Hauptstrasse 21/23

Das vermutlich älteste Ökonomiegebäude von Hölstein, die mächtige, ursprünglich freistehende Scheune, steht traufständig an der Hauptstrasse im unteren Dorfteil von Hölstein. Die Scheune besteht aus zwei Teilen, aus einem älteren nördlichen Teil mit einem mittigen Tenn und zwei seitlichen Ställen sowie einem jüngeren südlichen Teil mit einem Tenn und einem Stall, der direkt auf den älteren Teil folgt. Der nördliche Teil wurde gemäss Inschrift in dessen Tenntor 1566 erbaut, der südliche gemäss der Inschrift in jenem Tor 1695.

Woher die sogenannte Zehntenscheune ihren Namen hat, ist nicht bekannt. Die erste schriftliche Erwähnung des Namens Zehntenscheune für diesen Ökonomiebau erfolgte laut Baselbieter Namenbuch erst in der 1998 erschienenen Heimatkunde von Hölstein. Dort wird sie allerdings ebenso als ursprüngliche Speicherscheune bezeichnet. Möglicherweise wurde sie erst in jüngster Zeit und nur aufgrund ihrer Grösse als Zehntenscheune bezeichnet. Die Grösse und das Fehlen eines Wohnteils lassen auch an einen direkten Zusammenhang mit den beiden wichtigen Nachbarbauten, dem Rössli und dem Neuhaus bzw. deren Vorgänger, sowie an den Passverkehr denken.

Die Scheune bildet zusammen mit dem Gasthaus Rössli, dem Neuhaus und dem Bauernhaus Hauptstrasse 27, das durch seine markante Giebellaube auffällt, den historischen Kern des unteren Dorfteils von Hölstein. Der Geometer Georg Friedrich Meyer umreisst in einer Federzeichnung im Jahr 1680 diesen Ortsteil. Deutlich erkennbar sind darauf das Gasthaus Rössli, das über Eck stehende Neuhaus mit Treppenturm, das 1671 errichtet wurde, der Brunnen auf dem Platz dazwischen, die grosse Scheune, die nach Norden einen Anbau aufweist sowie das Bauernhaus Hauptstrasse 27, das den Platz mit seiner grosse Giebellaube markant gegen Süden hin abschliesst. Emanuel Büchel zeichnet 1754 dieselben Gebäude, die Scheune aber merkwürdig kurz, obwohl sie damals schon die heutige Länge erreicht hatte.

Nach der Erweiterung von 1695 entsprach der Bau weitgehend dem heutigen Aussehen. Die Dachkonstruktion des älteren Teils wurde zwar 1790 ersetzt, wie es die Inschrift in der profilierten Flugpfette zusammen mit den Initialen ISD und FST nachweist, ohne aber das Aussehen zu verändern. Von der Vorgängerkonstruktion blieben nur wenige,  in den Giebelwänden vermauerte Holzteile sowie Abdrücke im Verputz erhalten, die zeigen, dass es sich um einen stehenden Dachstuhl handelte. Ob das Dach des jüngeren, südlichen Teils der Scheune, dessen Jahreszahl 1695 im Torbogen von den Initialen HM begleitet ist, damals ebenfalls ersetzt wurde, lässt sich nicht mehr nachweisen, da dieser Teil in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts eine komplett neue Dachkonstruktion mit hohen Brettschichtträgern als Pfetten erhielt.

Während die Strassenfassade bis heute weitgehend unverändert blieb, wurde die Rückseite der Scheune im 19. Jh. vollständig ersetzt. Auf dem waagerechten Sturz des neuen Tenntors steht No. 4B, was der Hausnummer eines Brandlagerbucheintrags von 1852 entsprechen könnte. Der südliche Teil erhielt auf die gesamte Breite einen Schopfanbau unter einem lang abgeschleppten Dach, das auf halber Höhe des Hauptdaches ansetzt.

An die Nordseite der Scheune wurde immer wieder angebaut, zuletzt 1952, als das Wohnhaus Hauptstrasse 19 errichtet wurde. Früher standen hier eine etwas kleinere Scheune und ein zweigeschossiger Anbau mit einem sehr flach geneigten Pultdach sowie einem kleinen Häuschen, das wohl ein Billettschalter der Waldenburgerbahn war, noch früher laut der Zeichnung von Büchel ein eingeschossiger Schopfanbau mit Pultdach. Der an der Südseite angebaute Schopf wurde erst 1890 errichtet und gehört zum Haus Hauptstrasse 27.

Im Innern wurde der südliche Teil der Scheune im 20. Jh. vollständig ausgehöhlt. Im nördlichen Teil entfernte man die nördliche Stallwand, während man die südliche durch eine gemauerte Konstruktion ersetzte, die für die jüngste Nutzung der Scheune als Lagerraum nochmals verändert wurde. Nur über dem südlichen Stall blieben originale Niveaus erhalten, während von einem historischen Innenausbau nichts erhalten blieb.

Die Strassenseite der Scheune wird durch zwei Rundbogentore mit Gewänden aus Sandstein, Kämpfersteinen und Radabweisern akzentuiert. Das zweiflügelige Tor des älteren Teils weist eine horizontale Bretterverschalung und eine Mannstür auf. Der gerundete obere Teil wird mit zentralem Halbkreis und Strahlen geschmückt. Das rechte, südliche Tor wurde im 20. Jh. erneuert. Zwei Stalleingänge mit Rechtecktüren und dazugehörigen Rechteckfenstern liegen zwischen den beiden Tenntoren. Ein weiterer Stalleingang befindet sich zwischen Tenntor und dem nördlich angebauten Wohnhaus. All diese Elemente weisen Gewände aus Werkstein auf. Im oberen Fassadenteil liegen über den Ställen des älteren Teils zwei hochrechteckige Fenster mit Gewänden, über dem Stall des neuen Teils ein kleineres Fenster sowie insgesamt sieben Lüftungsschlitze.

Während die Strassenfassade und die nördliche Giebelfassade hellbeige verputzt sind, wobei die Eckquader der Nordwestecke ausgespart blieben, ist der Verputz der südlichen Giebelfassade weitgehend abgewittert. Auf der Rückseite ist das Mauerwerk aus Mauersteinen teilweise sichtbar. Die Verschalungen der Öffnungen sind mit senkrechten Latten in einfachem Laubsägewerk ausgeführt, wobei  das südlichste Drittel später mit einfachen Latten ersetzt wurde. Die drei Giebelmauern weisen je drei Lüftungsöffnungen auf, wobei in der Nordmauer zwei durch das Wohnhaus Hauptstrasse 19 verdeckt sind.

Der nördliche Teil der Scheune weist ein Sparrendach mit einem zweifach liegenden Dachstuhl sowie zweimal überkreuzten Windverbänden im unteren und einfachen Streben im oberen Geschoss auf. Die oberen Stuhlstreben tragen eine übereckliegende Firstpfette. Die Sparren stehen in Balkenstichern, die schräg abgeschnitten sind und auf einem Mauerbalken ruhen. Nur die Binderbalken führen quer durch den Raum, wobei die beiden an den Giebelmauern liegenden herausgeschnitten und die Stümpfe, um die Zugkräfte aufzunehmen, mit Eisenklammern in das Mauerwerk verankert wurden. Die Hölzer sind teilweise gesägt, teilweise behauen. Im südlichen Teil ersetzen fünf massive Brettschichtträger einen Dachstuhl. Für deren Auflagerung mussten hässliche Löcher in die beiden Giebelmauern geschlagen werden.

In der zur Brandmauer gewordenen Mauer zwischen den beiden Scheunenteilen sind alte Fensteröffnungen erhalten aus der Zeit vor dem Bau des südlichen Teils. In die nördliche Giebelwand ist ein Trog eingelassen, wobei keine Wasserzuführung erkennbar ist.

Das mächtige Satteldach ist mit Biberschwanzziegeln in Einfachdeckung gedeckt. Die Dachuntersicht liegt offen, wobei die Aufschieblinge, die strassenseitig auf zwei von Bügen gestützten Flugsparren lagern, sichtbar sind. Auf den Giebelmauern sind die Ziegel eingemauert. Vor dem traufständigen, lang gestreckten Bau der Zehntenscheune liegt ein grosszügiger Vorplatz, der noch weit ins 20. Jahrhundert mit Miststöcken besetzt war. 

Die Scheune hat bis heute nur wenige einschneidende bauliche Veränderungen erfahren, so dass die mehrhundertjährige Geschichte sich sowohl in der Grundrissstruktur wie in der Strassenfassade deutlich manifestiert. Wichtig ist die Stellung im Ortsbild zwischen dem Gasthaus Rössli und dem Bauernhaus Hauptstrasse 27, die beide kantonal geschützt sind, und dem grosszügigen Vorplatz, der die Strassenfassade mit den zwei Rundbogentoren und den drei Ställen eindrücklich zur Geltung bringt.

Seltenheitswert hat das Fehlen eines mit der Scheune zusammengebauten Wohnteils. Grosse, freistehende Scheunen sind im Baselbiet kaum je anzutreffen. Sie kommen höchstens in Verbindung mit Mühlen oder eben dem Abliefern des Zehnten vor.