Navigieren auf baselland.ch

Benutzerspezifische Werkzeuge

Inhalts Navigation

Schlossanlage und Schlosskirche

Die Gemeinde Burg im Quellgebiet des Birsig an der französischen Grenze gelegen war seit 1269 fürstbischöfliches Lehen. Von 1401 bis ins Jahr 1793 waren die Ministerialen und späteren Freiherren von Wessenberg mit der Herrschaft belehnt. Zentrum der Herrschaft und Herrschaftssitz war Schloss Burg. Die Schlossanlage befindet sich auf einem hohen Felsrücken südlich des Dorfes Burg und prägt als imposante Landmarke die Weiten des hinteren Leimentales. Vom oberen Dorfplatz führt ein steiler und schmaler Weg hinauf zum Schloss. Die heutige Anlage besteht aus mehreren Gebäuden, die aus verschiedenen Zeitepochen stammen. Sie sind auf dem schmalen Felsrücken von Ost nach West hintereinander angeordnet und teilweise von einer Befestigungsmauer eingefasst. Der Eingang in die Anlage liegt heute im Westen. Daran anschliessend befindet sich der mehrgeschossige Wohntrakt mit zwei Annexbauten. Weiter östlich erreicht man über eine Terrasse, die im Norden von einem Rundturm gefasst wird, ein weiteres, mehrgeschossiges Gebäude, das heute ebenfalls der Wohnnutzung dient. Zur Schlossanlage gehört auch die Schlosskirche, die im Besitze der röm. kath. Kirchgemeinde Burg ist.

Die Geschichte von Schloss Burg zeichnet sich durch eine ungewöhnliche Kontinuität aus. Die Schlossanlage wurde seit ihren Anfängen zwar mehrfach schwer beschädigt, im Gegensatz zu vielen anderen Burg- und Schlossanlagen der Region von ihren Besitzern aber weder aufgegeben noch während der in der Region zahlreichen Kriegszüge und Unruhen endgültig zerstört. Trotz wiederkehrender Perioden der Vernachlässigung und des Zerfalls wurde das Schloss nach 1500 immer wieder aufgebaut, sogar erweitert und bis heute in verschiedenster Weise genutzt. Dass die Schlossanlage seit Ende des 16. Jahrhunderts in baulicher Hinsicht nie von Grund auf erneuert wurde, verdankt sie wohl ihrer wirtschaftlichen und politischen Randlage.

Aus der speziellen geopolitischen Lage und aus der ungewöhnlichen Kontinuität der Nutzung der Schlossanlage ergeben sich aber auch Schwierigkeiten bei der Erforschung der Baugeschichte. Die Quellenlage zur Schlossgeschichte ist sehr komplex. Text- und Bildquellen, die sich mit einer gewissen Sicherheit auf Teile der heutigen Schlossanlage beziehen, gibt es beim derzeitigen Forschungsstand erst nach 1500. Denn eine systematische archäologische Untersuchung der bestehenden Schlossanlage und der Ruinenfelder in ihrer Umgebung wurde bis heute nicht durchgeführt. Es fehlt aber auch an einer zusammenhängenden regional- und lokalgeschichtlichen Forschung zum politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Umfeld der Herrschaft Burg. Die folgenden Ausführungen widerspiegeln den heutigen Wissensstand, basierend auf einer Sichtung und Bewertung der Bild- und Schriftquellen.

 


Die Baugeschichte von 1300 bis 1577

 

Der eigentliche Baubeginn lässt sich beim derzeitigen Forschungsstand nur vermuten. Um 1401 wurde die Familie von Wessenberg mit der Vogtei Biederthan belehnt. In die gleiche Zeit fallen Hinweise, dass das durch das Erdbeben von Basel zerstörte Schloss wieder aufgebaut worden sei. Dies könnte bedeuten, dass die Anlage in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts errichtet worden ist. Zu den ältesten heute noch erhaltenen Teilen der mittelalterlichen Schlossanlage gehören der heute zugeschüttete Sodbrunnen, die äusseren Wehranlagen, die beiden Halsgraben am westlichen und östlichen Ende der Felskuppe und der als Fussweg bis heute erhaltene ursprüngliche Aufgang zur Burg am Südhang des Schlossfelsens. Das dazugehörige nach Osten ausgerichtete Tor ist heute vollständig verschwunden. Es wurde durch den Umbau der Schlossanlage um 1577/78 als Haupteingang zu Gunsten des heute noch bestehenden, nach Westen ausgerichteten Zugangs aufgegeben. Auf dem ursprünglichen Niveau des westlichen Grabens standen am nördlichen Ende das heutige Eingangstor und das sogenannte Pförtnerhäuschen, beide um 1577 errichtet, wie die Jahreszahl auf der Aussenseite des Torbogens nahelegt. Sie sicherten den Zugang zum 1578 - so die Jahreszahl auf dem Schlussstein - in die Schildmauer gebrochenen Westtor, dem heutigen Schlosseingang.

Von den westlichen Gebäuden, die später an diesen ersten Kernbau angebaut wurden, scheint das langgestreckte Gebäude auf dem vom Kapellenturm langsam gegen Westen abfallenden Felsgrat als das älteste. Dessen Gebäudeteile reichen jedoch nicht weiter als ungefähr auf das Jahr 1500 zurück, eventuell unter Einbezug älterer schon vorhandener Mauern. Der Westteil der Schlossanlage entstand deshalb sicher einige Jahrzehnte nach dem Erdbeben von 1356. Ob der nach innen offene, westliche Rundturm gleichzeitig mit diesem Gebäudeteil oder erst 1577/78 als Erweiterungsbau und Abschluss der Wehranlage am westlichen Halsgraben entstanden ist, bleibt offen. Der Dachstock dieses Gebäudes wurde um 1700 erneuert. Teile der alten Dachbalken haben sich bis heute erhalten, wie eine dendrochronologische Analyse 2004 nachweisen konnte.

Auch die Bauzeit und die ursprüngliche Funktion des Südturmes, in dem sich das „Verliess" befunden haben soll, lassen sich ohne bauarchäologische Untersuchung nicht bestimmen. Zu all den bisher beschriebenen Gebäuden gehören in den Fels geschlagene Kellerräume, die wahrscheinlich ältesten Gebäudeteile. Sie waren im Westgebäude offenbar bereits 1946/47 zu einem grossen Teil nicht mehr zugänglich, da sie mit Bauschutt verfüllt worden waren.

 


Die Baugeschichte von 1577 bis in die Gegenwart

 

Wie aus den Akten hervorgeht, wurde die doch recht baufällige mittelalterliche Anlage in den 1570er Jahren saniert und erweitert. Dieser Ausbau fiel mit dem allgemeinen politischen und wirtschaftlichen Aufschwung des Fürstbistums Basel um 1580 unter Bischof Jakob Christoph Blarer von Wartensee (1542-1608) zusammen. Bischof Blarer von Wartensee und seine Nachfolger trieben die wirtschaftliche und politische Stabilisierung der fürstbischöflichen Macht voran, u. a. auch durch die energische Rekatholisierung der mit der reformierten Stadt Basel verburgrechteten Stadt- und Landgemeinden im Leimen- und Laufental.

Das Schloss bestand nach dem Ausbau um 1580 aus einem „newem und altem geheusz", d.h. dem westlichen neuen und dem östlichen alten Wohnbau, und besass zwei Gebäudeebenen, den vom neuen Westtor her zugänglichen unteren Schlosshof und den nur über den Treppenturm zugänglichen oberen Hof. Zum Schloss gehörten auch Ställe und gegen Westen die wegen der zahlreichen Steine wertvollen „zwey alten Burgstöllen, schonenberg und rinneckh" mit dem dazugehörigen "krautgärtlein". Durch das neue Westtor wurde die Schlossanlage nicht nur zu den nach Westen gelegenen Nutzflächen auf dem Schlossfelsen hin geöffnet, mit dem neuen Westzugang wurde innerhalb des Schlosses im unteren Schlosshof auch ein ganz neuer öffentlicher Raum geschaffen. Von hier wurde eine direkte Verbindung zum Schlossgut, d.h. zu den zum Schloss gehörenden Äckern, Matten und landwirtschaftlichen Betriebsanlagen geschaffen.

Bewirtschaftet wurde dieses Schlossgut von einer unbestimmten Anzahl leibeigener Untertanen, die auf den zum Schloss gehörigen Ländereien wohnten, und von weiteren 34 Leibeigenen aus den umliegenden Dörfern im Leimental. Alle diese Leibeigenen unterstanden der Gerichtsbarkeit des Schlossherrn, bzw. des von diesem eingesetzten Amtmannes, der das Schlossgut verwaltete und die herrschaftlichen Rechte des Schlossherrn wahrnahm.

Das Schloss hatte wohl seit der Abtrennung des dazugehörigen, in Biederthal gelegenen Meierhofs im 13. Jahrhundert primär eine ökonomische Funktion: Es war nicht nur Symbol der herrschaftlichen Macht, sondern auch Sitz des Vogtgerichts. Von hier wurde das zur Herrschaft gehörige Land verwaltet, die Abgabe der Zehnten und Zinsen überwacht und das abgelieferte Korn bis zum Verkauf oder Verbrauch gelagert. Wie die neuere Burgenforschung zeigen konnte, waren Burgen im Mittelalter bewehrte Zentren grosser landwirtschaftlicher Betriebe, nicht ausschliesslich Festungsanlagen.

Ab 1793 war das Schloss Privatbesitz der Familie von Wessenberg, die es 1810 an die Herren Javal und Wichelhausen aus Paris und Colmar verkauften. Darauf wechselten die Besitzer in rascher Folge. Im Jahre 1825 wurde der Basler Bankier Emanuel La Roche Eigentümer und liess die Anlage zu einem privaten Sommersitz umbauen, wozu auch die Anlage von Promenaden, Aussichtsterrassen und parkähnlichen Bepflanzungen gehört haben sollen. Dem erneuten Verkauf im Jahre 1854 folgten in rascher Folge weitere. Zwischen 1898 und ca. 1920 wurde die Anlage zuerst als Luftkurort und Pension, dann bis zum Zweiten Weltkrieg als Gaststätte genutzt. Hintergrund dieser Bemühungen war die touristische Erschliessung des Leimentals, die mit dem Bau der Birsigtalbahn neuen Aufschwung erhielt. Die Konkurrenz mit dem weit herum seit dem 17. Jahrhundert bekannten Bad Burg, zu dem ein grosser stattlicher Gasthof gehörte, und die abgelegene und schwer zugängliche Lage des Schlosses erschwerten aber eine auf Dauer erfolgreiche touristische Nutzung der Schlossanlage nach 1898. Es fehlte den Besitzern offenbar auch am nötigen Kapital, um die bis 1898 sehr heruntergekommenen Gebäude so zu renovieren, dass eine Pension oder eine Gaststätte in dieser Lage für ein zahlungsfähiges Publikum ausreichend attraktiv werden konnte. Bereits 1918 waren die Gebäude in einem solchen Zustand, dass die im Schloss einquartierten Grenztruppen es vorzogen, sich bessere Quartiere im Dorf zu suchen. In den 1920er Jahren scheint der Zerfall seinen Höhepunkt erreicht zu haben: das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts anstelle der Hofkapelle errichtete „Sommerhaus" musste wegen Baufälligkeit abgerissen werden. An dessen Stelle wurde eine Wehrmauer mit Zinnen erbaut, den damaligen Vorstellungen einer mittelalterlichen Burganlage entsprechend. Während des 2. Weltkrieges diente das Schloss dann als Interniertenlager. Der Gastwirtschaftsbetrieb wurde nach Kriegsende nicht mehr aufgenommen, die Parterreräume der Schlossanlage waren aber weiterhin bewohnt. Erst die Renovationen in den Jahren 1970/71 und 1983/84 stellten die Bewohnbarkeit und eine zeitgemässen Vorstellungen entsprechende Wohnlichkeit in allen Etagen der Gebäude wieder her. Diese Entwicklung erreichte mit dem Dachausbau im vorderen Hauptgebäude durch die Familie Jacobi-Balbach im Jahre 2004 ihren vorläufigen Schlusspunkt.

 


Die Schlosskirche St Johannes des Täufers

Die Rekatholisierung dieser Gebiete im 17. Jahrhundert schuf eine ganz neue Andachts- und Kirchenkultur, die ihren Niederschlag auch in der Schlossanlage gefunden hat: Wohl um 1600 ist mit dem Bau einer zunächst dem Schlossherrn vorbehaltenen privaten Schlosskirche im oberen Schlosshof begonnen worden. Im späten 18. Jahrhundert wurde diese Schlosskirche durch einen Neubau an der südöstlichen Ecke des unteren Schlosshofes ersetzt. Im Jahre 1784 überlässt der Schlossherr Philipp Karl von Wessenberg als Stiftung den Einwohnern von Burg diese Schlosskirche. Mit der Stiftung war ein Legat zum Unterhalt der Kirche und zur Besoldung des Kaplans verbunden. Kurze Zeit später, belegt durch das Datum 1787 am Türsturz der Kirche, wurde der bestehende Bau erweitert. In den längsrechteckigen, schmalen Bau mit abgewalmtem Dach ist ein Rundturm integriert worden, der neu nun als Treppenturm zur Empore im Westen dient. Hinter einem eingezogenen Rundbogen befindet sich der rechteckige Chor mit zwei seitlichen Emporen. Die Ausstattung im Chor stammt vermutlich aus der Stiftung des Schlossherrn. Das Obergeschoss des Chores wird durch ein Rechteckfenster beleuchtet, auf dessen Sturz die Jahreszahl 1788 aufgemalt ist. Vermutlich ist damit der Abschluss der Bauarbeiten dokumentiert worden. Der Bau ist aus verputzten Bruchsteinmauern gefügt, die Ecken wie die Fenster- und Türöffnungen sind in grauem, steinsichtigem Sandstein errichtet. Auf der Nordseite ist ein zugemauerter Zugang in den Schlosshof erhalten geblieben.

Nach dem Visitationsbericht der Pfarrei Burg aus dem Jahre 1919 wurden damals Renovationsarbeiten im Chor vorgenommen. Einem Briefwechsel aus dem Jahr 1935 kann man entnehmen, dass ein Kirchenneubau im Dorf geplant war und dafür Geld gesammelt wurde. Statt des Neubaus fand unter Hermann Portmann, Dekan von 1932 bis 1950, in den frühen 1940er Jahren eine Renovation der Schlosskirche statt, wobei Boden und Bänke und Kanzel erneuert und der Kirchenraum neu ausgemalt wurden. Eine weitere Renovation erfolgte 1980 mit denkmalpflegerischer Begleitung des Kantons Bern.

 


Würdigung

 

Die Landgemeinde Burg und das heute gleichnamige Schloss liegen seit Jahrhunderten in einem Gebiet „auf der Grenze" zwischen sich überschneidenden Sprach- und Kulturkreisen, sich bekämpfenden Herrschaftsansprüchen und wichtigen Handels- und Verkehrsrouten. In diesem Umfeld macht die kontinuierliche Nutzung der Schlossanlage diese zu einem einzigartigen „Dokument" der kulturgeschichtlichen Entwicklungen in der Region über die Jahrhunderte hinweg. Trotz der wechselvollen Geschichte wurde die Anlage nie vollständig aufgegeben und konnte bis heute ein Gesamtensemble aus verschiedenen Bauepochen bleiben, dessen baugeschichtlicher und typologischer Reichtum für die Region einzigartig ist.

 

Weitere Informationen.

Fusszeile