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Ertasten und «erhören» – Kunst wahrnehmen ohne Augen
Paolo Fraschina versteht es wie kaum ein anderer, Bewusstsein für die Lebensrealität blinder und sehbehinderter Menschen zu schaffen. Sein zentrales Anliegen: Barrieren abbauen, Unsicherheiten auflösen – und zeigen, dass Inklusion im Kulturbereich vor allem mit Aufmerksamkeit, Offenheit sowie guter Beschreibung beginnt.
Am 2. Dezember 2025 fand in der Kunsthalle Palazzo in Liestal der dritte Starterkit des Amts für Kultur statt. Die rund dreistündige Weiterbildung richtete sich an Kulturinstitutionen des Kantons Basel-Landschaft sowie an Kulturinteressierte und Kulturschaffende mit Behinderungen. Organisiert wurde der Anlass von Paola Pitton, Fachverantwortliche für Inklusion im Amt für Kultur. Begrüsst wurden die Teilnehmenden zudem von Olivia Jenni und Michael Babics, dem Leitungsteam der Kunsthalle Palazzo, die regelmässig professionelle Angebote zur Kunstvermittlung durchführen.
«Menschen mit Behinderungen
sind Menschen und keine Pathologien»,
betonte Paolo Fraschina.
Kunst ertasten und «erhören»
Wie wird Kunst erfahrbar, wenn der visuelle Zugang fehlt? Diese Frage bildete den roten Faden durch den theoretischen und den praktischen Teil des Starterkits. Paolo Fraschina führte zunächst in zentrale Grundlagen ein:
- wie Orientierung ohne Sicht funktioniert,
- weshalb klare Sprache Sicherheit schafft und
- wie Beschreibungen aufgebaut sein müssen, damit blinde Menschen ein inneres Bild entwickeln können.
Perspektivwechsel: Orientierung ohne Augen
Im ersten Praxisteil wechselten die Teilnehmenden aktiv die Perspektive. In Zweiergruppen erkundeten sie die Räumlichkeiten der Kunsthalle – eine Person mit Dunkelbrille, die andere als führende Person. So wurde spürbar, wie viel Vertrauen die Ellbogenführung verlangt und wie bedeutsam kleine Hinweise sind: Richtungsangaben, Engstellen, Lichtwechsel, leise akustische Signale im Raum.
Fraschina zeigte, worauf es ankommt: nicht einhängen, sondern den Ellbogen anbieten; deutlich sagen, wenn man sich entfernt; Türen, Treppen und Übergänge ansagen; und Menschen mit Sehbehinderungen immer direkt ansprechen. Das Uhr-System («auf 12 Uhr», «auf 3 Uhr», «auf 6 Uhr») erweist sich dabei als einfache, präzise Orientierungshilfe.
Nach der Übung folgte ein kurzer Austausch im Plenum: Viele schilderten, wie ungewohnt – und zugleich aufschlussreich – die Orientierung ohne Augen war. Eine Teilnehmerin formulierte es so:
«Man merkt erst in diesem Moment,
wie viel Orientierung im Alltag unbewusst
über die Augen läuft.»
Kunst beschreiben: vom Ganzen ins Detail
Im zweiten Teil stand die Werkbeschreibung im Mittelpunkt. Abwechselnd beschrieben die Teilnehmenden ein Kunstwerk und arbeiteten dabei mit dem Ansatz «vom Raum zum Objekt, vom Ganzen ins Detail»:
- zuerst den Raum, die Atmosphäre, die Hängung,
- dann das Werk: Format, Material, Rahmen, Position,
- anschliessend Farben, Formen, Motive und mögliche Assoziationen.
Fraschina verglich diese Aufgabe mit einem gut strukturierten Aufsatz über ein Bild: Die beschreibende Person müsse sich vorstellen, dass das Gegenüber nur ihre Worte hat, um sich ein inneres Bild zu formen. Dabei gehe es nicht um Perfektion, sondern um Verständlichkeit, Sinnlichkeit und Orientierung.
«Eine Künstliche Intelligenz kann ein Bild perfekt beschreiben –
aber sie vermittelt keine Atmosphäre.
Genau diese Atmosphäre ist jedoch zentral für Menschen,
die ein Werk nicht sehen können», sagte Fraschina.
Alternativtexte und digitale Zugänglichkeit
Zum Abschluss folgte ein kurzer Einblick in die Formulierung von Alternativtexten für Bilder. Der Schwerpunkt lag auf der Frage, wie sich mit wenigen Worten ein klarer visueller Eindruck vermitteln lässt und warum digitale Barrierefreiheit bereits in der Konzeptionsphase einer Website berücksichtigt werden sollte.
Die Wirkung
Der Starterkit machte deutlich, wie stark inklusive Kulturvermittlung von Haltung, Sprache und sorgfältigen Beschreibungen geprägt ist. Viele erlebten, wie hilfreich eine bildhafte Sprache, ruhige Situationen und präzise Orientierungspunkte sind und dass Unsicherheiten im direkten Gespräch schnell ausgeräumt werden können. Fraschina fasste es in einem Satz zusammen:
«Wer sich in Ihrer Institution willkommen fühlt,
kommt nicht nur einmal – sondern zwanzig Mal.»
Zur Person: Paolo Fraschina
Paolo Fraschina ist Vorstandsmitglied des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbands, Sektion Nordwestschweiz. Er berät Kulturinstitutionen, schult Kulturvermittelnde und setzt sich seit vielen Jahren für einen selbstverständlichen Zugang zu Kunst und Kultur ein. Mit dem von ihm gegründeten Verein «anrufkultur» ermöglicht er Menschen, die Museen nicht besuchen können, Kunstführungen per Livestream.
Zum Format «Starterkit»
Der Starterkit ist eines von vier Austauschformaten des Amts für Kultur des Kantons Basel-Landschaft. Er unterstützt Kulturinstitutionen bei der Umsetzung des kantonalen Behindertenrechtegesetzes und fördert den gemeinsamen Weg zu mehr Inklusion im Kulturbereich.
Links
Weitere Informationen zu unseren Austauschformaten finden Sie auf unserer Webseite: Inklusion und Teilhabe - Kanton Basel-Landschaft
Text und Fotos: Claudia Puzik