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Kirchplatz 2

Mit dem Entscheid, die neugotische Kirche von Kilchberg nicht abzubrechen, sondern zu restaurieren, hat die Kirchgemeinde Kilchberg-Rünenberg-Zeglingen nicht nur das letzte bedeutende Baudenkmal des neugotischen Kirchenbaus des Kantons gerettet, sondern darüber hinaus ein beispielhaftes Bekenntnis zu einem bislang noch verkannten Architekturstil abgelegt. Der Beschluss attestiert der Kirchgemeinde den Sinn für Qualität und das Verständnis für die Relativität unserer eigenen Massstäbe, kurz gesagt ein Kulturbewusstsein seltener Weitsicht.
Aussergewöhnlich ist auch die Entstehung der neugotischen Kirche von Kilchberg, über die uns Martin Birmann in seinen "Blättern der Heimatkunde von Baselland" berichtet. Demnach war ein Sohn des 1799 in Kilchberg verstorbenen Pfarrers Johann Jacob Zwilchenbart, der in Liverpool als Kaufmann reich gewordene Rudolf Zwilchenbart, auf der Durchreise nach Schinznach an Pfingsten 1868 nach Kilchberg gekommen, um das Grab seines Vaters zu besuchen. Da das alte Kirchlein an diesem Festtage die Gläubigen kaum fassen konnte, machte Zwilchenbart im Anschluss an den Gottesdienst dem damaligen Pfarrer Emanuel Linder den Vorschlag, im Andenken an seinen Vater eine Erweiterung der Kirche zu finanzieren. Noch während Zwilchenbart in Schinznach weilte, setzte sich Pfarrer Linder mit Martin Birmann, dem Präsidenten des Kirchen- und Schulgutes in Liestal, in Verbindung, worauf dieser statt einer Erweiterung der Kirche einen Neubau vorschlug. Zwilchenbart war damit einverstanden und unterzeichnete auf der Rückreise in Liestal einen Vertrag, wonach er an die Kosten des Neubaus die auf Fr. 35 000.- veranschlagt waren, die Summe von Fr. 25 000.- als Geschenk anerbot.
Die Gemeinde nahm das Geschenk willig an und wählte eine Baukommission, die den Architekten Paul Reber in Basel mit der Ausarbeitung eines Projektes beauftragte. "Reber hatte bei der Pariser Ausstellung unter den englischen Plänen für Kirchen und Kapellen auch solche Konstruktionen kennen gelernt, welche die Spitzbogen des deutschen Stiles durch geschnitzte, durchbrochene Holzbogen nachahmten und den höheren Teilen des Raumes das Gepräge erhöhter Leichtigkeit und Zierlichkeit gaben." Rebers Projekt für die neue Kirche von Kilchberg wurde zur Begutachtung nach Liverpool zu Rudolf Zwilchenbart gesandt, dessen im Kirchenbau erfahrener Schwager Reverend Penny ebenfalls damit einverstanden war. Nachdem die Arbeiten ausgeschrieben und vergeben waren, hielt die Gemeinde am 24. März 1867 den letzten Gottesdienst in der alten Kirche ab und begann mit dem Abbruch, so dass am 28. März nurmehr der Turm der alten Kirche stand.
Während des Sommers wurde nun der Gottesdienst im Freien abgehalten. Der Neubau schritt rasch voran. Steinhauer Johann Suter aus Tecknau übernahm die Maurer- und Steinhauerarbeiten und Zimmermann Peter Gysin in Wenslingen die Zimmerarbeiten. Die Erstellung der Glasmalereien übertrug man der Firma Gebrüder Burkhart in München und jene der drei Glocken des neuen harmonischen Geläuts dem Glockengiesser Keller in Zürich. Der Maler B. Thommen aus Basel übernahm die Ausmalung des Innern, der Schreiner Waldmeier in Oltingen die Kanzel, den Altar und die Bestuhlung und der Bildhauer Meili in Binningen das architektonische Schnitzwerk. An den beiden Seitenwänden des Chores fanden weisse Marmorplatten mit Inschriften zur Erinnerung an Pfarrer Zwilchenbart und an die Stiftung seines Sohnes Platz. Nachdem die Kirche vollendet war, fand am 5. Juli 1866 in Anwesenheit des Architekten Paul Reber, Martin Birmann und Rudolf Zwilchenbart die Einweihung der neuen Kirche statt, wobei dem Architekten Paul Reber und dem Stifter Rudolf Zwilchenbart das Bürgerrecht der drei Gemeinden verliehen wurde.
Die neugotische Kirche von Kilchberg steht mitten im Dorf an der Stelle ihres Vorgängerbaus in der Nähe des Pfarrhauses und vor dem Friedhof. Dank der Höhenlage des Dorfes wurde auch die neue Kirche zu einer in der Neugotik beliebten Dominante des Tales und der Landschaft. Wenn die Kirche auch zeitweise als Fremdkörper empfunden wurde, so fügt sie sich jedoch mit ihrem Satteldach und dem Turm als Wahrzeichen besser in das Bauerndorf ein als dies eine Kirche unserer Generation tun könnte.
Das Aeussere ist schlicht und einfach gehalten. Die Frontturmfassade war allerdings früher im Bereich des Portals und des Turmhelmansatzes mit Fialen geschmückt und bedeutend reicher und gewichtiger. Die Seitenfassaden unterteilen schmale Strebepfeiler und unterbrechen die spitzbogigen Fenster. Das rechteckige Altarhaus ist etwas eingezogen, jedoch in seiner äusseren Erscheinung kaum vom Schiff getrennt. Reber hat vom alten Turm den unteren Teil mitverwendet und sich damit und mit dem langgestreckten Schiff an den Vorgängerbau angelehnt.
Völlig neue Formen hingegen bringt das Innere. Durch den schmalen Turmeingang erreicht man das Schiff, dessen offener Dachstuhl den Raum bedeutend höher erscheinen lässt, als er in Wirklichkeit ist. Ausser der üblichen Orgelempore bestimmen zwei lange Seitenemporen das Schiff, wobei deren Holzstützen in der Art von Pfeilern den Raum in einzelne Joche unterteilen. Während der untere Raum relativ einfach ist und die Emporenbrüstungen mit Masswerk durchbrochen die Leichtigkeit der Holzkonstruktion betonen, zeigt die ganze Dachkonstruktion die bereits beschriebene Vielfalt der gotischen Ornamentik. Die hölzernen Emporenstützen enden auf Fensterhöhe in kapitellartigen Abschlüssen, sind seitlich miteinander durch Spitzbogen mit durchbrochenem lanzettförmigem Masswerk verbunden und werden mittels Pfetten mit der Aussenmauer verankert. Die dadurch entstandenen Zwickel über den Emporen füllt reiches Masswerk mit Fischblasen und Drei- oder Fünfpässen aus. Spitzbogenkonstruktionen verbinden in der Mitte den Dachstuhl mit den Emporenpfosten und erhöhen die Leichtigkeit dieser. Holzkonstruktionen wiederum durch gotisches Masswerk. Die festliche Stimmung des Innenraumes wird weitgehend durch dieses Schnitzwerk bestimmt. Die Schiffsfenster füllen Glasmalereien mit Rosetten und eingeätztem Rebgewinde, das Chorfenster hingegen eine farbenprächtige Darstellung des Abendmahls aus. Das festlichbunte Gepräge des Raumes hat allerdings in den vergangenen Jahrzehnten gelitten und ist verblasset. Im Gegensatz zu zahlreichen neugotischen Kirchen ist die Kanzel nicht am Endpunkt der Mittelachse aufgestellt, sondern an der rechten Ecke zwischen Schiff und Chor. Sie, der Altar und das Chorgestühl ziert reiches gotisches Ornamentwerk, das ähnlich dem gegenüberliegenden Kanzelprospekt den Einfluss der Kathedralgotik auf die Neugotik des späten 19. Jahrhunderts aufzeigt.
Paul Reber, der Architekt dieser Kirche, zählt zu den bedeutendsten Kirchenarchitekten der Neugotik in der Schweiz. Unter dem Eindruck der St. Elisabethenkirche von dieser Architekturgattung begeistert, erbaute er in Baselland 1866 die reformierte Kirche von Birsfelden (heute modernisiert), 1868 die Kirche von Kilchberg, 1881 die Kirche von Bubendorf (heute dem Abbruch geweiht) und 1886 das Backsteinkirchlein von Neu-Allschwil.
Die Kirche von Kilchberg ist ganz im Geiste ihrer Zeit erbaut. Sie ist wie die St. Elisabethenkirche in Basel oder die ehemalige reformierte Kapelle in Arlesheim eine Stifterkirche und zugleich ein Memorialbau, in dem das Grab des Stifters eine bedeutende Rolle spielte. Initiant und Förderer des neugotischen Kirchenbaus in Baselland war Martin Birmann, der Paul Reber mit den Projektierungen beauftragte.
Die Neugotik der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts darf nicht nur vom formalen Gesichtspunkt aus betrachtet werden. Die Gotik wurde zum Kirchenstil, weil eine neue geistige Bewegung sich mit den Bewegungen des Mittelalters verwandt fühlte. Die neue Frömmigkeit empfand den gotischen Stil als Ausdruck einer religiösen Epoche, einer Epoche der Volkskirche. Vorbilder waren die gotischen Kathedralen in Frankreich und Deutschland, wo unvollendet gebliebene gotische Kirchen wie der Kölner Dom oder in der Schweiz der Turm des Berner Münsters vollendet wurden. Typische Formen der Kathedralgotik fanden deshalb auch in Kilchberg beim Portal, der Kanzel und der Orgel Verwendung. Andererseits erlebte man durch den Stifter auch das Einströmen von Formen der englischen Gotik, die als Kirchenstil die Barockzeit überlebt hatte. Die Kirche von Kilchberg prägten deshalb ausser den Motiven der Kathedralgotik vor allem die das Innere dominierenden Elemente der englischen Gotik, wobei auch hier nicht einfach kopiert, sondern schöpferisch verarbeitet wurde, denn weder die Elemente der Kathedralgotik noch jene der englischen Gotik eigneten sich in ihren Idealformen für eine Landkirche, weshalb in Kilchberg eine neugotische Landkirche eigenen Stils entstand. Keine der zahlreichen von Paul Reber erbauten Kirchen kennzeichnet ein derart eigener und ausgeprägt stilbildender Charakter einer Neuschöpfung wie die Kirche von Kilchberg. Sie ist deshalb nach dem Verlust der Kirchen von Birsfelden und Bubendorf nicht nur die einzige grössere Landkirche der Neugotik unseres Kantons, sondern zugleich die originellste Schöpfung dieser Zeit. Hier in Kilchberg wird jedem bewusst, dass die Neugotik nicht einfach als Nachahmung der Gotik betrachtet werden kann und dass die Neugotik in ähnlicher Beziehung zur Gotik steht wie die Renaissance zur Antike oder der Barock zur Renaissance. Tradition, Handwerkskunst und neue geistige Strömungen liessen einen neuen Stil entstehen, der heute noch vielfach verkannt wird.

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