Schafmattstrasse 72 / 72

Obere Mühle und Säge von Oltingen liegen im südlichen Dorfteil Richtung Schafmatt an der westlichen Strassenseite gegen den Abhang. Während die Mühle gegen die Strasse vorsteht, liegt die Säge hinter der Mühle erhöht.

Bereits im Jahre 1213 soll Hartmann von Kienberg die Mühle von Oltingen der Deutschordenskommende Beuggen vermacht haben. Später, 1372, befand sie sich im Besitze der Grafen von Thierstein-Farnsburg. Nach Bruckner erwarb im Jahre 1444 Johann Gysin von Läufelfingen, später Untervogt und Stammvater der Gysin von Oltingen, die Mühle. Diese war ursprünglich eine Sägemühle, besass aber bereits im Jahre 1569 als Mahlmühle drei Mahlgänge. Bereits 1598 entstand trotz erbittertem Widerstand des Besitzers der Oberen Mühle eine zweite Mühle, die Untere Mühle. Bis 1769, nach der Heimatkunde bis 1782, blieb die Mühle im Besitze der Familie Gysin. Jedenfalls erwarb sie damals Martin Rickenbacher und riss nach der Heimatkunde die Mühle fast ganz nieder und erweiterte sie.

Nach der Federzeichnung des Geometers Georg Friedrich Meyer von 1680 befand sich die Wasserstube nicht wie heute im Hause selbst, sondern in einem strassenseitigen Anbau. Ausserdem war das Haus um ein Geschoss niedriger als heute. Verschiedene Details im Innern und auch die stichbogigen Fenster lassen vermuten, dass die Mühle tatsächlich um 1782 beinahe vollständig erneuert worden ist.

Das stattliche Gebäude erhebt sich über einem ebenerdigen, hohen Sockel- oder Kellergeschoss, in dessen strassenseitigen Teil sich die Mahlstube befand. Im Ostgiebel führt noch heute eine Türe zur erhaltenen Wasserstube, in der ein oberschlächtiges Wasserrad mit einem Durchmesser von 5 m erhalten ist. Im westlichen Teil des Sockelgeschosses erhielt sich eine mächtige, gefaste Holzstütze aus Eichenholz mit Tragschübel und langem Tragbalken.

Das Sockelgeschoss ist im Jahre 1909 mit einer Rustikaimitation verkleidet worden, jedenfalls trägt die Eckstrebe Richtung Strasse diese Jahreszahl. Die Fenster der beiden hoch liegenden Obergeschosse besitzen schwache Stichbögen und sind unregelmässig angeordnet. Ein Krüppelwalmdach deckt den gestelzt wirkenden Baukörper. Dem älteren Bau entstammt vermutlich der Westgiebel, der noch einen rundbogigen Eingang und gotisch gekehlte Fenster neben grösseren Fenstern des 18. Jahrhunderts besitzt. Im Innern befinden sich in beiden Wohngeschossen grosse Stuben mit gefasten Holzbalkendecken sowie eine Wanduhr mit der Jahreszahl 1786, einem Mühlerad und den Initialen MIRB = Martin Rickenbacher.

Die Säge oberhalb der Mühle steht an der Stelle einer Oele, wobei allerdings zu bemerken ist, dass auf der Federskizze von G.F. Meyer auch an diesem Ort eine Mühle bezeichnet wird. Wann diese durch eine Säge ersetzt wurde, ist nicht auszumachen. Von der ehemaligen Oele haben sich Teile des Mauerwerks erhalten. Die Säge ist zum Teil in den Tuffstein des  Abhangs eingehauen. Die Wasserzufuhr erfolgt über ein Rohr, ursprünglich ein Holzkänel. Das riesige, oberschlächtige Wasserrad mit einem Durchmesser von nahezu 7 m ist aus Holz mit einfachen Speichen. Es treibt ein grosses Kammrad mit einem Durchmesser von ca. 3.80 m, das ein kleines Kammrad treibt. Dieses treibt eine Welle mit einem Riemenrad, das ein unteres Rad mit Uebersetzung auf das Sägegätter in Bewegung setzt. Im Jahre 1919 wurde die Wasserkraft durch einen Elektromotor ersetzt, doch blieb die ganze alte Sägeeinrichtung vollständig erhalten. Von der Säge wird das Wasser über einen Känel zur Mühle und ihrem Rad geleitet, von wo aus es unterirdisch weiterfliesst. Die anscheinend bereits im 13. Jahrhundert entstandene Mühle weist auf die grosse Bedeutung des Dorfes im Mittelalter, die es vor allem dem damals noch viel begangenen Passweg über die Schafmatt verdankte. Mühle und Säge zeigen eine Entwicklung des Gewerbes in diesem Dorf, wie sie für abgelegene, am Jurahang gelegene Dörfer selten ist. Auch der jeweils erwähnte Zuzug von Bürgern anderer Dörfer weist auf die Anziehungskraft dieser Siedlung in jener Zeit. Die Obere Mühle zählt noch heute zu den markantesten Gebäuden des oberen Dorfteils. Eigenartig ist vor allem die Unterbringung der Mahlstube im Sockelgeschoss und sowohl für Oltingen als auch für andere Siedlungen die relativ frühe Verwendung der Stichbögen. Alle diese Merkmale und die Inneneinrichtung bestätigen die bekannte Tatsache, dass die Müller dank ihres Gewerbes fortschrittlich gesinnt waren und ihren Einfluss auch in den Dörfern zur Geltung brachten. Während die Mühle als wichtiges Gebäude des oberen Dorfteils mit dem alten Wasserrad kaum mehr als Mühle zu erkennen ist, sondern eher den Charakter eines stattlichen Bürgerhauses besitzt, blieb die Säge als Gewerbebetrieb im alten Zustand durchaus ein Gewerbebau von seltener Bauart und Einrichtung erhalten und erkennbar.