Vorlage an den Landrat


Life Sciences - Region im Aufbruch
Unter Life Sciences werden alle naturwissenschaftlichen Disziplinen zusammengefasst, die sich mit Leben - menschlichem, tierischem, pflanzlichem - auseinander setzen. Viele Wissenschaftszweige haben sich bei der Erforschung des Lebens aufeinander zu bewegt: Chemie, Physik, Biologie, Botanik, Medizin, ergänzt durch die Informatik. Das Interesse an immer kleineren Bausteinen des Lebens, an grundlegenden biologischen Prozessen führt zu immer feinerer Methodik.
Die Naturwissenschaften sind mehrmals schon beim Wissenwollen an Grenzen gestossen, deren Überschreiten oder auch Nichtüberschreiten einer gesellschaftlichen Grundsatzdiskussion bedurfte. Das ist zurzeit wieder der Fall. Die Analyse von kleinsten Bausteinen von Organismen und ihrem Zusammenwirken führt folgerichtig zu geplanter Beeinflussung und Veränderung von natürlichen Stoffen und Organismen durch neues Zusammenfügen von Bausteinen; immer in der Absicht, verbessernd zu wirken. Aber es muss Einverständnis darüber herrschen, wie weit die Anwendung und die Verwertung von Erkenntnissen gehen sollen und dürfen. Die Grundsatzdiskussionen wissenschaftlicher, ethischer, sozialer und politischer Natur werden ergänzt durch immer neue Überlegungen, wie Wissenschaft auch wirtschaftlich erfolgreich gestaltet werden kann.
So betrachtet brauchen die Naturwissenschaftler, die immer mehr von der Oberfläche in die Tiefe der Organismen forschen, zur Abstützung, teilweise zur Rechtfertigung ihrer Arbeit, notwendigerweise andere akademische Disziplinen, die Grundlagen legen, Grenzen setzen und manchmal auch über Gebote hinaus Verbote empfehlen, die in der Politik erörtert und über die in politischen Prozessen entschieden wird.
Life Sciences können als Dach betrachtet werden, unter dem alles, was mit Leben, Lebendigem, Lebendigen zu tun hat, angesehen, auseinander genommen, zusammengesetzt und verwertet wird - interdisziplinär und damit die klassischen Grenzen der wissenschaftlichen Strukturen sprengend.
Der Kreislauf von Forschung, Entwicklung, Anwendung und Verwertung, gesteuert über das wirtschaftliche Prinzip und durch Geldflüsse rückgekoppelt, bleibt gegenwärtig, auch wenn er immer wieder andere Formen annimmt. Innerhalb der gesellschaftlich gegebenen Grenzen möglichst gute Ablaufbedingungen für diese Prozesse zu schaffen und zu erhalten, ist unter anderem Aufgabe der Behörden.

Bio Valley - Biotechnologie in der Region
Die trinationale Region am Rhein, seit Generationen geprägt von der chemischen Industrie, ist als Wirtschaftsraum eine der bedeutenden Regionen Europas. In der Nordwestschweiz, in Südbaden und im Südelsass leben über 2 Millionen Menschen. Von den Beschäftigten arbeitet rund ein Zehntel direkt oder indirekt in oder für die die Region prägende Industrie. Allein in der Nordwestschweiz sind über 2'000 Wissenschaftler in den Lebenswissenschaften tätig; rund 80 Unternehmen arbeiten im Bereich der Life Sciences.
Auf der Grundlage von Wissenschaft, Forschung und erfolgreicher kommerzieller Verwertung von Forschungsresultaten entstand die Idee - teilweise analog dem kalifornischen "Silicon Valley" -, in diesem trinationalen Raum ein Netzwerk zu schaffen, das die Absichten von Forschern, Ingenieuren und Unternehmern unterstützen sollte, die sich dem Bereich der Life Sciences, insbesondere der Biotechnologie, widmen.

Ein international erfolgreicher Biotechnologie-Cluster
Daraus entstand 1996 Bio Valley, ursprünglich zurückgehend auf Persönlichkeiten wie Hans Briner und Georg H. Endress. Die Region sollte einschlägig noch bekannter werden, als sie es traditionell bereits war: als fein gesponnenes Netzwerk von Wissenschaft, Forschung, Technik, Anwendung, Marketing, führend im Bereich der Lebenswissenschaften beziehungsweise der Biotechnologie. Das Netzwerk sollte ein Anziehungspunkt für qualifizierte Beschäftigte in der Wissenschaftler, Technologie und im kaufmännischen Bereich sein, der sich unter grossen und kompetenten Wettbewerbern in Europa und Übersee nicht nur behaupten, sondern weiter entwickeln kann. In der modernen Sprache der wirtschaftlichen Terminologie sollte sich ein stetig wachsender und gleichzeitig laufend verändernder Cluster von Tätigkeiten im Bereich der Life Sciences bilden, wo staatliche, halbstaatliche und private Interessen trotz politischer Landesgrenzen auf engem Raum zusammengeführt werden. Neben über einem halben Dutzend weltweit tätiger Industriekonzerne und Ablegern von ausländischen Industriegruppen hat sich in diesem Bio Valley eine Vielzahl von kleineren erfolgreichen Unternehmen und ein sehr aktiver formloser Kosmos von neuen technologisch ausgerichteten Unternehmen zu bilden begonnen, die spontan oder geplant (zum Beispiel als Abspaltungen eingesessener Firmen) gegründet wurden.
Am Anfang wurde Bio Valley privat finanziert. 1997 erhielt die Initiative Unterstützung durch öffentliche Gelder; unter dem Interreg-Programm der Europäischen Union wurden zunächst 2,5 Millionen ECU zur Verfügung gestellt, woran sich das Bundesland Baden-Württemberg, das französische Elsass, die Eidgenossenschaft und die beiden Basler Kantone sowie private Einrichtungen beteiligten.

Cluster als Nährboden für die Lebenswissenschaften
Begrifflich ist ein Cluster eine thematisch ausgerichtete Ansammlung von Wissenschaftseinrichtungen, Unternehmen und dazu gehörender Beratungs- und Transferindustrie, die sich auf engem Raum bildet und auf Dritte eine hohe Anziehungskraft ausübt; ab einer gewissen Grösse entwickelt der Cluster Eigenwachstum durch die intensiven Beziehungen der darin zusammenarbeitenden Organisationen und Menschen. Weltweit haben sich etwa 40 Biotechnologie-Cluster entwickeln können. Im Bereich der Life Sciences ist ein Cluster eine gute Voraussetzung für das Wachstum einer sich darauf ausrichtenden Region wie der trinationalen Region am Rhein.
Aus der Arbeit und den mannigfaltigen Beziehungen von Cluster-Teilnehmern ergeben sich vielfältige Forschungs- und Entwicklungsresultate. Werden diese nicht von ansässigen Unternehmen übernommen, so besteht die Möglichkeit, dass sie von neu gebildeten Firmen erworben und weiterentwickelt werden; die Vermarktung wird dann meist Partnern übertragen.
Cluster - hier Biotechnologie-Cluster - benötigen günstige Voraussetzungen, um erfolgreich entstehen und bestehen zu können. In der Region Basel sind die Bedingungen gegeben - wie später in diesem Kapitel noch dargelegt wird.

Die chemisch-pharmazeutische Industrie
Die weltweit tätige chemisch-pharmazeutische Industrie am Rheinknie ist eine ideale Grundlage für die Bildung eines Biotechnologie-Clusters. Sie ist der wirtschaftliche Motor für den Wohlstand der Region - sowohl in der Nordwestschweiz wie über die Grenzen hinaus in der trinationalen Region -, weil sie mit Erfolg umfangreiche Wertschöpfung mit hoher Arbeitsproduktivität und intensivem Kapitaleinsatz betreibt und damit der grösste private Arbeitgeber der Region ist. Die Nordwestschweiz erzielt mit gutem Grund seit längerer Zeit - verglichen mit der übrigen Schweiz - ein überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum.
Neben ihrer laufenden Geschäftstätigkeit unterstützt die Industrie in vielfältiger Weise Forschungsinstitute, stellt über Fonds Mittel zur Verfügung für Projekte von Jungfirmen und bildet selber neue Unternehmen, nicht zuletzt durch Abspaltung. So sind denn auch bei der Biotechnologie kleinere und mittlere Unternehmen typisch geworden.
Neben den direkt mit Biotechnologie befassten Unternehmen besteht eine erfolgreiche Zulieferindustrie, ergänzt durch Unternehmen der vielfältigsten Dienstleistungen, die Firmen des Biotechnologie-Clusters benötigen.

Hochschulen als Grundlage
Eine weitere Voraussetzung für die Bildung und Entwicklung eines Biotechnologie-Clusters sind Hochschulen, an denen nicht nur der wissenschaftliche Nachwuchs ausgebildet, sondern auch - in direkter Zusammenarbeit mit und unter Förderung durch die Industrie - geforscht und entwickelt wird. Die Region weist einige vorzügliche Universitäten auf, die in der Nordwestschweiz durch die relativ junge Fachhochschule beider Basel ergänzt werden. Die Hochschulen werden nach wie vor überwiegend mit öffentlichen Mitteln finanziert, wenn auch die Beiträge Privater bedeutend sind, während das "Verdienen" von Drittmitteln durch eigene marktfähige Leistungen teilweise noch in den Anfängen steckt.

Wissenschaftsfreundliche Umgebung
Ein erfolgreicher Biotechnologie-Cluster erfordert eine Umgebung, die seiner Entwicklung förderlich ist. Die Behörden müssen darauf achten, dass sie eine Politik betreiben, die der Entwicklung der Region im Bereich der Life Sciences entgegenkommt - immer unter der Voraussetzung, dass die naturwissenschaftliche Grundausrichtung der Region innerhalb gesetzter Grenzen wünschenswert bleibt.
Die Behörden der beiden Basler Kantone haben immer wieder betont, dass sie den wissenschaftlichen Standort in der trinationalen Region weiterentwickeln wollen. Sie gestalten denn auch systematisch und aktiv - wenn auch nicht immer sichtbar - die Umgebung, in der sich Forschung, Entwicklung, Produktion und Vermarktung der Produkte und Prozesse der Biotechnologie abspielen.

Möglichkeiten der Mittelbeschaffung
Zu den Notwendigkeiten eines Clusters gehören auch Institutionen und/oder Personen, die Projekte und Unternehmen einschätzen können, die sich noch in einem sehr frühen Stadium befinden, aber bereits Kapital benötigen. Dieses Segment des Kapitalmarktes ist Spezialisten vorbehalten; nicht unbekannt sind darin Einzelpersonen (so genannte Business Angels). Die Finanzierung von Projekten und Firmen im Frühstadium ist riskant und erfordert neben viel Fachkenntnis nüchternen Verstand und Einfühlungsvermögen. Es gibt wenig allgemeine Methodik zur vertieften betriebswirtschaftlichen Beurteilung, wie das bei etablierten Unternehmen der Fall ist.

Andere Erfolgsfaktoren
Von Seiten der Behörden sind unter den Rahmenbedingungen, die ein erfolgreicher Cluster darüber hinaus braucht, vor allem die folgenden zu nennen:

Schwächen des regionalen Biotechnologie-Clusters
Neben vielen Stärken, die der regionale Cluster aufweist und die zur Bildung eines erfolgreichen Clusters geführt haben, besteht eine Reihe von Schwächen, die gezielt beseitigt werden können und sollen. Darunter sind besonders zu erwähnen:

Internationale Förderprogramme
Einige dieser Schwächen werden mit Initiativen und Programmen gezielt angegangen, von denen die wichtigsten nachfolgend beschrieben werden.
Mit den Geldern der Interreg-Programme der Europäischen Union (EU) wurde eine Vielzahl von Aktivitäten im Bereich der Life Sciences ausgelöst. Die Weiterentwicklung des Biotechnologie-Clusters steht im Zentrum des Nachfolgeprogramms Interreg III-A, das im Herbst 2002 für drei Jahre in Kraft gesetzt worden ist. Die Schwerpunkte liegen in den Bereichen Vernetzung und Marketing: Studien zum Verdeutlichen des Profils von Bio Valley, Massnahmen in den Bereichen Kommunikation, Akzeptanzförderung und Public Relations. Ein besonderes Programm, das mit einer halben Million Euro gefördert wird, soll Unternehmen, Forschungseinrichtungen und andere Institutionen einladen, Projekte zu präsentieren, die als förderungswürdig gelten können. Dazu haben die Partner des Interreg-Programms einen Raster von Merkmalen entwickelt, mit dem Projektanträge geprüft und allenfalls bis zur Hälfte gefördert werden - die andere Hälfte müssen die Beteiligten selber aufbringen. An der Programmgesamtsumme übernehmen schweizerische Interessen gut einen Viertel; der Kanton Basel-Landschaft ist mit 5,6 Prozent oder 133'750 Euro beteiligt. Die Geschäftsführung ist dem Bio Valley - Management übertragen.

Regionale Fördermassnahmen
Die Behörden in beiden Basler Kantonen halten sich entsprechend der in der Schweiz üblichen Politik mit direkten Eingriffen in das wirtschaftliche und wissenschaftliche Geschehen zurück. Hingegen sind sie gegenüber einer ausformulierten regionalen Strategie zur weiteren Förderung des Denk- und Forschungsplatzes in der Region aufgeschlossen. Begriffliche Grundlagen, inhaltliche Ausrichtung und die Instrumente einer gemeinsamen Förderpolitik sollen Klarheit schaffen und Anstösse zur Weiterentwicklung geben. Dabei ist notwendige Voraussetzung, dass eine sinnvolle Abstimmung mit den Interessen der privaten Wirtschaft und privater Personen gefunden wird. Für diese Arbeiten sollte eine Plattform eingerichtet werden, an der private, öffentliche und akademische Kreise regelmässig über die Zukunft des Wissenschaftsplatzes Nordwestschweiz und der weiteren Region diskutieren. Es geht darum, bestehende Mechanismen und Prozesse zu verbessern und gezielter zu fördern.
Das Standortmarketing benötigt weitere Unterstützung. Über die Wirtschaftsförderung stehen den Kantonen dafür beschränkte Mittel zur Verfügung. Bei der Wirtschaftsförderung sind personelle Massnahmen getroffen worden, um die Organisation gegenüber den Anforderungen der Life Sciences besser auszurüsten. Kontakte mit Vereinen wie Bio Valley Plattform Basel und Swiss Bio Tech bestehen und werden gepflegt. Die Wirtschaftsförderung beteiligt sich darüber hinaus an einer ganzen Reihe von Messen im In- und Ausland und wirbt dort für den Standort Nordwestschweiz.
Ausserdem werden zurückhaltend und mit Bedacht, aber auch mit Schwerpunkt Biotechnologie, beschränkte finanzielle Mittel für einzelbetriebliche Förderung eingesetzt; die an diese Projekte gestellten Anforderungen sind allerdings hoch. Es werden vereinzelte Bürgschaften in Ergänzung zu privaten Finanzierungsinstrumenten gesprochen.
Anhand von fachlich qualifizierten Vergleichen zwischen Regionen (Benchmarking) werden die Schwächen und die Stärken von ausgewählten Wirtschaftsräumen systematisch festgestellt und daraus die Schlüsse für die eigene Region gezogen. Dabei trennen die Behörden so scharf wie sinnvoll private Interessen und öffentliche Aufgaben voneinander ab. Aber es erscheint auch als klar, dass eine hemmungslose Konkurrenz innerhalb der Region störend ist und das Vertrauen schädigen kann.
Besondere Aufmerksamkeit erfordern die tertiäre Bildung und Ausbildung, also die Universität und die Fachhochschule. Zurzeit ist die Fachhochschule im Ausbau, und die Universität postuliert eine erhebliche höhere finanzielle Ausstattung, die vornehmlich von Seiten der kantonalen und der Bundesbehörden aufzubringen wäre. Gleichzeitig ist der finanzielle Spielraum der öffentlichen Hände so gering wie seit langer Zeit nicht mehr. Es gilt also noch stärker als früher das Wünschbare vom Machbaren zu trennen. Die Diskussion darüber ist im Gange.
Die zuständigen Behörden im Erziehungsbereich sind bereit, in den Schulen der Werbung für naturwissenschaftliche Arbeit Raum zu gewähren, damit der Biotechnologie-Cluster mehr Interessenten für naturwissenschaftliche Studien an den hiesigen Hochschulen erhält.
Von besonderer Wichtigkeit ist das Bündeln der politischen Kräfte, um bei der Eidgenossenschaft erfolgreich für das im Gespräch befindliche ETH-Institut für Life Sciences zu werben. Es wäre unverständlich, wenn ein solches Institut nicht in der Nordwestschweiz eingerichtet würde, wo national mit Abstand die besten Voraussetzungen bestehen. Die Zusicherung der beiden Basler Regierungen, je 10 Millionen Franken für ein solches Institut zur Verfügung stellen zu wollen, dürfte sich als sehr förderlich erweisen.
Die beiden Basler Kantonsregierungen haben Beiträge in Aussicht gestellt zur Mitfinanzierung von zwei wichtigen wissenschaftlich-technischen Kongressen, die in Basel stattfinden werden: der 11. Kongress für Biotechnologie im Herbst 2003 und Bio Square 2004 im März des nächsten Jahres. Letzterer vereinigt Hunderte von Interessierten und eine grosse Anzahl von Unternehmen in einer europäischen Plattform für Life Sciences.



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