild enthalten sein kann. Kein Abbild der Realität, sondern eine Aussage, welche tiefer liegt. Man kann sich darüber streiten, ob einem die Kunstrichtung gefällt oder die Sujets gut sind, aber es ist ein Fakt, dass dieses Bild im Landratssaal hängt wo wir wirken. Hier kommt eine stimmige Gesamtheit zum Ausdruck, auch wenn die Innenausstattung dieses Saals nicht gleichzeitig mit dem Bild entstanden ist.


Es braucht etwas, das einigermassen statisch ist. Ein dauernder Wechsel wäre nicht gut. Dann würde man sich nämlich viel mehr darüber unterhalten und nicht über die Politik. Die finanziellen Prioritäten liegen woanders. Über die Ausstattung des Saals und des Foyers, darüber kann man sprechen. Dringend ist es aber nicht.


Balz Stückelberger (FDP) wirft die Frage auf, was wohl die Wählerinnen und Wähler denken werden, wenn über eine solche Kunstdebatte in der Zeitung berichtet wird, obwohl der Kanton derzeit wirklich andere Probleme hat. Er plädiert dafür, diese Diskussion über Bilder und Ledersessel zu beenden.


Christine Gorrengourt (CVP) hält fest, dass diejenigen der CVP/EVP-Fraktion welche das Postulat unterstützen, wissen wollen, was möglich und sinnvoll ist. Diejenigen, die das Postulat nicht unterstützen sehen im Postulat grosse Ausgaben, die nicht unbedingt nötig sind zum jetzigen Zeitpunkt.


Oskar Kämpfer (SVP) sagt, dass er in erster Linie zum Arbeiten in diesen Saal komme und er mit dem Bild sehr gut leben könne.


Rolf Richterich (FDP) bezieht sich auf die Diaschau von Hans Furer und bemerkt, dass ihm dabei spontan der Bildersturm in den Sinn gekommen sei. Dies hier ist die Kathedrale der Baselbieter Politik und offensichtlich muss nun die neue Kraft in der Mitte den Bildersturm arrangieren. Was hier veranstaltet wird ist eine Schmierenkomödie par excellence.


Regierungsrat Urs Wüthrich (SP) stellt fest, dass die Auseinandersetzung das letzte Mal als die Frage diskutiert wurde wesentlich intensiver und heftiger war.


Er ist nicht einverstanden damit, wenn man sagt, dass man von echten Werten sprechen müsse und nicht von Bildern. Dies ist eine hoch problematische Aussage. Es ist wichtig, dass Kultur als ein wichtiger Teil einer kultivierten Gesellschaft ernst genommen wird. Es gibt ein Bild, das inhaltlich bestens hier rein passen würde. Im Palazzo Pubblico in Siena ist die Freske von Lorenzetti zu bewundern, welche die Effekte des guten Regierens darstellt.


In der Kunst kann man sehr unterschiedliche Formen schätzen und richtig finden, auch in einer modernen Umgebung. Herr Vasella bspw. hat in seinem persönlichen Besprechungszimmer im modernen Novartis Campus offenbar sein Lieblingsbild, die berühmte Schulklasse von Albert Anker, aufgehängt.


://: Der Landrat lehnt die Überweisung des Postulats 2011/248 mit 52:27 Stimmen bei 8 Enthaltungen ab.[ Namenliste


Für das Protokoll:
Andrea Mäder, Landeskanzlei



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