Siedlung Wasserhaus Münchenstein


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Geschichtliche Entwicklung

 

In Basel beschränkte sich die Bautätigkeit bis zum Ende des 19. Jahrhunderts im wesentlichen auf das Gebiet innerhalb der Grenzen des Stadtkantons. Erst im Laufe des 20. Jhs dehnte sich die Agglomeration auf die Landgemeinden aus. Bis zum Zweiten Weltkrieg erlebte vor allem das weite, ebene Gelände entlang des linken Ufers der Birs, zwischen Basel und Münchenstein, eine besonders intensive Bautätigkeit.


Als Reaktion auf die unhaltbaren hygienischen und sozialen Verhältnisse in den Mietskasernen der Stadt wollte man durch die Neubesiedlung auch soziale und ethische Ziele verfolgen. Die Forderung nach "Licht und Luft", als auch der Wunsch nach "Ruhe im Grünen" konnte sich der Mittelstand durch ein kleines, von einem Garten umgebenes Einfamilienhaus erfüllen. In Neumünchenstein entstanden so grossflächige Einfamilienhausquartiere. Diese intensiv durchgrünten Quartiere zeichnen sich durch eine hohe Wohnqualität aus.


Andererseits wurden von Genossenschaften grosszügige Siedlungen mit Gärten auf freiem Felde erbaut. Neben der 1913 begonnenen "Gartenstadt" gilt noch heute die Siedlung "Beim Wasserhaus" als Modellfall. Die Siedlung wurde von der gleichnamigen Baugenossenschaft errichtet, welche aus der "Basler Vereinigung für industrielle Landwirtschaft und Innenkolonisation" hervorgegangen ist. Von Industriellen 1918 gegründet, widmete sie sich in den Kriegsjahren der Produktion von Nahrungsmitteln, nahm sich aber nach Kriegsende dem drängenden Wohnungsproblem an. Wegen der ausserordentlich hohen Baukosten hatte die Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg dermassen drastische Ausmasse angenommen, dass der Bundesrat einen dringlichen "Beschluss zur Förderung der Hochbautätigkeit" erliess (1919). Trotzdem wurde das Projekt der Siedlung "Beim Wasserhaus" nicht in dem erhofften Umfang vom Bund subventioniert, so dass nur ein Teil realisiert werden konnte. Obwohl genossenschaftlich organisiert, wurden die Kosten vor allem von industriellen Unternehmungen finanziert. Die Siedlung "Beim Wasserhaus" stellte eine privatwirtschaftliche Alternative zur gleichzeitig realisierten, aber genossenschaftlich finanzierten Siedlung "Freidorf" bei Muttenz dar.



Die Siedlung ist aufgrund ihres Modellcharakters als Spezialfall in das Inventar der schützenswerten Ortsbilder (ISOS) aufgenommen worden.



 

Architektur

Ebenso wie Finanzierung und Organisation sollte auch die architektonische Anlage der Siedlung exemplarischen Charakter besitzen. Auf freiem Gelände, weitab einer Ortschaft, wollte man dem Modell einer Gartenstadt möglichst nahe kommen. Der Bebauungsplan wurde vom Architekten W. Brodtbeck aus Liestal aufgrund von Plänen von Prof. Hans Bernoulli ausgearbeitet. Das erste Projekt sah eine klar strukturierte Siedlung für 100 Hauseinheiten vor, deren Mittelpunkt ein rechteckiger, von Bäumen bestandener Platz mit einem Gemeinschaftshaus hätte sein sollen. Aus finanziellen Gründen konnte 1920/21nur ein Teil dieses Planes ohne seine verbindenden, zentralen Elemente ausgeführt werden.


Der straffe Bebauungsplan basiert auf zwei parallelen Erschliessungsstrassen, welche beiderseits von insgesamt acht Häuserblöcken gesäumt werden. Die Nord-Süd Ausrichtung der Strassen ergibt eine optimale Besonnung der Wohnungen. Zwischen den Häuserblöcken erstrecken sich tiefe, zu zwei Doppelreihen zusammengefasste Streifen mit Gärten.



Die Häuserblöcke beherbergen recht grosse Wohnungen, wobei jeweils die Eckhäuser ein Zimmer mehr aufweisen. Die zwar normierte, im Detail aber sehr sorgfältige und liebevolle Gestaltung der Fassaden - z.B. die Tierzeichen an den Stürzen der Haustüren - entsprechen dem Wunsch der Gründer, auch äusserlich mit dieser Siedlung einen Gegenpol zur anonymen Architektur der Mietskasernen in der Stadt zu setzen. Grundlegender Gedanke dieser für bessergestellte (Vor-)Arbeiter konzipierten Siedlung war es ja, dass die Einfamilienhäuser an ausgewählte Angestellte verkauft werden sollten.


Das erste Projekt sah neben der Siedlung eine grosse Parzelle als Pflanzland vor. Die Idee des Pflanzlandes ist eine Reminiszenz der Gründer an die der "Vereinigung" ursprünglich zugrundeliegende Aufgabe der Sicherung von Nahrungsmitteln in Krisenzeiten. Diese Parzelle wurde später veräussert. In den folgenden Jahrzehnten entstand hier eine für die Zwanzigerjahre typische, zweigeschossige Bebauung von freistehenden, von Gärten umgebenen Einfamilienhäusern für den Mittelstand.



 

Erweiterung von 1995-98

Das, was zuletzt als Pflanzland bezeichnet wurde, umfasste jenen Teil des Planes, der 1920/21 nicht errichtet werden konnte. Auf diesem Land realisierte die Ateliergemeinschaft Michael Alder und Hanspeter Müller 1995-98 eine Ergänzung der ursprünglichen Siedlung mit neuen Stilmitteln. Sie umfasst etwa die Hälfte des 1920 nicht gebauten Teils.


Die Erweiterung um 20 Wohneinheiten in vier Häuserreihen vervollständigt in moderner Form den ursprüngliche Bebauungsplan. Sie nimmt Bezug auf die vorhandene Anlage, führt sie aber nicht stur weiter, sondern ergänzt sie in abgewandelter, den heutigen Bedürfnissen besser entsprechender Form. Sie integriert auch einen offenen Platz, der im ursprünglichen Konzept vorgesehen war, in der ersten Etappe aber nicht ausgeführt werden konnte. Mit einer Einstellhalle unter dem Platz konnte auch das Parkierungsproblem gelöst werden.



 

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