Navigieren auf baselland.ch

Benutzerspezifische Werkzeuge

Inhalts Navigation

Protokoll der Landratssitzung vom 10. April 2014

Nr. 1905

Landratspräsidentin Marianne Hollinger (FDP) informiert, dass der Regierungsrat das Postulat ablehnt. Es liegt eine schriftliche Begründung vor.


> Begründung des Regierungsrats


Regina Werthmüller (Grüne) rät, das Geschäft aufgrund der Abwesenheit von Jürg Wiedemann nicht zu behandeln.


Landratspräsidentin Marianne Hollinger (FDP) sagt, dass die Behandlung beabsichtigt war, weil das Postulat auch von anderen mitunterzeichnet wurde.


Paul Wenger (SVP) informiert, dass er als Mitunterzeichner nach wie vor von der Richtigkeit des Vorstosses überzeugt ist. Es gilt zu unterscheiden, mit welcher Fächerkombination, letztlich mit welcher Notenkombination, man ins nächste Semester wechselt. Heute ist es so, dass man sich je nach Schulstufe und -typ und einer geschickten Fächerkombination einigermassen durch die Schule schlängeln mag, letztlich aber beim Übertritt in eine höhere Schulstufe oder Berufsausbildung scheitert, weil gerade bei den Kernkompetenzen das nötige Wissen nicht ausreichend vorhanden ist. Aus diesem Grund möchte seine Fraktion das Postulat überweisen.


Christoph Hänggi (SP) gibt bekannt, dass die SP-Fraktion für Ablehnung des Postulats ist. Vor nicht allzu langer Zeit wurde von der Laufbahnverordnung  Kenntnis genommen, die am 1. August 2014 in Kraft tritt. In diesem Zusammenhang wurden die Beförderungskriterien überprüft. Hat eine Schülerin oder Schüler schlechte Noten in Deutsch oder Mathematik und kann dies Jahr für Jahr mit guten anderen Noten kompensieren, ist es nicht sehr dramatisch. Diese Person hat vielleicht mehrere spezielle Begabungen, was ebenso förderungswürdig ist. Der Votant ist überzeugt, dass auch Leute mit speziellen Begabungen sehr weit kommen können und im Berufsleben gefragt sind. Deutsch und Mathe sind zwar wichtig, aber nicht matchentscheidend. Allfällige Defizite in diesen Bereichen lassen sich auch später noch aufholen. Der vorgeschlagene Modus ist dagegen sehr kompliziert. Damit wird eine Nivellierung angestrebt, Mainstream-Schülerinnen und Schüler werden bevorzugt.


Fazit: Eine neue Reform kommt zu früh, vielmehr sollte man an der angefangenen Reform weiterarbeiten.


Mit gewissen Sympathien, wenn auch nicht grosser Begeisterung, stellt sich die CVP/EVP-Fraktion zum Postulat, sagt Sabrina Corvini-Mohn (CVP). Im Wissen, dass das Beförderungs- und Beurteilungssystem gewisse Schwachstellen aufweisen, ist man bereit, den Vorstoss zu überweisen. Es handelt sich ja nur um einen vorgeschlagenen Modus; es wäre nichts in Stein gemeisselt.


Marc Bürgi (BDP) sagt, dass die BDP/glp das Postulat unterstütze. Er widerspricht Christoph Hänggi dahingehend, dass eine zu spät behandelte Schwäche (z.B. beim Schreiben) im Berufsleben kaum aufgeholt werden kann. Wird dann ein Problem sichtbar, ist es meistens zu spät.


Martin Rüegg (SP) hat den Eindruck, dass mit dem Vorstoss diverse Klischees transportiert werden. U.a. sollen durch sehr gute Leistungen in den Kreativfächern andere Leistungen (damit sind wohl Mathe, Deutsch etc. gemeint) kompensiert werden können. So einfach ist das aber nicht. Die Begabungen sind längst nicht immer so eindeutig verteilt. Wesentlich ist, dass kriterienorientiert und vernünftig Leistungen und Zielsetzungen formuliert und beurteilt werden. Sind einem gute Leistungen grundsätzlich suspekt, müsste man z.B. auf Stufe Sek II und den Gymnasien die Maturarbeiten überprüfen, wo der Notendurchschnitt bei einer 5 liegt.


Weiter scheint ihm die Einteilung der Fächer willkürlich. Warum ist Geschichte in einer Gruppe mit Englisch und nicht mit Geographie? Warum sind Musik, Mathematik und Physik nicht in derselben Gruppe, wo doch bei Untersuchungen eine sehr enge inhaltliche Verwandtschaft nachgewiesen wurde? Es ist nichts gegen Beförderungskriterien einzuwenden - aber nicht mit diesem Ansatz. Dem Postulat kann er überhaupt nichts abgewinnen. Der Votant bittet um Ablehnung.


Michael Herrmann (FDP) lässt durchblicken, dass auch die FDP nicht gerade in Begeisterungsstürme ausgebrochen ist. Sie kann sich aber im Sinne von Prüfen und Berichten hinter das Postulat stellen. Eher Mühe macht die Vorstellung, dass die Verordnung bereits wieder angepasst werden soll. Lässt sich dabei aber eine bessere Lösung finden, würde sich die FDP dem auch nicht verschliessen.


Florence Brenzikofer (Grüne) sagt, dass es mit Harmos zu Anpassungen kommen werde, ebenso werden «Checks» in verschiedenen Jahrgängen eingeführt. Man hört immer wieder, dass das Bildungssystem sprachenlastig sei und es wichtig wäre, die Naturwissenschaften stärker zu gewichten. Deshalb möchte die Votantin Regierungsrat Wüthrich den Input mit auf den Weg geben, die Checks von dieser Sprachenlastigkeit etwas zu befreien und sie so weit zu vereinheitlichen, dass sie für möglichst alle, auch für die Abnehmer, eine Gültigkeit haben. Somit liesse sich auch die Vielfalt an Multichecks etc. einschränken. Deshalb unterstützt die Mehrheit ihrer Fraktion das Postulat.


Für Paul Wenger (SVP) ist selbstverständlich, dass besondere Talente gefördert werden müssen. Klar ist auch, dass die aufgeführte Liste nicht in Granit gemeisselt ist, sondern eine mögliche Variante darstellt. Trotzdem ist er der Meinung, dass in den beiden Kernfächern (Deutsch und Mathe) bis zu einer gewissen Stufe eine Minimalleistung verlangt werden sollte. Vor allem bei den berufsbildenden Schulen sind die Förderangebote am Beginn einer Ausbildung massiv auszubauen, damit die eintretenden Schüler die nötigen Fachkenntnisse, falls nötig, nachholen können.


Zum Hinweis von Martin Rüegg ist zu sagen, dass der Durchschnitt in den Maturitätsarbeiten mit 5,0 wohl deshalb so hoch ist, weil die Maturandinnen und Maturanden in aller Regel ein Gebiet wählen, das sie beherrschen und dafür mehr Zeit einsetzen. Der Durchschnitt ist somit nicht überraschend und auch positiv.


Er ermuntert seine Ratskolleginnen und -kollegen dazu, das Postulat zu überweisen. Vielleicht ist es ein kleiner Baustein, um in Zukunft die Grundkompetenzen in wenigen Fächern, die für eine Ausbildung wirklich wichtig sind, zu stärken und zu festigen.


Hans Furer (glp) hat den Vorstoss mitunterzeichnet, weil man das Thema etwas genauer anschauen sollte. Er sieht in seinem Betrieb, der seit 25 Jahren Lernende ausbildet, dass ein Zeugnis heute nicht mehr die relevante Basis darstellt, ob man jemanden einstellt oder nicht. Wichtiger sind hierfür die Multichecks z.B. der Handelskammer geworden. Es ist immer wieder feststellbar, dass es große Abweichungen zwischen Testresultat und Noten gibt. Am Ende ist auch der persönliche Eindruck wichtig, ob das Risiko einer Anstellung eingegangen wird oder nicht. Der Votant stellt fest, dass gerade der schriftliche Ausdruck (Gross- und Kleinschreibung, Wörter, die nicht mehr bekannt sind) je länger je katastrophaler ist. Auch wenn es ums Rechnen geht, sind die Defizite sichtbar. Dies scheint in den letzten Jahren tendenziell zugenommen zu haben - was bedenklich ist. Man sollte diesen Fächern vielleicht tatsächlich wieder mehr Gewicht geben. Dass das Kreative auch eine Rolle spielt, weiss er aus eigener Erfahrung.


Christine Koch (SP) bittet das Postulat abzulehnen. Es gibt Jugendliche mit Lese-/Rechtschreibeschwächen. Diese werden zwar ein/zwei Jahre von der Notengebung befreit (auch in der Oberstufe). Es gibt auch Kinder mit besonderen Schwächen in Mathematik, was bedeuten würde, dass diese auf einem mittleren oder P-Niveau nicht reüssieren würden, weil sie ihre Schwäche kompensieren müssten. Eine Legastheniker in Deutsch ist aber nicht eine «Bombe» in Französisch, womit eine Kompensation gar nicht möglich ist. Eine solche Person wird sich garantiert keine Lehrstelle in einem Anwaltsbüro suchen. Sie hat ganz andere Qualitäten und wird sich für einen anderen Weg entscheiden.


Regierungspräsident Urs Wüthrich (SP) blickt auf die breite Themenpalette zurück, die in der Diskussion angesprochen wurde. Am Ende landete man bei den Maturarbeit-Noten, die zeigen, wie wichtig es ist, dass man sich die richtigen Eltern aussucht. Und mit Hans Furer liesse sich über die Sprachkompetenz von Juristinnen und Juristen debattieren - das ist durchaus auch ein Thema. Entscheidender ist aber für ihn das Ranking der «world skills« (der Berufs-Weltmeisterschaften der Lernenden, wo das Baselbiet auch ohne spezielle Trainings immer wieder hervorragend abschneidet), das zeigt, dass es um den Berufsnachwuchs insgesamt recht gut bestellt ist.


Warum ist eine Überweisung nicht zweckmässig? Erstens materiell: Das Repetieren ist die teuerste und in keinster Weise erfolgreiche Form von spezieller Förderung. Wenn immer möglich sollte man dafür sorgen, dass Schüler/innen in der Klasse verbleiben können. Zweitens scheint ihm Kontinuität ein ganz wichtiges Element in der Schule zu sein. Man hat sich nach intensiver Diskussion und mit teils widersprüchlichen Vorstössen zu den Themen Beurteilung, Beförderung und Zeugnis darauf verständigt, das heute geltende und bewährte Werkzeug weiterzuführen.


Vor diesem Hintergrund möchte er seiner Direktion den administrativen Aufwand ersparen, das ganze Thema erneut auszubreiten und bittet den Rat darum, den Vorstoss abzulehnen.


Landratspräsidentin Marianne Hollinger (FDP) lässt über die Überweisung des Postulats abstimmen.


://: Der Landrat überweist das Postulat 2013/009 mit 45:23 bei 4 Enthaltungen. [ Namenliste ]


Für das Protokoll:
Markus Kocher, Landeskanzlei



Back to Top
















Weitere Informationen.

Fusszeile