Protokoll der Landratssitzung vom 1. April 2004

Nr. 495

24 2003/192
Postulat von Röbi Ziegler vom 4. September 2003: In Würde sterben - auch im Spital!

Regierungspräsident Erich Straumann erklärt, die ablehnende Haltung der Regierung begründe sich darin, dass in den Leitbildern der Spitäler klar die Begleitung von Sterbenden verankert ist, ebenso wie die Begleitung der Angehörigen, damit auch im Spital ein Sterben in Würde möglich ist. Dementsprechend wird das Thema auch in der Ausbildung aller Involvierten immer wieder thematisiert. Hin und wieder höre man leider von Fällen, in welchen ein Sterbender in ein Badezimmer verlegt werden müsse wegen Platzmangels. Diesbezügliche Nachfragen ergaben, dass es sich dabei aber um Ausnahmen handelt.
In Bezug auf die räumliche Unterbringung wird jeweils versucht, dass in einem Zweierzimmer der nicht betroffene Patient verlagert werden kann, so dass der sterbende Patient alleine im Zimmer ist. Auch dies ist aber manchmal aus Platzgründen nicht möglich. Von den Spitälern hat Erich Straumann zudem die Auskunft erhalten, dass es schlecht wäre, auf jedem Boden ein Zimmer zu haben, welches mit "Sterbezimmer" angeschrieben ist. Das sei aber wohl auch nicht das Ansinnen des Postulanten gewesen.
Im kantonalen Altersheim werden die sterbenden Bewohnerinnen und Bewohner ebenfalls in den Zimmern belassen, wenn es möglich ist. Dabei wird sehr stark auf den letzten Willen der Betroffenen geachtet und dieser eingehalten, wo es möglich ist.
Zudem sei es wichtig, den Angehörigen das Dabeisein beim Sterbeprozess zu ermöglichen. Sie sollen auch nach dem Tod die Möglichkeit haben, Abschied zu nehmen, d.h. man ist darauf bedacht, dass während 4 Stunden nach dem Tod die Angehörigen noch in das Zimmer gehen können. Ist das nicht möglich, so hat man später im Aufbahrungsraum nochmals die Gelegenheit, seine Angehörigen zu sehen. Man ist also um eine weitestgehende Umsetzung des Leitbildes in den Spitälern bemüht. Es gebe aber einzelne unschöne Fälle. Doch der Regierungspräsident habe klare Weisung gegeben, dass beispielsweise die Verlegung einer sterbenden Person in ein Badezimmer nur in Ausnahmefällen geschehen darf.

Röbi Ziegler besitzt keine statistischen Daten, ist aber überzeugt, dass mindestens die Hälfte aller Menschen im Spital stirbt. Der Tod im Spital gehört dort zu den normalen, alltäglichen Arbeitsanforderungen. Dabei handelt es sich um eine für das Pflegepersonal nicht leichte Aufgabe, speziell was den eigenen psychischen Haushalt anbelangt. Mit seinem Postulat möchte er in keiner Art und Weise sagen, dass die Spitäler grundsätzlich schlecht mit dieser Aufgabe umgehen. Der grösste Teil des Personals ist ausgebildet und sensibilisiert auf die Frage und bringt auch von der Persönlichkeit eine Aufmerksamkeit mit, welche sie gut ausrüstet, um mit dieser Schwierigkeit umzugehen. Dies als Anerkennung der geleisteten Arbeit.
Das Leitbild des Spitals legt nun aber fest, dass ein würdevolles Sterben ermöglicht werden soll. Stehe nun etwas im Leitbild eines Unternehmens und es finden immer wieder Abweichungen von diesem Leitbild statt, so müsse man erkennen, dass etwas im ganzen Ablauf und in der Organisation eines Betriebs nicht stimmt. Also müsse man an diesem Punkt einsetzen, moniert er. Auch in der Privatwirtschaft verhalte es sich so. In einem solchen Fall muss umorganisiert werden. Und das sei das eigentliche Ziel seines Postulats: dass in den Spitälern die organisatorischen Massnahmen getroffen werden, damit das Leitbild erfüllt werden kann. Er nehme dies nicht als einziger wahr, sondern vor allem in seiner Funktion als Pfarrer von Trauerleuten. Ein Beispiel: Die Trauerfamilie war mit ihrer sterbenden Mutter in einem Raum mit diversen Apparaten und wollte die Mutter im Sterben begleiten, während alle zehn Minuten eine Schwester hereinkam, um aus irgend einer Schublade etwas herauszuholen. Das seien Situationen, welche nichts mit würdevollem Sterben zu tun haben.
Dass er nicht als Einziger so denkt, beweist ein Brief der Alterskonferenz Baselland (Zusammenschluss der Grauen Panther; Kantonalverband der Altersvereine) und des Seniorenverbands der Nordwestschweiz. In dem Brief wird darauf hingewiesen, dass auch bei ihnen Rückmeldungen eingehen, welche zeigen, dass der Wunsch / die Anforderung an die Spitäler nach einem würdevollen Sterben immer wieder nicht erfüllt wird. Er weiss auch aus Gesprächen mit Krankenschwestern, dass versucht wird, den nicht sterbenden Patienten in einem Zweierzimmer dazu zu bewegen, eventuell eine Nacht in einem nicht so angenehmen anderen Raum zu verbringen. Dabei sei man aber jeweils auf den Goodwill von jemandem angewiesen, der immerhin auch gewisse Ansprüche an seine Pflege im Spital haben darf. Eine organisatorische Änderung tue daher Not.
Die Formulierung seines Postulats sei in einem Punkt vielleicht missverständlich; es verfolge nicht die Absicht, dass auf jeder Abteilung ein - womöglich noch beschriftetes - Sterbezimmer eingerichtet wird. Vielmehr sollen die räumlichen Voraussetzungen/Reserven insbesondere in denjenigen Abteilungen, in welchen der Todesfall sehr oft vorkommt (speziell Geriatrie), in der Planung und Organisation so sein, dass die jetzigen Abweichungen vom Leitbild nicht mehr stattfinden müssen.
Im Interesse der älteren Menschen wie auch im eigenen Interesse sollte man darauf Wert legen, dass das Postulat überwiesen wird und dass in dieser Sache planerisch und organisatorisch in den Spitälern etwas vorgenommen wird.

Auch Elisabeth Augstburger findet es nicht menschenwürdig, wenn Sterbende ihre letzten Stunden in einem Wartezimmer oder in einem Abstellraum verbringen müssen. Erich Straumann bestätigte, dass das menschenwürdige Sterben im Leitbild des Spitals verankert ist. Die CVP/EVP-Fraktion hält es für sehr wichtig, dass nach diesem Leitbild gelebt wird. Sie fragt Röbi Ziegler an, ob er mit der folgenden Abänderung seines Postulats einverstanden wäre (2. Abschnitt): "Ich ersuche den Regierungsrat, Massnahmen zu treffen, um im Spital ein würdiges Sterben zu ermöglichen" und damit die Sterbezimmer wegzulassen, gegen welche sich die Fraktion ausspricht, da sie je nachdem auch bauliche Massnahmen erfordern würden. Gleichzeitig könnte es für einen Patienten sehr komisch sein, wenn er erfährt, dass er nun ins Sterbezimmer gefahren wird. Ihre Fraktion spricht sich eindeutig dafür aus, dass der Patient in einer würdigen Umgebung Abschied nehmen darf. Sie würde daher das Postulat in abgeänderter Form unterstützen, nicht aber in der ursprünglichen Form.

Philipp Schoch kennt aus seiner Tätigkeit im Kantonsspital Liestal wie auch im Bruderholzspital die Situation sehr gut. Er ist ein direkt Betroffener, welcher tagtäglich sterbende Menschen pflegt. Es geht nicht um bauliche sondern um organisatorische Massnahmen, unterstreicht er. Für die Pflegenden stellen sich grosse Probleme. Sie kommen dem Leitbildgedanken der Spitäler nach. Die Pflege von sterbenden Patienten hat für das Pflegepersonal eine sehr hohe Priorität. Daher müssen andere Patienten auch einmal ein wenig länger warten. Die Sterbebegleitung ist sowohl für die Pflegenden als auch für den Patienten und die Angehörigen sehr wichtig.
Die Grünen unterstützen das Postulat in der von Röbi Ziegler eingereichten Form. Man wünscht sich organisatorische Massnahmen, damit die Sterbenden die letzten Stunden in den gewohnten Räumen verbleiben und allenfalls Mitpatienten in andere Räumlichkeiten verlagert werden können. Dies sei organisatorisch machbar, wenn man es will.

Dieter Musfeld erklärt, dass die FDP bei diesem heiklen Thema Stimmfreigabe gibt. Für ihn sind zwei Aspekte relativ wichtig. Altersheime: Früher habe die Tendenz bestanden, die Altersheime an die Peripherie zu bauen, da man nichts mit alten, sterbenden Leuten zu tun haben wollte. Heute befinden sich die Zentren wieder zentral in der Stadt. Damit habe man der Ausgrenzung der älteren, sterbenden Menschen entgegengewirkt. Es dürfe nicht sein, dass alte, sterbende Leute am Lebensende abgesondert werden; dieses Risiko bestehe bei der Einrichtung von Sterbezimmern. Wichtig erscheint ihm, dass das Pflegepersonal unterstützt, vorbereitet und entlastet wird bei der Aufgabe der Sterbebegleitung und auch danach. Bauliche Massnahmen erscheinen ihm schwierig.

Röbi Ziegler stellt vorweg an die Adresse seines Vorredners richtig, dass das Postulat hinten und vorne nichts mit der Tendenz zur Tabuisierung und zum Abschieben des Todes zu tun hat. Wohl sei es etwas anderes, ob Angehörige oder die Gesellschaft sich um das Thema Tod und um die Sterbenden foutieren oder ob die Situation so ist, dass jemand frisch operiert in einem Spitalbett liegt und Schmerzen hat, während daneben jemand in der Agonie liegt. In diesem Fall eine Separation vorzunehmen, scheint ihm für beide Beteiligten beispielsweise sehr sinnvoll und hat nicht im Geringsten etwas mit der Tabuisierung des Themas Tod zu tun.
Zum Vorschlag der CVP/EVP-Fraktion: Natürlich hat das Anliegen des Postulats etwas mit räumlichen Verhältnissen zu tun. Es sollen keine deklarierten Sterbezimmer geschaffen werden. Eine allzu vage Formulierung würde aber dem Anliegen des Postulats nicht dienen. Es soll eine intime Atmosphäre zum Abschiednehmen von Sterbenden und Angehörigen geschaffen werden können. Und dazu notwendig sind seines Erachtens keine baulichen Massnahmen, sondern eine gewisse Raumreserve muss eingeplant werden. Auch in anderen Bereichen seien solche Reserven möglich. Könne beispielsweise eine gewisse Therapie nicht durchgeführt werden, welche aber laut Leitbild möglich sein müsste, so komme sehr rasch ein Begehren zur Anschaffung eines Apparates, um das Leitbild zu erfüllen. In diesem speziellen Fall geht es nicht darum, dass man etwas schafft, was die Menschen wieder gesund macht, aber es geht um den Aspekt einer Lebens- und Sterbensqualität. Auch dort sollten Anstrengungen unternommen werden. Der Postulant wäre mit folgender abgeänderter Version einverstanden (2. Abschnitt):

Ich ersuche den Regierungsrat, in den Spitalabteilungen, insbesondere in den geriatrischen, räumliche und weitere nötige Massnahmen zu treffen, um auch im Spital ein würdiges Sterben zu ermöglichen.

Sylvia Liechti : Ein grosser Teil der SVP lehnt das Postulat ab, da die Voraussetzungen im Leitbild eigentlich vorhanden wären. Sie persönlich findet es für beide Seiten absolut notwendig, dass ein Raum geschaffen wird für das Abschiednehmen; gerade auch den Angehörigen könne man damit zumindest eine schwierige Situation ein wenig erleichtern. Auch sie lehnt Sterbezimmer ab. Allerdings habe sie es auch schon persönlich erlebt, dass ein Patient, welcher in ein Badezimmer verlegt wurde, dies wohl als mindestens ebenso schlimm empfand, da er zu ihr sagte, er komme jetzt ins "Schlachthüsli".

Elisabeth Augstburger erklärt das Einverständnis ihrer Fraktion mit der von Röbi Ziegler gemachten Modifikation, welche die Streichung der Sterbezimmer bedeutet.

Erich Straumann versichert, dass er nun nach Anhörung der verschiedenen Voten bei der nächsten Sitzung mit seinen Spitalverwaltern den Befehl geben wird, dass die nötigen Raumreserven und organisatorischen Massnahmen zu schaffen seien; dazu brauche er kein Postulat.

://: Das Postulat 2003/192 von Röbi Ziegler wird grossmehrheitlich in der abgeänderten Fassung überwiesen. Der zweite Abschnitt des Postulats lautet neu:

Ich ersuche den Regierungsrat, in den Spitalabteilungen, insbesondere in den geriatrischen, räumliche und weitere nötige Massnahmen zu treffen, um auch im Spital ein würdiges Sterben zu ermöglichen.


Für das Protokoll:
Brigitta Laube, Landeskanzlei



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