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Mit der Kirschessigfliege leben

05.01.2017
Bild Legende:
Befallene Kirschen fallen nach kurzer Zeit in sich zusammen.

Seit 2014 macht die aus Asien eingeschleppte Kirschessigfliege (KEF) der einheimischen Obst- Wein- und Beerenproduktion schwer zu schaffen. Produzenten sind gefordert, in den Kulturen den Befall aufmerksam zu beobachten, umsichtig vorzubeugen und bei Befund rasch zu bekämpfen. Mit diesem Schädling muss die hiesige Obst-, Beeren- und Weinproduktion leben lernen und sich intensiv damit auseinandersetzen.

„Der Ebenrain unterstützt deshalb die Bäuerinnen und Bauern mit dem Projekt Kirschessigfliegen-Bekämpfung“, versichert Lukas Kilcher, Leiter Landwirtschaftliches Zentrum Ebenrain. Spezialkulturen tragen mit über 20 Millionen Franken einen Fünftel zur jährlichen Wertschöpfung aus der Pflanzenproduktion bei. Besondere Bedeutung hat im Baselbiet die Produktion von Kirschen. Bei den Tafelkirschen betragen die Anteile an der gesamtschweizerischen Produktion rund ein Drittel, bei den Industriekirschen gar zwei Drittel. Rund ein Viertel aller Schweizer Tafelzwetschgen stammen aus unserer Region. Aber auch Beeren und Weintrauben sind von grosser Bedeutung für die Region. „Das macht unsere Agrarproduktion besonders verwundbar durch die KEF“, folgert Lukas Kilcher. “Ein erfolgreicher Umgang mit der KEF ist daher lebenswichtig für die Landwirtschaft beider Basel.“

Grosses Schadenspotenzial

Die Kirschessigfliege (Drosophila suzukii) wurde 2011 erstmals in der Schweiz nachgewiesen und befällt alle Weichobstarten (Beeren, Kirschen, Zwetschgen, Trauben) sowie viele wilde beerentragende Pflanzen. Mit einer Säge am Eiablage-Apparat schneidet das Weibchen intakte Fruchthäute auf, um ihre Eier in reifende und reife Früchte abzulegen. Die Früchte werden durch die schlüpfenden Larven und die folgende Essiggärung ungeniessbar. Zusammen mit der enorm hohen Vermehrungsrate - bei passender Witterung kann die KEF in unserer Region bis zu zehn Generationen pro Jahr bilden - ergibt sich ein sehr grosses Schadenspotential.

2014 konnte sich die KEF wegen dem milden Winter und feucht-kühlen Sommer erstmals massiv entwickeln in der Schweiz, teils mit verheerenden wirtschaftlichen Schäden an Kirschen, Beeren und Reben. Noch im selben Jahr startete das Landwirtschaftliche Zentrum Ebenrain seine Aktivitäten in Kooperation mit der nationalen Agrarforschung (Agroscope) und dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) mit dem Ziel, Strategien zur Kontrolle der KEF zu entwickeln und in deren Umsetzung in der Praxis zu unterstützen.

Praxistaugliche Bekämpfungsmethoden gesucht

2015 hat das LZE umfassende Feldversuche unter Praxisbedingungen durchgeführt. „Dabei ist uns die Zusammenarbeit mit den 20 Produzenten aus der Region sowie Agroscope und FiBL besonders wichtig“, betont Lukas Kilcher. Das LZE hat zudem ein Monitoringsystem in der Region aufgebaut und beteiligt sich an einem nationalen Überwachungsprogramm. Das KEF-Projekt des LZE wird im Rahmen des "Förderprogramms Baselbieter Spezialkulturen“ durchgeführt und von Basel-Stadt, Riehen und Bettingen gemeinsam finanziert. Agroscope koordiniert schweizweit die Versuchsaktivitäten.

Die Zielsetzung von LZE, FiBL und Agroscope ist die Entwicklung praxistauglicher Methoden, die eine gute Wirkung haben mit vertretbarem Aufwand umgesetzt werden können eine gute Akzeptanz bei Produzenten und Konsumenten geniessen möglichst umweltverträglich sind und wenig Rückstände hinterlassen auf die betroffenen Kulturen zugeschnitten sind die Rentabilität der jeweiligen Kulturen nicht unzumutbar verschlechtern.

Im 2016 hat das LZE ein umfangreiches Testprogramm etabliert. In 26 Feldversuchen hat das LZE bei acht verschiedenen Kulturen (Beeren, Kirschen, Zwetschgen, Reben) insgesamt neun Strategie-Varianten geprüft. Einerseits hat das LZE zur Überwachung des Populationsverlaufs in den Kulturen und angrenzenden Habitaten Fallen aufgehängt und wöchentlich ausgezählt. Dabei wurden die männlichen und weiblichen KEF separiert und die Daten gleichzeitig ins nationale Monitoring von Agroscope eingespeist. Andererseits hat das LZE Stichproben von reifenden Früchten in seinem Labor auf vorhandene Eiablagen untersucht.

„Die Kirschen waren 2016 am meisten betroffen“, erklärt Urs Weingartner vom Projektteam KEF-Bekämpfung. „Ebenso wurden vereinzelt grosse Schäden an Himbeeren- und Brombeeren beobachtet.“ Auch Heidelbeeren und - in deutlich geringerem Masse - die neu im Baselbiet angebauten Aroniabeeren wurden von der KEF heuer befallen. „Die Zwetschgen hingegen sind im 2016 glimpflich davongekommen, hier gab es praktisch keine Ausfälle aufgrund von KEF-Befall“, freut sich Urs Weingartner. Die lang anhaltende trockene Witterung während der Reifezeit hat die KEF-Population gebremst und der Zwetschge geholfen. Im Gegensatz zum trocken-heissen Versuchsjahr 2015, bei dem im Rebbau kaum Wirkungsunterschiede zwischen den geprüften Behandlungsmethoden auszumachen waren, konnten im 2016 interessante Erkenntnisse gewonnen werden. Frühe, dunkle Sorten wie zum Beispiel Dunkelfelder oder Cabernet Dorsa werden von der KEF gerne befallen, die regionale Hauptsorte Blauburgunder hingegen wies kaum Schäden auf.

Schutz der Früchte mit Netzen und Tonmineralien

Als praxistaugliche Abwehrstrategie bei Kirschen bietet ein sehr engmaschiges (maximal1.2 Millimeter) Insektennetz den besten Schutz. Wo eine komplette Einnetzung technisch nicht machbar ist (schüttelbare Bäume für Verarbeitungs- und Brennkirschen oder Hochstammbäume) können mineralische (nicht-chemisch-synthetisch) Substanzen wie zum Beispiel das Tonmineral Kaolin, die bei der Ausreife regelmässig auf die Fruchtoberfläche gespritzt werden, einen Befall verhindern. Die Resultate des LZE zeigen, dass ein wirtschaftlicher Schaden damit nicht ausgeschlossen werden kann, das Ausmass aber deutlich reduziert wird. „Allerdings braucht es hier noch vertiefe Untersuchungen, weshalb das wir in der Versuchssaison 2017 hierauf einen Fokus legen werden“, stellt Urs Weingartner in Aussicht.

Auch für anfällige Beerensorten ist ein Insektenschutznetz eine erfolgsversprechende Strategie. Erschwerend kommt bei Beeren aber hinzu, dass ihre Erntefenster länger sind, d.h. die Schutznetze müssten immer wieder geöffnet werden. Hier bieten allenfalls mineralischen Substanzen eine gleichwertige Alternative, was das LZE im 2017 mittels Feldversuchen vertieft evaluieren wird.

Bei frühen, anfälligen Rebsorten muss ein gezielter KEF-Schutz in Betracht gezogen werden. Hier bietet sich einerseits das Einnetzen der Traubenzone an, andererseits zeigen unsere Resultate eine vergleichbar gute Befallsreduktion durch das präventive Besprühen der Trauben mit dem Tonmineral Kaolin. Kaolin gilt als unbedenklich und ist bekannt in der Lebensmittelverarbeitung. Das LZE wird die Schutzwirkung von mineralischen Substanzen im Rebjahr 2017 weiter prüfen und insbesondere eruieren, ob sie auch kurativ bei bereits vorhandenen Eiablagen nutzbringend eingesetzt werden können.

KEF lebt überall

Die KEF kommt im Siedlungsgebiet und im Wald genauso vor wie im Landwirtschaftsgebiet. Das LZE richtet sich deshalb nicht nur an Bäuerinnen und Bauern. In Zusammenarbeit mit dem Gärtnermeisterverband beider Basel informiert das LZE auch die Nutzer von privaten Hausgärten mit praxistauglichen Tipps und Empfehlungen und hat dazu ein Merkblatt herausgegeben. Mit guter Information ist es möglich, den Privatgärtnern die Freude an Obst und Beeren zu erhalten und den Befallsdruck auf die Landwirtschaft zu reduzieren.

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