Perspektiven: Integrationspotenzial von Religionsgemeinschaften

«Wir haben aufgezeigt, dass die soziale Unterstützung und die soziale Einbettung für die Integration förderlich ist, also, dass Menschen oftmals auf ein Beziehungsnetz angewiesen sind, um sich in die hiesige Gesellschaft zu integrieren.» - Interview mit der Leiterin von INFOREL Karima Zehnder

Text: FIBL, Foto: Karima Zehnder

Frau Zehnder, Sie haben in einer kürzlich veröffentlichen Studie das Integrationspotenzial von Migrationskirchen und deren Herausforderungen in der Region Basel untersucht. Wieso stehen gerade christliche Religionsgemeinschaften im Fokus Ihrer Studie?

Bei der Verknüpfung von Migration und Religion steht meist der Islam im Zentrum der Aufmerksamkeit. Die meisten der in der Schweiz wohnhaften Migrantinnen und Migranten sind jedoch Christinnen und Christen und gehören einer der vielen verschiedenen christlichen Glaubensgemeinschaften an. Im Kanton Basel-Landschaft haben wir rund 30-40 Migrationskirchen erfasst. Was für eine Art von Glauben in diesen Gemeinschaften praktiziert wird und wie sie ihr Gemeinschaftsleben pflegen, ist wenig bekannt. Noch weniger bekannt ist, wie es um deren Integration und deren integrativer Wirkung steht. Hier haben wir angesetzt.

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Karima Zehnder

Karima Zehnder
Seit 2015 leitet Karima Zehnder die Informationsstelle INFOREL, Information Religion. Als Kommissionsmitglied der GGG Migration und als Stiftungsrätin der Stiftung Dialog zwischen Kirchen, Religionen und Kulturen wirkt sie an der Schnittstelle von Migration, Integration und Religion mit. Zuletzt hat sie im Auftrag der Kantons- und Stadtentwicklung des Kantons Basel-Stadt die Untersuchung «Integrationspotenzial von Migrationskirchen» publiziert.

Sie haben Interviews mit Vertreterinnen und Vertretern von Migrationskirchen und NGOs geführt und mit einem Online-Fragebogen Antworten bei den Gemeinschaftsmitgliedern gesammelt. Was sind Ihre Haupterkenntnisse? Was wirkt sich aus Ihrer Sicht integrationshemmend resp. integrationsfördernd aus?

Allem voran war es eindrücklich zu erkennen, was für eine grosse Ressource Glaube und Gemeinschaft für Migrantinnen und Migranten, die oft mit schwierigen Lebensbedingungen konfrontiert sind, darstellt. Gerade in unserer säkularen Gesellschaft ist einem Grossteil der Bevölkerung nicht bewusst, wie sehr der Glaube religiösen Menschen Hoffnung und damit Halt gibt, Trost spendet und damit persönlichkeitsstärkend wirkt. Die Glaubensgemeinschaft bildet dazu einen familiären Rahmen, wo die Herkunftskultur und Herkunftssprache gesprochen wird und daraus Vertrauen entsteht. Auch andere Studien haben bereits gezeigt, dass Migrantinnen und Migranten besonders im religiösen Kontext besondere Wertschätzung erfahren, die sie emotional für die Herausforderungen in einem für sie fremden Land stärkt. Hinzu kommt noch die praktische Unterstützung, wovon Gemeindemitglieder profitieren. Meist gibt es Mitglieder, die im Integrationsprozess weiter sind und als Vorbild gelten. Sie unterstützen Mitglieder bei vielfachen Fragen und Problemen: Bei Übersetzungen, Behördengängen, Mietverträgen oder Fragen zum Ausbildungssystem. Fragen, für die es Anlaufstellen und Fachpersonen gibt, die aber oftmals aus Misstrauen gegenüber institutionellen oder staatlichen Angeboten und/oder aus Scham nicht aufgesucht werden.

Integrationshemmend kann die Gemeinschaft sein, wenn beispielsweise die Partnerinnen- bzw. Partnerwahl Zustimmung durch die Gemeinschaft finden muss. Damit erfahren Mitglieder einen Anpassungsdruck an die Norm- und Wertvorstellungen der Gemeinschaft. Die Zugehörigkeit wirkt damit eher einengend als bestärkend. Wegweisend im Integrationsprozess ist bekanntermassen auch der Faktor Sprache. Wenn in den Gemeinschaften ausschliesslich die Herkunftssprache gesprochen wird, erschwert das den Spracherwerb und damit den Integrationserfolg. In den meisten der uns bekannten Gemeinschaften wird der Gottesdienst simultan auf deutsch übersetzt. Die Gemeinschaften sind hier aber sehr unterschiedlich bestrebt, die deutsche Sprache in ihr Gemeinschaftsleben zu integrieren.

Lässt sich aus den Daten auf kantonale Unterschiede zwischen Basel-Stadt und Basel-Landschaft schliessen? Und gelten die Handlungsempfehlungen, die Sie aus den Ergebnissen ableiten, gleichermassen für die Stadt und für ländliche Gebiete?

Auch wenn Religionsgemeinschaften auf dem Land nicht in der gleichen Dichte vertreten sind wie in der Stadt, ist davon auszugehen, dass sowohl Migrantinnen und Migranten wie auch Anlauf- und Beratungsstellen vor den gleichen Herausforderungen stehen. Eine unserer Empfehlungen besteht ja darin, Schlüsselpersonen aus Gemeinschaften zu stärken, indem sie beispielsweise ein niederschwelliges Bildungsangebot für ihre verantwortungsvolle Aufgabe als Vereinsleitende in Anspruch nehmen können. Ein solches Angebot wäre sicher auch für Gemeindeleiterinnen und -leiter in ländlichen Gebieten sinnvoll. Hingegen sind die einzelnen Angebote und Institutionen auf dem Land dezentralisierter, sodass in Erwägung gezogen werden müsste, inwiefern die Handlungsempfehlung zum Ausbau der Vernetzung unter Integrationsplayern zwischen den einzelnen Anbieterinnen und Anbietern in Basel-Landschaft überhaupt praktikabel und zielführend wäre.

Religiöse Betreuungspersonen übernehmen in ihren Gemeinschaften im Allgemeinen viele Aufgaben. Sie vermitteln, übersetzen – sind Integrationslotsen oder Integrationslotsinnen. Oft tun sie dies freiwillig. Wie steht es um die (persönlichen, zeitlichen, finanziellen, emotionalen etc.) Ressourcen solcher Betreuungspersonen? Wie könnten sie von staatlichen Stellen in ihren integrationsfördernden Tätigkeiten gestärkt werden?

Das ist der springende Punkt. Betreuungspersonen haben nur begrenzt zeitliche Kapazitäten in ihrem ehrenamtlichen kirchlichen Engagement und sind folglich oft überlastet. Hinzu kommt, dass sie je nach Gebiet nicht über die entsprechende fachliche Kompetenz verfügen. Der Kanton Basel-Stadt hat, auch auf einen politischen Vorstoss zur Weiterbildung von Leitungspersonen von Glaubensgemeinschaften hin, reagiert und erfreulicherweise bereits mit der Umsetzung begonnen, indem das eben erwähnte Bildungsangebot lanciert wird. Vereinsleitende sollen sich so über «Infomodule», die von der Beratungsorganisation GGG Migration seit vielen Jahren durchgeführt werden, zu diversen vereinsrelevanten Themen wie «Führung von Vereinen», «Recht und Religion», oder «Seelsorge» weiterbilden können.

Wie bereits angesprochen, ist und bleibt der Spracherwerb der zentrale Pfeiler. Gerade eine neue umfassende Studie aus Dänemark hat gezeigt, wie Integration und sprachliche Qualifizierung verknüpft sind und es sich damit nachhaltig lohnt, die sprachliche Förderung auszubauen. In Dänemark können Sprachkurse bis zu drei Jahre lang kostenfrei besucht werden.

Gemäss dem Staatssekretariat für Migration (SEM) äussert sich eine erfolgreiche Integration in der Wahrung der Werte der Bundesverfassung, der öffentlichen Ordnung und Sicherheit, dem Willen zur Teilhabe am Wirtschaftsleben und dem Erwerb von Bildung und Kenntnissen einer Landessprache. Die soziale Integration ist nicht Teil dieser Definition. Gerade die von den Kirchen geleistete Arbeit im sozialen Bereich - Vernetzung, Vertrauensbildung, psychosoziale Unterstützung etc. - wird aber gemäss Ihren Daten als besonders förderlich empfunden. Wie erklären Sie sich die Diskrepanz zwischen der oben erwähnten Definition und der Wahrnehmung der Betroffenen?

Wir haben aufgezeigt, dass die soziale Unterstützung und die soziale Einbettung für die Integration förderlich sind, also, dass Menschen oftmals auf ein Beziehungsnetz angewiesen sind, um sich in die hiesige Gesellschaft zu integrieren. Diese soziale Verankerung erleichtert ihnen auch allgemein den sozialen Anschluss. Ob diese psychosoziale Stütze und Beziehungen lediglich als Integrationsmotor wirken und eine erfolgreiche Eingliederung ermöglichen oder gar als Integrationsbestandteil verstanden werden sollten, ist eine interessante Frage, die das komplexe und uneinheitliche Integrationsverständnis widerspiegelt: Wo fängt Integration an und wo hört sie auf? Ich würde sagen, das eine geht nicht, oder nur schwer, ohne das andere: Das bedeutet, soziale Kontakte sind elementar für die psychische Gesundheit und diese wiederum grundlegend, um all die anderen Integrationskriterien zu erfüllen und hier richtig anzukommen.

Wie reagieren Gemeinschaften, wenn eine ihrer Betreuungspersonen oder eines ihrer Mitglieder durch seine/ihre Haltung oder Handlungen gegen die erwähnte staatliche Integrationsdefinition verstösst?

Die staatliche Integrationsdefinition ist den meisten Gemeindemitgliedern leider gar nicht bekannt.

Lassen sich die Erkenntnisse der aktuellen Studie auch auf andere (nicht-christliche) Gemeinschaften übertragen? Wenn nein: Sind in Zukunft vergleichbare Studien geplant, etwa zum Integrationspotential anderer Religionsgemeinschaften in der Region?

Ja, wir gehen von vergleichbaren Ergebnissen in anderen nicht-christlichen Gemeinschaften, aus. Zum Thema «wie weiter»: Die Untersuchung hat blinde Flecken aufgezeigt und viele neue Fragen aufgeworfen, auch solche, die andere Gemeinschaften betreffen. So beschäftigt uns weiterhin die Lücke, die zwischen den vorhandenen Integrationsangeboten und deren Inanspruchnahme durch Migrantinnen und Migranten klafft. Unsere Annahme ist, dass diese Lücke zu einem Teil in mangelndem wechselseitigem Verständnis und Vorurteilen gegenüber der jeweils anderen Seite begründet liegt: Nämlich mangelnde Wahrnehmung für die religiöse Dimension der Hilfesuchenden auf der einen Seite und Skepsis und Nichtbeachtung gegenüber den säkularen Anbieterinnen und Anbietern auf der anderen Seite. Wenn diese Annahme zutrifft, sind wir auf verschiedenen Ebenen gefordert das wechselseitige Verständnis zu fördern.