Chronik für den Monat November 1956 | |
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3. | Vor dem Gebäude der Finanzdirektion wird von der Eigentümerin, der Gebäudeversicherungsanstalt, eine Freiplastik des Baselbieter Bildhauers August Suter [Kurzbiographie] der Öffentlichkeit übergeben. Der Staat, als Mann dargestellt, hält seine schützende Hand über eine kniende Frau, die Familie. |
5. | Die Synode der Evangelisch-reformierten Kirche bespricht die finanzielle Lage der Kirchgemeinden und der kantonalen Kirche, stellt fest, dass die finanziellen Mittel besonders in Gemeinden mit ständig wachsender Bevölkerung nicht ausreichen, -vor allem nicht für die Errichtung neuer Pfarrstellen, den Bau von Pfarrwohnungen und Kirchen und für einen gerechten Ausgleich, beauftragt den Kirchenrat und die Finanzkommission, neue gesetzliche Grundlagen für die Finanzierung der grossen Aufgaben der Kirche zu suchen und möglichst rasch Vorschläge zur Behebung der Finanznot zu unterbreiten. Die Synode stimmt dem Voranschlag für 1957 zu, bekundet ihre Empörung «über die brutale Unterdrückung des nach Freiheit und Menschenwürde hungernden ungarischen Volkes» und bestimmt das Opfer des 11. Novembers in allen Kirchen «für die ungarischen Brüder und Schwestern». Die Synode ermahnt angesichts der über die gebotene Vorratshaltung weit hinausgehenden Angstkäufe «zur Brüderlichkeit und Solidarität im eigenen Land». |
6. | Der Regierungsrat protestiert gegen die Gewaltmethoden, die zur Unterdrückung der Freiheitsbestrebungen in Ungarn geführt haben, und weist das kantonale Arbeitsamt und die Fremdenpolizei an, mindestens 100 männlichen und weiblichen Flüchtlingen im Kanton Arbeit zu vermitteln, damit sie «eine neue Existenz aufbauen» können. |
6. | Die einzige noch lebensfähige Baselbieter Sektion der Partei der Arbeit in Pratteln beschliesst den Austritt aus der kantonalen und der eidgenössischen Partei. Die Sektionen Muttenz und Allschwil folgen. |
6. | Die Gemeindeversammlung von Diegten lehnt eine Resolution gegen die im Diegtertal geplante Autobahn ab, wünscht aber eine Verbesserung der Strassenführung. |
8. | Der Landrat gedenkt der Opfer des ungarischen Aufstandes, stimmt der Verlegung eines Geleises der Trambahn Basel - Aesch zu Lasten des Staates zu, erwirbt verschiedene Liegenschaften in Liestal zur Verbesserung der Verkehrsverhältnisse, ferner Land am Rhein bei Augst, um es an die Hardwasser AG. im Baurecht abgeben zu können, bewilligt Nachtragskredite für die Korrektion der St. Jakobstrasse in Muttenz und den Umbau der Liestaler Kaserne, ist mit dem Schutz des Baumbestandes am Birsig und mit Aufforstungen in den Gemeinden Eptingen und Reigoldswil einverstanden, setzt die Beratung des Wahlgesetzes fort, ermöglicht dabei grundsätzlich die stille Wahl und hält an den bisherigen Landratswahlkreisen fest. Motionen des Freisinnigen P. Brodbeck, Liestal, und der Sozialdemokraten O. Stöbe, Liestal, und Dr. L. Lejeune [Kurzbiographie], Muttenz, von denen der erste die Erhöhung des Kredites für die Förderung kultureller Zwecke, um Vorlesungen von Schweizer Dichtern und Schriftstellern in den Schulen zu ermöglichen, der zweite einen einmaligen Beitrag an das Kinderlähmungszentrum in Zurzach, der dritte eine bessere gesetzliche Fundierung der Entschädigungspflicht des Staates unschuldigen Opfern der Justiz gegenüber verlangt, werden an den Regierungsrat gewiesen. |
10./11. | Wahlen. Es finden die Wahlen der Gemeinderäte und andere Gemeindewahlen statt. Das einzige einem Gemeinderat angehörende Mitglied der PdA wird in Pratteln nicht mehr gewählt. |
14. | An einer eindrücklichen Kundgebung für Ungarn, die alle politischen Parteien des Kantons befürworten, sprechen Regierungsrat Otto Kopp [Kurzbiographie >>>] und Paul Pereszlenyi, Zürich. |
15. | Der Landrat beendigt die erste Lesung des Wahlgesetzes und der dazu gehörenden Verordnung, welche die Stimmabgabe wesentlich erleichtert; der Rat entscheidet sich für die Listenverbindung bei den Proporzwahlen. |
17./18. | In den evangelisch-reformierten Kirchgemeinden finden die Wahlen der Kirchenpflegen und der Mitglieder der kantonalen Kirchensynode statt. Bei einer Stimmbeteiligung von 20% im Kanton nehmen in Allschwil 7,5% und in Titterten 53% der Stimmberechtigten daran teil. Die Beteiligung der Frauen ist ungefähr gleich gross wie die der Männer. |
18. | Das Sonntagsjahrverbot für Motorfahrzeuge, das der Bundesrat wegen der Sperrung des Suezkanals und der Zerstörung von Pipelines im Nahen Osten verfügt hat, wird im Baselbiet trotz der kurzfristigen Anzeige von den Automobilisten mit wenigen Ausnahmen beachtet. |
18. | Ziefen nimmt vom alten Schulhaus Abschied und weiht das neue Schulhaus mit der Turnhalle ein. |
20. | Die repräsentative Schweinezählung in 24 Gemeinden ergibt gegenüber dem 21. April 1955 eine Zunahme des Schweinebestandes von 5'253 auf 6'817. |
22. | Der Landrat weist das Gesetz über das Versicherungswesen gegen Brand- und Elementarschäden an den Regierungsrat zurück, da er ausser den vom Regierungsrat und von der landrätlichen Kommission revidierten auch noch andere Bestimmungen ändern möchte, stimmt der Petition gegen die Korrektion der «Baslerstrasse» in Binningen und dem neuen Projekt zu, das die Wünsche der Petenten berücksichtigt, beanstandet, dass der Regierungsrat das Recht zur Bewilligung von Baurechtsverträgen für sich beansprucht, z. B. für die drei Hochhäuser in Birsfelden, und regt an, durch eine Verfassungsänderung die Genehmigung von Baurechtsverträgen dem Landrat zu übertragen. Eine Interpellation gibt dem Regierungsrat Gelegenheit mitzuteilen, dass das Amt für Handel, Gewerbe und Industrie ein Gesetz über die Kinderzulagen für Arbeitnehmer ausarbeite. Ein anderer Interpellant kritisiert die krasse Verletzung des Baugesetzes durch einen Hauseigentümer in Biel. Der Rat weist die Motion des Sozialdemokraten M. Gutzwiller, Binningen, der die Aufteilung des Gerichtsbezirkes Arlesheim wünscht, und eine Motion für eine Revision der Zivilstandsordnung an den Regierungsrat und bewilligt einen Kredit von 260 000 Franken für die Korrektion der Burgstrasse in Liestal. |
22. | Die Gemeindeversammlung von Allschwil gewährt einen Kredit von 2 742 170 Franken für den Bau eines Realschulhauses mit 10 Schulzimmern, den nötigen Nebenräumen und einer Aula. |
23. | Der Regierungsrat unterbreitet dem Landrat die Entwürfe zu einer Verordnung über die wirtschaftliche Kriegsvorsorge, worin das Verfahren bei Verstössen gegen die Vorschriften geregelt wird, und zum Gesetz über die Errichtung und Führung eines kantonalen Lehrerseminars. |
24./25. | Abstimmung. Das Baselbieter Volk stimmt der abgestuften Ermässigung der Staatssteuern im § 28 des Steuergesetzes vom 7. Juli 1952 bei einer Stimmbeteiligung von 49,38% mit 14'799 Ja gegen 2'409 Nein zu. Zugleich finden die Wahlen der Gemeindepräsidenten und der meisten Gemeindekommissionen statt. |
27. | Trotz vorgerückter Jahreszeit lässt die Nachfrage nach Arbeitskräften nicht nach. Die 3 Arbeitslosen sind ein «älterer» Kaufmann und 2 Posamenterinnen. |
27. | Der Regierungsrat schlägt dem Landrat die Teilrevision des Gerichtsverfassungsgesetzes, der Zivilprozessordnung und der Verordnung betreffend das kantonale Versicherungsgericht vor. |
29. | Die landrätliche Spitalbaukommission stimmt im wesentlichen dem regierungsrätlichen Entwurf zum Spitalgesetz zu. |
29. | Das Preisgericht für den Neubau der katholischen Pfarrkirche in Liestal spricht den ersten Preis Fr. Metzger, Zürich, zu. |
29. | Im Jugendheim Leuenberg treffen die ersten ungarischen Flüchtlinge (25 Männer und 5 Frauen) ein, die im Baselbiet untergebracht werden. Der Kanton übernimmt ferner die 60 ungarischen Flüchtlinge der Auffanglager Litzirüti (27 Männer, 12 Frauen und 21 Kinder) und Romiti am Rigi (18). Für diese 108 Flüchtlinge liegen bereits 100 Anmeldungen von Arbeitsplätzen mit freier Station für die Familienangehörigen und von 200 Arbeitsstellen für männliche und von 100 für weibliche Arbeitskräfte vor. Die meisten Flüchtlinge stehen im Alter von 18 bis 40 Jahren. Verschiedene Gemeinden haben sich zur Übernahme mehrerer oder einzelner Flüchtlingsfamilien verpflichtet. |
29. | An diesem und den beiden folgenden Tagen treffen etwa 150 Frauen und Töchter die Vorbereitungen für einen würdigen Empfang derjenigen Flüchtlinge, die der Bundesrat vorübergehend in der Liestaler Kaserne unterbringen möchte. Der Helferwille der Bevölkerung ist gross. |
30. | Der Regierungsrat erhöht für 1957 den Teuerungszuschlag zur Schadenvergütung und zu den Prämien von 90 auf 100% «der eingetragenen Brandlagerschätzung». |
30. | Seit 22 Jahren ist der November bei einer Durchschnittstemperatur von 2,8° statt 4,6° und mit 22 zu kalten Tagen nie mehr so kalt gewesen. Noch nie hat man auf St. Margarethen (eröffnet 1929) wie dieses Jahr im November 3 Eistage festgestellt, während sonst nur hie und da im November ein Eistag verzeichnet wird. |
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