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«Inklusion beginnt dort, wo wir Potenziale sehen»
Barrierefrei zu denken heisst, Unterschiede als Bereicherung zu begreifen. Barrieren existieren nur dort, wo Bedürfnisse übersehen werden. Beim dritten Apéro inklusiv im Museum.BL sprach Simone Russi, Inklusionsbeauftragte des Swiss Science Center Technorama, darüber, wie Zugang für alle möglich wird – durch Bewusstsein, Offenheit und kontinuierliche kleine Schritte.Apéro Inklusiv mit Inklusionsexpertin Simone Russi

Zahlreiche Interessierte nahmen am Dienstag, 14. Oktober 2025, am Anlass teil. Die von Paola Pitton, Inklusionsverantwortliche im Amt für Kultur, organisierte und moderierte Veranstaltungsreihe stellt Menschen vor, die sich für barrierefreie Zugänge und die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen einsetzen.
Begrüsst wurden die Gäste von Esther Roth, Leiterin des Amts für Kultur. Sie erinnerte daran, dass Inklusion mehr ist als ein gutes Anliegen: «Echte Inklusion gelingt, wenn wir uns zuhören und voneinander lernen – mit Offenheit, Respekt und Neugier.»
In diesem Sinne lauschten die rund 60 Teilnehmenden den Ausführungen von Simone Russi, gleichzeitig Fachperson und Selbstvertreterin. Offen sprach sie über Herausforderungen und Chancen, die in einer inklusiven Kulturarbeit liegen.
Einblick in gelebte Inklusion
Simone Russi gewährte Einblicke in ihren Arbeitsalltag im Technorama. Dort entsteht Inklusion durch klare Abläufe, unterstützende Kommunikationsformen und eine wertschätzende Kultur. Ein wichtiger Bestandteil sind regelmässige Sensibilisierungstrainings, die Mitarbeitenden einen Perspektivwechsel ermöglichen – etwa, indem sie selbst erfahren, wie sich eine Umgebung aus der Sicht einer blinden Person oder einer Rollstuhlfahrerin anfühlt. Diese Erfahrungen helfen, Barrieren besser zu erkennen und im Alltag gezielt abzubauen.
«Inklusive Massnahmen müssen nicht von Beginn an perfekt sein.»
Simone Russi, Inklusionsbeauftragte Technorama
Russi machte deutlich, dass Arbeitgebende bereit sein müssen, Flexibilität zuzulassen, wenn es um barrierefreie Zugänge geht. Individuelle Anpassungen im Arbeitsalltag – etwa veränderte Arbeitszeiten oder alternative Kommunikationsformen – können entscheidend dazu beitragen, dass alle ihr Potenzial entfalten können. Als Mitbegründerin eines eigenen Verlags weiss sie, wie anspruchsvoll es ist, inklusive Strukturen im ersten Arbeitsmarkt umzusetzen.
«Wir fokussieren uns auf die Stärken der einzelnen Mitarbeitenden, damit sie ihr Potenzial entfalten können.»
Persönliche Perspektive
Simone Russi berichtete auch ganz persönlich, wie Inklusion im Arbeitsalltag funktioniert – nicht als Sondermassnahme, sondern als selbstverständliche Haltung. Erst vor zehn Jahren erhielt sie die Diagnose Autismus. Seither kann sie bewusster mit ihren eigenen Stärken und Grenzen umgehen. Immer an ihrer Seite ist Assistenzhündin Bazinga, eine grau-weiss-beige Border-Collie-Hündin, die wie ein Seismograph auf Stressreaktionen reagiert und sie durch Berührungen etwa vor Reizüberflutung schützt. Ihre persönliche Geschichte verbindet Simone Russi mit einer klaren Botschaft:
«Das Wichtigste ist das Bewusstsein. Wenn Mitarbeitende wissen, dass Unterschiede normal sind, entsteht eine Kultur, in der niemand sich verstellen muss.»
Viele Gäste nutzten den anschliessenden Apéro, um Gedanken zu teilen und eigene Erfahrungen einzubringen.
Eine Auswahl an Stimmen zum dritten Apéro Inklusiv:

Foto: Chikha Benallal und Christine Bühler
«Es gibt viele Parallelen zwischen verschiedenen Behinderungsarten. Entscheidend ist, dass wir Barrieren abbauen – für sichtbare und unsichtbare Behinderungen.»
Chikha Benallal, Peer-Beraterin der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung
«Als Mensch mit einer sichtbaren Behinderung wird man eigentlich immer zuerst auf die Problematik reduziert. Dabei müsste man viel stärker ressourcenorientiert denken – bei allen Menschen, auch bei jenen mit unsichtbaren Behinderungen. Jeder Mensch hat Ressourcen, und genau die sollten im Vordergrund stehen – auch in Bewerbungsgesprächen oder wenn es um Arbeitsplätze geht.»
Christine Bühler, Präsidentin des Behindertenforums Basel-Landschaft

Foto: Jasmin Wiesli und Paolo Fraschina
«Ich kam unvorbereitet – und war sofort begeistert. Diese Offenheit, die Atmosphäre, die Begegnungen: Ich würde sofort wiederkommen.»
Jasmin Wiesli, Kunstvermittlerin
«Das Thema Autismus wurde greifbar und menschlich. Es war spannend, einen so authentischen Einblick zu erhalten.»
Paolo Fraschina, Teilnehmer
Vernetzung mit Wirkung
Mit dem Format Apéro inklusiv bringt das Amt für Kultur Menschen aus Kultur, Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft zusammen. Das Format ist Teil der kantonalen Inklusionsmassnahmen zur Umsetzung des Behindertenrechtegesetzes und fördert den Austausch zwischen Kulturschaffenden, Institutionen und Menschen mit Behinderungen.
- Der nächste Apéro inklusiv findet im Frühjahr 2026 statt.
- Weitere Informationen und Termine: Inklusion und Teilhabe - Baselland
Text: Claudia Puzik, Amt für Kultur. Fotos: Matthias Willi