Neue Kantonsbibliothek Baselland

3. Begründung
3.1 Aufgaben der Kantonsbibliothek
Die Informations- und Literaturversorgung im Kanton Basel-Landschaft wird von einem Netzwerk unterschiedlicher Bibliotheken sichergestellt. Ihre Aufgaben sind aufeinander abgestimmt und ergänzen sich. Die Grundsätze sind im Leitbild ‚Bibliotheken Baselland für Bildung, Begegnung, Kultur und Freizeit' festgehalten (RRB Nr. 2106 vom 20. Oktober 1998).
Die Bibliotheken Baselland sind nach den Grundsätzen des Drei-Stufen-Prinzips organisiert:
- Die erste Stufe bilden die Gemeinde- oder Volksbibliotheken. Sie bieten allgemeinen und aktuellen Lesestoff für alle Bevölkerungsgruppen, speziell für Kinder und Jugendliche an. Damit stellen sie die Grundversorgung mit Medien und Informationen sicher und ermöglichen den Zugriff auf weiterführende Bibliotheken und globale Informationen.
- Die zweite Stufe bildet die Kantonsbibliothek. Sie ist die weiterführende Bibliothek im Kanton und deckt das weite Feld zwischen dem Angebot der Gemeinde- und der Universitätsbibliothek ab. Sie unterstützt die individuelle Aus- und Weiterbildung speziell für Erwachsene und bietet Navigationshilfen in der wachsenden Flut von Medienangeboten.
- Die dritte Stufe bilden die wissenschaftlichen Bibliotheken. Sie bieten Informationen für Lehre und Forschung an der Universität und den Fachhochschulen an.
Die Kantonsbibliothek baut auf einer Grundversorgung durch die Schul- und Gemeindebibliotheken auf und betreibt einen langfristig angelegten und systematischen Bestandesaufbau in allen Sachgebieten. Sie ist neuen Medien gegenüber offen und pflegt deren Vielfalt. Ältere oder vergriffene Publikationen von allgemeiner Bedeutung und bleibendem Wert werden zur weiteren Benutzung im Magazin aufbewahrt. Sie übernimmt auch ‚magazinwürdige' Bestände anderer Bibliotheken im Kanton und erfüllt damit die Aufgaben eines Zentralmagazins.
Der Lesesaal mit Nachschlagewerken, Handbüchern und Fachzeitschriften ist der Ort des vertieften Arbeitens. Die Kantonsbibliothek ermöglicht den Zugriff auf Onlinekataloge nationaler und internationaler Bibliotheken und bietet ihren eigenen Katalog im Internet an. Mittels Fernleihe beschafft sie Informationen und Literatur, die sie aus den eigenen Beständen nicht anbieten kann.
Die Kantonsbibliothek sammelt Text-, Ton- und Bildmaterial über den Kanton Basel-Landschaft und die Region Basel sowie von Baselbieter Autorinnen und Autoren. Zur möglichst lückenlosen Erfüllung dieses Sammelauftrages arbeitet sie mit dem Staatsarchiv zusammen. Ansonsten haben die beiden Institutionen unterschiedliche Aufgaben: das Staatsarchiv archiviert die Akten der kantonalen Verwaltung, um die Rechtssicherheit zu erhalten. Die Kantonsbibliothek bietet Publikationen für eine breite Benutzung an.


3.2 Heutige Situation
1921 bezog die Kantonsbibliothek das Parterregeschoss des Gerichtsgebäudes am Bahnhofplatz in Liestal. 1984 wurde die bestehende Magazinbibliothek mit Ausleihschalter in eine Freihandbibliothek umgewandelt mit direktem Zugang zu den Büchern für alle Benutzerinnen und Benutzer. Dafür mussten 80'000 Bücher ins Staatsarchiv ausgelagert werden. Zusätzlich zu diesem ersten Aussenmagazin entstanden in den folgenden Jahren vier weitere Aussenstellen, u.a. der Lesesaal sowie Arbeitsplätze für Bibliothekarinnen. Heute ist die Kantonsbibliothek auf sechs verschiedene Liegenschaften in Liestal verteilt. Diese Aussenstellen sind für eine Bibliotheksnutzung wenig geeignet. Sie stellen Provisorien für eine vorübergehende Nutzung bis zur Neuunterbringung der Kantonsbibliothek dar. Drei Magazinräume müssen permanent entfeuchtet werden, um die Bücher vor Verschimmelung und Zerfall zu bewahren.

Heutige Standorte der Kantonsbibliothek:

Die starke Zersplitterung der Kantonsbibliothek auf sechs Liegenschaften ist wenig kundenfreundlich und erschwert den Bibliotheksbetrieb. Die bisherigen Standorte haben kein Entwicklungspotenzial. Der aktuelle Raumbedarf müsste an weiteren Standorten und in zusätzlichen Provisorien befriedigt werden.
Beim Umbau von 1984 ging man von einer Freihandbibliothek mit 15'000 Büchern für ca. 3'000 Benutzerinnen und Benutzer aus. Heute werden darin 34'000 Bücher und Medien für 13'000 Benutzerinnen und Benutzer angeboten. Für die Verwaltung wurden damals neben dem Büro des Kantonsbibliothekars und dem Sekretariat fünf Arbeitsplätze für Bibliothekarinnen eingerichtet. Heute sind auf derselben Grundfläche 14 Arbeitsplätze untergebracht.
Die Entwicklung der Kantonsbibliothek war in den letzten 15 Jahren seit der Eröffnung der Freihandbibliothek rasant. Die Ausleihen stiegen von 37'000 im Jahre 1984 auf 304'000 im Jahre 1999. Dies entspricht einer Zunahme von 814%. Das Ausleihvolumen erreichte 1999 im Tagesdurchschnitt 1'205, an Spitzentagen über 2'000 Bücher und Medien.

Grafik 1


Die Anzahl der eingeschriebenen Benutzerinnen und Benutzer nahm von 1'300 im Jahre 1984 auf 12'700 im Jahre 1999 oder um rund das zehnfache zu. Lediglich aus drei der insgesamt 86 Baselbieter Gemeinden hat die Kantonsbibliothek keine Benutzerinnen und Benutzer. Die Stadt Liestal stellt 23,7% der Gesamtbenutzerschaft.

Grafik 2


Seit 1996 zählt die Kantonsbibliothek auch ihre Besucherinnen und Besucher. Sie nahmen in den letzten vier Jahren von 153'000 auf 202'000 pro Jahr zu. 1999 betraten an jedem bibliotheksoffenen Tag durchschnittlich 751 Besucherinnen und Besucher die Kantonsbibliothek. Sie ist damit die am stärksten frequentierte Kulturinstitution im Kanton Basel-Landschaft.
Diese im schweizerischen Vergleich beispiellose Entwicklung lässt die Kantonsbibliothek aus allen Nähten platzen. Der Raummangel ist in allen Bereichen einschneidend und wirkt sich negativ auf die Dienstleistungen und die Betriebsabläufe aus. Die Hauptproblembereiche sind:
- Starke Zersplitterung auf sechs provisorische Standorte mit mehrheitlich ungeeigneten Magazinräumen.
- Die Freihandbibliothek ist für das erforderliche Buch- und Medienangebot deutlich zu klein.
- Der Kantonsbibliothek fehlen Sitz-, Lese- und Arbeitsplätze für Benutzerinnen und Benutzer sowie Räumlichkeiten für Veranstaltungen, Schulungen und Ausstellungen.
- Die Büroräumlichkeiten sind für die momentan 22 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die Buchbinderei zu klein.


3.3 Künftige Situation und Ziele
Mit Beschluss Nr. 1664 vom 1. Juli 1997 hat der Regierungsrat die ‚Konzeptionellen Grundlagen und Entwicklungsperspektiven der Kantonsbibliothek' genehmigt. Mit der Umsetzung dieser Konzeption soll die Kantonsbibliothek in die Lage versetzt werden, die ihr im Rahmen des Drei-Stufen-Prinzips übertragenen Aufgaben zukunftsgerichtet zu erfüllen.
Die wesentlichen Punkte der Konzeption sind:
1. Die Kantonsbibliothek vermittelt Medien aller Art und schafft möglichst freien Zugang zu Informationen. Sie ist ein kultureller und gesellschaftlicher Treffpunkt mit grosszügigen Öffnungszeiten. Sie ist ein Ort, wo man sich orientiert, sich auseinandersetzt und sich anregen lässt; wo man sich begegnet, sich mitteilt und sich wohlfühlt. Die Kantonsbibliothek vermag Impulse zu geben und bereichert das Kulturleben mit Veranstaltungen, Lesungen und Ausstellungen. Sie fördert die Lesekultur sowie das Verständnis für die eigene und für fremde Kulturen.
2. Die Kantonsbibliothek ermöglicht individuelle Aus- und Weiterbildung in Ergänzung zum organisierten Unterricht speziell für Erwachsene. Sie schafft die Voraussetzungen, eigenverantwortlich zu lernen sowie Phantasie und Kreativität zu stärken. Sie ermöglicht vertieftes Arbeiten allein oder in Gruppen.
3. Die Kantonsbibliothek berät und orientiert die Benutzerinnen und Benutzer in einer wachsenden Flut von Medienangeboten. Sie öffnet ein Fenster in die Welt, in die Vergangenheit und Zukunft. Zu diesem Zweck vermittelt sie Medien aller Art und schafft möglichst freien Zugang zu Informationen im lokalen und im globalen Umfeld. Sie ist der lokale Partner in den weltweiten Informationssystemen (Internet).
4. Die Kantonsbibliothek erfüllt einen hohen Qualitätsanspruch und ist aufgeschlossen für neue Medien und Informationstechnologien. Sie sichert den Zugang auch zu Medien, die auf dem Markt nicht mehr erhältlich sind.
5. Die Kantonsbibliothek ist ein attraktives, einladendes und identitätstiftendes Kulturgebäude an einem zentralen und leicht zugänglichen Standort. Es bietet die Infrastruktur für 300'000 Besucherinnen und Besucher sowie 500'000 Ausleihen pro Jahr. In ruhigeren Zonen stehen Einzel- und Gruppenarbeitsräume sowie ein Lesesaal zur Verfügung, der auch für Schulungen und Veranstaltungen ausserhalb der Öffnungszeiten genutzt werden kann.


3.4 Planungsschritte
Mit der Genehmigung des Grundlagenpapiers der Erziehungs- und Kulturdirektion über die konzeptionellen Grundlagen und Entwicklungsperspektiven der Kantonsbibliothek durch den Regierungsrat (Nr. 1664 vom 1. Juli 1997) wurde die Bau- und Umweltschutzdirektion beauftragt für die Unterbringung der Kantonsbibliothek entsprechende Lösungsvorschläge auszuarbeiten.
Neben ausreichendem Flächenangebot für die Publikums-, Verwaltungs- und Magazinbereiche muss der neue Standort zentral gelegen und sehr gut an das Netz des öffentlichen Verkehrs angeschlossen sein. In Liestal wurden dafür im Raum Bahnhof unter anderem die ehemaligen Gebäude der SBG, Bahnhofstrasse 5, und der Volksbank, Bahnhofsplatz 14, das Coop Lagergebäude an der Oristalstrasse und das ehemalige Weinlager Roth an Bahnhofplatz geprüft. Die Standortüberprüfungen zeigten, dass nur das ehemalige Weinlager Roth (im Weiteren mit Roth-Gebäude bezeichnet) die geforderten Bedingungen von Grösse und Lage erfüllt.
Die 1998 in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie des Architekturbüros Steinmann + Rey, Oberdorf, unterstreicht die gute Bausubstanz der vorhandenen Tragkonstruktion und weist auf den speziellen und erhaltungswürdigen Charakter des Roth-Gebäudes hin. Die Machbarkeitsstudie empfiehlt eindeutig, das Gebäude als wertvollen Zeitzeugen der Industriearchitektur des frühen 20. Jahrhunderts zu erhalten und im Sinne der Nachhaltigkeit umzunutzen.
Am 30. Juni 1998 haben die Erziehungs- und Kulturdirektion und die Bau- und Umweltschutzdirektion das kantonale Hochbauamt beauftragt die Planung für die Kantonsbibliothek am Standort des Roth-Gebäudes, Bahnhofplatz 6 in Liestal aufzunehmen.
Um verschiedene Lösungsmöglichkeiten prüfen zu können und eine Evaluation in konzeptioneller, gestalterischer, technischer und wirtschaftlicher Hinsicht vornehmen zu können, hat sich der Regierungsrat mit Entscheid Nr. 2215 vom 3. November 1998 zur Durchführung eines Projektwettbewerbes im selektiven Verfahren unter Planerteams entschieden. Aus 78 Bewerbern der öffentlichen Ausschreibung wurden 14 Planerteams zur Teilnahme am Projektwettbewerb zum Umbau des Roth-Gebäudes für die Kantonsbibliothek eingeladen.
Auf Vorschlag des eingesetzten Preisgerichtes beauftragte der Regierungsrat mit Entscheid Nr. 2118 vom 9. November 1999 die Gewinnerin des Projektwettbewerbes, die Planergemeinschaft unter der Gesamtleitung der Liechti Graf Zumsteg Architekten AG aus Brugg mit der Weiterbearbeitung der Bauaufgabe.


3.5 Alternativen
Umbau des Roth-Gebäudes
Die Gebäudetypologie eines Lagergebäudes, wie sie im Roth-Gebäude vorliegt, eignet sich ideal für eine Bibliothek. Der regelmässige Stützenraster der Tragkonstruktion und die hohen zulässigen Bodenbelastungen erlauben die Gestaltung grosser offener Räume, wie sie im Publikums- und Magazinbereich wichtig sind.
Das unbeheizte Lagergebäude weist einen niedrigen und veralteten Ausbaustandard auf. Sämtliche haustechnischen Installationen müssen ersetzt werden. Die Belüftung und Belichtung des Gebäudes sind zu verbessern. Sie können den Bedürfnissen der neuen Nutzung entsprechend geplant werden. Ebenfalls ist die Gebäudehülle zu erneuern und mit ausreichendem Wärmeschutz zu versehen.
Durch einen Umbau des Roth-Gebäudes kann wertvolle Bausubstanz erhalten und durch Umnutzung aufgewertet werden. Die erhaltenswerte, eindrückliche Tragkonstruktion wird der neuen Nutzung eine einzigartige Atmosphäre und Charme verleihen.

Neubauvariante
Im Rahmen der Machbarkeitsstudie wurde die Variante Neubau geprüft. Als Standort für einen Neubau erfüllt nur das Areal des Roth-Gebäudes die geforderten Bedingungen nach zentraler Lage und Flächenangebot. Im Vergleich zur Umbauvariante kommt ein Neubau an gleicher Stelle etwa gleich teuer zu stehen. Abbruchkosten sowie Kosten für die Erstellung einer neuen Tragkonstruktion auf der Seite eines Neubaus stehen höheren Kosten für Haustechnikinstallationen, Dachkonstruktion und insbesondere Anpassarbeiten an die bestehende Struktur gegenüber. Mit einem Neubau wird jedoch keine Verantwortung gegenüber dem Erhalt wertvoller Bausubstanz, einem sparsamen Umgang mit vorhandenen Ressourcen und somit einer nachhaltigen Entwicklung wahrgenommen.


Fortsetzung


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