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Muttenzerstrasse 6, Kino Roxy

Nur 15 Jahre nach der Eröffnung des Küchlins Varieté-Theaters in Basel gab sein Besitzer Josef Adelmann den Auftrag für den Neubau eines modernen "Lichtspieltheaters" in Birsfelden. Mit der Aufgabe wurde Architekt Wilhelm Zimmer beauftragt, der für den damals neuen Bautypus eine Kombination von Wohnhaus mit rückwärtigem Saalanbau entwarf. Ladenlokale im Eingangsbereich, eine Werkstatt und Wohnungen in den Obergeschossen wurden so zu einem kleinen Wohn-, Geschäfts- und Unterhaltungszentrum zusammengefasst und garantierten die finanzielle Absicherung des doch risikoreichen Betriebes eines Lichtspieltheaters. Am 2. Februar 1927 öffneten die "Lichtspiele Birsfelden" ihre Tore. Der erdgeschossige Saal konnte sowohl für die Lichtspiele genutzt wie auch für Theateraufführungen umgebaut werden. Im Jahr 1950 kaufte Max Gass-Seitz das Unternehmen, der wenige Jahre später eine Modernisierung einleitete und den Namen "Kino Roxy" einführte. Der Name Roxy, damals wie heute sehr verbreitet, ist der Übername eines amerikanischen Showbusinesskönigs, der 1927 das damals grösste Kino in New York eröffnete.

Unter dem neuen Besitzer wurden auch grösseren Umbauten vorgenommen. Das beauftragte Architekturbüro Bercher + Zimmer führte 1954 eine neue Gestaltung der Eingangspartie, den Einbau eines dem Saal vorgelagerten Foyers, die Erstellung einer Estrade sowie der Ersatz der Eingangstreppe durch eine steile Rampe durch. Diese Änderungen, insbesondere der Eingangspartie, prägen noch heute das Erscheinungsbild. Zu einem späteren Zeitpunkt wurden die einfachverglasten Fenster der Wohnungen durch DV-Fenster ohne Sprossen ersetzt und die zeittypische Fassadendekoration überstrichen. Das Kino blieb bis 1986 im Familienbesitz und wurde zu diesem Zeitpunkt an die Neuapostolische Kirche verkauft. 1994 wechselte die Liegenschaft erneut ihren Besitzer. Bis heute ist der Verein Kulturraum Roxy Eigentümerin und bietet ein Kulturprogramm mit den Schwerpunkten Sprechtheater und Tanz an.

Ein Kino als eigenständiger Bau ist eine Bauaufgabe, die um 1900 auf die Architekten zukam. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden die "Lichtspiele" auf Jahrmärkten, in Schaubuden, Speisesälen oder in Panoramagebäuden vorgeführt. Aufgrund des grossen Erfolges dieser Vorführungen hat man sich zu festen Einrichtungen entschlossen. In einer ersten Phase sind Kinosäle in bereits bestehende Geschäfts- und Warenhäuser eingebaut oder bestehende Theatersäle für die Filmvorführung umgebaut worden. Wahrzeichen dieser Kinos waren in erster Linie der Kinosaal mit aufwendigen Dekorationen sowie die Eingangsfassade, die als Schauwand mit Lichtreklamen geschmückt war. Das Kino wurde zur urbanen Bauaufgabe, ohne einen charakteristischen Bautypus herauszubilden.

Das Kino Roxy in Birsfelden ist eines der ganz wenigen frühen Landkinos in der Schweiz. Der Architekt kombinierte das Volumen eines Saales mit einem mehrgeschossigen Geschäftshaus. Die Idee eines kleinen Wohn-, Geschäfts- und Unterhaltungszentrums lehnt sich stark an den mit dem Kino verbundenen urbanen Charakter an, ohne jedoch eine weitere städtische Entwicklung des Dorfes zu bewirken. Bis heute bleibt der freistehende Kinozweckbau ohne konkrete Einbindung in das Ortsgefüge und erreicht dadurch eine markante Stellung an der Hauptverkehrsachse.

Der längsrechteckige Baukörper - bestehend aus einem vorgelagerten, viergeschossigen Wohn- und Geschäftshaus mit Walmdach und einem rückwärtigen, flachgedeckten Saalbau - stösst mit seiner Schmalseite an die Muttenzerstrasse. Der Saalbau, das gegen die Birs abfallende Terrain aufnehmend, wird von einer erdgeschossigen Werkstatt und weiteren Nebenräumen unterfangen. Dieses Untergeschoss wird von Fenstern auf der Nordseite belichtet, die unter dem Bodenniveau liegen. Eine Treppe längs der Nordfassade führt zu einem weiteren Eingang. Der strassenseitige Bau weist beidseitig des mittigen Haupteingangs Ladengeschäfte auf, deren oberes Galeriegeschoss über eine Wendeltreppe erreichbar ist. In den beiden oberen Geschossen des Wohn- und Geschäftshauses sind zwei 4 1/2 Zimmerwohnungen sowie im Dachgeschoss eine 5 1/2 Zimmerwohnung untergebracht, die über ein separates Treppenhaus auf der Nordseite zugänglich sind. Vom Haupteingang schreitet man auf einer abfallenden Rampe zum breitrechteckigen Foyer mit Toiletten-Anlagen, das dem eigentlichen Kinosaal vorgelagert ist. Auf der Nordseite des strassenseitigen Baus befindet sich das Treppenhaus, welches zu den Wohnungen in den beiden Obergeschossen führt. Der Eingang ist überdacht, das Gewände mehrfach gestuft und die Haustüre, eine massive Rahmenholztüre mit querliegenden Glasfeldern, stammt aus der Bauzeit. Das mächtige, fast zwei geschosshohe Sockelgeschoss wird auf der Strassenseite durch die dreiteilige Eingangspartie aufgebrochen. In der Mittelachse befindet sich der Haupteingang mit weit auskragendem, elegantem Vordach, das seitlich über die beiden Ladenschaufenster hinaus bis an die Fassadenecken geführt wird. Unter dem trapezförmigen, gegen vorne abgerundeten Vordach springt die Fassade zurück und bildet Raum für einen halbovalen, gedeckten Vorplatz, von welchem die beiden seitlich angelegten Ladenlokale betreten werden können. Das Vordach mit seinen eleganten Proportionen wie auch die zweiflüglige Eingangtüre stammen aus dem Umbau von 1954. Die in schmalen Eisenrahmen gefassten Schaufenster, Glaswände wie auch die mit waagrechten Glasfeldern durchbrochenen Eisentüren der Ladenlokale sind aus der Bauzeit von 1927. Die einstige Lichtreklame ROXY ist abmontiert und wird im Hause aufbewahrt. Das Sockelgeschoss ist strassenseitig mit hochrechteckigen Marmorplatten verkleidet und wird durch ein breites, waagrechtes Band vom übrigen Baukörper getrennt. Dieses Band korrespondiert mit der Dachhöhe des Saalbaus und wird um diesen herumgeführt. Die Fensteröffnungen der beiden Obergeschosse sind übereinander angeordnet und werden in leicht zurückgesetzte, senkrechte Felder gesetzt. Durch diese strenge, lineare Anordnung erscheint das Bild einer für die damaligen Theaterfassaden typischen Kolossalordnung. Die Fassadenfelder zwischen den Fenstern sind leicht erhaben und waren ursprünglich mit einem einfachen Rahmendekor geschmückt. Die Fensteröffnungen zeigen ein Brüstungsgitter mit einem zeittypischen Ornament. Teilweise sind die originalen Holzrollläden noch vorhanden. Über dem kräftig vorspringenden Dachgesims erhebt sich das Dachgeschoss mit Dachaufbauten für die Dachwohnung. Der strassenseitige, dreiachsige Dachaufbau wird mit einem abgetreppten Schirm überhöht, während die Dachaufbauten auf den Schmalseiten ohne zusätzlichen Schmuck sind. Die Regenwassersammler der Dachrinnen sind als kleine Kasten ausgebildet und kunstvoll verziert. Der rückwärtige Saalbau ist nüchtern als geschlossener Körper ausgestaltet. An der Westwand hat sich das Wandfeld der ersten Leinwand bis heute erhalten. Die erdgeschossigen Werkstätten sind an der Schmalseite über zwei zweiflüglige Tore erschlossen. Auf der Höhe des Bodenniveaus des Saales befinden sich auf der Westseite zwei Fluchttüren, welche auf eine umlaufende schmale Terrasse hinausgehen. Auf dem Flachdach befindet sich heute eine Dachterrasse. Das Treppenhaus zu den Wohnungen ist in seiner Ausgestaltung aus der Bauzeit erhalten geblieben. Besonders hervorzuheben sind die Rahmenzimmertüren mit Oblichtern aus der Bauzeit, die originale Raumstruktur, die profilierten Gipsdecken sowie Teile des ursprünglichen Linoleums.

Das "Kino Roxy" ist das erste Kino in unserem Kanton und leistet bis heute eine wesentlichen Beitrag zur Unterhaltungskultur. Der Architekt hat den damals neu geforderten Bautypus eines Lichtspieltheaters durch die Kombination eines gewalmten Wohn- und Geschäftshauses mit einem flachgedeckten Saalbau geschaffen und wurde zum Vorbild für weitere Kinos auf dem Lande. Die Qualität der zeittypischen Architektursprache, die weitgehend original erhaltene Bausubstanz und Raumstruktur sowie die architekturgeschichtliche Bedeutung begründen den hohen Wert des Kino Roxy als historischer Zeuge.

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