2000-261 (1)

I.

Die Weltgesundheitsorganisation hat ihren "World Health Report 2000" als vergleichende Studie über die Gesundheitssysteme von 191 Mitgliedsstaaten gestaltet. Das über 200 Seiten starke Werk, das übrigens online unter www.who.int/whr/2000/en/report.htm abrufbar ist, wurde mit einem ausführlichen Tabellenteil versehen, der den direkten Vergleich zwischen den Ländern ermöglicht.


Die Zeitschrift "Der Spiegel" griff das Thema in einem kritischen Artikel über das Deutsche Gesundheitssystem auf. Landrätin H. Tschopp, Hölstein (FDP) reichte daraufhin eine Interpellation mit folgendem Wortlaut ein:


"Laut SPIEGEL 48/2000 vom 27. November 2000 rangiert die Schweiz in der Wirksamkeit der Gesundheitsausgaben in ausgewählten Ländern nach Kriterien der WHO" auf Rang 20 - nach Frankreich (1), Italien (2), Spanien (7), Oesterreich (9) und vor Schweden (23), Deutschland (25) und USA (37).


Die Experten der UNO-Gesundheitsorganisation WHO haben untersucht, wie effektiv die einzelnen Länder ihren Gesundheitsetat nutzen - wer also pro Dollar den grössten Nutzen für die Gesundheit seines Volkes erzielt.


Dazu folgende Fragen mit der Bitte um schriftliche Beantwortung:


1. Welches sind die Kriterien der WHO für die Wirksamkeit der Gesundheitsausgaben?


2. Welches sind, bezogen auf die Kriterien der WHO für die Wirksamkeit der Gesundheitsausgaben, unsere Stärken und Schwächen?


3. Wo ergibt sich bei uns Handlungsbedarf und Handlungsspielraum betreffend der Wirksamkeit der Gesundheitsausgaben?"




II.


Auftragsgemäss berichtet der Regierungsrat was folgt:


Kriterien der WHO


Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) setzte sich das Ziel, die Gesundheitssysteme der Mitglied-Staaten im Hinblick auf das Ergebnis punkto Gesundheit, aber auch im Hinblick auf die Flexibilität und Reaktionsfähigkeit eines Gesundheitssystems und die soziale Fairness zu überprüfen. Die WHO wählte ihr geeignet erscheinende Indikatoren: Ein Mass für die erreichte Gesundheit, ein Mass für die Fähigkeit des Gesundheitssystems, Bedürfnisse zu erfüllen, und ein Mass für die finanzielle (soziale) Fairness. Sie berechnete für diese Indikatoren den in jedem Land erreichte Wert. Da die Werte nicht für alle Teile der Bevölkerung gleich sind, beurteilte sie zudem die durchschnittlichen Abweichungen vom Mittelwert in jedem Land.


Erreichtes Gesundheitsniveau


- Erreichtes Gesundheitsniveau anhand behinderungsfreier Lebenserwartung bei Geburt (DALE = Disability Adjusted Life Expectancy)


- Gesundheits-Verteilung, gemessen an der Sterblichkeit im Kindesalter und der Variation der DALE unter den Sozialklassen




Responsiveness


Mit Responsiveness wird die Fähigkeit des Gesundheitssystems, den Anforderungen der Patientinnen und Patienten nachzukommen, bezeichnet. Sie wurde durch eine Befragung von nahezu 1800 Praktikern (Aerzten) in 35 Ländern ermittelt. Verschiedene Faktoren wurden gemessen und mittels folgender Gewichtung zu einem Sammelindex verrechnet:






Finanzielle Fairness


Vollständige finanzielle Fairness wird laut der Definition der WHO erreicht, wenn das Verhältnis der Gesundheitsausgaben zu den gesamten "Non-food"-Ausgaben einer Familie für alle Haushalte, unabhängig von ihrem Einkommen, ihrem Gesundheitszustand oder der Benutzung der Gesundheitseinrichtungen identisch ist.


In der Schweiz wird dieses Verhältnis durch das Versicherungssystem mit Prämien (statt eines staatlichen Gratis-Gesundheitswesens), die Selbstbehalte und Franchisen, sowie das Fehlen einer Zahnärzteversicherung beeinflusst. Statistisch wird dies unter anderem als Anteil privater Haushalte an den gesamten Gesundheitsausgaben wiedergegeben, in der Schweiz 30,7%!




Beurteilung durch die WHO


Leistung des Gesundheitssystems


Die WHO errechnete aus den einzelnen Indices einen Sammelindex. Sie verwendete die Werte "erreichtes Gesundheitsniveau", "Gesundheits-Verteilung", "Responsiveness", "Verteilung der Responsiveness" und "Finanzielle Fairness". Dabei gewichtete sie die einzelnen Werte wie folgt:




Wertung für die Schweiz:




Effizienz


Hier wurde zuerst durch statistische und ökonometrische Verfahren die durchschnittliche behinderungsfreie Lebenserwartung (DALE) in jedem Land geschätzt, die beim Fehlen eines Gesundheitswesens auftreten würde (beim heutigen Bildungssystem). Im weiteren wurde geschätzt, welche DALE maximal möglich wäre, wenn die ausgegebenen Mittel optimal eingesetzt würden.


Die Länder wurden nun anhand des Verhältnisses der Differenz "aktuelle DALE" minus "DALE ohne Gesundheitswesen" zu der Differenz "optimale DALE" minus "DALE ohne Gesundheitswesen" verglichen.


Die Schweiz liegt hier auf Rang 26 (Unsicherheitsintervall: 21 bis 31). Leider sind die theoretischen Werte "DALE ohne Gesundheitswesen" und "DALE bei optimalem Mitteleinsatz" für die einzelnen Länder nicht wiedergegeben.


Die Gesamteffizienz setzt diesen erreichten Gesundheitsnutzen in ein Verhältnis zum finanziellen Aufwand.


Die Wertungen für die Schweiz lauten:




Handlungsspielraum und Handlungsbedarf betreffend der Wirksamkeit der Gesundheitsausgaben


Absolut gesehen liegt das Schweizerische Gesundheitswesen auf dem schmeichelhaften zweiten Rang hinter dem japanischen, dies trotz schlechter Einstufung im Bereich "Finanzielle Fairness". In der Gesamtbewertung, unter Einbezug der aufgewendeten Mittel, erreichte es Rang 20. Eine tabellarischer Auszug findet sich im Anhang.


Ausserhalb des statistischen Teils ist die Schweiz in dem Bericht nur einmal erwähnt: Als Beispiel eines Landes das über keinen nationalen Gesundheitsplan verfügt. (Gleichzeitig wird anhand dieses Beispiels festgehalten, dass ein solcher Plan keine absolute Voraussetzung für ein gutes Gesundheitswesen darstelle).


Positiv ist zu vermerken, dass das weitgehende Fehlen einer zentralen Gesundheitsplanung offenbar viel weniger Gewicht erhielt als die hohe Reaktionsfähigeit der Leistungsanbieter im Schweizerischen Gesundheitswesen, die wohl gerade durch dieses Fehlen bestimmt wird. Andererseits ist unübersehbar, dass auch ein gutes Gesundheitssystem immer Raum für Verbesserungen bietet.


Handlungsspielraum für diese Verbesserungen kann nur aus der Interpretation des statistischen Materials abgeleitet werden. Wenn der recht hohe Anteil der Privathaushalte an den gesamten Aufwendungen im Gesundheitswesen als Ausgangspunkt herangezogen wird, so muss einerseits die Frage gestellt werden, ob die Krankenkassenprämien in der Schweiz unsozial gestaltet sind. Möglicherweise ist auch das System der Prämienverbilligungen bei der Bewertung durch die WHO ungenügend berücksichtigt worden ist.


Wichtiger ist die Frage, ob eine Verringerung der Eigenleistungen der Patientinnen und Patienten im Gesundheitswesen bei dem Leistungsniveau, das in der Schweiz erreicht worden ist, überhaupt gewünscht wird. In einem Land, in dem die Leistungsgrenze des Systems tief liegt, ist Gratismedizin sicher adäquat, da davon ausgegangen werden muss, dass die Einkommensverhältnisse ebenfalls schlecht sind. Sind die Leistungsmöglichkeiten nach oben praktisch unbegrenzt, wie in der Schweiz, so werden Konsumbremsen sinnvoll. Dies wird in der Schweiz durch die verschiedenen Formen der Selbstbeteiligung erreicht.


Mit dem Rang 26 für den Nutzen der bei uns im Gesundheitswesen eingesetzen Mittel deutet die WHO an, dass Optimierungen möglich sind. Dabei hat sie eine Umlenkung dieser Mittel von teuren Interventionen und Investitionen mit wenig Einfluss auf die Lebenserwartung auf effizientere Interventionen im Auge. Ob das praktikabel ist, muss erst geprüft werden. Als negatives Beispiel nennt die WHO den Strahlenschutz bei der Krebstherapie und Diagnostik mit Radionukliden (5,4 Mio Dollar pro gewonnenem, behinderungsfreiem Lebensjahr). Manche spitzenmedizinische Dienstleistungen würden ebenfalls darunter fallen, weil sie vorwiegend älteren Personen nützen, die wenige Lebensjahre zu gewinnen haben. Auch Behandlungen mit teuren neuen Medikamenten können gemeint sein, wenn die behandelte Krankeit nicht invalidisierend oder tödlich ist. Effiziente Beispiele sind: Ueberwachung der Medikamenteneinnahme von Tuberkulosepatienten, HIV- und Aids-Prävention, Verbesserungen bei der Durchimpfung, Raucherentwöhnung. Hier besteht sicher auch in der Schweiz Raum für Verbesserungen.


Liestal, 13. Februar 2001


Im Namen des Regierungsrates
Der Präsident: Koellreuter
Der Landschreiber: Mundschin



Back to Top