Schafmattstrasse 79

Das Bauernhaus "In den Sandgruben" liegt im Oberdorf Richtung Schafmatt am Dorfrand und gehört somit zu jenem Dorfteil, der erst im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts Gestalt annahm.

In dem Band "Bürgerhaus der Schweiz" von Prof. Reinhardt wird vermutet, dass Ulrich Gass von Böckten, der "neuwe Bur", der 1626 in Oltingen erscheint, das Haus erbaut hat. Den Namen "In den Sandgruben" erhielt es von einem kleinen Steinbruch, wo auch Sand zum Waschen geholt wurde. Im Jahre 1711 ist es vom damaligen Besitzer, dem Hafner Martin Marti renoviert worden. Daraufhin weist die Inschrift M M 1711 an einem Kreuzstock. Das Haus "zu oberst im Dorff Oltingen rechter Hands wenn man auff Aarau gehet" war 1732 im Besitze von Hans Heinrich Gass. Im Jahre 1767 gelangte es an Martin Gysin, kam später an die Familie Gass und zuletzt an die Nachkommen des Martin Gysin.

Der Oekonomieteil von 1720 ist 1939 abgebrannt und wieder aufgebaut worden. Die Gebäudegruppe entspricht mit dem niederen Oekonomie- und dem hohen Wohnteil dem Typus des Baselbieter Bauernhauses des 17. Jahrhunderts. Das dreigeschossige Wohnhaus unter steilem Satteldach besitzt eine der markantesten gotischen Fassaden des oberen Kantonsteils. Im Erdgeschoss befindet sich zwischen einem fünfteiligen Reihenfenster und einem zweiteiligen Fenster asymmetrisch angeordnet der Eingang, der in einem schulterbogenförmigen Sturz abschliesst. Darüber sind im ersten Obergeschoss vier zweiteilige Fenster regelmässig verteilt, wobei die beiden mittleren Fenster mit einer durchlaufenden Fensterbank verbunden sind. Im obersten Geschoss sind die Fenster kleiner und unregelmässig verteilt. Im Giebel hingegen finden sich verschiedene Fenster zum Teil mit Stichbogen aus späteren Bauperioden. Das auf den gewachsenen Tuff gestellte Haus, dessen Keller aus dem Stein herausgehauen worden ist, ist über eine gerade Freitreppe zugänglich. Die nach dem Brande mustergültig wieder aufgebaute Oekonomie zeigt links neben dem Tenntor einen vom alten Bestand übernommenen Stein mit der Jahreszahl 1720 und einem Steinmetzzeichen.

Das stattliche Gebäude gehört zu den besten gotischen Bauernhäusern von Oltingen. Seine ausgezeichnete Fassade bringt einerseits das Festhalten an gotischen Bauformen bis ins 17. und 18. Jahrhundert zum Ausdruck und weist andererseits auf die innere Grundrisstruktur und die Veränderungen hin. Jahrhundertalte Bautradition führte hier den spätgotischen Steinbau auf dem Lande in unmittelbare Nähe zum städtischen Bürgerhaus, entwickelte dessen Bauelemente weiter und transformierte sie für ländliche Funktionen um. Der Reichtum dieser Architektur liegt nicht in der Perfektion sturer Gleichmässigkeit und Regelkunst, sondern in den verschiedenartigen, aufeinander abgestimmten Details. So sorgt beispielsweise das zweiteilige Fenster des Erdgeschosses für eine Verbindung mit jenen des Obergeschosses. Türe und Reihenfenster betonen das Erdgeschoss als Basis, während die wenigen Fenster des obersten Geschosses die Mauerfläche nach oben schliessen. Die in unserem Kanton selten verwendete Form des Schulterbogens für den Eingang und die gotischen Profile der Fenster sind Zeugen hoher Steinmetzkunst. Das Haus am Dorfrand ist trotz seiner Randlage nicht nur ein Abschluss des Dorfbildes von Oltingen, sondern zugleich dessen Visitenkarte.