Vorlage 1999-027: Massnahmenpaket zum Schutz von Augusta Raurica

Landrat / Parlament || Inhalt der Vorlage 1999-027 vom 9. Februar 1999


Massnahmenpaket zum Schutz von Augusta Raurica mit Änderungen des Regionalen Detailplanes „Augusta Raurica" (Kant. Nutzungsplan) und Krediterteilung für Landerwerb


Geschäfte des Landrats || Hinweise und Erklärungen





1 VORGESCHICHTE UND ZIEL DER VORLAGE

1.1 Vorgeschichte
1.1.1 Areal „Obermüli/Pfäfferlädli"


Am 9. Dezember 1997 stellte der Regierungsrat fest (RRB Nr. 2929): „Gegenwärtig steht das ca. 10'000 m2 umfassende, im Baugebiet der Gemeinde Augst und im Kernbereich der früheren Römerstadt liegende Areal 'Ehinger/Dubler[-Gessler]', das die Eigentümer überbauen möchten, im Zentrum des Interesses. Die archäologische Ergrabung dieses Grundstückes in den Jahren 1999-2001 [gemäss RRB Nr. 1086 vom 29. April 1997] würde rund 10 Mio. Franken kosten. Als Alternativen kommen ein Kauf des Areals, allenfalls auf dem Enteignungsweg, und [oder] ein Realtausch [Landabtausch] in Frage." Das Areal „Ehinger/Dubler-Gessler" trägt die Flurnamen „Obermüli" bzw. „Pfäfferlädli" und umfasst die Parzellen 166 und 168 des Grundbuches Augst. Aufgrund dieser aktuellen Situation und infolge einer Neubeurteilung der kulturpolitischen Situation in der Römerstadt Augusta Raurica hat der Regierungsrat beschlossen: „Die Bau- und Umweltschutzdirektion (Amt für Liegenschaftsverkehr) wird beauftragt, aufgrund der heutigen Marktsituation einen realistischen Kaufpreis für das Areal „Ehinger/Dubler-Gessler" zu ermitteln und den Eigentümern auf dieser Grundlage ein Angebot für einen angemessenen Realersatz (baureife Grundstücke) zu unterbreiten."


Am 4. August 1998 unterbreitete die Erziehungs- und Kulturdirektion dem Regierungsrat (RRB Nr. 1585) ein in enger Zusammenarbeit mit der Bau- und Umweltschutzdirektion entstandenes Massnahmenpaket zur konkreten Umsetzung des Grundsatzentscheides vom 9. Dezember 1997. Es wurden folgende konkreten Massnahmen beschlossen:


1) Gestützt auf Art. 36 Absatz 2 und 3 sowie in Verbindung mit Artikel 27 des Bundesgesetzes über die Raumplanung (RPG) vom 22. Juni 1979 wird für das im Situationsplan bezeichnete Gebiet „Obermüli" der Gemeinde Augst eine Planungszone bestimmt. Diese gilt für die Dauer von längstens fünf Jahren.


2) Innerhalb der Planungszone darf nichts unternommen werden, was die Zielsetzungen betreffend einer langfristigen Erhaltung der Römerstadt „Augusta Raurica" als Objekt von nationaler Bedeutung erschweren könnte.


3) Die Bau- und Umweltschutzdirektion wird angehalten, den Regionalen Detailplan „Augusta Raurica" (RRB Nr. 2903 vom 13. September 1988) im Sinne der Zielsetzungen gemäss Ziffer 2 in Zusammenarbeit mit der Erziehungs- und Kulturdirektion und der Gemeinde Augst anzupassen.


4) Massgebend sind die mit der Inventarnummer 7/PZ/2/0 versehenen Exemplare des Situationsplanes.


5) Die Ziffer 1 des vorliegenden Beschlusses des Regierungsrates ist gestützt auf § 23 Absatz 2 des Verwaltungsorganisationsgesetzes im Amtsblatt zu veröffentlichen.


6) Das Amt für Liegenschaftsverkehr wird beauftragt, den betroffenen Grundeigentümern den vorliegenden Beschluss des Regierungsrates zuzustellen.


7) Für den Fall, dass gegen den vorliegenden Beschluss beim Verwaltungsgericht Beschwerde erhoben werden sollte, wird diesem beantragt, den Beschwerden die aufschiebende Wirkung zu entziehen.


1.1.2 Areal „Violenried"


Unabhängig von den Schutzmassnahmen im Areal „Obermüli/Pfäfferlädli" ergab sich im Frühsommer 1998 eine Situation, welche ebenfalls eine Änderung des Regionalen Detailplanes erfordert: Völlig unerwartet wurde auf der Notgrabung im „Violenried", Werkhofareal der Ernst Frey AG (LRB vom 10. April 1997), eine intakt erhaltene unterirdische Gewölbeanlage entdeckt. Die archäologische Sensation fand in den Medien breites Gehör. 95 Zeitungsartikel sind darüber im In- und Ausland erschienen. Die Erziehungs- und Kulturdirektion möchte das einzigartige, 3-7 Meter unter dem Boden verborgene Zisternensystem erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Die Bau- und Umweltschutzdirektion hat bereits eine Lösung mit den involvierten Landeigentümern erarbeitet, die jedoch zwei kleinere Zonenänderungen notwendig macht. Da das Areal „Violenried" vom Landrat im Regionalen Detailplan „Augusta Raurica" 1986 (RRB Nr. 1102 vom 29. April 1986; LRB Nr. 3233 vom 2. Februar 1987) der Landwirtschaftszone zugewiesen wurde, ist für die jetzt nötige Zonenänderung einer Teilfläche ebenfalls der Landrat zuständig.


1.2 Ziel der Vorlage


Daraus resultieren folgende Schritte, die der Regierungsrat dem Landrat zur Beschlussfassung unterbreitet:


1) Die vom Regierungsrat verhängte Planungszone zum langfristigen Schutz des ganzen römischen Quartiers „Obermüli/Pfäfferlädli" erlischt am 3. August 2003. Der Regionale Detailplan „Augusta Raurica" muss in dieser Frist rechtskräftig abgeändert werden. Die Planungszone soll in die Archäologische Schutzzone übergeführt werden (gem. Planbeilage).


2) Da eine Realisierung einer geplanten Grossüberbauung durch die beiden Grundeigentümer mit dieser kulturpolitischen Massnahme verhindert wird, wurde das Amt für Liegenschaftsverkehr beauftragt, diesen das Land zu einem marktüblichen Preis abzukaufen. Der Landrat wird um die Erteilung eines Verpflichtungskredites gebeten.


3) Für den Fall, dass Kaufverhandlungen scheitern sollten, soll der Regierungsrat zu einem Enteignungsverfahren ermächtigt werden (vgl. RRB Nr. 2929 vom 9. Dezember 1997).


4) Das Areal mit der unterirdischen Zisternenanlage soll Bestandteil des öffentlich zugänglichen Ruinenareals werden. Dafür ist es im Regionalen Detailplan „Augusta Raurica" in die Archäologische Schutzzone zu überführen (heute teils Gewerbe-, teils Landwirtschaftszone). Ein zur Zisternenparzelle flächengleiches Stück (rund 1000 m2) ist von der Landwirtschafts- in die Gewerbezone zu mutieren, um für die Tiefbauunternehmung eine gleichbleibende Werkhoffläche sicherzustellen.




2 DIE RÖMERSTADT AUGUSTA RAURICA: BESTERHALTENE RÖMISCHE GROSSSIEDLUNG NÖRDLICH DER ALPEN


2.1 Vor 1800 Jahren: eine Stadt mit 20'000 Einwohnerinnen und Einwohnern


Zur Blütezeit vor 1800 Jahren wohnten in Augusta Raurica an die 20'000 Einwohnerinnen und Einwohner. Die Stadt war politisches und wirtschaftliches Zentrum der ganzen „Colonia Raurica", die ein riesiges Hinterland umschloss, das heute den Kantonen Basel-Landschaft (mit Laufental) und Basel-Stadt, dem südlichen Elsass und Teilen Südbadens entspricht. Seine Lage am Rhein mit dem bedeutendsten Flusshafen für Güterumschlag zwischen Bodensee und Strassburg sowie am Kreuzungspunkt der Reichsstrassen Rom-Germanien und Donauraum-Gallien machten die prosperierende Stadt mit ihren Handelshäusern, Herbergen und vielen Handwerkbetrieben rasch reich, auch wenn sie nie eine politisch wichtige Bedeutung hatte.


Was die keltischen Einheimischen und die vom Mittelmeerraum Zugewanderten an Spuren hinterlassen haben, ist heute zum Teil ausgegraben, konserviert und im grössten archäologischen Freilichtmuseum der Schweiz zugänglich. Die Römerstadt Augusta Raurica zieht jährlich etwa 140'000 Besucherinnen und Besucher, Touristen und Schulkinder an.


Die Freilichtanlage der Römerstadt Augusta Raurica hat über 20 Sehenswürdigkeiten zu bieten, darunter das besterhaltene antike Theater nördlich der Alpen, ein einzigartiges nachgebautes „Römerhaus" und den „Römischen" Haustierpark. Kein Wunder, ist die archäologische Stätte heute der meistbesuchte touristische Ort des Kantons Basel-Landschaft. Seine Ausstrahlung ist international.


2.2 Einzig in Europa: vier Fünftel der antiken Stadt haben sich ungestört im Boden erhalten


Die kulturpolitische Bedeutung der Römerstadt Augusta Raurica ist in den letzen zehn Jahren international bewusst geworden: Die im Boden noch vorhandenen archäologischen Strukturen und Erhaltungsbedingungen, das bisherige Engagement des Kantons Basel-Landschaft in Augst, die ideale archäologische Quellenlage für die vielbeachtete wissenschaftliche Arbeit und vor allem auch die touristische Ausstrahlung dieses römischen Freilichtmuseums stellen ein einzigartiges Zusammenwirken von Idealfällen dar.


Diese Einmaligkeit gründet auf folgenden Umständen:


· Augusta Raurica ist die im Boden besterhaltene antike Stadt in Mitteleuropa. Vier Fünftel von ihr ruhen noch unzerstört im Boden, da das Areal vom Mittelalter bis in die Neuzeit nie überbaut war. Die Zeugnisse der Grosssiedlung vor 1800 Jahren mit einst 20'000 Einwohnerinnen und Einwohnern haben sich daher viel besser - weil ungestört - erhalten als etwa jene in Köln, Strassburg oder Trier.


· Aus diesem Grund hat der schweizerische Bundesrat 1968 die Fundstätte als „Denkmal von nationaler, gesamtschweizerischer Bedeutung" eingestuft.


· Heute ist knapp ein Fünftel (15-20%) der römischen Stadt - anlässlich von Notgrabungen bei Bauvorhaben - ausgegraben. Vieles davon ist ausgewertet; die Dokumente und Funde stellen aber noch viele Aufarbeitungs- und Interpretationsaufgaben - z. B. Stoff für 20-40 wissenschaftliche Forschungsprojekte!


· Augusta Raurica ist die antike Stadt, von der heute nicht nur Tempel, Theater und weitere grosse öffentliche Gebäude bekannt und zu besichtigen sind, sondern auch die Wohn- und Gewerbequartiere. Dies erlaubt - wie sonst fast nirgendwo - vielerlei Einblicke in die Sozialstruktur und insbesondere in die Wirtschaft, Wohnverhältnisse und Lebensweise auch der einfachen Bevölkerung.


· Neben seinem Engagement für die dokumentarische Rettung von römischen Zeugnissen, die bis heute moderner Bebauung zum Opfer gefallen sind, verfügt der Kanton Basel-Landschaft mit seiner Römerstadt Augusta Raurica auch über den meistbesuchten touristischen Ort in seinem Gebiet und über ein Terrain, das als Freilichtmuseum, Ausflugsstätte für Schulklassen und Naherholungsgebiet eine Ausstrahlung in ganz Mitteleuropa hat.


2.3 Seit drei Generationen: jede Baugrube ist archäologisch gewissenhaft erforscht und dokumentiert worden


Seit rund 100 Jahren werden Bauvorhaben in Augusta Raurica archäologisch begleitet. Daraus hat sich die Einsicht und Praxis entwickelt, dass es sich lohnt, vor modernen Bodeneingriffen die römische Substanz zu untersuchen und zu dokumentieren und so zu retten, was an Informationen und Erkenntnissen vor der unwiederbringlichen Zerstörung noch zu gewinnen ist.


Ab etwa 1957 wurde die archäologische Bodendenkmalpflege den internationalen Gepflogenheiten in vorbildlicher Weise angepasst: In Augst ist seither keine Baugrube mehr ohne vorgängige flächendeckende Notgrabung und wissenschaftliche archäologische Dokumentation ausgehoben worden. Wegen dieser lückenlosen Erforschung der (Bau-)Areale und der Verfügbarkeit des gesamten Plan-, Foto- und Fundmaterials geniesst Augusta Raurica seinen oben dargelegten Ruf in der Wissenschaft als vorbildlich dokumentierte Fundstätte. Im Laufe der Jahre hat der Kanton Basel-Landschaft auf diese Weise viele Millionen Franken in Rettungsgrabungen und die Erforschung seiner Römerstadt investiert.


2.4 Langfristige Kultur-Investition des Kantons Basel-Landschaft


Mit dem Teil im heutigen Augster „Oberdorf", der bereits modern überbaut ist, wurde kulturpolitisch bisher vorbildlich umgegangen. Dank der durch den Kanton Basel-Landschaft geförderten, jahrzehntelangen Forschungskontinuität gilt Augusta Raurica - neben Pompeji - heute als die am differenziertesten ausgegrabene, am dichtesten dokumentierte und am besten publizierte römische Grosssiedlung überhaupt (bezogen auf das bis heute modern überbaute Gebiet).


Diese Investitionen flossen in Form von Publikationen für Laien und Schulen, durch Ausstellungen, Volkshochschulkurse, Radiosendungen, Führungen usw. wieder an die Bevölkerung zurück ( return on investment ).


Seit längerem verfolgt der Kanton den Grundsatz: „Kaufen und Schützen" statt „Graben und Zerstören". Ein Markstein für diese Bestrebungen ist das „Sicherstellungsprogramm August Raurica" mit einem Regionalen Detailplan, welches der Regierungsrat mit Beschluss Nr. 1102 am 29. April 1986 an den Landrat verabschiedet hat. Die in diesem Rahmen am 7. Juni 1984 und am 2. Februar 1987 gesprochenen Verpflichtungskredite von insgesamt 10 Mio. Franken erlaubten es in den letzten Jahren, grosse Landflächen zu erwerben, die teils in der Bauzone, teils in der Landwirtschafts- und Archäologischen Schutzzone liegen.


Fortsetzung


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