Protokoll der Landratssitzung vom 27. Mai 2004

Nr. 606

22 2003/295
Motion von Martin Rüegg vom 27. November 2003: Zu viele Schweizerinnen und Schweizer sind übergewichtig!

RR Urs Wüthrich ist - abgesehen von der Etikette Motion - bereit, dem Anliegen von Martin Rüegg Rechnung zu tragen und den Vorstoss als Postulat entgegen zu nehmen. Der Vorstoss verlangt ja nicht die Einstellung von 150 zusätzlichen Sportlehrpersonen, sondern im Sinne eines Postulates auf der Grundlage von Pilotprojekten zu prüfen und zu berichten. Das Bundesamt für Sport hat zusammen mit dem Institut für Sport und Sportwissenschaften der Universität Basel eine Studie mit einem vierjährigen Beobachtungszeitraum aufgelegt, um die Auswirkungen des Bewegungsverhaltens bei 7- bis 11-Jährigen zu überprüfen.

Martin Rüegg ist aufgrund der regierungsrätlichen Informationen bereit, die Motion in ein Postulat umzuwandeln. Zur erwähnten Studie ist zu präzisieren, dass eine kurze Studie vorgesehen ist. Im kommenden Schuljahr sollen zwei Klassen in einer Prospektivstudie während eines Monats beobachtet werden. Dabei geht es nicht bloss um die tägliche Sportstunde, sondern auch um die Bewegungspausen. Die Rede ist gar von Bewegungshausaufgaben. Gleichzeitig soll der Faktor Ernährung in die Studie einbezogen werden.
Der Vorstoss ist nicht als bildungspolitische, sondern als gesundheitspolitische Anregung zu verstehen. Die Zahl übergewichtiger Kinder stieg in den letzten 20 Jahren um das Doppelte an, und die Fettleibigkleit hat unter den Kindern um das Sechsfache zugenommen. In der Schweiz lebten im Jahre 2002 mehr als 2 Millionen übergewichtige Menschen. In den USA sollen Fettleibigkeit und Übergewicht ab dem Jahre 2005 das Rauchen als vorzeitige Todesursache ablösen. Die gesundheitlichen Folgen sind gravierend und kostspielig. Schon heute müssen Kosten von 1,6 Milliarden Franken - ein Drittel der gesamten Gesundheitskosten - ursächlich auf die Folgen von Fettleibigkeit zurückgeführt werden. Solche Zeichen sind alarmierend. Für die oft als zu spät reagierende Politik gilt: Vorbeugen ist einfacher und billiger als heilen.
In Schulen, die bereits den Mittagstisch kennen, kann das Thema Ernährung ideal eingebaut werden. Diese Chance gilt es zu nutzen. Der Landrat ist gebeten, das Postulat an die Regierung zu überweisen.

Auch Juliana Nufer nimmt das Thema namens der FDP-Fraktion sehr ernst und stimmt dem Inhalt des Vorstosses zu. Die Motion aber geht zu weit. Nach den neuesten Informationen zum angesprochenen Projekt, das vom Bund finanziert wird, hätte Juliana Nufer erwartet, dass der Vorstoss zurückgezogen würde.

Hans Jürgen Ringgenberg ist im Namen der SVP-Fraktion grundsätzlich sowohl gegen die Motion wie auch gegen das Postulat. Nach Meinung der SVP lässt sich das Problem der Übergewichtigkeit nicht einfach durch eine Erhöhung der Sportlektionen ohne entsprechende Begleitmassnahmen lösen.
Zudem führte eine Bewilligung des Vorstosses zu einem Ausbau der Pflichtstunden für SchülerInnen, da ja nicht anzunehmen ist, dass andere Fächer Federn lassen müssten. Konsequenz: Die Umsetzung der Idee wäre mit erheblichen finanziellen Kosten verbunden. 1 Pflichtstunde mehr kostet, wie kürzlich hier im Rat ausgeführt, etwa 1,5 Millionen Franken pro Jahr.
Ein Schlüsselwort für die SVP lautet gesunde Ernährung. Ohne Anleitungen auf diesem Gebiet enden alle übrigen Bemühungen nutzlos. Die SchülerInnen sind dazu anzuleiten, in ihrer Freizeit Sport zu treiben. Bewegungsprogramme lassen sich überdies gut in den normalen Unterricht einbauen. Zudem sollten die Kinder zu Fuss oder mit dem Rad zur Schule gehen, statt mit dem Auto gefahren zu werden. Insgesamt liegt die Lösung des Problems nicht beim Staat, sondern beim Elternhaus und bei jedem einzelnen Individuum.

Christian Steiner lehnt das Geschäft namens der CVP/EVP-Fraktion ab und fühlt sich in der Argumentation nahe bei der SVP. Einmal mehr wird der Versuch gestartet, ein gesellschaftliches Problem auf süffige Art an die Schule zu delegieren. Das Problem, erweist sich als Ernährungsfrage und ist eher in der Gesundheitsförderung anzusiedeln.
Nähme Urs Wüthrich das Postulat entgegen, würde er zusätzliche Ressourcen binden, gemessen am Mass an Altlasten, die er bereits übernehmen musste, doch ein erstaunliches Angebot.

Jürg Wiedemann bestätigt die Ausführungen von Martin Rüegg. Übergewicht kann nur mit richtiger Ernährung und mit Bewegung korrigiert werden. Die Jugendlichen müssen dazu angehalten werden, sich mehr zu bewegen. Die Summe der Bewegungen soll möglichst gross sein, sei dies in der Schule, zu Hause oder in Vereinen. Ob die Schule wirklich der richtige Ort für die Umsetzung ist, darf mit einem Fragezeichen versehen werden. Möglicherweise kommt man nach dem Pilotprojket zum Schluss, dass die Schulen der falsche Ort sind, um dem Problem Herr zu werden.
Die grüne Fraktion ist für die Überweisung des Postulates.

Dieter Musfeld ist überzeugt, dass die meisten Personen im Saal dem Sport für die Beeinflussung des Körpergewichts eine zu grosse Bedeutung beimessen. Nichts gegen eine kostenneutrale, prospektive Studie, doch sollten auch die Untergewichtigen in die Studie einbezogen werden. Immer wieder muss festgestellt werden, dass Übergewichtige innert Monaten 40 Kilogramm und mehr abnehmen, diese aber auch wieder zunehmen. Näher kommt man der Angelegenheit wohl, wenn man den oft gehörten Satz analysiert: Ich fresse in den Frust hinein!

Martin Rüegg merkt an, dass der Kanton Baselland keine Kosten tragen muss und dass die Idee - wie das Modell des erweiterten Musikunterrichts zeigt - nicht zwingend mit mehr Unterrichtslektionen verbunden sein muss.
Die Schule ist deshalb der richtige Ort, weil dort alle erreicht werden.
Schliesslich ist festzuhalten, dass der Appell an die vor allem von der SVP in den Vordergrund gestellte Eigenverantwortung versagt hat, insbesondere in den USA.

://: Der Landrat lehnt die zu einem Postulat umgewandelte Motion 2003/295 ab.

Für das Protokoll:
Urs Troxler, Landeskanzlei



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