Perspektiven: psychische Gesundheit

«Psychisch belastete oder erkrankte Menschen benötigen unabhängig ihres Alters eine besonders gute Lebensumgebung und psychosoziale Unterstützung, damit sie ihren Alltag meistern können und zu neuen Kräften finden.» Martine Scholer erklärt im Interview das Zusammenspiel von Integration und psychischer Gesundheit und weshalb es der Bevölkerung mit Migrationshintergrund im Vergleich psychisch schlechter geht.

Text: FIBL, Foto: Martine Scholer

Personen mit einer ausländischen Nationalität leiden häufiger unter psychischen Belastungen als schweizerische Staatsangehörige. Das hat die Gesundheitsbefragung des Bundesamts für Statistik von 2017 gezeigt. Besonders betroffen sind Personen aus südeuropäischen Ländern. Weniger stark betroffen sind Personen aus Nord- und Westeuropa. Welche Erklärungen gibt es dafür?

Personen aus Nord- und Westeuropa mit einem höheren Bildungsabschluss finden aktuell gute Berufsaussichten in der Schweiz. Dies aufgrund der wachsenden Nachfrage an qualifizierten Arbeitskräften im Gesundheits-, Wirtschafts- und Finanzsektor. Im Dienstleistungssektor und Gastronomiebereich besteht ebenso Bedarf nach Arbeitskräften. Da nord- und westeuropäische Personen in ihrer Arbeitsstelle häufig auf Deutsch, Englisch oder Französisch kommunizieren können, gibt es weniger Sprachbarrieren. Diese Personen werden als Fachkräfte im Rahmen der Personenfreizügigkeit gezielt angeworben, sie erhalten einen angemessenen Lohn und können ihre Familien ebenfalls in die Schweiz mitbringen. Das wirkt sich positiv auf die psychische Gesundheit aus.

Um die Unterschiede zu Personen aus südeuropäischen Ländern zu verstehen, müssen wir die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nachvollziehen, in der sich ihre individuellen Lebensläufe abspielen: Haben sie aufgrund der Situation in ihrer Herkunftsregion oder ihrer Migrationsgeschichte traumatische Erlebnisse, die sie verarbeiten müssen? Wie ist ihr Lebensstandard heute und wie waren ihre sozio-ökonomischen Voraussetzungen im Verlauf ihrer Biografie? Haben sie Familie und ein neues soziales Umfeld aufbauen können und erleben sie im Alltag Nachbarschaftshilfe? Die Mehrzahl der Menschen aus Südeuropa – vor allem Italiener, Spanier und später Portugiesen – ist ab den 1960er Jahren als Gastarbeiter eingereist. Sie mussten lange von ihren Familien getrennt leben und häufig unter körperlich anstrengenden Bedingungen auf dem Bau-, im Gastronomie- und Dienstleistungsbereich arbeiten. Die Kinder der italienischen Gastarbeiter mussten sogar jahrelang von den Behörden versteckt gehalten werden, um nicht ausgewiesen zu werden. Der Familiennachzug war nicht vorgesehen, die staatliche Unterstützung für die sprachliche und soziale Integration war marginal. Heute ist die Erstgeneration im Pensions- oder bereits im Pflegealter.

Im Alter verstärken sich die Effekte von jahrelang anstrengender körperlicher Arbeit. Das führt häufiger zu chronischen Erkrankungen, welche auch tendenziell die psychische Gesundheit verschlechtert. Die Altersvorsorge fällt insbesondere für Frauen aufgrund des geringeren Verdienstes über die Lebensspanne, fehlender Erwerbsaltersjahre, Erwerbslücken durch unsichere Anstellungen und Betreuungspflichten geringer aus. Mit einer Trennung oder Scheidung ist für Frauen Altersarmut die bittere Realität. Wer keine schützenden sozialen Kontakte erfährt, fühlt sich zunehmend isoliert und ist folglich auch psychisch mehr belastet.

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Martine Scholer

Zur Person
Martine Scholer ist Fachexpertin beim Stab Grundlagen & Entwicklung der Geschäftsstelle des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) in Bern. Sie ist zudem verantwortlich für den Focalpoint Mental Health and Psychosocial Support im SRK mit dem Ziel Wissen zur psychischen Gesundheit als Querschnittsthema zu verankern. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Integration, Migration und psychische Gesundheit mit speziellem Fokus auf der Situation von Kindern, Jugendlichen und Familien in verletzlichen Lebenssituationen.

In der Wissenschaft wird oft vom «healthy migrant effect» gesprochen. Die These besagt, dass es bei der Migration zu einem Auswahlprozess kommt. Besonders die gesunden und aktiven Menschen wandern aus. Die beobachteten Vorteile der zugewanderten Personen nehmen dann aber im Verlauf des Aufenthalts im Zuwanderungsland ab. Was sind mögliche Gründe dafür?

Eine Auswanderung ist anstrengend, birgt viel Unsicherheiten und garantiert keinen persönlichen Erfolg. In der Tat weisen auswanderungsbereite Personen überdurchschnittlich viele individuellen Ressourcen auf. Häufig bringen sie eine starke Persönlichkeit mit, eine gute Prise Mut und die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen und Herausforderungen mit Resilienz zu meistern. Der Antrieb ist die individuelle Erwartung auf ein besseres Leben mit mehr beruflichen Aussichten, einem höheren Lohn für die Existenzsicherung der eigenen Familie oder Sicherheit vor Krieg und politischen Unruhen. Erfolgt die Auswanderung aus dem Herkunftsland freiwillig und fühlen sich zugewanderte Menschen in der Schweiz zu Hause, bestärkt sie das in ihrem Lebenslauf. Das wirkt sich positiv auf die psychische Gesundheit aus.

Integration bewirkt aber auch einen hohen Anpassungsdruck. Ohne förderliche staatliche Unterstützungsleistungen kann dieser als individueller Stress in verschiedenen Lebensbereichen erlebt werden. Häufig hat man es sich als frisch zugewanderter Mensch einfacher vorgestellt in einem anderen Staat einen angesehenen Beruf, eine passende Wohnung und ein unterstützendes soziales Umfeld aufzubauen. Die Hoffnung, ein angesehenes Leben zu führen, kann ohne Unterstützungsmassnahmen im Bereich Sprache und Bildung und ohne gerechte Arbeitsbedingungen aber zu viel Desillusionierung führen. Dies wird als persönliches Versagen des Einzelnen interpretiert.

Sind die eigenen finanziellen Mittel zu gering und lassen sich die persönlichen Ziele mit der eigenen Lebenssituation nicht vereinbaren, steigen der Frust und die Enttäuschung. Ein häufiger Grund für eine eingeschränkte soziale Mobilität ist, dass eine Person keinen passenden Berufsabschluss hat oder dieser in der Schweiz nicht anerkannt wird. Der Verbleib in einer prekären Lebenssituation ist eine mögliche Folge. Das ist auch sozial einschränkend. Strukturelle Hürden und Diskriminierungen zeigen sich im Stellen-, Bildungs- und Wohnungsmarkt und für Familien häufig in der Unvereinbarkeit mit der Kinderbetreuung oder einer eigenen Weiterbildung. Ein tiefes Einkommen oder mehrere unsichere Anstellungen im Niedriglohnbereich sind die Folge und können zu chronischem Stress und einem geringeren Lebensstandard führen.

Wie können der Staat oder NGOs dazu beitragen, dass die psychische Gesundheit der zugezogenen Bevölkerung verbessert wird? Und was kann auf gesellschaftlicher und individueller Ebene unternommen werden?

Die Schweiz kann einen Beitrag leisten, indem sie förderliche Rahmenbedingungen schafft und strukturelle Hürden für Zugewanderte abbaut. Das können etwa die Anerkennung von weiteren Berufsabschlüssen, die Nachholbildung für Erwachsene, bezahlbare Kinderbetreuung und günstige Wohnungen, sowie gerechte Löhne im Niedriglohnbereich sein. Wichtig ist, dass sich Arbeit für alle lohnt. Es dürfen keine Schwelleneffekte entstehen, welche gerade einkommenstiefe Familien in die Sozialhilfe treiben. Familienergänzungsleistungen wären eine wirksame Armutsprävention für Familien. Zu viel Stress fördert (psychische) Erkrankungen, da die eigenen Ressourcen nicht ausreichen, um die Vielzahl an Problemen zu bewältigen.

Ferner braucht es weiterhin Investitionen in die Unterstützung der sprachlichen, sozialen und beruflichen Integration. Schliesslich braucht es mehr Investitionen in die Prävention von psychischen Erkrankungen und in die Förderung der psychischen Gesundheit über die gesamte Lebensspanne. Dies beginnt im Vorschulbereich durch die Frühe Förderung oder niederschwellige Elternarbeit und zieht sich in der schulischen Prävention und in der Jugendförderung weiter.

Niederschwellige Angebote in naher Lebensumgebung stärken die persönlichen Ressourcen von Menschen, unabhängig von ihrem Alter und ihrer Lebenssituation. Angebote, die im Alltag der Menschen psychosoziale Unterstützung bereitstellen, haben eine positive Auswirkung auf deren Fähigkeit, mit widrigen Lebensereignissen und schwierigen Lebensumständen umzugehen. Die Resilienz kann besonders in kritischen Übergangsphasen wie bei der Geburt eines Kindes, in der Pubertät, beim Berufseinstieg sowie bei der Pensionierung gestärkt werden. Ein besonderes Augenmerk muss auf mehrfach belastete Menschen gelegt werden.

Personen ausländischer Nationalität leiden zwar häufiger unter psychischen Belastungen als schweizerische Staatsangehörige. Dennoch nehmen sie laut der Gesundheitsbefragung des BFS von 2017 nicht häufiger Behandlungen wegen psychischen Problemen in Anspruch. Woran liegt das?

Das Thema psychische Gesundheit ist in der Schweiz, trotz langsamer Enttabuisierung, immer noch stark negativ behaftet. Wir betrachten eine psychische Erkrankung noch zu häufig als persönliche Schwäche. Gleichzeitig fehlt uns das Wissen, wie wir unsere (psychische) Gesundheit fördern können. In vielen Herkunftsländern von Zugewanderten ist das Stigma umso grösser. Dann etwa, wenn Staaten nur eine sehr rudimentäre psychiatrische Versorgung kennen, die vor allem auf stationärer Gesundheitsversorgung basiert. Oder dann, wenn die Einweisung in eine Psychiatrie als politische Strafe für Dissidenten oder Dissidentinnen angewendet wird. Es braucht deshalb besonders viel Vertrauen in das Fachpersonal. Es ist viel Fingerspitzengefühl gefragt, damit Betroffene den Fachpersonen ihre Ängste, Sorgen oder Gefühle anvertrauen.

Für Personen mit einer Migrationsgeschichte gibt es wichtige Zugangshürden in eine psychologische Behandlung. Vor allem für Personen, die die Sprache noch nicht fliessend sprechen und deshalb eine interkulturell dolmetschende Person benötigen. Interkulturell Dolmetschende werden noch immer nicht von der Grundversicherung gedeckt und sind auch nicht in allen Gesundheitseinrichtungen die Regel. So erhalten viele Zugewanderte nicht die Möglichkeit zur Verständigung.

Eine weitere Hürde für Personen mit einer Migrationsbiografie ist, dass sie die Schweizer Gesundheitsversorgung noch nicht gut kennen. Dieser Umstand führt dazu, dass viele Menschen Angst vor ungedeckten Kosten haben, die von der Krankenkasse nicht übernommen werden. Das verhindert häufig, dass die Betroffenen sich rechtzeitig Rat bei einer Hausärztin oder einem Hausarzt suchen. Das wäre aber eine wichtige Voraussetzung für eine Behandlung. Zudem gibt es auch einen Gewöhnungseffekt: Wer lange mit chronischen Krankheiten lebt, gewöhnt sich an die psychischen Belastungen und erlebt diese als normal. So, wie wenn man sich daran gewöhnt zu humpeln.

Wie wichtig ist die psychische Gesundheit für die Integration?

Psychische Gesundheit und Integration sind in starker Wechselbeziehung. Wer sich psychisch gesund fühlt, hat bessere Aussichten auf die Integration in verschiedenen Lebensbereichen. Um strukturelle Hürden zu überwinden, braucht es neben persönlichen Ressourcen wie Sprachkenntnissen und beruflichen Qualifikationen zusätzlich persönliche Eigenschaften wie Willen und Hartnäckigkeit.

Anhaltender Stress in verschiedenen Lebensbereichen macht bekanntlich krank, wenn er nicht mehr selbst reguliert oder ausgeglichen werden kann. Psychische Erkrankungen wirken sich häufig negativ auf die Arbeitsfähigkeit aus und führen längerfristig zu einer schlechteren ökonomischen Lebenssituation. Psychisch stark belastete Menschen leben häufig isolierter und erfahren weniger soziale Unterstützung, was die Integration und Teilnahme an der Gesellschaft zusätzlich erschwert. Dies wird besonders im Alter zum Problem.

Und umgekehrt: Wie wichtig ist ein als erfolgreich wahrgenommener Integrationsprozess für die psychische Gesundheit?

Ich komme zurück auf die persönliche Wertung der eigenen Migrationsgeschichte. Es gibt die individuelle und die kollektive Wertung der Integrationsleistung von Migrantinnen und Migranten sowie in der Schweiz Aufgewachsenen. Eine Gesellschaft, welche den Lebensweg von Menschen mit einer Migrationsgeschichte schätzt und ihren Beitrag für die Schweiz anerkennt, erleichtert es dieser, die eigene Migrationsgeschichte positiv zu werten.

Wenn wir stolz darauf sind, was wir erreicht haben, dann bestärkt dies unser Selbstbewusstsein und das Gefühl durch eigenes Handeln trotz Schwierigkeiten vieles erreicht zu haben. Wenn der Fokus aber darauf liegt, was wir nicht erreicht haben, sind wir vielleicht frustriert darüber, dass es andere Menschen mit anderen Voraussetzungen leichter haben. Schwierige Lebensumstände verstärken die Tendenz zu psychischen Belastungen, besonders wenn das soziale Unterstützungsumfeld fehlt.

Gibt es innerhalb der Migrationsbevölkerung Gruppen, auf die der Fokus besonders gelegt werden sollte?

Psychisch belastete oder erkrankte Menschen benötigen unabhängig ihres Alters eine besonders gute Lebensumgebung und psychosoziale Unterstützung, damit sie ihren Alltag meistern können und zu neuen Kräften finden. Es geht besonders darum, mehrfach belastete Menschen und Menschen, die aufgrund von belasteten Lebenssituationen oder erfolgten Traumaerfahrungen besonders gefährdet sind, frühzeitig zu unterstützen:

  • Junge Menschen mit psychisch erkrankten oder suchtgefährdeten Elternteilen;
  • Alleinerziehende, bildungsungewohnte Mütter;
  • Kinder- und Jugendliche, die in armutsgefährdeten kinderreichen Familien aufwachsen;
  • Spät eingereiste Jugendliche kurz vor dem Berufseinstieg;
  • Ältere oder allein lebende Migrantinnen und Migranten mit wenig finanziellen und sozialen Ressourcen;
  • Frauen, Männer und Kinder mit Gewalterfahrungen;
  • Personen aus dem Asyl- und Flüchtlingsbereich mit kriegsbedingten oder lange andauernden komplexen traumatisierenden Erfahrungen.

Welche Rolle spielt die Sprache und damit zusammenhängend der Zugang zu Informationen? Was raten Sie Institutionen bei der Kommunikation zu beachten?

Sprache ist der Schlüssel zur Informationsbeschaffung. Institutionen sollten ihre Kommunikation anpassen, so dass sie die neu eingewanderten Menschen möglichst früh erreichen. Bei wichtigen Themen soll in den Sprachen der Herkunftsländer, mittels Informationsmedien der Communities oder glaubwürdigen Schlüsselpersonen, kommuniziert werden. Vereine der Migrationsbevölkerung sind gewohnt, gut aufbereitete Informationen zu streuen. Die Botschaften sollen aber in einfacher Sprache und nicht in schwerfälliger behördlicher Sprache gehalten sein und den Lebenskontext der Menschen treffen. Eine Übersetzung macht häufig Sinn, muss aber ebenso gut überprüft sein. Das SRK-Portal migesplus.ch bietet Unterstützung für die Kommunikation und kann mithilfe Migesmedia Kontakte zur Migrationsmedien aufbauen.

Gibt es weitere Punkte, die Sie gerne erwähnen würden? Was raten Sie zugezogenen Personen, um psychisch gesund zu bleiben?

Es gibt viele gute Präventionsprogramme, die niederschwellig im Lebenskontext von Menschen ansetzen. Sie stellen den Austausch und das gegenseitige Lernen ins Zentrum. Wirksame Projekte verfolgen partizipative Ansätze, welche die Bedürfnisse der Teilnehmenden ins Zentrum rücken und methodisch so ausgerichtet sind, dass die eigene Geschichte, die eigene Wahrnehmung und Lebensrealität von Betroffenen im Fokus stehen. Zudem ist es wichtig, dass die offenen Fragen der Teilnehmenden geklärt werden.

Das Programm «Femmes-Tische/Väter-Tische» ist ein solches gendersensibles Gruppenangebot mit Peers. Das Hausbesuchsprogramm «schritt:weise» ist ein anderes Angebot zur Verbesserung der Mutter-Kind Interaktion und der Integration der Familien im sozialen Umfeld. «Vater sein in der Schweiz» richtet sich an Väter mit Migrationshintergrund. In diversen Kantonen entstehen Peer-to-Peer Angebote wie «SPIRIT», welche durch angeleitete Freiwillige eine psychosoziale Beratung ansetzt, um die Problemlösestrategien von belasteten Erwachsenen mit Fluchthintergrund im Alltag zu verbessern.