«Ich gehe mit einem guten Gefühl»

Am 1. April 2021 hat Natalie Breitenstein die Leitung der Hauptabteilung Berufsbildung von Heinz Mohler übernommen, der Ende Jahr in Pension geht. Im Interview sprechen die beiden über Vergangenheit und Zukunft der Berufsbildung und verraten, was ihre nächsten Projekte sind.

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Sie gehen nach 39 Jahren in Pension. Können Sie loslassen? Und haben Sie bereits Pläne für die Zeit danach?

Heinz Mohler: Ich freue mich sehr auf den neuen Lebensabschnitt! Endlich Zeit für meine Liebsten zu haben, Zeit für Sprachkurse und meine sportlichen Aktivitäten - es wird eine ganz neue Erfahrung für mich sein, nicht als Erstes an die Pendenzen zu denken, die auf mich warten. Vermissen werde ich die unglaublich bereichernde Arbeit und die Kontakte mit den vielen engagierten Kolleginnen und Kollegen inner- und ausserhalb unserer Direktion. Ich hatte das grosse Glück, viel Gestaltungsfreiheit zu haben. Aber letztlich ich bin vor allem erleichtert darüber, dass ich die riesige Verantwortung ablegen kann und dass meine Nachfolge sauber geregelt ist. Natalie war meine absolute Wunschkandidatin. Bei ihr ist die Baselbieter Berufsbildung in den besten Händen. Ich behalte übrigens immer noch ein Bein - oder eher einen Fuss - in der Berufsbildung. Was das genau ist, werde ich zu einem späteren Zeitpunkt noch mitteilen.

Seit April leiten Sie die Hauptabteilung Berufsbildung. Wie haben Sie ihren Start erlebt?

Natalie Breitenstein: Es war eine intensive Zeit, aber insgesamt eine geordnete Stabsübergabe und kein Kaltstart. Ich war ja schon fast drei Jahre lang stellvertretende Leiterin und Leiterin der Stabsstelle, bevor ich die Verantwortung für die ganze Hauptabteilung übernommen habe. So konnte ich gut in die vielfältigen Themen der Berufsbildung hineinwachsen. Aber der Übergang lief nicht ganz nach Plan. Heinz und ich hatten vor, wegen Pensionierungen im Team und etlichen ausserordentlichen Aufgaben wie Pandemiebewältigung oder KV-Reform ein paar Monate lang in einer Doppelbesetzung zu arbeiten. Mit den so gewonnenen Ressourcen wollten wir Know-how sichern und eine optimale Übergabe gewährleisten. Leider konnten wir dann mehrere Stellen, darunter auch meine vorherige, nicht so schnell besetzen wie vorgesehen. Von daher hat es sich ausgezahlt, dass ich in allen wichtigen Dossiers bereits sattelfest war. Seit November sind wir nun endlich wieder vollzählig.

Sie können zusammen auf eine grosse Erfahrung in der Berufsbildung zurückblicken. Was waren die Meilensteine der vergangenen Jahre? Und was hat sich aus Ihrer Sicht vielleicht auch nicht so gut entwickelt?

HM: Das wichtigste Projekt war wohl die Einführung des neuen Berufsbildungsgesetzes 2002 mit der Einbindung der Gesundheits-, Sozial- und Landwirtschaftsberufe in die Bildungsdirektion. Zudem wurde mit der zweijährigen Grundbildung (EBA) eine zusätzliche Bildungsstufe eingeführt. Dann wurde die duale Ausbildung konsequent als Verbundaufgabe zwischen Kanton, Bund und Branchenverbänden definiert, und die duale Ausbildung wurde konsequent trial gestaltet - also mit den Lernorten Schule, Betrieb und überbetriebliche Kurse. Später kamen noch einschneidende Reformen der Berufsmaturität, des allgemeinbildenden Unterrichts und die Einführung der Mindestvorschriften für Höhere Fachschulen. Alle diese Veränderungen erforderten massive Einführungsarbeiten in den Kantonen und beschäftigen uns zum Teil noch bis heute.

NB: Dazu wurden vor zwei Jahren die Brückenangebote neu positioniert. Diese unglaubliche Dynamik, welche die Berufsbildung heute ausmacht, die gab es früher in dieser Form nicht. Aber auch wenn die vielen Neuerungen sehr aufwändig in der Umsetzung sind und die bestehenden Strukturen enorm fordern: meiner Meinung nach sind wir auf dem richtigen Weg.

HM: Absolut. Ich gehe mit einem guten Gefühl.

Hat sich der Stellenwert der Berufsbildung in der Gesellschaft verändert?

HM: In unserem Kanton ist die Berufsbildung sehr gut etabliert. Dies auch, weil unsere Regierung und das Parlament die Berufsbildung immer unterstützt und gefördert haben und die Beziehung zu den Wirtschaftsverbänden und den Sozialpartnern gezielt pflegen. Insbesondere die schulisch anspruchsvollen Ausbildungen leiden aber zunehmend unter dem gesellschaftlichen Trend zur Höherqualifizierung: viele Jugendliche und Erziehungsberechtigte realisieren nicht, dass die Berufsbildung die gleichen Bildungs- und Laufbahnchancen eröffnet wie der Weg über die Mittelschulen. Der Fokus ist einfach ein anderer.

Wo liegen denn die Chancen in der Berufsbildung? Was hebt sie ab von einem Mittelschulabschluss?

HM: Die grösste Stärke der Berufsbildung ist die grosse Auswahl an Berufsbildern mit ganz unterschiedlichen Anforderungsprofilen. Es ist für fast jeden und jede möglich, eine Lehre zu absolvieren, die den eigenen Bedürfnissen und Kompetenzen entspricht. Wir beobachten übrigens häufig, dass der hohe Praxisbezug in der Ausbildung bei vielen Lernenden einen regelrechten Motivationsschub auslöst und schlummerndes Potenzial stimuliert.

NB: Ja, das fällt mir auch auf: aus schulisch schwächeren Schülerinnen und Schülern werden plötzlich hochkompetente Fachpersonen. Und mit einer Berufsmaturität oder mit dem Abschluss eines Weiterbildungsangebots der Höheren Berufsbildung stehen diesen jungen Berufsleuten alle Türen offen - bis hin zu einem Studium an einer Universität. Diese hohe Durchlässigkeit zwischen den Bildungswegen ist einzigartig.

Ihre Prognose: Was sind die grossen Trends der Zukunft?

NB: Nach unserer Einschätzung gibt es drei Megatrends, welche die Berufsbildung nachhaltig verändern werden: die Digitalisierung, die steigende berufliche Mobilität und der demografische Wandel. Daraus ergeben sich neue Anforderungen an Fachkräfte und Unternehmen. Diese müssen wir rechtzeitig erkennen und anpacken. Für uns bedeutet das, dass sich die Inhalte und die Konzepte in der beruflichen Ausbildung laufend den Entwicklungen in der Wirtschaft und insbesondere im Dienstleistungssektor anpassen müssen. Vor diesem Hintergrund engagieren wir uns auch im vom Bund initiierten Projekt «Berufsbildung 2030».

Was heisst das konkret? Und was sind die weiteren Themen, die der Kanton in der Berufsbildung anpacken muss?

HM: Bereits heute werden die Vorgaben für jedes einzelne Berufsbild durchschnittlich alle fünf Jahre überprüft und - wo nötig - angepasst. Jedes Jahr starten also Lernende in mehreren Berufsfeldern ihre Ausbildung nach einer aktualisierten Verordnung. Im August waren das unter anderem die künftigen Informatikerinnen und Informatiker. Und zurzeit laufen die Arbeiten für die medial sehr präsente KV-Reform auf Hochtouren.

NB: Mit der Digitalisierung beschäftigen wir uns schon seit Jahren. An den Berufsschulen haben wir BYOD mittlerweile schon fast flächendeckend eingeführt. Im Rahmen des Masterplans für die Sekundarstufe II laufen diverse Bauprojekte, welche die Berufsfachschulen und später auch die Brückenangebote betreffen. Dabei legen wir grossen Wert auf eine zukunftsorientierte Planung der Räumlichkeiten. Wenn wir noch weiter nach vorne blicken, steht irgendwann die Zusammenführung aller Hauptabteilungen unserer Dienststelle an einem Standort auf dem Plan. Aber zuerst kommt für mich ganz praktisch die Arbeit mit dem fast 80 Mitarbeitenden der Hauptabteilung und mit meinem engeren Leitungsteam, das nun komplett ist. Wir müssen uns möglichst rasch finden und die Neuen gut einarbeiten, damit wir die Herausforderungen für die Berufsbildung in unserem Kanton vorausschauend bewältigen können. Darauf freue ich mich extrem.

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Die Hauptabteilung Berufsbildung informiert und berät zu allen Fragen der Berufs- und Studienwahl sowie der Laufbahnplanung. Ferner hat sie die Aufsicht über die Lehrverhältnisse und Lehrbetriebe im Kanton, organisiert die Qualifikationsverfahren der beruflichen Grundbildung und setzt sich für die Aus- und Weiterbildung von Berufsbilderinnen und Berufsbildnern ein. Sie führt den bikantonalen Lehrstellennachweis und veröffentlicht Schnupperlehrstellen, koordiniert die Brückenangebote und führt ergänzende Bildungs- und Beratungsangebote, die dem Ein- oder Wiedereinstieg ins Berufsleben dienen. Sie richtet ausserdem Ausbildungsbeiträge aus.