Protokoll der Landratssitzung vom 30. Mai 2013

Nr. 1350

Wie Landratspräsident Jürg Degen (SP) mitteilt, ist der Regierungsrat bereit, das Postulat entgegenzunehmen, beantragt aber gleichzeitig dessen Abschreibung.


> Begründung des Regierungsrats


Christoph Buser (FDP) betont, der Regierungsrat sei in seiner Begründung nur auf einen Teil der Forderungen eingegangen. Es ist klar, dass gemäss Gesetz die Fachhochschule keine Doktortitel vergibt. Der Grund für das Postulat ist aber die angekündigte Zusammenarbeit zwischen Universität und Fachhochschule, wonach die Leute via FH fit gemacht werden sollen, um dann an der Uni einen Doktortitel zu erlangen.


Es ist bestimmt niemand gegen die Durchlässigkeit des Systems. Aber die Hauptstossrichtung des Postulats geht dahin, dass die Fachhochschule eine andere als die universitäre Ausbildung anbieten soll, nämlich eine besonders praxisnahe. Wenn nun aber ein FH-Master auch zum Doktorat an der Uni befähigen soll, führt das nicht allmählich zur Angleichung der Master-Studiengänge zulasten der Praxisnähe? Dazu steht kaum etwas im regierungsrätlichen Text. Hat man sich dieser Thematik, dieser Sorge wirklich genügend angenommen?


Im Moment könnte einer Abschreibung nicht zugestimmt werden, aber vielleicht kann der Bildungsdirektor noch ergänzende Auskünfte geben.


Marc Bürgi (BDP) erklärt, auch die BDP/glp-Fraktion erachte wie der Postulant noch nicht alle Fragen als komplett beantwortet. Nach einem Masterabschluss an der Fachhochschule ist ein Doktorat an der Uni nicht wirklich zielführend. Denn beim Doktorat stehen die Auseinandersetzung mit theoretischem Wissen und die Forschung im Vordergrund, was nicht mit dem Bildungsmodell einer Fachhochschule übereinstimmt: Der FH-Master zielt ganz klar auf Projektleitung, Qualitätsmanagement und Führungsfähigkeiten ab. Es besteht ein deutlicher Widerspruch zwischen einem universitären und einem Uni-Masterstudiengang.


Man sollte unbedingt damit aufhören, diese beiden Abschlüsse zu verwässern. Jeder Fachhochschulabsolvent kann über die Passerelle Universität sein Studium mit einem Doktorat abschliessen; daran soll nicht gerüttelt werden - aber der Fachhochschulabschluss, der eine Lücke zwischen dem Berufs- und dem Universitätsabschluss schliesst, sollte nicht verwässert werden.


Christoph Hänggi (SP) gibt bekannt, dass sich die SP-Fraktion, von der regierungsrätlichen Stellungnahme befriedigt, für Überweisen und Abschreiben ausspreche und sich auch für die Durchlässigkeit im Bildungssystem einsetze: Was auf der Sekundarstufe anfängt, soll an der Fachhochschule nicht aufhören. Würde die Passerelle von der FH zur Uni geschlossen, wäre den Leuten, die weiterhin eine praxisbezogene Master-Ausbildung an der Fachhochschule machen, die Möglichkeit verbaut, sich noch weiter auszuzeichnen. Das ermöglicht das Doktoratsstudium an der Uni, währenddem an der Fachhochschule der Mastertitel das Maximum ist.


Es muss nicht sein, dass ein Doktorandenstudium an einer Universität absolut theoretisch ist. In Bern zum Beispiel macht jemand, der von der Fachhochschule her kommt, eine sehr praxisnahe Doktorarbeit dank der gut funktionierenden Zusammenarbeit der beiden Ausbildungsstätten. Es braucht also keinen Abbau der Durchlässigkeit mit dem Argument der angeblichen Doppelspurigkeit, sondern im Gegenteil muss die Zusammenarbeit gefördert werden, damit es weiterhin die Möglichkeit gibt, dass FH-Studierende sich an nach dem Master noch weiter auszeichnen können.


Oskar Kämpfer (SVP) meint, es gehe im Moment gar nicht um grosse bildungspolitische Positionierungen, sondern um die Frage, ob das Postulat schon ausreichend beantwortet sei. Vergleicht man Fragen und Antworten miteinander, stellt man fest, dass dem nicht so ist. Das kann auf die Komplexität des FHNW-Vertrags zurückzuführen sein, aber weil zur Zeit der Präsident des Regierungsratsausschusses Baselbieter ist, sollte die Beantwortung der Fragen nicht allzu schwierig sein.


Die SVP-Fraktion ist gegen Abschreibung.


Jürg Wiedemann (Grüne) hält die vorliegenden Antworten für befriedigend. Die grüne Fraktion ist vom Prinzip der Durchlässigkeit überzeugt. Der Abbau von allfälligen Doppelspurigkeiten ist umso einfach, je enger die Zusammenarbeit zwischen der FHNW und der Uni ist.


Die grüne Fraktion ist für Abschreibung.


Christian Steiner (CVP) gibt bekannt, dass auch die CVP/EVP-Fraktion das Postulat abschreiben wolle. Aus Kreisen der Uni und der Fachhochschule ist zu vernehmen, dass sich die Zusammenarbeit im Bezug auf die Durchlässigkeit sehr positiv entwickle. Es ist auch bekannt, dass die FH nicht in Eigenregie Doktoratstitel vergeben kann. Aber der Eidgenössische Hochschulrat möchte dies möglicherweise per 2015 ändern.


Die vorliegenden Ausführungen des Regierungsrats sind zufriedenstellend.


Regierungsrat Urs Wüthrich (SP) betont mit Nachdruck, es gebe keine Hierarchie zwischen einem Masterabschluss auf universitärer Stufe und einem Masterabschluss an der Fachhochschule. Eine solche Vorstellung wäre ziemlich antiquiert und würde in keiner Art und Weise den heutigen Realitäten entsprechen.


Entscheidend ist das unterschiedliche Profil, das sich aus mehreren Aspekten ableitet: Erstens aus den Studierenden an der Fachhochschule, die zum grössten Teil über den Berufsbildungsweg kommen (wobei dies nicht für die Bereiche Musik, Gesundheit und Pädagogik gilt); zweitens aus dem Umstand, dass die Fachhochschule viel höhere Auflagen hat als die Uni in Bezug auf die Einwerbung von Drittmitteln und die Anwerbung von Partnern, damit überhaupt Forschungsprojekte zustande kommen - die Gefahr einer Verwässerung besteht also kaum.


Es gibt Bereiche wie etwa die Pädagogik, in denen die Fachhochschule Nordwestschweiz über die besten Dozenten der Schweiz verfügt (beispielsweise Fachdidaktik für Naturwissenschaften); wenn für solche Kapazitäten nicht gemeinsame Möglichkeiten geschaffen werden, dass in Zusammenarbeit mit der Universität Doktoratsausbildungen angeboten werden, sind solche Leute recht rasch weg und gehen nach Zürich oder an andere Orte, wo die Universitäten und die Fachhochschulen teilweise sogar mit gemeinsamen Professuren solche Angebote schaffen.


Es ist nicht klar, was zu diesem Postulat noch an weiterer Berichterstattung gewünscht werden könnte. Der Regierungsrat will weder eine Vermischung noch eine Verwässerung, aber es muss sichergestellt werden, dass ein Fachhochschulstudium attraktive Perspektiven bietet für Dozierende und Studierende. Im Bereich Pädagogik haben an der FHNW über die Hälfte der Dozierenden habilitiert, d.h. sie erfüllen durchaus die Voraussetzungen, ihre Programme so anzubieten, dass sie zwar anders, aber eben mit universitären Studien gleichwertig sind.


Marc Bürgi (BDP) glaubt, von Regierungsrat Urs Wüthrich komplett falsch verstanden worden zu sein. Eine hierarchische Denkweise ist tatsächlich absolut antiquiert. Es gilt der Grundsatz, mit dem die Fachhochschulen werben: «Gleichwertig, aber andersartig».


Aber während ein Bachelor-Absolvent an einer FH (entspricht dem früheren Diplom) berufsbefähigt ist, gilt dies nicht für Bachelor-Absolventen an einer Universität (entspricht dem früheren Vordiplom). Das frühere Uni-Diplom ist zum Master geworden. Will jemand einen Doktortitel erlangen, Journals schreiben, Publikationen verfassen, sich vertieft mit der Materie - z.B. in Naturwissenschaften - auseinandersetzen, braucht er das dafür nötige Fachwissen, und dieses erlangt er nur mit einem universitären Master. Der Fachhochschul-Master dagegen baut auf völlig anderen Vorgaben auf. Die beiden Master-Studiengänge unterscheiden sich also sehr stark, und zwar so stark, dass es nicht sinnvoll ist, anschliessend ein gleichwertiges Doktorat zu machen.


Christoph Buser (FDP) findet, die Diskussion sei an einem grundlegenden Punkt angelangt. Der Landrat hat schon einmal ein FHNW-Budget zurückgewiesen, und das sollte nicht nochmals vorkommen. Gleichwohl bestehen sehr viele offene Fragen rund um die Fachhochschule. Die «Orientierung an Drittmitteln» genügt nicht wirklich als Garantie, dass der FH-Master weiterhin praxisorientiert bleibt. Und die Kooperation mit der Uni mit einem einzigen exzellenten Dozenten zu begründen, ist auch nicht ausreichend.


Es würde nach dem Gehörten gut tun, wenn sich die Bildungs-, Kultur- und Sportkommission einmal gründlich mit diesen Fragen auseinandersetzen würde. Denn das Thema «Durchlässigkeit» bedarf einer grundsätzlichen Diskussion. Bevor die Studiengänge einander immer stärker angeglichen werden, muss geklärt werden, ob - und von wem - das wirklich so gewollt ist.


Es kommt immer wieder zu Prozessen wie der jüngst bekanntgegebenen engeren Zusammenarbeit zwischen Uni und FHNW, die zu wenig gut abgestützt sind. Dazu sind noch viele Fragen zu beantworten, und die BKSK sollte sich damit auseinandersetzen können. Deshalb sollte das Postulat nicht abgeschrieben werden.


Es darf nicht wieder so weit kommen, dass als Ultima Ratio nur die Ablehnung eines Kredits übrigbleibt.


Regierungsrat Urs Wüthrich (SP) weist darauf hin, dass eine vierkantonale Interparlamentarische Kommission (IPK FHNW) bestehe und dass dort genau das Thema der unterschiedlichen Profile von Universität und Fachhochschule thematisiert werde. An der nächsten Sitzung werden zwei Wirtschaftsvertreter ausführen, was weshalb für welches Studium spricht; auf dieser Ebene kann dann die Diskussion durchaus weitergeführt werden. Aber es ist reichlich problematisch, wenn jedes Parlament parallel dazu die gleiche Diskussion auch noch führt.


://: Der Landrat überweist das Postulat 201/362 stillschweigend.


://: Der Landrat ist mit 47:29 Stimmen bei zwei Enthaltungen gegen Abschreibung des Postulats 2012/362. [ Namenliste ]


Für das Protokoll:
Alex Klee-Bölckow, Landeskanzlei



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