«Die Volksschule legt das Fundament für die Demokratie»

«Die Volksschule legt das Fundament für die Demokratie»


Marianne Helfenberger, Sie sind ausgebildete Pianistin und in Costa Rica aufgewachsen. Wie hat es Sie an die BKSD in Liestal verschlagen?
(lacht) Mein Vater war Schweizer, er reiste regelmässig zurück in die Schweiz und erzählte immer begeistert von seiner Heimat. Alle zwei Jahre gab es «Heimaturlaub» für die ganze Familie. Als jüngste Tochter kam ich weniger in den Genuss des Heimatbesuchs. Mit 12 Jahren durfte ich aber ein paar Monate bei meiner Grossmutter im Tessin verbringen. Von da an war für mich klar, dass ich in der Schweiz studieren wollte. So kam ich nach dem Abschluss an der Deutschen Schule in San José nach Bern, wo ich mich gleichzeitig für Germanistik an der Universität und für Klavier am Konservatorium immatrikulierte. Ich stellte dann fest, dass beides zusammen zeitlich nicht möglich war. Deshalb wurde ich zuerst Pianistin mit Lehrdiplom, unterrichtete Klavier an verschiedenen Schulen und widmete mich daneben dem Studium der Erziehungswissenschaft. Nach der Promotion mit Schwerpunkt Bildungsgeschichte ging ich für ein Post-Doc nach Zürich. Die Vielfalt der Thematik, die Zusammenhänge mit Geschichte, mit Kultur, mit Psychologie, mit Sprache - das fasziniert mich bis heute.

Ein spannender Werdegang! Aber das letzte Puzzleteil fehlt noch: die Verbindung zu Ihrer Position als Leiterin der Abteilung Bildung.
In meiner wissenschaftlichen Arbeit habe ich mich vertieft mit der Rolle der Schule für die Demokratie beschäftigt. Die Schule vermittelt den Schülerinnen und Schülern neben Inhalten wesentliche Fähigkeiten wie kritisches Denken und Selbstreflexion: sie lernen, Informationen zu beurteilen, gegeneinander abzuwägen und sich eine fundierte Meinung zu bilden. Das ist die Basis für politische Mündigkeit und Mitbestimmung. Gerade in der Schweiz mit ihrer direkten Demokratie und dem Anspruch auf wissensbasierte politische Entscheidungen ist es - auch mit Blick auf die Chancengerechtigkeit - extrem wichtig, dass dieses Fundament schon am Ende der Volksschule gelegt ist. Bei der BKSD kann ich die Wirkung von Bildungsmassnahmen beobachten und auf wissenschaftlicher Grundlage an der Entwicklung des Bildungssystems mitarbeiten, damit die Schule weiterhin ihre wichtige Funktion für die Gesellschaft wahrnehmen kann. Das hat mich gepackt, obwohl die Verwaltung für mich nicht die erste Option gewesen war.

Welche Vorbehalte hatten Sie denn gegenüber der Bildungsverwaltung?
Ich fühle mich der Wissenschaft verpflichtet, nicht der Politik. Ich hatte die Befürchtung, dass meine Arbeit instrumentalisiert und für die Legitimation von Massnahmen missbraucht werden könnte, für welche es faktisch keine Grundlage gibt. In meiner Funktion bei der BKSD tue ich aber das genaue Gegenteil: ich setze Daten in eine sinnvolle Beziehung zueinander und kann auf dieser Basis Auskunft über Wirksamkeit und Auswirkungen von konkreten bildungspolitischen Massnahmen geben. Diese Informationen bereite ich zusammen mit meinem Team auf und stelle sie Politik und Öffentlichkeit als Entscheidungsgrundlage zur Verfügung - zum Beispiel in Form des Baselbieter Bildungsberichts. Dabei ist mir wichtig, dass der Unterschied zwischen datenbasierter Berichterstattung und politischer Beurteilung klar hervorgeht. Ich unterstütze also die Akteure der kantonalen Bildungspolitik dabei, Rechenschaft abzulegen über ihre Aktivitäten und deren Beitrag an die Erreichung von gesteckten Zielen.  

Was reizt Sie sonst noch an Ihrer neuen Aufgabe?
Die fortschreitende Digitalisierung und die gesellschaftliche Heterogenität stellen das Bildungswesen und damit die Bildungspolitik vor grosse Herausforderungen. An die Schule wird ja immer auch der Anspruch gestellt, soziale Probleme zu lösen. Die Zusammenarbeit und das Verhältnis zwischen Schule, Verwaltung und Politik sind deshalb entscheidend für die Entwicklung nachhaltiger Lösungsansätze. Alle relevanten Stakeholder mit ihren unterschiedlichen Aufgaben und Perspektiven an einen Tisch bringen und sie mit wissenschaftsbasierten Informationen dabei unterstützen, eine gemeinsame Sprache und einen gemeinsamen Nenner zu finden: das empfinde ich als unglaublich spannend und reizvoll.

Besten Dank für das Gespräch!

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