«Bildungsentwicklung braucht einen langen Atem»

«Bildungsentwicklung braucht einen langen Atem»


Alberto Schneebeli, Sie sind 1986 als Leiter Schulplanung in die BKSD eingetreten und wurden 2023 als Leiter der Abteilung Bildung pensioniert. Gab es dazwischen nie den Wunsch nach einer beruflichen Veränderung?
Nein, den gab es tatsächlich nicht. Es war mir ein Vergnügen und ein Privileg, zusammen mit vielen tollen, engagierten Menschen wesentliche Entwicklungen im Baselbieter Bildungssystem mitprägen zu dürfen. Ich habe meine Aufgaben immer unglaublich gerne wahrgenommen, auch, weil sie extrem vielfältig waren. Einzelimpulse aus Schulen, Politik und Verwaltung bündeln und koordinieren, dabei über den Tellerrand hinausschauen und einen Lösungsvorschlag in eine Vorlage giessen, die den politischen Prozess überlebt, danach deren Einführung begleiten und evaluieren - das war sehr befriedigend, dafür bin ich dankbar. Dazu muss man sehen: Bildungssysteme sind Superdampfer, die nicht auf die Schnelle den Kurs wechseln können. Die Arbeit am System, das gleichzeitig immer weiterlaufen muss, und mit den unzähligen Beteiligten und Betroffenen braucht Zeit. Projekte werden teilweise über zehn bis zwölf Jahre hinweg entwickelt und umgesetzt. Man braucht also einen langen Atem. Wer den nicht mitbringt, ist in einer solchen Funktion eigentlich auch fehl am Platz.

Entwicklung heisst immer auch Veränderung. Waren Sie der oberste Change Manager des Baselbieter Bildungswesens?
Ich würde eher sagen, ich war ein Geburtshelfer. Die Geschwindigkeit in der Bildungsentwicklung ist ja relativ nah an der Plattentektonik, da wäre «Change Manager» eine unpassende Bezeichnung. Er würde auch falsche Assoziationen wecken. Im Baselbiet sind wir ja nicht losgelöst von den gesamtschweizerischen Rahmenbedingungen unterwegs. Ich musste also immer auch den Ausgleich zwischen den kantonalen Ansprüchen ans Bildungswesen und den schweizerischen Vorgaben und Strategien schaffen - und das, ohne billige Kompromisse einzugehen oder Scheinlösungen zu präsentieren, die neue Probleme nach sich gezogen hätten.

Wenn ich Ihnen so zuhöre, müsste man bei Ihnen eigentlich nicht von 36 Jahren, sondern von drei Projektzyklen bei der BKSD sprechen. Was waren Ihre persönlichen Highlights?
Für mich steht das Gesamtwerk im Vordergrund mit einer stimmigen Bildungslaufbahn für die Schülerinnen und Schüler vom Kindergarten bis zu den Abschlüssen der Sekundarstufe II, weniger die einzelnen Projekte. Dass ich eine gewisse Kohärenz in meine Arbeit bringen konnte, empfinde ich als Erfolg und erfüllt mich mit Stolz. Aber dass wir die Blockzeiten auf Primarstufe einführen und die Sekundarstufe I unter einem Dach vereinigen konnten, und dass die Verfassungsbestimmungen zur Harmonisierung im Bildungswesen und auch das  HarmoS-Konkordat letztlich auf Anregungen aus dem Baselbiet zurückgehen, ist hier vielleicht doch noch erwähnenswert.

Hand aufs Herz: Es gab doch sicher auch nervige Projekte. Oder?
(lacht) Die zum Teil emotional geführten Kontroversen bei der Vorbereitung und Einführung der Blockzeiten am Kindergarten und der Primarschule in den 1990er Jahren oder die Diskussionen über die Verkürzung des Gymnasiums waren nicht nur erfreulich. Aber - das darf ich jetzt ja sagen - das mit Abstand mühsamste Projekt war für mich die Überarbeitung des Berufsauftrags für Lehrpersonen mit dem «Zankapfel», ob auch an der durch die Gemeinden getragenen Primarstufe die Klassenleitung in Form einer Spezialfunktion gestärkt werden soll. Für die Schulbeteiligten war dies von Beginn an eine Kernforderung, die Gemeinden lenkten mit dem Kompromiss der «Variabilität» ein, so dass sie selber im Einzelfall über die Einführung und die Mehrkosten entscheiden können. Bis zum knappen Entscheid im Landrat vom 1. Dezember 2022 zugunsten der Einheitlichkeit mit Zusatzkosten für die Gemeinden belastete dieser Dissens die wichtigen Arbeiten an der Vereinfachung der heute überkomplexen und unübersichtlichen personalrechtlichen Bestimmungen zur Jahresarbeitszeit und zum Berufsauftrag aller Baselbieter Lehrpersonen.

Was würden Sie rückblickend anders angehen? Gibt es eine Erkenntnis, die Sie Ihrer Nachfolgerin Marianne Helfenberger mitgeben möchten?
Ich bin überzeugt, dass Marianne ihren eigenen Weg finden wird. Meinem jüngeren Ich würde ich aber ans Herz legen, nicht immer ganz so folgsam zu sein. Das heisst, politische Tagesforderungen zugunsten einer sauberen Problemanalyse abzuwehren und ganz penibel auf die Umsetzbarkeit, die wissenschaftliche Evidenz und die Nachhaltigkeit von Lösungen zu achten. Ein ganz wichtiger Punkt dabei ist auch deren Akzeptanz: Lösungen müssen von allen Beteiligten und Betroffenen mitgetragen werden. Die Entwicklung des Programms «Zukunft Volksschule» ist meines Erachtens ein sehr positives Beispiel dafür, wie ein solcher Prozess gelingen kann.

Und ich möchte noch nachschieben, dass Projekte ergebnisoffen angegangen werden und Möglichkeiten für weitere Entwicklungsschritte lassen müssen. Werden Einzelforderungen nicht in einem sorgfältigen Prozess der Standortbestimmung, der Lösungsentwicklung mit Varianten sowie der strategischen Bündelung und Gewichtung mit Schulbeteiligten bearbeitet, entstehen allenfalls für einen Moment akzeptierte «Lösungen», die dann aber später immer wieder neu bearbeitet werden müssen. Ein Beispiel ist eine isolierte Veränderung der Promotionsbestimmungen. Erkenntnis aus meiner Berufserfahrung: nachhaltige und weiterentwicklungsfähige Lösungen brauchen Zeit für den Lernprozess und die Meinungsbildung der Schulbeteiligten und der Öffentlichkeit.

Und noch das Orakel zum Schluss: Wo sehen Sie künftig die grössten Herausforderungen für die Bildungspolitik?
Mit der zunehmenden Heterogenität der Gesellschaft kommt auch ganz ohne Digitalisierung und künstliche Intelligenz - die ist nochmals ein Thema für sich - eine ganz grosse Aufgabe auf das Bildungswesen zu. Die Chancengerechtigkeit muss massiv verbessert werden. Dabei gilt es, Risikogruppen, die den Bildungsanforderungen nicht entsprechen können, genauer zu erkennen, zu fördern und zu fordern. Denn man weiss: der in die frühe Förderung investierte Franken gibt siebenmal mehr Nutzen als später im Lebenslauf angesetzte Bildungsprogramme und entlastet die Arbeitslosen- und Sozialhilfekassen. Zum Bildungserfolg möglichst aller Schülerinnen und Schüler können auch Tagesstrukturen beitragen, die übrigens auch im Baselbiet schon in den 90ern gefordert wurden, wenn auch mit leicht anderem Hintergrund als heute.

Besten Dank für das Gespräch!

 

 

 

Bild Legende: