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Sensibilisierungs-Parcours
Gehörlos miteinander reden, sich mit dem weissen Stock durch Räume orientieren, im Rollstuhl Kopfsteinpflaster überwinden: Der Sensibilisierungs-Parcours des Amts für Kultur Basel-Landschaft machte erfahrbar, wie unterschiedlich Wahrnehmung ist – und wie schnell Barrieren entstehen, wenn man nicht sehen, nicht hören oder nicht gehen kann. Der Perspektivenwechsel sensibilisierte im wahrsten Sinne des Wortes.
Rund 60 Mitarbeitende des Amts für Kultur nahmen am Parcours teil. Im Zentrum stand das direkte Erleben – begleitet von Fachpersonen aus Organisationen der Behindertenselbsthilfe und -beratung. Viele Teilnehmende beschrieben die Übungen als konzentriert, herausfordernd und nachhaltig wirkend.
Erfahrungsräume im Sensibilisierungs-Parcours
Der Parcours führte in fünf Gruppen durch unterschiedliche Erfahrungsräume. Jede Gruppe absolvierte zwei Posten. Pro Station gab es eine kurze Einführung durch die jeweilige Fachperson und anschliessend den Perspektivenwechsel – mit Hilfsmitteln, Übungen und Begleitung vor Ort.
Rollstuhl – Wege, Kanten, Menschenmengen
Zwei Stationen fokussierten auf Mobilität im Rollstuhl. Christine Bühler, Präsidentin des Behindertenforums beider Basel, und Chikha Benallal, Peer-Beraterin Deutschschweiz der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung, begleiteten die Teilnehmenden im Museum sowie auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt. Rampen, Liftwege, Toilettenzugänge, Thekensituationen, Kopfsteinpflaster und dichte Besucherströme machten deutlich, wie rasch selbst kurze Strecken zur Hürde werden. In den Gesprächen zeigte sich: Unterstützung ist hilfreich – entscheidend bleibt jedoch, dass Zugänge grundsätzlich funktionieren.
Gehörlos – Kommunikation ohne Stimme
In einem eigens genutzten Raum des Museum.BL führte Lua Leirner vom Gehörlosen-Fürsorgeverein der Region Basel in Fingeralphabet und Gebärdensprache ein. Der Wechsel in eine Kommunikation ohne gesprochene Sprache zeigte, wie wichtig klare Signale, Blickkontakt und Struktur sind – und wie schnell Information verloren geht, wenn Übersetzung oder Sichtbezug fehlen.
Hörbehinderung – Mundbild, Kontext und Akustik
Mit Dieter Isch und Patrick Dubach vom Schwerhörigen-Verein Nordwestschweiz erlebten die Teilnehmenden, wie anspruchsvoll Lippenlesen und Mundbilddeutung sind – insbesondere ohne Kontext. Eine Übung machte dies unmittelbar spürbar: Wörter können gleich aussehen, die Bedeutung erschliesst sich erst durch Beschreibung und Situation. Gleichzeitig wurde deutlich, wie zentral gute Akustik für Teilhabe ist – nicht nur für schwerhörige Menschen, sondern für alle.
Blindheit – sicher gehen, Vertrauen aufbauen
Mit Dunkelbrille und weissem Stock ging es vom Museum via Treppe in den 2. Stock des Amtshauses. Josef Camenzind, Präsident der Sektion Nordwestschweiz des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbands, führte in die Paarübung ein: Eine Person geht blind, die andere sichert. Der Weg verlangte volle Konzentration und zeigte, wie zentral Begleitung, Orientierung und verlässliche Strukturen sind.
Camenzind ermutigte zur Wahrnehmung:
«Spürt, wie es sich anfühlt, nur mit dem weissen Stock zu sehen.»
Sehbehinderung – beschreiben, finden, orientieren
Im 3. Stock des Museum.BL, in der Seidenband-Ausstellung, sensibilisierte Paolo Fraschina, Vorstandsmitglied der Sektion Nordwestschweiz des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbands, für eingeschränktes Sehen. Das Beschreiben von Objekten, das Zurechtfinden in der Ausstellung sowie das Auffinden von Informationen (z. B. QR-Codes) machten deutlich, wie wichtig Kontraste, Beleuchtung, Lesbarkeit und klare Orientierung sind – und wie sehr Sprache Zugang schaffen kann.
Was der Parcours erfahrbar machte: ein Mehrwert für Kulturinstitutionen
Der Sensibilisierungs-Parcours lieferte nicht nur Eindrücke, sondern konkrete Lernpunkte für den Alltag in Kulturhäusern:
- Standardlösungen reichen selten – Zugänglichkeit muss konsequent mitgedacht werden.
- Gute Signaletik, klare Kommunikation und einfache Abläufe erleichtern vielen Menschen den Zugang.
- Perspektivenwechsel stärken das Verständnis im Team und führen zu nachhaltig besseren Angeboten.
- Die Zusammenarbeit mit Fachorganisationen bringt wertvolles Wissen direkt in die Praxis.
Der Parcours war Teil des Jahresausklangs des Amts für Kultur und wurde vom Team gemeinsam mit dem Museum.BL sowie der Inklusionsbeauftragten im Amt für Kultur Paola Pitton geplant und umgesetzt. Esther Roth, Leiterin Amt für Kultur, betonte im Dank an die beteiligten Organisationen, die Expertinnen und Experten hätten Einblick in eine Realität ermöglicht, «die oft genug nicht unsere ist – und die wir ohne diese Sensibilisierung nur schwer wahrnehmen können».
Der Sensibilisierungs-Parcours 2025 hat die Mitarbeitenden nicht nur weitergebildet, sondern auch berührt. Er war ein wichtiger Schritt hin zu einem Kulturangebot, das alle Menschen erreicht – unabhängig von ihren sensorischen oder körperlichen Voraussetzungen.
Links:
- Behindertenforum
- Schweizer Paraplegiker-Vereinigung
- Gehörlosen-Fürsorgeverein der Region Basel
- Schwerhörigen-Verein Nordwestschweiz
- Schweizerischer Blinden- und Sehbehindertenverband Sektion Nordwestschweiz
Weitere Informationen zu unseren Austauschformaten finden Sie auf unserer Webseite:
Text: Claudia Puzik; Fotos Matthias Willi