Jahresbericht 1999 | |
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4. Das spätgotische Wohnhaus an der Kirchgasse 4 in Ziefen
Der folgende Beitrag zeigt den Umbau des sogenannten "Choche Emil Hus" an der Kirchgasse 4 in Ziefen als Beispiel für eine erfolgreiche Zusammenarbeit von Eigentümern, Architekten und Denkmalpflege.
Das ehemalige Bauern- und Posamenterhaus, von dem hier die Rede ist, liegt an der Kirchgasse im alten Dorfteil Thumeten von Ziefen, einem typischen Bachzeilendorf des oberen Baselbiets. Kurz nach dem Dorfeingang überquert eine alte Steinbrücke den Dorfbach. Sie führt zur Kirchgasse mit ihrem weiten Binnenraum und den intakten Vorgärten. Deutlich liegt das spätgotische "Choche Emil Hus" vom Strassenverlauf zurückgesetzt. Es bildete zusammen mit dem 1610 direkt an der Gasse erbauten Trynihüsli und der ersten, nördlich angebauten ehemaligen Ökonomie eine Baugruppe, zu der auch die zweite, im Süden errichtete Scheune aus dem 17. Jahrhundert gehörte. Beide Ökonomiegebäude wurden im Lauf der Zeit durch Wohnhäuser ersetzt. Zwischen der zweiten Scheune und dem "Choche Emil Hus" führt das "Heräwägli" durch, das die kürzeste Verbindung zwischen Kirche und Pfarrhaus herstellt.
Das "Choche Emil Hus" mit all seinen Details und den deutlich ablesbaren Phasen seiner Baugeschichte ist ein wertvolles Kulturdenkmal der kantonalen Architektur- und Sozialgeschichte. Es dokumentiert auf eindrückliche Weise die Lebensverhältnisse der Baselbieter Bevölkerung in den vergangenen vier Jahrhunderten. Es ist deshalb besonders geeignet, den verantwortungsvollen Umgang mit alter Baussubstanz, der aber dennoch ein zeitgemässes Wohnen ermöglicht, aufzuzeigen.
Bautyp und Geschichte
Das "Choche Emil Hus" ist ein typisches spätgotisches Bauernhaus des oberen Baselbiets. Sein überhöhtes Kellergeschoss verweist auf den Rebbau, die grossen Fenster auf die Posamenterei. (Abbildung 7)
| Abbildung 7: Fassade zur Kirchgasse, Zustand seit der Erhöhung von 1741 (Foto U. Gruner) |
Über dem Keller mit seinem Rundbogentor erhebt sich der zweigeschossige Wohnteil. Im Erdgeschoss sind zwei dreiteilige, gekuppelte gotische Fenster und im Obergeschoss ein zwei- und ein dreiflügliges Fenster mit Holzgewänden eingebaut. Die beiden Hauseingänge an der Giebelfassade unter der gedeckten Laube sind heute versetzt angeordnet, lagen aber früher genau übereinander, wie eine alte, zugemauerte Nische gleich westlich der Haustür im Erdgeschoss zeigte, die nach dem Entfernen des Verputzes sichtbar wurde. Die Tür wurde vielleicht versetzt um eine grössere Kammer neben der Küche einbauen zu können oder weil der Zugang zur Haustür, der dazu noch vom "Heräwägli" überschnitten wird, so weniger von der zweiten Scheune eingeengt wird.
Bemerkenswert ist die Zweiteilung des Kellergeschosses und die unterschiedlichen Zugänge zu den beiden Kellerräumen. Der strassenseitige, Balkenkeller ist von der Gasse und von einem Abgang unter der Laube zugänglich, der hintere Gewölbekeller hingegen nur vom Nachbarshaus.
Besonders reizvoll ist der vollständig erhaltene, spätgotische Fensteraufbau in der Stube des Erdgeschosses. Die Fenstergruppe wird von zwei Rundbögen überfangen, welche in der Mitte durch eine steinerne Fenstersäule mit Kapitell abgestützt werden).
| Abbildung 8: Fenstersäule in der Stube des Erdgeschosses (Foto U. Gruner) |
Der bescheidene Wohnkomfort einer Oberbaselbieter Bauern- und Posamenterfamilie hat sich weitgehend erhalten: Kachelofen mit grünglasierten Kacheln und doppelstöckiger Sitzkunst im Erdgeschoss, Brusttäfer aus Tannenholz, einfach gestemmte Türen und breite Tannenriemen als Fussboden.
Während des Umbaus konnten unter Mithilfe der Kantonsarchäologie und eines Dendrologen interessante Beobachtungen zur Baugeschichte gemacht werden, die das Wissen aus archivarischen Studien erweitern. An den Giebelwänden wurden nach Abschlagen des mürben Verputzes mehrere Bauphasen mit Spuren von früheren Dachformen und alten Fenstern sichtbar. Ursprünglich besass das Haus zwar zwei Geschosse aber nur die Tiefe der heutigen Wohnräume. Die rückwärtigen Räume wurden erst später angebaut. Die Dachfläche lag auch auf der Gassenseite etwas. Mit der Hilfe einer dendrochronologischen Holzaltersbestimmung konnten das Fälldatum der Balken über dem Keller und über dem Erdgeschoss im älteren Teil des Hauses mit dem Jahr 1563 festgestellt werden. Bei einer dendrochronologischen Untersuchung wird mit Hilfe von Holzproben das Fälldatum eines Baumes ermittelt. Anhand der unterschiedlich breiten Jahrringe kann eine Probe einem bestimmten Zeitraum zugeordnet werden. Besitzt ein Holzstück noch Rinde oder die Wachstumsschicht darunter, so kann das Jahr bestimmt werden, in dem der Baum gefällt wurde (Die dendrochronologischen Untersuchung wurde von Raymond Kontic, Basel durchgeführt). Normalerweise wurde ein gefällter Baum noch im gleichen Jahr oder im nachfolgenden verbaut. Für eine Balkenlage z.B. kann mit Hilfe der Dendrochronologie somit ausgesagt werden, wann sie frühestens eingebaut wurde.
Von der ersten Phase haben sich auch Reste der ursprünglichen Haustür erhalten, die in der ehemaligen Westfassade, der heutigen inneren Trennwand zwischen Wohnraum und Küche, lag. Sie besass neben gotisch profilierten, senkrechten Gewändeteilen einen Sturzbogen, der später zusammen mit dem südlichen Pfosten herausgerissen wurde, um einen neuen Zugang zum Wohnraum zu schaffen.
Die Erweiterung um einen Raum nach Westen erfolgte nicht vor 1609, wie dendrochronologische Proben des Dachstuhls ergaben. Mit der Vergrösserung der Grundfläche wurde auch eine neue, etwas höher liegende Dachkonstruktion errichtet, die im unteren Teil einen liegenden und im oberen einen stehenden Stuhl aufweist. Von dieser Konstruktion sind grosse Teile erhalten.
Gleichzeitig wurde auch das Trynihüsli an der Kirchgasse und die ehemalige an der Nordseite angebaute erste Ökonomie errichtet. Diese Baugruppe ist auf der Zeichnung von G. F. Meyer aus dem Jahr 1679 dokumentiert (Abgebildet in der Heimatkunde von Ziefen, Bild 10, S. 47). Weitere drei Generationen später errichtete man eine zweite Scheune im Süden.
In den frühen 40er Jahren des 18. Jahrhunderts wurden die Kellertür und die Fenster im 1. Obergeschoss verändert, wie die Jahreszahl auf dem Türbogen (1742) bzw. die Inschrift "DT MT 1741" im Fenstersturz zeigen. Die Initialen stehen für die Namen der damaligen Besitzer: Durs und Martin Tschopp. Dabei wurde zur Gasse auch die Traufe angehoben und mit einer starken Würge versehen, indem neue Aufschieblinge ein Geschoss höher und flacher ansetzen, als bei der ursprünglichen Konstruktion, wie sie auf der Westseite noch erhalten ist. Dies ermöglichte den Einbau der grossen Fenster im 1. Obergeschoss.
Vermutlich stehen diese Änderungen im Zusammenhang mit der Aufteilung des Hauses auf zwei Eigentümer. Dem einen gehörte das Erdgeschoss sowie der halbe Keller und der halbe Dachraum. Der andere besass das 1. Obergeschoss sowie die andere Hälfte von Keller und Dachraum. Der Keller wurde quer zum Haus aufgeteilt, der Dachraum dagegen längs. Diese Zweiteilung hat auch eine Laube zur Erschliessung des Obergeschosses erforderlich gemacht, die somit spätestens 1741 ein erstes mal errichtet wurde. 1805 musste die Dachkonstruktion auf der Ostseite mit einer und auf der Westseite mit zwei zusätzliche Pfetten gestützt werden.
Umbaukonzept
Weil sämtliche Installationen in einem schlechten Zustand waren, so dass sich eine Erneuerung aufdrängte, haben die Eigentümer einen Architekten mit einem Umbauprojekt beauftragt. Zudem sollte das untere Dachgeschoss die neuen Schlafräume aufnehmen. Von Anfang an war die Kantonale Denkmalpflege in den Planungsprozess miteinbezogen, denn die Eigentümer waren sich der Bedeutung der historischen Substanz bewusst und wünschten sich einen schonenden Umgang mit ihrem Haus. Um eine mit der alten Substanz möglichst verträgliche Lösung zu finden, verzichteten die Architekten auf Eingriffe im älteren Hausteil zur Strasse und konzentrierten sich dagegen auf hinteren Teil, der schon mehrfach den Bedürfnissen der verschiedenen Bewohner angepasst worden war.
Hier stellten die Architekten nach Absprache mit der Kantonalen Denkmalpflege einen turmartigen Einbau hinein, der vom Erdgeschoss bis zum Dach reicht und alle Nassbereiche und Installationen aufnimmt: im Erdgeschoss die Kücheneinrichtung, im 1. Obergeschoss das Bad (Abbildung 9) sowie im unteren Dachgeschoss ein WC und ein kleines Fotolabor. Um den Turm führen die neuen, einläufigen Treppen (Abbildung 10). Der Turm selbst berührt die Aussenwände nicht, setzt sich aber teilweise bis über Dach fort und zeigt sich als Dachausbau in der rückseitigen Dachfläche. Dieser besitzt die minimalen Masse aufgrund des gegebenen Innenraums und der Wärmedämmung. Anstatt wie vom Zonenreglement her möglich zwei Dachaufbauten herzustellen, wählte man mit Unterstützung der Gemeinde und der Denkmalpflege die Variante mit einem etwas verbreiterten, dafür besser auf das schmale, hohe Dach passenden, schlichten Aufbau. Auf Dachaufbauten oder Dachflächenfenster auf der gut einsehbaren Gassenseite und einen weiteren Ausbau auch der oberen beiden Dachgeschosse wurde dagegen vollständig verzichtet.
| Abbildung 9: Grundriss des Obergeschosses nach dem Umbau (Zeichnung Büro Brogli & Müller) | |
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Abbildung 10:
Treppe zum Obergeschoss, links die Giebelmauer, rechts der Turmeinbau mit dem Badezimmer, das durch ein Fenster Tageslicht erhält (Foto U. Gruner) |
Formal unterscheidet sich der Turm gegenüber der bestehenden Substanz einerseits indem er sich farblich absetzt - seine Wände sind aussen gelb gestrichen, während die alte Substanz das Weiss des Kalkputzes zeigt - andererseits sind die Oberflächenstrukturen verschieden. Der Turm ist ganz glatt, die Aussenwände sind dagegen rau, wie für einen abgekellten Kalkputz üblich.
Mit dem Wegfall der Kammer im Erdgeschoss hat die Küche wieder ihre ursprüngliche Grösse erhalten. An der Giebelseite wurden die historischen Fenster, die zeitweise vom Laubendach um etwa einen Drittel verdeckt wurden, wieder frei gestellt, indem das Dach leicht abgesenkt wurde. Dass das auf Konsolen gelagerte Laubendach teilweise in die Lichtprofile der Fenster reichte, zeigt dessen nachträgliche Errichtung. Das ermöglicht die dahinter liegenden Räume als Schlafzimmer zu benutzen. Dazu mussten auch die Fenster in diesem Bereich erneuert werden, wobei darauf geachtet wurde, dass wieder Holzfenster mit der gleichen schmalen Profilierung und der gleichen Sprossenteilung eingesetzt wurden.
Quellen
Martin Furter, Die Bauernhäuser der Kantone Basel-Landschaft und Basel-Stadt, in: Die Bauernhäuser der Schweiz, Band 25, Basel 1999, S. 368-374
Raymond Kontic (Dendron), Dendrochronologische Holzalterbestimmung Kirchgasse 4, Ziefen, BL, Basel 1999, (unveröffentlicht)
Ursula Koch, S'Choche Emil Hus in Ziefen, Wahlfacharbeit in Denkmalpflege bei Prof. Mörsch, ETH, o.J., (unveröffentlicht)
Franz Stohler u.a., Heimatkunde von Ziefen, Liestal 1973
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