Weltweit

Die heftigste Pandemie im 20. Jahrhundert

Die Spanische Grippe war die verheerendste Influenzapandemie in der Geschichte. Im Unterschied zur Epidemie, welche örtlich begrenzt ist, breitet sich eine Pandemie über eine Vielzahl von Ländern auf mehreren Kontinenten aus. Sie gefährdet somit einen Grossteil der Weltbevölkerung. Mit der Spanischen Grippe infizierte sich etwa ein Drittel der Weltbevölkerung und 3-6% der Weltbevölkerung starben daran. Sie grassierte in den Jahren 1918 und 1919 und wurde durch den ersten Weltkrieg (1914 – 1918) begünstigt. Sowohl Truppentransporte als auch enge Platzverhältnisse in den Kasernen trugen zu einer schnellen Verbreitung der Grippeviren bei. Die Bevölkerung war wegen Unterernährung und schlechten hygienischen Bedingungen zusätzlich noch anfälliger.

Anders als ihr Name vermuten lässt, wurden die ersten Fälle der Spanischen Grippe im Frühjahr 1918 nicht in Spanien, sondern in einer Militärunterkunft in den USA verzeichnet. Den Namen erhielt die Krankheit von Spanien. Das Land war nicht am ersten Weltkrieg beteiligt und die spanischen Zeitungen unterlagen keiner Zensur. Deshalb erfolgten die ersten offiziellen Berichte über eine Grippe, die sogar den spanischen König Alfons XIII und Teile seines Hofstaates erkranken liess, aus Spanien. Andere Länder wurden auf die Krankheit aufmerksam und bezeichneten sie fortan als Spanische Grippe (obwohl viele dieser Länder bereits selbst von der Krankheit betroffen waren).

Die zweite Welle war die tödlichste

Die Spanische Grippe verbreitete sich in drei Wellen. Während der ersten Welle wurden nur wenige Todesfälle verzeichnet und der Krankheitsverlauf war relativ mild. Im Herbst 1918 setzte dann die zweite Welle ein, welche ihren Ursprung vermutlich in Europa hatte. Erste Fälle dieser zweiten Welle wurden in Frankreich verzeichnet, kurz darauf wurde sie auch in Spanien und Westafrika diagnostiziert. In nur wenigen Wochen breiteten sich die Viren über ganz Europa und die USA, aber auch über weite Teile Lateinamerikas, Afrikas und Asiens aus. Rückkehrende Truppen begünstigten dabei die globale Ausbreitung der Krankheit. Diese zweite Welle zeichnete sich durch eine ungewöhnlich hohe Rate an Todesfällen aus.

Ein unbekannter Erreger mit tödlichem Potential

Die genaue Anzahl an Todesfällen ist schwer zu beziffern, da in vielen Ländern wegen den Kriegswirren die Todesopfer nicht erfasst wurden und auch viele Tote in entlegenen Gebieten zu verzeichnen waren. Schätzungen gehen von 50 bis 100 Millionen Toten aus. Somit tötete ein damals unbekannter Erreger so viele Menschen wie der erste und der zweite Weltkrieg zusammen.

Erst 1933 konnte das Virus Influenza A isoliert werden. Die erste Lebendimpfung für Influenza A wurde in Russland entwickelt und während des zweiten Weltkriegs eingesetzt. 1940 konnte das Grippevirus Influenza B isoliert werden. 1946 bildete die World Health Organization (WHO) ein erstes Netzwerk zur Überwachung und Alarmierung (Sentinella). Erste Sitzungen eines Influenza-Experten-Komitees wurden 1952 abgehalten.

Die spanische Grippe wütete besonders in der jungen Generation

Die Spanische Grippe breitete sich nicht nur rasant aus, ungewöhnlich hoch war auch die Sterblichkeit von jungen Erwachsenen (20 – 40-Jährige). Normalerweise erkranken an der Grippe vor allem Kleinkinder und ältere Menschen, da diese ein schwächeres Immunsystem haben und darum das Virus weniger gut bekämpfen können.

Grund für die hohe Sterblichkeit war damals ein schnelles und progressives Lungenversagen, ausgelöst durch eine Lungenentzündung. Der Tod trat dabei innert Stunden oder Tagen ein. Es wird vermutet, dass die Ursache des Lungenversagens ein sogenannter «Zytokinsturm» war, eine Überreaktion des Immunsystems gegenüber den Grippeviren, welche zur Zerstörung der infizierten Zellen in den Lungen und Bronchien führte. Dies würde auch die aussergewöhnlich hohe Anzahl junger Todesopfer erklären, da diese generell über das aktivste Immunsystem verfügen. Zudem wird vermutet, dass diese Altersgruppe bis dahin nie in Kontakt mit einem ähnlichen Grippevirus gekommen war und somit keine Immunität gegenüber diesem Virus entwickeln konnte. Vermutlich hat sich aber eine partielle Immunität während der ersten und zweiten Welle entwickelt, welche in der darauffolgenden dritten Welle (Winter 1918 - Sommer 1919) zu einer Abnahme der Ausbreitung und der Todesopfer der Spanischen Grippe führte.