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Bei der Gesamtrestaurierung des Gotteshauses in den Jahren 1973 bis 1975 ging es auch darum, die unter der weissen Tünche schlummernden Wandbilder freizulegen, zu konservieren und wiederherzustellen. Eine in den seltensten Fällen vorhandene bildliche Dokumentation stand den Restauratoren schon am Anfang zur Verfügung: Karl Jauslin, der in Muttenz beheimatete Historienmaler, hatte anlässlich der vorübergehenden Freilegung nach 1880 Pausen der Gemälde angefertigt. Die Photos, welche von den im Staatsarchiv in Basel aufbewahrten Originalen hergestellt wurden, waren für E. Weddigen und seine Mitarbeiter eine nützliche Hilfe bei der mühsamen Arbeit. Es war anzunehmen, dass die Bilder durch das zweimalige übertünchen - erstmals zur Reformationszeit, dann vor ungefähr hundert Jahren - gelitten hatten. Anderseits machte man sich auch auf neue Farbfunde gefasst. Beides traf zu. Viele Bilder waren im Vergleich zu den Pausen von Jauslin weniger gut erhalten (z. B. Zehn Gebote, Schutzmantelmadonna), andere wurden neu entdeckt (z. B. Marientod, Auferstehungsnische und weitere, wenn auch fragmentarische Gemälde im Vorchor). In einem ausführlichen Bericht hat E. Weddigen die Methoden und Erkenntnisse seiner Arbeit und seines Teams festgehalten, wobei er als Kunsthistoriker ebenfalls auf inhaltliche Fragen einging. Entsprechend dem Stand der wissenschaftlichen Restaurierungstechnik war man darauf bedacht, die ursprüngliebe Farbsubstanz freizulegen und zu konservieren, während Fehlstellen lediglich eingetönt wurden. Das geschah durch das Strichverfahren (Tratteggio), damit der Betrachter die Originalschicht von der tonalen Ergänzung unterscheiden kann. Schwierig wurde es, wenn man auf die ältere Farbschicht stiess, was oft der Fall war und ein Beweis dafür ist, dass die Wände in Anpassung an den zeitgemässeren Stil übermalt worden sind. Die Analyse der Farbe ergab, dass es sich um eine ölhaltige Tempera von «ungewöhnlicher farbigervirulenz» handelt, die auf den trockenen Verputz auf getragen wurde. An verschiedenen Stellen, so in der Auferstehungsnische im Schiff und der Niklausszene im Vorchor verwendete der Künstler Blattgold. | |  Jüngstes Gericht im Innern des Beinhauses, datiert 1513.
 Apostel Matthäus und Jakobus d.J. mit Datum 1507 im Schriftband links oben. |
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Vorchor Die Malereien im romanischen Bauteil ergeben ein recht uneinheitliches Bild, da sie aus verschiedenen Zeiten stammen, schadhaft und verblasst sind und sich deshalb auch schwer deuten lassen. Nehmen wir die rein dekorativen Motive vorweg: Die in der Hauptsache verschwundenen Fugen- und Rankenmalereien und die polychrom Behandlung der Kreuzrippen, Schlusssteine und Wappen, ebenso das Sterngewölbe im Altarhaus verdienen hier erwähnt zu werden. Am eindrücklichsten präsentiert sich die Wappenfolge der Adeligen von Münch und Löwenberg entlang den schweren Gurten im Kreuzgewölbe (2. Hälfte 14. Jh.). Auch die Gewölbekappen weisen Reste von Malereien auf, die sich nicht nur auf die Rüschenwolken über den Schildbogen beschränken, sondern figürlicher Art sind: im Süden und Norden je zwei grosse gewendete Gestalten (Kirchenväter, Evangelisten), im Osten ein Regenbogen und die Füsse des Weltenrichters (Majestas), die im Zusammenhang mit dem grünen Höllenrachen am rechten Chorbogen oberhalb der Kapitellzone zu sehen sind - ein Hinweis auf das ehemals vorhandene Jüngste Gericht. Unterhalb dieser Stelle zwei Farbschichten, die wohl ineinander übergehen, jedoch aus verschiedenen Zeiten stammen: Der Engel, der die Damastdraperie hält (Ende 15. Jh.) und darunter die Szene aus der Niklauslegende mit den drei Jungfrauen, denen der Heilige Goldkugeln schenkt, um sie auf diese Weise vor dem Verkauf in ein Freudenhaus zu retten (um 1450). Schwer mitgenommen ist die Südwand: rechts vom Fenster Andeutungen einer Maria Himmelfahrt und zuoberst die Gruppe mit der Marienkrönung (Gottvater und Christus, Maria fehlt), seitlich davon musizierende Engel (Ende 15. Jh.). | |
 Zehn Gebote - Darstellungen an der Südwand, Aquarellkopie von K. Jauslin
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Nordwand Zu den ältesten Malereien der Kirche gehört das Medaillon über der Rundbogentüre. Ein Apostel in Halbfigur hält in der Linken ein Konsekrationskreuz hoch, in der Rechten ein Buch (Anfang 14. Jh.). Direkt auf die Mauer gemalt war das Rundbild ursprünglich durch die Arbogastlegende zugedeckt. Auf der südlichen Mauer gegenüber ist ein Fragment des gleichen Motivs sichtbar, das durch ein in das Altarhaus versetztes bemaltes Bruchstück als Medaillon ergänzt werden kann. Ob wir hier nicht Reste einer Bildfolge von sogenannten Apostel- oder Weihekreuzen vor uns haben, oder ob nur ein Paulus- und ein Petrus-MedailIon? Zwei Darstellungen aus dem Leben des Kirchenpatrons, des hl. Arbogast, füllen die gesamte Wandfläche der Nordmauer mit lebensgrossen Hauptfiguren. Das linke Breitbild schildert, wie König Dagobert mit Gefolge den aus dem Tor tretenden Bischof von Strassburg um die Erweckung seines Sohnes bittet. Siegbert war bei einem Jagdunfall umgekommen. Zu Füssen ist der Kopf des Toten erhalten geblieben. Damit der bildliche Zusammenhang gewahrt bleibt, ist die Partie links oberhalb der Türe ausnahmsweise durch Projektion einer Pause von Jauslin ergänzt worden: wir sehen, wie das Volk mit Geschenken herbeiläuft. In der Szene rechts erhebt sich Siegbert bereits auf der Totenbahre. Die Restauratoren haben teilweise eine ältere Malschicht freigelegt. Deshalb steht fest, dass die Wand bereits früher bemalt war, vermutlich mit dem gleichen Sujet. Der Meister der heute erhalten gebliebenen Arbogastgemälde gehört zur Nachfolge von Konrad Witz um 1450. | |
 Ausschnitt aus Schaustellung Christi an der Nordwand, um 1507.
 Jüngstes Gericht an der Westwand, um 1507. Zustand vor der Aufstellung der Orgel. |
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Schiff Hier hängen Baugeschichte und Ausmalung aufs engste zusammen. Als man um 1500 das Langhaus erhöhte und je ein einziges grosses Fenster im Süden und im Norden einsetzte, standen für die gleichzeitig geplante Gemäldefolge weite Mauerflächen zur Verfügung. Als nach 1630, zu einer Zeit, da die Wände bereits übertüncht waren, die beiden heute noch vorhandenen Fenster eingebrochen wurden, verletzte oder zerstörte man viele Bilder (vgl. Schemata S. 10/1 1). Dennoch lässt sich das inhaltliche Programm fast vollständig rekonstruieren. | | |
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Südwand Das Marienleben in die Jugendgeschichte Christi übergehend umfasst zwei Reihen mit je sieben hochformatigen Feldern. Die Rahmen bestehen aus roten Streifen mit Lichtkanten in Angleichung an die Holzrahmen bei Altargemälden. Die Bilderzählung beginnt jeweils im Osten und stützt sich auf Luk. 1 und 2 und die apokryphen Evangelien. Obere Reihe: Joachims Opfer wird vom Hohepriester zurückgewiesen, 2 Joachim und Anna vor der goldenen Pforte, 3 Tempelgang Mariae, 4 Vermählung Mariae (zur Hälfte zerstört), 5 Verkündigung an Maria (rechts oben Engelflügel, Taube und Gottvater), 6 Begegnung von Maria und Elisabeth Heimsuchung, Visitatio, 7 Geburt Christi. - Untere Reihe: 8 Hl. Drei Könige vor Herodes?, 9 Anbetung der Hl. Drei Könige (beide zerstört), 10 Flucht nach Ägypten, 11 Kindermord von Bethlehem (nur linke Hälfte), 12 Darbringung im Tempel (zerstört), 13 Der zwölfjährige Jesus im Tempel, 14 Taufe Christi. Mitte, unterhalb von 11 und 12: 15 Tod Mariae (neuentdecktes Breitbild). Fortsetzung des Marienzyklus an der Westwand unter der Empore im Süden: 16 Schutzmantelmadonna (auch durch ein Aquarell Jauslins belegt). | |
 Legende von den dankbaren Toten (Allerseelen). Westwand des Beinhauses, um 1513
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Nordwand Passionsgeschichte, ebenfalls 2 Reihen mit je sieben Bildern im Westen beginnend. Obere Reihe: 17 Christi Einzug in Jerusalem (stets Auftakt zur Leidensgeschichte), 18 Abendmahl (vom Fenster angeschnitten), 19 Gebet am Ölberg (rechts oben Engel mit Kelch), 20 Gefangennahme Christi (Judaskuss), 21 Christus vor Kaiphas? (zerstört), 22 Geisselung (Schergen in zeitgenössischer Tracht), 23 Dornenkrönung (weitgehend zerstört). - Untere Reihe: Schaustellung Christi - Ecce homo (obere Hälfte erhalten), 25 Handwaschung des Pilatus (Baldachin erkennbar), 26 Kreuztragung (zerstört), 27 Kreuzannagelung (typische Diagonalkomposition), 28 Kreuzigung (zerstört), 29 Beweinung - Pieta (Kreuz rekonstruiert), 30 Christus in der Vorhölle (oben Kopf eines Teufels über dem Höllentor). - Mitte, analog zum Breitbild auf der Gegenseite: 31 Drei Marien am Grabe? (Rasenstück und Fusspartie von drei weiblichen Gewandfiguren, bogenspannender Schütze). Unterhalb von 29 und 30 nächst dem Chorbogen zwei kleinere Bilder: 32 Christus erscheint Magdalena als Gärtner? und 33 Ungläubiger Thomas? (Hypothese vonweddigen), 34 Auferstehungsnische, Gemälde aus der 1. Hälfte des 15. Jhs., übermalt 1507, möglicherweise als Heiliggrab mit der Skulptur des Leichnams Christi. | | |
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Apostelfries: unterste Bildzone an der Südwand, die sich über die Westwand bis gegen die Auferstehungsnische im Norden erstreckt. Lebensgrosse charakteristische Gestalten mit wallenden Spruchbändern, auf denen die Glaubensbekenntnisse geschrieben stehen: 35 Erlöser-salvator mundi, 36 Simon-Petrus, 37 Andreas, 38 Jakobus d. Ä. mit Pilgerstab und Muschel, 39 Johannes mit Giftkelch, 40 Philippus mit Marterkreuz; an der nördlichen Westwand: 41 Thomas mit Winkelmass, 42 Bartholomäus mit Messer; an der Nordwand: 43 Matthäus mit Hellebarde - Schlüsselfigur mit Jahreszahl 1507, 44 Jakobus d. J. mit Walkerstange, 45 Simon mit Säge, 46 Thaddäus mit Keule, 47 Matthias (zerstört). Westwand über der Empore: Monumentales Jüngstes Gericht. Auf breiter Wolkenbank Christus mit den fürbittenden Maria und Johannes mit den sitzenden Aposteln, darunter die Auferstehenden, die links von Petrus ins Paradies geführt und rechts vom Höllenrachen verschlungen werden. Unter der Übermalung von Jauslin ist, wie Freilegungsproben gezeigt haben, die originale Farbe intakt. Auch hat das Gemälde nicht wie die andern im Langhaus durch Pickelhiebe Schaden gelitten. Leider wird es durch die zu grosse Orgel verdeckt. Die Darstellung der Zehn Gebote unterhalb des südlichen Fensters kennen wir als Wandbildmotiv nur aus dem Norden. Dagegen gehört der Dekalogus als graphisches Flugblatt zur beliebten religiösdidaktischen Aufklärungsillustration im späten Mittelalter. Eine Aquarellkopie von Jauslin vermag dem Leser wenigstens eine Vorstellung von dem heute leider stark zerstörten Wandgemälde zu geben. | | |
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Triumphbogenwand In den Chorbogenzwickeln erschienen ehemals wappentragende Engel. Lediglich das schwungvolle Wappen mit dem Baslerstab ist links übriggeblieben, während das durch ein Aquarell belegte Stifterwappen des Arnold zum Luft rechts fehlt. Volutendekorationen als Einfassungen über den barocken Spitzbogenfenstern von G. Wannewetsch (17. Jh.) hat man in die Konservierung einbezogen. | |
 Flucht aus Ägypten an der Südwand des Schiffes
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Beinhaus Die Wandbilder an der Fassade und an den drei Wänden im Innern stellen gegenüber jenen in der Kirche künstlerisch eine spätere Entwicklungsstufe dar. Das Entstehungsdatum 1513 erscheint gleich zweimal: aussen über dem Fenster, innen oben rechts beim Jüngsten Gericht. Als Fassadenschmuck dienen drei Figuren. Links schreitet der Riese Christophorus mit dem Christuskind auf den Schultern durch den Fluss, stilistisch an eine Zeichnung von Urs Graf gemahnend; in der Mitte, stark verblasst, Erzengel Michael; rechts eine Schutzmantelmadonna. Dem Eingang gegenüber erstreckt sich im flachgedeckten Raum das dritte Weltgericht, ein vielfiguriges Bild, das sich durch zartfarbige Atmosphäre auszeichnet, seitlich begrenzt durch Renaissancesäulen. Zur Rechten wird in einer Landschaft im Stil der Donauschule auf volkstümliche Weise die Legende von den dankbaren Toten erzählt: Dem durch Räuber bedrängten Ritter kommen die aus den Gräbern steigenden Toten zu Hilfe, weil er jeweils beim Vorbeigehen am Friedhof für das Seelenheil der Verstorbenen gebetet hat. Für den seelenwägenden hl. Michael in der Südostecke ist der Platz innerhalb des Beinhauses von symbolischer Bedeutung. Während die Fensterbordüren mit dem Bollenmuster und den Ranken gotisch sind, wirkt der Erzengel bereits renaissancehaft. | |
 Hl. Michael als Seelenwäger des Beinhauses, um 1513.
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Würdigung Im weiten Umkreis von Basel wird man kein Gotteshaus finden, das einen derartig reichen Bestand an gotischen Wandbildern besitzt wie die Kirche von Muttenz. Vor allem die Malereien im Schiff zeichnen sich durch das einheitliche ikonographische Programm aus, das sich trotz einiger fehlender oder beschädigter Bildfelder rekonstruieren lässt. Stilistisch dominiert das Erbe der Spätgotik. Das zeigt sich in erster Linie in der Komposition, was dem Betrachter erlaubt, mit Hilfe von graphischen Blättern Schongauers und Dürers einzelne unvollständige Bilder in der Vorstellung zu ergänzen. Den Künstler interessiert das Landschaftliche mehr als die Innenräume, die wie leer wirken. Das erwachende Interesse am Individuellen kommt vor allem in den Gesichtern der Apostel zum Ausdruck. Es ist nicht zu übersehen, dass der Credofries gegenüber dem Marienleben eine reifere formale Leistung darstellt. Dort herrschen noch die spätgotischen Stiltendenzen vor, hier ist die Beherrschung der Bewegung und der Charakterisierung bei den Westen entspricht das Weltgericht, das sich auf der gesamten westlichen Mauerfläche ausbreitet. Die Passion, verlaufend von Westen nach Osten, vollzieht sich auf der nördlichen Schattenseite. Übrigens ist der mariologische Zyklus insofern konsequent durchgeführt, als sich auf der gleichen Seite die Schutzmantelmadonna (westlich unter der Einpore) und die Himmelfahrt mit der Marienkrönung (Vorchor) befinden. Die unterste Reihe der Apostel, im Westen auf drei Wände verteilt, hat ebenfalls einen sinnbildlichen Bezug: als Verkünder der Heilslehre sind sie die Stützen der Kirche. - Wenn man die Malereien historisch betrachtet, dann fällt auf, dass der Vorchor mit dem reichen Wappenschmuck ein Zeugnis für den adeligen Auftraggeber ist, während das Schiff als Predigtraum mit der Bilderbibel den Lebensstil einer gelehrten, doch verbürgerlichten Welt veranschaulicht. Bau: Hans-Rudolf Heyer Wandmalerei: Ernst Murbach | | |
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