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Allmendweg 35, Untere Fabrik

Die 1859 von Fiechter & Söhne erbaute „Untere Fabrik” in Sissach steht parallel zur Ergolz am rechten Bachufer am Allmendweg 35. Zusammen mit der weiter östlich gelegenen „Oberen Fabrik” bilden beide Anlagen noch heute markante Akzente am Nordrand des alten Dorfes. Zur ersten Bauetappe der Seidenbandfabrik 1859/60 zählte neben dem Fabrikgebäude mit Turbinenhaus, das Wohnhaus des Fabrikleiters, das Arbeiterhaus mit Schopf, das Gashaus und der Gewerbekanal.

Die Fabrik, ein Satteldachbau mit drei Vollgeschossen und einem auf der westlichen Giebelseite zu den Mittelrisaliten ausgestalteten Turm mit Sanitäranlagen, bildet den zentralen Baukörper. Die gleichförmige Rasterfassade mit ihren zwölf Fensterachsen wird durch zwei, die Geschosse unterteilende, Gurtgesimse gegliedert. Im Sockelbereich umläuft ein massives Quadersteinband mit Randschlag die schlichte spätklassizistische Fassade. Die an der Giebelwestseite vorspringenden Bruchsteine - die gesamte Mauerstruktur besteht im Übrigen aus mächtigen Bruchsteinen - zeugen von der 1890/91 geplanten, aber letztlich nicht genehmigten Verlängerung des Fabrikgebäudes unter der neuen Bauherrschaft Dietschy & Cie. Anstelle der Fabrikvergrösserung trat 1898 der Bau der Shedhalle nordwestlich des Fabrikgebäudes. Im Innern erfolgt der Zugang zu den Geschossen im nordöstlichen Teil des Gebäudes über ein schmales Treppenhaus mit zweiläufig-gegenläufiger Treppe.

Die grossen Fabriksäle im Innern spiegeln typologisch die neue Epoche des Industriebaus. Eine in der Mitte der Halle verlaufende doppelte Stützenreihe - im Erdgeschoss mit Eisensäulen (die ursprünglichen Holzpfeiler ersetzend), welche die hölzernen Unterzüge der Balkendecke tragen und in den Obergeschossen mit Holzpfeilern - bildet den zentralen Verbindungsgang. Zu beiden Seiten ergibt sich dadurch ein stützenfreier Raum zur Platzierung der Webstühle. Dieser seit 1830 gebräuchliche Bautypus ermöglichte die Arbeit direkt an den relativ grossen Fenstern, durch die von beiden Längsseiten Licht auf die Bandwebstühle fiel.

Ein Vergleich der Unteren Fabrik mit dem 1858 von Joh. Jak. Stehlin errichteten Fabrikgebäude in der Mühlematt in Liestal (—1960 abgebrochen), heute Gewerblich-industrielle Berufsschule. als auch mit anderen von Stehlin ausgeführten Fabrikbauten (z.B. De Bary + Cie. in Basel. 1965 abgebrochen), lässt eine frappante Ähnlichkeit untereinander erkennen. Obwohl sich im Stehlin-Archiv keine Pläne finden liessen, erhärtet die Tatsache, dass Stehlin für E. Fiechter-Seiler, einem Teilhaber der Unteren Fabrik, in Basel am Aeschengraben 30 (heute De Wette-Schulhaus) ein Wohnhaus erbaute, die Vermutung, dass Stehlin auch für den Fabrikneubau in Sissach verantwortlich war. Joh. Jak. Stehlin (1826-1894) errichtete nebst diversen Fabrikanlagen in Basel u.a. die Kunsthalle, den Musiksaal des Stadt-Casinos, das Bernoullianum, das Untere Kollegium der Universität am Rheinsprung, als auch das alte Stadttheater. Die Villa Gauss in Liestal (heute Sitz der Kantonalen Denkmalpflege) stammt ebenfalls von Stehlin.

Mit der Errichtung der Unteren Fabrik und der Oberen Fabrik hielt die Industrie im Jahre 1860 ihren Einzug in Sissach. In den ländlichen Zentren bauten einzelne Stadtbasler Fabrikherren Fabriken - jeweils als Filialbetriebe städtischer Unternehmungen; dies vor allem seit dem Bau der Eisenbahn um die Jahrhundertmitte; Dörfer wie Gelterkinden und Sissach erhielten in dieser Zeit gewisse kleinstädtische Züge. Die neuen Fabrikbauten sprengten zumeist die Maßstäblichkeit ihrer Umgebung und brachten mit ihrer elementaren Blockform und der gleichförmigen Fenstergliederung eine neue, an den rationalen Normen der Industrieproduktion orientierte Architektur ins Stadt-, resp. Landschaftsbild. Als Kathedralen des 19. Jahrhunderts" prägten die Fabriken meist die Ränder der alten Dörfer. Auch in Sissach hatte die Heimposamenterei schon seit Jahrzehnten Fuss gefasst. Neu war indessen die Zusammenfassung der für die Fabrikation erforderlichen Kräfte in einem in sich geschlossenen Fabrikationsbetrieb unter Ausnutzung von Fremdenergie - hier vorerst der Wasserkraft, die grosse Turbinen antrieb, um einen ganzen Maschinenpark in Bewegung zu setzen.

Die beiden Fabriken in Sissach repräsentieren eine neue Bauaufgabe, den vom Wohnhaus unabhängigen Produktionsbetrieb; sie sprechen auch vom Aufkommen einer neuen Arbeitsform. Wurde bislang die Seidenbandweberei vorwiegend von Bäuerinnen und Bauern in Heimarbeit betrieben, so kommen jetzt die jungen Frauen und Männer, die in der Landwirtschaft kein Auskommen mehr finden, als Arbeiterinnen und Arbeiter in die Fabrik.

Den Bauten fehlt bewusst die Zeichensprache einer städtischen Repräsentationsarchitektur; für die neue Bauaufgabe „Fabrik” charakteristisch wurde der langgestreckte Baublock unter Satteldach mit Fassaden, die durchgehende Reihen gleicher Fenster rhythmisieren, eine reine, nüchterne Zweckarchitektur, wie sie für die Moderne im 20. Jahrhundert zum konzeptionellen Vorbild wurde. Die kubische Grossform mit ihrer reduzierten Gliederung wurde in der Nachkriegszeit als monoton verurteilt: mag sein, dass auch die Erinnerung an die ausbeuterische Fabrikarbeit diesen Industriebauten wenig Beliebtheit eintrug. Jedenfalls verschwanden manche von ihnen. In jüngerer Zeit erfahren nun Fabrikbauten der ersten Generation neue Wertschätzung, einerseits wegen ihres historisch-dokumentarischen Wertes für die Industriearchäologie, andererseits wegen ihrer funktionalen Unbestimmtheit, die sie für Umnutzungen geeignet macht, wie das Beispiel der Unteren Fabrik in Sissach als „Kulturhaus“ in schönster Weise zeigt, aber auch wegen ihrer architektonischen Qualität als einprägsame Elemente einer städtischen - als auch ländlichen Architektur.

1930 erfolgte die Betriebsschliessung der Seidenbandfabrik. Von 1936 bis 1945 wurde die Fabrik als Grenzschutzkaserne des Festungswachkorps (FWK 4) mit rund 450 Betten genutzt. Die Duschbrauseanlage im Keller zeugt noch von dieser Zeit.
Nach dem 2. Weltkrieg erwarb die Maschinenbaufirma P. Spiess-Tschudin AG die Fabrikanlage. Sie erweiterte den Hochbau im EG und 1. OG und rüstete das Gebäude mit Lift- und Krananlagen aus.

1983 ging das Areal inkl. Gebäude treuhänderisch für den Kanton an die Basellandschaftliche Kantonalbank zum Bau der Umfahrung Sissach. Dank einer 1993 im Einspracheverfahren erzwungenen Verschiebung des neu projektierten Umfahrungstunnels konnte der Hauptbau vor dem geplanten Abbruch gerettet werden.

Seit 1994 ist das Hauptgebäude privat vermietet und wird für kulturelle Anlässe rege benutzt. Von 1995 bis 2007 war der Kanton Eigentümer der gesamten Anlage.

Als architektonischer Zeuge der wirtschaftsgeschichtlichen Entwicklung unserer Region und unseres Kantons kommt der Unteren Fabrik in Sissach eine eminente Bedeutung zu, die sie ausdrücklich als Schutz- und erhaltungswürdig einstufen lässt!

Seit 4.9.2007 ist die Berlac AG Eigentümerin der Unteren Fabrik. 

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