Medieninformation der Justiz-, Polizei- und Militärdirektion | |
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Tätigkeitsbericht der Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt und der Polizei Basel-Landschaft
HÄUSLICHE GEWALT AUS SICHT DER POLIZEI
Gewalt im öffentlichen Raum wird von Polizei und Presse regelmässig als Problem ausgemacht. Anders ist dies bei Gewalt im sogenannten privaten Raum, deren Opfer zumeist Kinder und Frauen, aber auch Männer, Behinderte und betagte, der Hilfe bedürftige Menschen sind. Mit dem Hinweis, dass es sich hierbei um Privatangelegenheiten handle, unterbleiben in Fällen häuslicher Gewalt immer wieder staatliche Interventionen und Sanktionen. Auch wenn es zur Zeit noch keine gesicherten Zahlen über die Verbreitung von Delikten im sozialen Nahraum gibt, schätzt man, dass in der Schweiz jede fünfte Frau in Laufe ihres Lebens körperliche und / oder sexuelle Gewalt - nicht irgendwo, sondern in ihrer Paarbeziehung erleidet.
Kriminalstatistik
Die Kriminalstatistik zeigt, dass die polizeilichen Interventionen im Bereich 'Häusliche Gewalt' innerhalb der polizeilichen Tätigkeiten in den letzten Jahren massiv zugenommen haben. Im Jahre 2003 hatte die Polizei Basel-Landschaft über 800 Meldungen in diesem Bereich zu bearbeiten - das entspricht etwas mehr als einem Zehntel aller Delikte. Das heisst mit anderen Worten: Vorfälle im Bereich der häuslichen Gewalt sind zu einem Massengeschäft und einer der Kerntätigkeiten der Gefahrenabwehr für die Polizei Basel-Landschaft geworden. Die Schaffung neuer Arbeitsinstrumente (Checkliste, Zusatzblatt, Kindesschutzmeldung, neues OHG-Formular) hat die Arbeit der Polizei bei Interventionen nicht nur erhöht, sondern auch komplexer gemacht. Insbesondere die neuesten Entwicklungen und Gesetzesänderungen (Offizialdelikt seit 1.4.2004 und vorgesehene polizeiliche Wegweisung ab ca. Anfang 2006) werden die Aufgaben der Polizei erweitern.
Das FachspezialistInnenteam und die Grund- und Weiterbildung bei der Polizei
Die Polizei Basel-Landschaft hat eine Fachspezialistin und zwei Fachspezialisten, die sich mit dem Thema "Häusliche Gewalt" befassen. Zu den Aufgaben gehören - neben dem Führen von Statistiken - die Einsatzkontrolle und Beratung der Mitarbeitenden sowie die Grundausbildung und die Weiterbildung im Polizeikorps. Die enge Zusammenarbeit mit den Beratungsstellen bringt uns auch oft direkt mit Gewalt betroffenen Personen in Kontakt. Wir beraten diese über die strafrechtlichen und zivilrechtlichen Möglichkeiten. Wir erstellen Anzeigen an die Untersuchungsbehörde und wenn wir feststellen, dass Kinder direkt oder indirekt von häuslicher Gewalt betroffen sind, Berichte an die zuständigen Vormundschaftsbehörden zur Abklärung von Kindesschutzmassnahmen.
Unsere Ziele (Gewalt stoppen - Opfer schützen - Täterschaft belangen) erreichen wir nur mit einer soliden Grundausbildung und einer regelmässigen Weiterbildung der Polizeimitarbeitenden.
Die Grundausbildung zum Thema "Häusliche Gewalt" besteht bei der Polizei Basel-Landschaft aus verschieden Modulen. Während den theoretischen Grundkenntnissen über die Gewaltdynamik, lernen die Polizeischüler den Unterschied zwischen Streit und Gewalt kennen. Sie lernen auch die Bedeutung der Gewaltspirale kennen (wie eine Spannungsphase in eine Übergangsphase geht, wo Entschuldigungen und Reue zum Vorschein kommen, bis wieder eine neue Spannungsphase zum Teil zu noch stärkerer Gewalt führt). Und in Fallbeispielen sowie Rollenspielen wird ihnen die Praxis etwas näher gebracht. Auch dem Polizeicorps wird an Fachausbildungen immer wieder aufgezeigt, wie wichtig es ist unseren polizeilichen Ermittlungsauftrag bei häuslicher Gewalt sehr ernst zu nehmen.
INTERVENTIONSSTELLE GEGEN HÄUSLICHE GEWALT: HINSEHEN STATT WEGSEHEN
Jubiläum: 5 Jahre Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt
Diesen Frühling feierte die Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt Baselland ihren fünften Geburtstag im Beisein von über hundert Gästen. Aus einem Projekt ist eine unverzichtbare Fachstelle geworden, deren Dienstleistungen in- und ausserhalb der Kantonsbehörden rege in Anspruch genommen werden. Gemeinsam mit Basel-Stadt wurde das Forumtheater 'Theaterfalle Basel' mit der Erarbeitung eines Stückes zum Thema häusliche Gewalt beauftragt, das anlässlich des Geburtstags am 4. Mai aufgeführt wurde und sehr viel Beachtung fand.
Neuregelung des Schw. Strafgesetzbuches: Offizialisierung
Die durch die Interventionsstelle mitgestaltete gesamtschweizerische Polizeikampagne hat durch ihre breite öffentliche Wirkung möglicherweise das erneute Ansteigen der erfassten Fälle häuslicher Gewalt im Jahr 2003/2004 zur Folge gehabt. Bei den Statthalterämtern wurden insgesamt rund 180 Verfahren wegen häuslicher Gewalt bearbeitet. Mit der Erweiterung des Strafgesetzbuches - es geht um die Offizialisierung von Delikten häuslicher Gewalt - seit 1. April dieses Jahres könnten die Zahlen auch in Zukunft noch weiter ansteigen. Die neue Regelung hat alle wesentlichen Delikte ausser der einmaligen Tätlichkeit, die in Partnerbeziehungen verübt werden können, von Amtes wegen unter Strafe gestellt. Die Gesetzesneuerung wurde von der Interventionsstelle gemeinsam mit den einbezogenen Behörden sorgfältig vorbereitet und umgesetzt.
Mehrsprachige Notfallkarte
Um die Migrationsbevölkerung der Region Basel noch besser zu erreichen, wurde die sogenannte Notfallkarte mit den wichtigsten Botschaften und Anlaufstellen in 7 Sprachen übersetzt und mit einem breiten Versand unter die Leute gebracht. Die Karten mit einem abtrennbaren Adressteil sind in den Sprachen Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Serbisch, Albanisch, und Türkisch einzeln oder zusammengeheftet erhältlich. Die Broschüre ist ebenfalls aus einer Kooperation der beiden Interventionsstellen BS und BL entstanden.
Gesundheitsbereich
Im Gesundheitsbereich konnte erreicht werden, dass die Ärztegesellschaft auf ihrer Webseite Informationen über häusliche Gewalt sowie eine ausgezeichnete Vorlage für die Erstellung eines ärztlichen Zeugnisses für alle im Kanton zugelassenen Ärztinnen und Ärzte zugänglich machte. Ebenfalls wurden verschiedene Notfallkreise mit Grundlagenmaterial und Informationen versorgt. Es ist erwiesen, dass die niederschwelligste Hilfe an Gewaltbetroffenen im medizinischen Sektor anzutreffen ist und dort noch ein grosser Informationsbedarf besteht. Eine neue Studie am Triemlispital Zürich hat nachgewiesen, dass lediglich ein Fünftel der gründlich befragten 1'700 Patientinnen noch nie Gewalt in einer Partnerschaft erlebt hatten. Die grosse Mehrzahl würde die Routinefrage nach häuslicher Gewalt bei der Anamnese befürworten, sodass hier noch weiter Handlungsbedarf besteht.
In der Weiterbildung ist der Weg zur festen Verankerung des Themas häusliche Gewalt in der Grundausbildung der wichtigsten Berufsgruppen noch weit. Immerhin konnten mittels Lehrauftrag an der Hochschule für soziale Arbeit erste Schritte im Rahmen von zwei Wahlmodulen gemacht werden.
SOZIALES TRAININGSPROGRAMM FÜR GEWALTAUSÜBENDE MÄNNER
In seinem nun vierten Betriebsjahr seit dem Programmstart im Mai 2001 hat das gemeinsam geführte soziale Trainingsprogramm der beiden Interventionsstellen Basel-Landschaft und Basel-Stadt erneut eine gewisse Konsolidierung erreicht. Es ist geplant, das Projekt im Jahre 2005 gemeinsam mit dem Partnerkanton Basel-Stadt fest zu installieren - die entsprechenden Vorbereitungsarbeiten laufen. Auch wenn man auf den ersten Blick meinen könnte, die Zahl trainierter Männer sei gering, so muss man sich immer klar sein, dass präventiv weitere Gewalthandlungen verhindert werden können - und hinter jedem Fall stecken Schicksale. Nicht nur von gewaltbetroffenen Frauen, sondern sehr oft sind auch Kinder mitbetroffen.
Zahlen
Im Jahr 2003 wurden insgesamt 47 Männer zugewiesen. Mit 29 führte das Trainerpaar ein Aufnahmegespräch, davon wurden 23 ins Trainingsprogramm aufgenommen. Im laufenden Jahre 03 brachen 12 Teilnehmer das Programm ab. Die Gründe dafür sind verschieden. Einige Teilnehmer tun sich schwer, sich im ungewohnten Umfeld einer Gruppe zurechtzufinden. Andere können und wollen wohl nicht den Sinn einsehen, weshalb sie sich mit ihrer Gewaltbereitschaft auseinandersetzen sollten. Wird seitens der zuweisenden Behörde schriftlich verfügt, dass der Mann am Trainingsprogramm teilzunehmen hat, ist das zwar noch keine Garantie für seine Teilnahme, es ist aber doch deutlich mehr Verbindlichkeit feststellbar. Wichtig ist auf jeden Fall der Umstand, dass eine Verweigerung oder ein Abbruch Folgen haben muss und neue Lösungen auch von den Gerichten erfordert.
Insgesamt konnte eine deutliche Erhöhung der Anzahl zugewiesener Männer verzeichnet werden. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Anzahl der Abschlüsse fast verdoppelt, die Abbrüche hingegen sind nur leicht gestiegen.
Die Aussage darüber, wieviele Teilnehmer das Programm besucht haben, ist aber keine Garantie dafür, dass sie die Inhalte des Lernprogramms tatsächlich in ihren Alltag integrieren und umsetzen können. Bei einigen Männern entsteht seitens der TrainerInnen der Eindruck, dass eine längerdauernde Begleitung sinnvoll wäre.
Wir führen deshalb mit allen Teilnehmern 3 Monate nach Abschluss des Programms zusätzlich ein Einzelgespräch, um uns über das Befinden des Mannes ein Bild machen zu können, und um ihn eventuell an einen Therapeuten weiterweisen zu können.
Umso erfreulicher ist die Tatsche, dass laut Aussagen der erreichten Partnerinnen die körperliche Gewalt weitgehend zurückgegangen ist und sich ihr Sicherheitsgefühl wesentlich verbessert hat. Wir dürfen also davon ausgehen, dass das soziale Trainingsprogramm eine positive Verhaltensänderung bewirkt.
Die Partnerinnen
Die Kontaktnahme zu den Partnerinnen durch Nottelefon und Frauenhaus-Beratungsstelle nimmt in unserem Konzept einen wichtigen Stellenwert ein. Einerseits dient sie dazu abzuklären, ob die (Ex-) Partnerinnen noch Hilfe und Unterstützung benötigen, andererseits um sie über das Programm und seine Inhalte zu informieren und ihnen nahe zu legen, sich bei allfälligen erneuten Übergriffen sofort zu melden.
Migranten und Schweizer
Um der hohen Anzahl türkischer Teilnehmer und den teils ziemlich schlechten Deutschkenntnissen gerecht zu werden, sind wir froh um unseren türkisch-kurdischen Trainer. Das Programm muss immer wieder stark vereinfacht werden, um den sprachlichen Einschränkungen Rechnung zu tragen. Im laufenden Jahr (2004) war deshalb die Neueröffnung eines zweiten parallelen Kurses eine gute Lösung, um die sprachlichen Niveaus auf diese Weise etwas differenzieren zu können. Gerichte und Kriminalkommissariat BS haben mehrmals die Frage nach einem fremdsprachigen Kurs aufgeworfen. Obwohl Teilnehmer türkischer Herkunft die zahlenmässig stärkste ausländische Gruppe sind, würde die Führung eines türkischen Kurses unser Problem nicht lösen. Uns ist wichtig, den Kulturtransfer bewusst zu vollziehen, denn schliesslich geht es um das Erlernen und Durchsetzen von Normen, die auf der schweizerischen Gesetzgebung beruhen. Die Gefahr, dass in einer türkisch sprechenden Gruppe mit türkischen LeiterInnen Kompromisse zugunsten kulturell genannter Rollenvorstellungen gemacht werden, scheint uns erheblich. Wir sehen in der Durchmischung schweizerischer und ausländischer Teilnehmer wie auch in der gemischten Leitung einen wichtigen Integrationsfaktor sowie die Möglichkeit, sich in der gemeinsame Sprache Deutsch dem wichtigen Ziel anzunähern, in der Schweiz zu leben, ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen.
Gewalt gegen Männer
Wir werden immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass es auch Frauen gibt, die gewalttätig werden. Eine Tatsache, der sich niemand verschliessen will, trotzdem lohnt sich ein differenzierter Blick.
Fast alle Männer erleben im Laufe ihres Lebens Gewalt, meist werden sie Opfer von Männergewalt. Männer erleben aber auch in Paarbeziehungen Gewalt, wenn auch in geringerem Ausmass als Frauen. Die Kriminologie hat sich bisher wenig um eine geschlecht- und rollenspezifische Analyse von Gewalthandlungen bemüht. Erst die Thematisierung und Öffentlichmachung von Gewalt gegen Frauen im häuslichen Bereich durch die Frauenbewegung in den 70er Jahren hat die Aufmerksamkeit auf das Geschlecht der Handelnden gelenkt.
Der Kontext des Gewalterlebens unterscheidet sich nach Geschlecht: Frauen werden häufiger Opfer durch Beziehungspartner oder Familienangehörige, Männer häufiger durch Bekannte oder Fremde. Frauen erleiden mehr Gewalt im privatem Raum, Männer häufiger im öffentlichen Raum.
Autoren, die in ihren Studien ein hohes Mass an Tätlichkeiten von Frauen gefunden haben, schränken ein, dass Frauen , die in der Partnerschaft gewalttätig werden, dies in der Regel infolge einer vorherigen Viktimisierung bzw. in Verteidigung gegen einen Angriff tun und dass, infolge ihrer geringeren körperlichen Stärke, diese Angriffe regelmässig von geringerer Intensität und mit geringeren Folgen verbunden sind.
Die Debatte über Frauengewalt hat eine Richtung angenommen, die gewaltbetroffene Männern und Frauen gegeneinander ausspielt, anstatt alle Gewaltopfer ernst zu nehmen.
Ein Trainingsprogramm für gewaltausübende Frauen gibt es (noch) nicht, die tiefen Zahlen würden den Aufwand nicht rechtfertigen. Hingegen rechtfertigen die kontinuierlich steigenden Zuweisungen von Männern eine Weiterführung und feste Verankerung des Trainingsprogramms als unverzichtbare Interventionsform gegen häusliche Gewalt in unserer Region. Das soziale Trainingsprogramm ist für beide Interventionsstellen nach wie vor der konkreteste Baustein zur Erfüllung des Ziels, Täter zur Verantwortung zu ziehen.
Beilage: |
Kontaktperson für weitere Auskünfte:
Barbara Umiker, Leiterin Kommunikation JPMD, Liestal, Telefon 061 925 61 65
(die Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt ist Teil der Kommunikation JPMD)
13. Oktober 2004