Dorfstrasse 35

Das Dorf Itingen zählt mit Recht zu den hervorragendsten historischen Ortsbildern des Kantons, ist deshalb auch von nationaler Bedeutung und bedarf des besonderen Schutzes. Durch den Bau der T 2 ist es vom Verkehr durch das Ergolztal entlastet worden und besitzt dank der dadurch wieder eingekehrten Ruhe und den noch vorhandenen Bauernbetrieben jene Atmosphäre, die einem Dorf zusteht und ihm jene Wohnqualitäten erlaubt, deren der Mensch bedarf. Landstrasse und Dorfstrasse bilden einen T-förmigen Grundriss, wobei die Dorfstrasse mit ihren grossen Vorgärten, Bäumen und Düngerhaufen eine seltene Weite ausstrahlt.

Innerhalb der geschlossenen Häuserzeile der Westseite ragt das stattliche Bauernhaus Nr. 35 hervor. Sein annähernd dreigeschossiger Wohnteil wird von einem steilen Satteldach bedeckt, dessen Traufschermen gegen die Strasse vorgezogen auf Bugstützen ruht. Unterhalb der mittleren Bugstütze ist eine Bauinschrifttafel aus dem Jahre 1687 angebracht. Sie lautet: :"Anno 1687 under Jacob Schweitzer und seiner Hauss Fraw Anna Meierin Ist dieses Hauss von dem Grund new auff gebawen worden. Gott woll mit segen on ihm walten vor fewr und unglück esz erhalten. Marti Keigel murer und steinhawer In Liehstall".

Das Haus ist somit das Werk des bekannten Martin Keigel, der durch seine Stein- und Maurerarbeiten an zahlreichen Kirchen und Pfarrhäusern des Kantons zu den bekanntesten Meistern seines Fachs im 17. Jahrhundert zählte. Im 19. Jahrhundert ist die Strassenfassade verändert worden, indem man die Fenster und Türe vergrösserte und eine symmetrische Einteilung vornahm. Derartige Veränderungen waren im 18. und 19. Jahrhundert üblich und erwuchsen aus dem Bedürfnis nach mehr Licht, bewegten sich jedoch noch innerhalb der handwerklichen Bautradition, weil sie das Gebäude als Ganzes nicht tangierten. Von der alten ursprünglichen Fassadengestaltung haben sich unter dem Vordach die schmalen Fensterchen des ehemaligen Futterbodens erhalten. Ferner findet sich links des Eingangs der offene Kellerabgang zu einem grossen gewölbten Keller aus der Erbauungszeit. Bedeutend niedriger als das Wohnhaus ist die langgezogene Scheune, die als Oekonomieteil des Bauernhauses deutlich vom Wohnhaus abgesetzt ist und damit eine natürliche Staffelung der Baukuben und Dächer bewirkt. Stall- und Scheunentor sind rundbogig, in Stein gehauen, und stammen aus derselben Zeit wie der Wohnteil. Auch hier wird das steile Satteldach auf der Strassenseite als ein auf Bugstützen ruhender Traufschermen vorgezogen.

Die verschieden hohen Baukuben, die steilen, ruhigen Dachflächen und die Mauerteile entsprechen der barocken Baugesinnung jener Zeit. Nicht protzende Neubauten, die keine Rücksicht auf die bestehenden Nachbarbauten nahmen, sondern massstäblich eingefügte Häuser waren in jener Zeit auf dem Lande üblich. Die Bauinschrift mit den Namen der Erbauer und des Maurermeisters zeugen zwar von einem neuen, vorher unbekannten Selbstbewusstsein und der Frömmigkeit des Barockzeitalters, doch waren diese nicht übersteigert und masslos, sondern fanden ihren Ausdruck in einer Weiterentwicklung der bekannten Bautradition. Die stattlichen Proportionen des Hauses machen es deshalb keineswegs zu einem Fremdkörper, sondern verleihen dem Dorfbild einen Akzent und eine Steigerung des Gassenzuges, der auf die topographischen Verhältnisse Bezug nimmt. Dieses Bauernhaus in Itingen gehört zu den wertvollsten Bauwerken dieses Dorfes, das in seiner Gesamtheit als Ensemble im Sinne der Ziele des Europäischen Jahres für Denkmalpflege und Heimatschutz 1975 erhaltenswert ist. Es ist nicht irgendein Glied innerhalb einer Reihe von Häusern, sondern ein markantes und dominierendes Glied eines Gesamtkunstwerks. Bei der Erhaltung und Unterschutzstellung dieses Hauses geht es deshalb nicht allein um dieses, sondern um den Dorfkern von Itingen schlechthin, denn dessen alter Baubestand bildet ein historisches Ensemble von erstaunlicher Qualität und eine Siedlung, die diese Bezeichnung noch verdient.