Lupsingen: Geschichte

Name und Gemeindewappen

 

Die erste Erwähnung von Lupsingen hat nichts mit seiner Gründung zu tun, die sich nicht datieren lässt: Der Ortsname erscheint erstmals in der Form Lubesingin in einer lateinischen Urkunde vom 14. März 1194, die ausgerechnet in Rom ausgestellt worden ist; durch sie nimmt Papst Coelestin III. das Kloster Beinwil in seinen apostolischen Schutz und bestätigt ihm seinen Besitz - zu dem eben Lubesingin gehört. Fast siebzig Jahre später tritt in einer Basler Urkunde von 1262 als Zeuge in einem Erblehensvertrag der erste Lupsinger auf: Rudolfus de Lubsingen. Dieser war sicher kein Edler von (lateinisch: de) Lupsingen, sondern stammte einfach von dort. Erst im Jahre 1432 tauchte die Schreibweise Lupsingen auf; sie scheint sich dann rasch durchgesetzt zu haben.


Wie ist dieser Name zu deuten? Lupsingen gehört zu den nicht weniger als achtzehn Gemeinden von Basel-Landschaft, deren Name auf -ingen ausgeht. Sie alle geben sich damit als Gründungen alemannischer Siedler zu erkennen, die in das bisher gallo-römische Gebiet eingerückt waren. Der erste Teil des Siedlungsnamens bezeichnet eine Person, wohl den Anführer oder das Sippenhaupt. Unser Mann könnte Lubo geheissen haben, ein Kurzname, der vielleicht mit althochdeutsch liub (lieb) zu verbinden ist. Die Endung -inge(n) bezeichnet die Sippenzugehörigkeit, Lupsingen würde also „bei den Sippenleuten des Lubo" bedeuten; später wurde der Sippenname zu einem eigentlichen Ortsnamen.


In mündlichen Gebrauch stand daneben bis in die Gegenwart hinein der heute oft spasshaft verwendete Name Lupsibärg, Lupsibrg, so wie Ramschbrg, Wollebrg neben Ramlinsburg, Waldenburg; die Bewohner sind (oder waren) Lupsibärger. Bei Lupsingen mag der offizielle Name der Nachbargemeinde Seltisberg mitgespielt haben. Interessant ist, dass bei den amtlichen und auch bei den inoffiziellen „Berg"-Orten das Wort Berg noch in seiner vollen Bedeutung (als Appellativ) aufgefasst wird, dass man also sagen kann: si chöme ab em Herschbrg, göngen uf e Ramschbrg, wohne uf em Lupsibrg.


   

Das eindrückliche Gemeindewappen, „in Gold ein aufrechter blauer Wolf mit roter Bewehrung (Krallen)", ist neueren Datums. Wie die meisten im Kanton und in der Schweiz überhaupt entstand es im Zusammenhang mit der - bei der älteren Generation unvergessenen - Schweizerischen Landesausstellung 1939 in Zürich, der Landi. Damals flatterten über der sogenannten Höhenstrasse Aberhunderte von Gemeindefähnlein - das von Lupsingen war noch nicht dabei. Eine kantonale Kommission unter der Leitung von Dr. Paul Suter, Reigoldswil, die sich um die Schaffung der Baselbieter Gemeindewappen verdient gemacht hat, schlug dem Gemeinderat von Lupsingen das von ihr entworfene Wappen vor, und dieser genehmigte es mit Beschluss vom 19. März 1946.

Wie ist der Wolf als Wappentier zu verstehen? Das Lupsinger Wappen ist ein sog. redendes Wappen, das bildhaft den Namen der Gemeinde wiedergibt, gleich wie die von Nusshof, Rothenfluh oder Schönenbuch. Allerdings entspricht das Bild nicht in jedem Fall der wirklichen Bedeutung des Namens, etwa das Füllen bei Füllinsdorf oder der Kessel oder Hafen bei Häfelfingen! So verhält es sich auch bei Lupsingen: Die Gemeinde verdankt ihr Wappentier dem Umstand, dass der erste Teil des Namens an lateinisch lupus, Wolf, anklingt. Allerdings bezeichnete auch nach Paul Suter „die mündliche Überlieferung den Wolf als Wappentier". - Nicht zufällig wählte übrigens die Kommission die Wappenfarbe gelb-blau: Es sind die Farben des alten Waldenburger Amts, zu dem Lupsingen bis zur Revolution von 1798 gehört hat.



 

Aus Lupsingens Vergangenheit

Frühgeschichte
Unweit der Banngrenze oberhalb der „Schneematt" wurde 1937 ein Steinwerkzeug aus Silex aufgehoben, das der Jungsteinzeit, dem Neolithikum (um 3000 v. Chr.) zuzuordnen ist. Da es sich dabei um einen ausgesprochenen Streufund handelt, lassen sich auf eine so frühe Besiedelung des Raumes Lupsingen keine Rückschlüsse ziehen. Weitere Funde aus prähistorischer Zeit fehlen bis heute vollständig.


Römische Zeit
Ebenso stehen Funde aus römischer Zeit noch aus. Trotzdem dürfen wir annehmen, dass auch Lupsingen von der römischen Kolonisation berührt worden ist. Dazu berechtigen uns überlieferte und noch gebräuchliche Flurnamen.
Das Bauerngut rechts über der Strasse nach Seltisberg wird heute allgemein „Höfli" genannt. Ursprünglich aber lautet sein Name „Wolfstel", und diese Bezeichnung umfasst das ganze weitere Gebiet bis zum „Steinenweg", der Strasse nach Ziefen. Den Flurnamen „Wolfstel" finden wir in vielen Gemeinden des Baselbietes, und immer bezeichnet er eine Stell, wo einmal die „Walen", die „Welschen", die Gallo-Romanen, also die „Römer" gewohnt haben. Im Zusammenhang mit „Wolfstel" findet sich urkundlich „zum steinmuren", was eindeutig auf römisches Gemäuer schliessen lässt. Die Alemannen der Frühzeit kannten nur den Holzbau. Es ist also anzunehmen, dass im ganzen Bereich von „Wolfstel" eine römische Niederlassung steckt, die durch den „Kächbrunnen" ideal mit Wasser versehen war. In irgend einem Zusammenhang mit dem Lupsinger „Wolfstel" steht wohl auch die ca. 700 m südöstlich jenseits des Hügelzuges gelegene Flur gleichen Namens „Boustel", „Woustel" im Ziefner Bann. Der „Steinenweg", mit dem sich in der Regel der Begriff einer Römerstrasse verbindet, führt zur bekannten römischen Niederlassung auf „Steinenbühl" in Ziefen.
In östlicher Richtung vom „Wolstel" liegt links von der Strasse nach Seltisberg die Flur „Tschappenien". In dieser Bezeichnung steckt das spätlateinische „campania", flaches Feld. An ihr vorbei führt die römische Strasse nach Seltisberg, wo sie kurz vor dem Dorf links ihre Fortsetzung wieder in einem „Steinenweg" findet, der ins Oristal hinabführt. Zweifellos bestand auch eine Verbindung zum römischen Hofgut Ebnet hoch über Ziefen. Es bleibt der Zukunft vorbehalten, die Fundamente der „steinmuren" eines römischen Hofes in Lupsingen aufzuspüren.


Die alemannische Landnahme
Die Annahme, dass es sich bei Lupsingen dem Namen nach im Ursprung um eine alemannische Siedlung handelt, findet eine archäologische Bestätigung. Das Baselbieter Sagenbuch erzählt: „Am 25. April 1609 fand zu Lupsingen der Änishänslin in seinem rebacker 3 wohl zugerichtet gräber und in solchen 6 menschenkörper mit über massen langen schienbeinen." Diese „Sage" hat einen historischen Kern, denn 1895/96 wurden interessanterweise ebenfalls in den Reben steinerne Kistengräber aufgedeckt. Die fotografischen Aufnahmen zeigen die Skelette mit auffallend langen Schienbeinen. In den ostwärts orientierten Gräbern haben Beigaben gefehlt, was bereits auf christliche Zeit, wohl auf das 7. Jahrhundert, hinweist, wo Grabbeigaben nicht mehr üblich waren. Dieser Zeitepoche entsprechend auch die Gräber auf dem Kirchberg von Ziefen und im benachbarten St. Pantaleon. Es sind zweifellos Gräber aus der Zeit der alemannischen Besiedlung.


Kriegsnot und Brände
Über Jahrhunderte hin schweigen sich die Urkunden aus über Freud und Leid der Menschen, über ihre Arbeit und Lebensweise. Sie halten nur fest, was an Gütern und Rechten die Hand gewechselt und wieviel und an wen der fällige Zins hat bezahlt werden müssen. Zur Ausnahme wird daneben besonderer Ereignisse Erwähnung getan und diese zu lebendiger Erinnerung überliefert. Auch für Lupsingen.
Mit der Schlacht bei St. Jakob an der Birs am 26. August 1444 war der alte Zürichkrieg wohl entschieden, aber Ruhe und Sicherheit waren im Lande noch lange nicht eingekehrt. Raubend und plündernd verheerte der österreichisch gesinnte Adel unter der Führung von Hans von Rechberg und Thomas von Falkenstein die Landschaft Basel und die angrenzenden Gebiete. Nach einem misslungenen Handstreich gegen Liestal wandten sich die „Falkensteiner" am 27. Dezember 1448 auch nach Lupsingen, plünderten das Dorf und legten es in Schutt und Asche. Bei dieser Aktion wurde, und das wird ausdrücklich erwähnt, eine einzige Behausung verschont, „worin eine Kindbetterin lag". Nach mündlicher Überlieferung befand sich das Haus am äusseren Dorfrand gegen Seltisberg und blieb aus Pietät bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts erhalten. Und nach der "Geschichte von Lupsingen" von 1863 hat man bei der Ausbesserung alter Häuser immer wieder altes, angesengtes Gebälk im Mauerwerk gefunden, welches die Brandschatzung von 1448 bestätigt.
Mehr als 400 Jahre später wurde Lupsingen, wenn auch in geringerem Ausmass, von einem Grossbrand heimgesucht, als am 24. Juli 1857 durch Unvorsichtigkeit zweier Buben vier Wohnungen und zwei Scheunen in Flammen aufgingen. Damals wurde mit einer allgemeinen Kollekte im Kanton den vier armen, kinderreichen und obdachlosen Familien grosszügig geholfen.


Von der Reformation und der Zeit hernach
Vom „Brüggli" über den Orisbach, wo die Strasse von Lupsingen in die solothurnische Kantonsstrasse von Büren nach Liestal einbiegt, führt ein unscheinbarer Pfad den Hang hinauf nach St. Pantaleon. Noch heute heisst er „Totenweg" und hält in seinem Namen die Erinnerung daran fest, dass Lupsingen vor Zeiten nach St. Pantaleon kirchgenössig gewesen ist und auch seine Toten dort hinauf zur letzten Ruhe getragen hat. Das war so bis zur Reformation. Und weit über diese Zeit hinaus ist auch der Name des alten Kirchenpatrons als beliebter Vorname Pantaleon, Pentli, Päntel/Bändel in Lupsingen erhalten geblieben.
Schon 1400 hatte die Stadt Basel durch Kauf das ganze Waldenburgeramt und damit auch Lupsingen an sich gebracht. So waren die Landschäftler bis 1798 Untertanen der Stadt, bis 1790 hiessen sie sogar Leibeigene. Das Regiment Basels war nach damaligem Sprachgebrauch „väterlich", wenn auch nicht immer geschickt. Vertreter der Regierung war in jedem Amt ein Obervogt (Landvogt). Dass sich die Lupsinger wie die anderen Baselbieter zu arrangieren wussten, zeigt eine hübsche Anekdote:


Der tolle Friedli von Lupsingen und der Landvogt
Der tolle Friedli hatte immer etwa Reibereien und kleinere Händel, weshalb er sich auf dem Schloss Waldenburg verantworten musste. Nun gehörte bei ihm auch der Landvogt zu den Leuten, auf die er einen Groll hatte. Als ihm einst zu Ohren kam, dieser habe ihn in Waldenburg im Beisein anderer einen Flegel gescholten, sagt er: „Wenn ich ein Flegel bin, so ist der Herr Landvogt ein Kronhammer", was wiederum ein Verhör nach sich zog. Der Vogt liess ihm durch den Profosen eine Tracht Prügel aufmessen. Der Weg zum Verhörzimmer führte Friedli durch die Küche, wo er im Vorbeigehen einen grossen Schinken bemerkte, den er rasch unter seinen Zwilchrock steckte, worauf er geduckt den Berg hinunter trippelte. Da rief ihm der Landvogt aus dem Fenster nach: "Gelt, Friedli, jetzt habt Ihr Euren Teil?" - „Jo, Heer Landvogt, i ha wenigschtens vierzäh Tag z`ässe dra!"
Kronhammer: schwerer Hammer zum Schärfen der Mühlesteine.
Profos: Gefängniswärter, Scharfrichter.


Der Anschluss an den Bezirk Liestal erfolgte erst 1803. Mit der Einführung der Reformation durch den Basler Rat im Jahre 1529 und mit der strikten Durchführung der Reformationsordnung durch die Obervögte wurde das baslerische Lupsingen vom solothurnischen, katholisch gebliebenen St. Pantaleon kirchlich abgetrennt und als nunmehr reformiertes Dorf nach Ziefen und seiner Kirche St. Blasius umgeteilt, zu der Arboldswil damals schon längst gehörte. So bildet Lupsingen seit 1529 bis zur Gegenwart zusammen mit Ziefen und Arboldswil eine Kirchgemeinde und folgerichtig auch den gleichen Zivilstandskreis. Von 1529 an bis zur Schaffung eines eigenen Gottesackers im Jahre 1867 brachte Lupsingen seine Toten auf den Kirchhof von Ziefen, wo sie, gesondert von den beiden anderen Dörfern der Kirchhöre, vor dem Kirchturm gegen die Nordwestpforte bestattet wurden. Ob die Schädel, die in jenem Raum bei der archäologischen Grabung von 1962 zum Vorschein kamen, sich tatsächlich durch ihre Härte und Dicke ausgezeichnet haben, wie damals behauptet wurde, bleibe dahingestellt, ist aber durchaus glaubhaft.


Hand in Hand mit der kirchlichen Neuordnung ging die Einführung der Tauf- und Eheregister. Die einschlägigen Kirchenbücher der Kirchgemeinde Ziefen-Arboldswil-Lupsingen sind seit 1529 bis zur Gegenwart glücklicherweise erhalten.


Das erst Kirchenbuch hat Pfr. Leonhard Strübin (1500-1582) angelegt, ein Sohn jenes Schultheissen Heinz Strübin von Liestal, der 1477 die berühmte Schale Karls des Kühnen aus der Schlacht von Nancy in seine Heimatstadt gebracht hatte. Schon auf den ersten Blättern im Taufregister erscheinen die Biedermann und die Tschudin von Lupsingen, welch letztere als älteste Familie der Gemeinde bereits 1435 urkundlich auftaucht. In einer besonderen Notiz hält Leonhard Strübin ein Ereignis fest, das auch für Lupsingen von Bedeutung wurde:


„In diesem johr uff mentag den 31-ten mertzen 1535 ward Zyfen, Bubendorff, Arbenschwil, Lupsingen mit Wildenstein und Ramlisberg von u. g. H. (unsern gnädigen Herren) Ein gmein Kylchspeil (Kirchspiel = Kirchgemeinde) erkant."


Damit waren die genannten Gemeinden unter der Pfarrherrendynastie Strübin, die von 1525-1795 in neun Generationen die Pfarrer stellen sollte, zu einer grossen Doppelkirchgemeinde zusammengefasst. Der Pfarrherr wechselte vom baufälligen Pfarrhaus von Ziefen 1535 in das stattliche Pfarrhaus von Bubendorf. Von da an wurde der Gottesdienst abwechslungsweise in den Kirchen von Ziefen und Bubendorf gehalten, und die Lupsinger mussten bald nach Ziefen, bald nach Bubendorf zur Predigt gehn. Erst mit dem Ableben des letzten Strübinpfarrers Wilhelm III. 1795 gewann die alte Kirchgemeinde Ziefen-Arboldswil-Lupsingen ihre Selbständigkeit zurück, und die Lupsinger Mannen und Knaben konnten wieder allsonntäglich in der Ziefner Kirche auf der nördlichen Längsempore ihren angestammten Einsitz nehmen, der ihnen bis zur Gegenwart auch bei geringerem Zuspruch rechtens noch immer zusteht. 1813 erfolgte der Bau eines neuen Pfarrhauses in Ziefen.


In den Tauf- und Ehebüchern begegnen uns alle Bürgerfamilien von Lupsingen, die im „Verzeichnis der Familiennamen der Bürger des Kantons Baselland" aufgeführt werden, aber, und das ist von besonderem Wert: unsere Kirchenregister beschränkten sich nicht nur auf nüchterne Namen und Daten, sondern bieten in persönlichen Notizen und Bemerkungen der Pfarrer näheren Aufschluss über die Lebensumstände der Genannten. So wird durch sie auch die Geschichte von Lupsingen anschaulich und lebensnah. Neben den bereits genannten Familien Tschudin und Biedermann erscheinen noch im 16. Jh. auch Rächer/Recher, von denen sich ein Zweig nach Ziefen wandte. Als stärkstes Geschlecht treten im 17. Jh. die Mangold hervor. Ihnen folgen früh schon die Tschopp, die Hug und die Dürrenberger, 1680 die Wiesner aus Ramlinsburg und an der Wende zum 18. Jh. die Dettwiler, Kestenholz und vor allem die Grollimund, auf welche, das wird ausdrücklich vermerkt, die Gründung des Hofguts Oestel im 1777 zurückgeht. Eine bedeutende Rolle im Gemeindeleben hat während zwei Jahrhunderten die Familie Schäfer gespielt, die das Meieramt versah. Zu Ende des 18. Jh. sind die Schneider aus Reigoldswil in Lupsingen heimisch geworden.




Lupsinger in Amt und Beruf


Es versteht sich, dass in Anbetracht einer relativ kleinen Bürgerschaft alle Familien einmal in den Ämtern zum Zug kamen und ihre Pflichten erfüllten als Meier, die der Obrigkeit gegenüber für die Gemeinde verantwortlich waren, und später als demokratisch gewählte Präsidenten, als Gerichtsmänner und „Gescheidleute" in der Festlegung der Flur- und Gemeindegrenzen, als Schulmeister und Posauner, welche in Ermangelung einer Orgel in der Kirche den Psalmengesang anführten, und schliesslich als „Bannbrüder," denen die Aufsicht über Zucht und kirchliche Ordnung oblag. Lupsingen hatte auch seinen „Exerziermeister", der für die militärische Ertüchtigung der Mannschaft zu sorgen hatte. Auch der „Wächter", Ortspolizist und Weibel in einer Person, fehlt nicht, der die Anordnung des Gemeinderates umsagte und Ganten ausrief. Das alles lässt sich aus den Kirchbüchern ablesen.


Viel farbiger noch ersteht für uns das Lupsinger Dorfleben, wie es sich bis in die nahe Vergangenheit vollzog, aus den Berufsangaben, die den Vätern in den Taufregistern beigelegt werden. Da bietet sich uns das Bild der Emsigkeit eines Dorfes, das noch bis in die Neuzeit fast ganz auf sich selbst gestellt war und sich weitestgehend auch selbst versorgen musste. In seinem Dienst stand der Leinenweber, der Schneider, der Schuhmacher, der Krämer, der Kessler (Kaltschmied oder Spengler), der Maurer, der Küfer, der Schreiner, der Metzger. Auswärts ging man nur in die Schmiede und Mühle nach Ziefen oder Büren. Vergeblich suchen wir in den Registern die Bezeichnung „Posamenter" oder „Bauer". Die brauchten nicht aufgeführt zu werden, weil sie sich als selbstverständlich ergaben. Die Posamenterei hat schon im 17. Jh. im Waldenburgeramt Einzug gehalten. Auch Lupsingen gehörte, und dies bis ins 20. Jh. hinein, zum ausgesprochenen Heimarbeitergebiet. Die Posamenterei ergänzte die dürftigen Einkünfte aus der Landwirtschaft. Der Waldenburger Landvogt wehrte sich 1713 beim Rat zu Basel, unterstützt von Pfr. Wilhelm Strübin, gegen eine geplante Lohnkürzung für die Posamenter, auch für Lupsingen.


Dafür aber werden die Berufe erwähnt, welche die Posamenterei flankierten: der Stuhlschreiner, der sich besonderen Ansehens erfreute, der Blattmacher, der „Ausläufer", „Stuhlläufer" oder „Visitör", der die Arbeit kontrollierte und „die Ware" zuwies. Ebenso vergeblich suchen wir einen Bäcker, denn es verstand sich von selbst, dass jede Haushaltung ihr Brot von eigener „Frucht" aus ihrem Backofen zog. Auch der Metzger führte keinen Laden, sondern stand den Leuten in der „Stör" für ihre Hausmetzgeten zu Dienst. Ob der 1816 erwähnte Johannes Hug , genannt „Hugwerlijörgs", der erste Wirt von Lupsingen war, lässt sich nicht mit Bestimmtheit ausmachen. Möglicherweise genügte der Ertrag des ehemaligen Lupsinger Rebberges für den Eigenbedarf, und ein Überschuss, das steht fest, wurde auch in Lupsingen in „Meienwirtschaften" oder „Eigengewächswirtschaften" unter dem Zeichen eines Kranzes ausgeschenkt. Noch im Jahr 1680 umfasste der Lupsinger Rebberg ansehnliche 105a. 1923 waren es nur noch 2,5a, und heute ist der Weinbau in Lupsingen bedeutungslos geworden.


Im Übrigen wird sich Lupsingen im Mittelalter kaum von den anderen Dörfern im Baselbiet unterschieden haben mit seinen strohgedeckten Holzhäusern, aus denen der Rauch ohne Kamin durch ein einfaches Loch ins Freie stieg. Die Häufigkeit der Brände im Land veranlassten die Basler Obrigkeit 1680 zum Befehl, dass „keine neuen Gebäude mit Stroh gedeckt werden". Dieser Anordnung ist auch Lupsingen nachgekommen, denn schon 1755 werden im Dorf nur noch zwei Stroh bedeckte Behausungen gezählt. Dafür zierten das Dorf drei laufende Brunnen, das wird gleich auch noch lobend erwähnt.




Kirche und Schule


Am 19. September 1813 wurde Johannes Linder von Basel als erster Pfarrer in die wieder selbständig gewordene Kirchgemeinde eingesetzt. Erhalten ist die Liste der zur Amtseinsetzung eingeladenen Beamten der Kirchgemeinde, unter ihnen sind von Lupsingen: Herr Präsident Schäfer, die Gemeinderäte Dürrenberger und Grollimund, der Gerichtsmann Ammann (… Bürgerfamilie) und der Schulmeister Mangold. Schon 1817 befasste sich Linder eingehend mit der Reform der Landschulen, und dabei hatte er vorzüglich das Schulwesen seiner eigenen Kirchgemeinde im Auge, denn hier lag es damit besonders in Lupsingen im argen. „Ich habe angefangen, in Hinsicht auf die Lupsinger Schule eine persönliche Behülfe zu leisten. Die Zahl der dortigen Schüler ist nun bald fünfzig, und da der Raum nur dreissig beherbergen kann, bleiben besonders die grösseren zurück. Deshalb habe ich elf Knaben zu mir bestellt, um ihnen wöchentlich drei Mal eine Art Privatschule zu halten. Wir lesen ein Kapitel miteinander, ich frage darüber, dann wird geschrieben, gerechnet und gesungen. Da wir ungestört sind, so lässt sich Alles in zwei guten Stunden vornehmen. Es ist ein Versuch. Ich möchte gerne zeigen, dass mir die Lupsinger lieb sind." Linders Initiative ist der Schulhausbau von 1822 weitgehend zu verdanken. Er veranlasste eine Kollekte in Basel und schickte zwei Beamte von Lupsingen, wohlversehen mit Adressen und Empfehlungen, in die Stadt. Dort fanden beide so offene Herzen und Hände, dass die Hälfte des ganzen Geldbedarfs zusammenkam. Der Ertrag wäre noch grösser gewesen, hätten die wackeren Mannen aus Lupsingen nicht aus plötzlicher Angst vor gesichteten Polizisten vorzeitig den Heimweg nach Lupsingen angetreten! Schon am 24. April 1822 fand die feierliche Grundsteinlegung statt und noch festlicher die Einweihung am 23. Oktober gleichen Jahres. Zu ihr erschienen auch Geistliche und Lehrer aus der katholischen Nachbarschaft, was auf ein herzliches Verhältnis zwischen den beiden Konfessionen hinweist, wie es ungetrübt bis heute erhalten geblieben ist. Das bescheidene Dorf konnte in der Tat stolz sein auf das für damalige Zeit stattliche Schulhaus. Lupsingen hatte sich für diesen Tag festlich herausgeputzt, Tannen mit Girlanden aufgestellt und Inschriften daran geheftet, von denen eine 5. Mose 8,11 wiedergibt: „Hüte dich, dass, wenn du schöne Häuser baust, dein Herz sich nicht erhebe"…!


Tatkräftig setzte sich auf Pfr. Alfred Hotz, 1880-1898 in Ziefen, für eine neue Schuluhr in Lupsingen ein. Sie wurde in Strassburg erstanden und kostete 700 Franken. Daran beteiligte sich die Einwohnerkasse mit 12 Franken (!), und bei der Abrechnung, die er Pfarrer vornahm, blieb ein Überschuss von 3.20 Franken, „welcher armen Schulkindern beim Schulspaziergang solle zugute kommen"!




Lupsingen und die Französische Revolution


Am 22. Januar 1798 wurde in einer euphorischen Stimmung auf dem Münsterplatz zu Basel ein mächtiger Freiheitsbaum errichtet und unter dem Schlagwort „Freiheit, Gleichheit, Einigkeit, Zutrauen" das Fest der Verbrüderung von Stadt und Landschaft Basel gefeiert. Die Ideen der französischen Revolution hatten sich durch geschickte Vorbereitung französischer Agenten und durch die Wühlarbeit ihrer betörten Sympathisanten ohne Blutvergiessen durchgesetzt. Als Freiheitsfackeln hatten die brennenden Landvogteischlösser ins Land geleuchtet. Die Hoffnung aber, die das Landvolk auf den Umsturz gesetzt und das Bonaparte auf seiner Reise durchs Baselbiet schon 1797 als Befreier enthusiastisch begrüsst hatte, erfüllten sich nicht. Im Gegenteil. Die französischen Revolutionsarmeen brachen in die Schweiz ein, besetzten sie, und die Franzosen plünderten das Land aus und begingen in den Kantonen, die sich widersetzten, die brutalsten Exzesse.


Napoleon forderte für seine militärischen Abenteuer Soldaten, auch von Lupsingen:
Die Brüder Samuel (geb. 1785) und Abraham (geb. 1786) Tschudin, mit dem Dorfnamen „Königs", und Heinrich Tschudin (geb. 1784) fielen am 2. Dezember 1810 auf dem Spanienfeldzug Napoleons I. und wurden in Valladolid begraben. Von Hans Jakob Tschopp, geb. 21. Dezember 1788, heisst es kurz und bündig: „… im Kriegsdienst". Die napoleonischen Kriege brachten eine unbeschreibliche wirtschaftliche Not mit sich. Sie hat auch in Lupsingen ihren Niederschlag gefunden. Viele Familien suchten dem Elend zu entkommen und wanderten aus, vornehmlich ins benachbarte Oberelsass. Den Anfang dazu machte offenbar Joh. Jakob Hoffmann (aus heute ausgestorbenem Bürgergeschlecht) mit zahlreicher Familie, von denen es 1806 heisst: „gingen nach Gebwiler in die neu angelegte Bandfabrik der HH. Debary und Bischoff". Den Hoffmann folgte gleichen Jahres Isaak Grollimund mit grosser Nachkommenschaft und 1813 Fried Tschopp mit seiner Familie. Nach Mülhausen wandten sich Fried Grollimund und ein Hans Grollimund, der nach kurzer Rückkehr in die Heimat aufs neue auswanderte und sich in Sulz niederliess. Mit dem Vermerk: „in Nordamerika verschollen 1813" wird noch eines letzten Nachkommen der heute ausgestorbenen Bürgerfamilie Ammann gedacht. Hinter diesen knappen Angaben verbergen sich sicher viel menschliche Tragik und Tränen.
Aber auch private Schicksale wecken unser Mitgefühl, etwa das der am 20. Oktober 1767 getrauten Eheleute Michael Kestenholz, „Kesslers", und seiner Ehefrau Anna geb. Rudin, wo für 24 Ehejahre 20 Kinder aufgeführt werden mit der Nachschrift: „13 Kinder sind gestorben" oder bei Hans Tschudin, „Könighans", geb. 3. Februar 1765, „verlor seine Eltern im 6ten Lebensjahr".
Das gleiche gilt für Zeiten von Epidemien, von denen Lupsingen nicht verschont geblieben ist. Schon 1629 starben in der Kirchgemeinde 211 Personen an der Pest. Sie wurden in einem Massengrab zwischen der Ziefner Kirche und dem Hofgut „Bahnholz" beigesetzt. Unter ihnen waren auch die Toten von Lupsingen.
Im August 1855 erkrankten in Lupsingen 16 Menschen an der Cholera, von denen zwei verstarben. Und noch lebt im Dorf die Erinnerung an die schwere Typhusepidemie vom
5. Juli - 28. August 1890, der 8 Personen, vornehmlich aus der Familie Tschudin „Königs" zum Opfer fielen.




Lupsingen in den Basler Trennungswirren (1830-1833) und hernach


Am 21. Juli 1829 wurde der Füsilier Friedrich Tschudin, aus der Kirchgemeinde Ziefen, in Orléans aus dem Schweizergarde-Regiment des Königs Karl X. entlassen und kehrte nach einem Fussmarsch von 12 Tagen in sein Heimatdorf Lupsingen zurück. In Paris brach im folgenden Jahr 1830 die „Julirevolution" aus, welche Karl X. um seinen Thron brachte und sich politisch rasch auch auf die Schweiz auswirkte. Im Sinne einer freiheitlich-demokratischen Bewegung wurden in der Folge fast alle konservativen Kantonsverfassungen geändert. Grosse Unruhe erfasste auch den Kanton Basel. Hier aber zeigte sich die Stadt gegenüber der Forderung der Landschaft nach völliger Rechtsgleichheit reserviert und uneinsichtig. Das gab radikaler Agitation auf dem Land erst recht Auftrieb. Die Auseinandersetzung um eine neue Verfassung nahm rasch einen gefährlich revolutionären Charakter an, und der Gedanke an eine Kantonstrennung gewann an Boden. Aber nicht überall: Diejenigen Landgebiete, welche durch die Posamenterei mit der Stadt verbunden waren, wehrten sich vehement gegen eine Trennung von der Stadt. Zu ihnen gehörte neben Gelterkinden vor allem das Reigoldswilertal und seine Umgebung. In einer Volksbefragung hat sich Lupsingen noch am 23. November 1832 einhellig für „Verbleib bei Basel" ausgesprochen. Am 7. Januar 1831 etablierte sich in Liestal eine „provisorische Regierung", die die baseltreuen Gemeinden des Reigoldswilertales ernsthaft bedrohte. In dieser kritischen Situation organisierten in der Talschaft Basler Offiziere den Landsturm zum Widerstand. Auch die aktive Truppe wurde aufgeboten. Am 9. Januar 1831 erklärte sich Lupsingen gemeinsam mit anderen Gemeinden dazu bereit, sich der „Anarchie" bewaffnet zu widersetzen und stellte für die „Militärmacht im Reigoldswiler Tal" 50 Mann, und zwar 9 Artilleristen, 10 Infanteristen des Auszugs und 31 der Landwehr. Emanuel Schäfer von Lupsingen, Leutnant der Miliz, übernahm mit 25 Mann den Schutz des Dorfes gegen das Schwarzbubenland, dem man nicht recht traute. Die Seele des Widerstandes war der Pfarrer von Ziefen, Johannes Linder. Das wusste man in Liestal sehr genau und hatte eine Prämie von 100 Franken (damaliger Währung!) auf seinen Kopf gesetzt. Er war es gewesen, der am 8. Januar 1831 in einem Brief an die „teure väterliche Regierung" die Obrigkeit der Treue seiner Gemeinden versichert und dringend um Entsendung von Truppen nachgesucht hatte. Sie würden in den Dörfern als „Befreier" erwartet. Pfr. Linder verliess Ziefen und hielt sich auf seiner Flucht in einer Scheune zu Bubendorf versteckt, von wo aus er am 19. Januar den Einzug der Aufständischen ins Tal beobachten konnte. Es gab Tote und Verletzte. Das Ziefner Pfarrhaus wurde geplündert und verwüstet. Dann zog sich die Revoluzzerrotte wieder nach Liestal zurück. Eine zweite Revolutionskolonne von 80 Mann unter Karl von Blarer versuchte über Seewen nach Reigoldswil durchzubrechen, wurde aber bei Bretzwil aufgehalten und gegen Ziefen abgedrängt, dort gefangen genommen und entwaffnet.


In diesen unruhigen Tagen hat sich folgende gut bezeugte Begebenheit zugetragen: Ein Ziefner Bauer wollte ein Kind des verfemten Pfarrers nach Basel in Sicherheit bringen und trug es in einer Hutte auf dem „Baselweg" gegen das Gempenplateau. Oberhalb von Lupsingen wurde er an der Solothurner Kantonsgrenze von einer Patrouille gestellt: „Was hesch do i dynere Hutte?" Schlagfertig gab der Bauer zur Antwort: „ He, dänk mys Chind!" Da liess sich aus der Hutte ein feines Stimmchen vernehmen:" Ma, me darf nid liege!" Sie hätten schon vermutet, es sei das Kind von Ziefner Pfaffen, sagten die Revoluzzer und liessen trotzdem Träger und Kind unbehelligt passieren.


Gegen Ende Januar schien die Ruhe im Tal wieder eingekehrt, und Pfarrer Linder war seiner Sicherheit und seines Bleibens gewiss, sonst hätte er nicht noch im März 1831 ein genaues „Seelenregister der Pfarrei Zyfen" entworfen. Dort führte er in der 3. Kolonne für Lupsingen sämtliche Haushaltungen mit allen Daten auf. Es sind 353 Personen in 72 Wohnungen. Die Bürgerfamilien verteilten sich in ihrer Anzahl wie folgt: Grollimund 11, Schäfer 10, Tschopp 8, Mangold 6, Biedermann 5, Kestenholz 4, Dürrenberger 2, Schneider, Zeller, Wiesner, Hoffmann und Hug je 1.


Die Auseinandersetzung zwischen Stadt und Land ging weiter. Als die Stadt kurzsichtig die aufständischen Gemeinden aus dem Staatsverband hinauswarf und ihnen die Verwaltung entzog, waren diese gezwungen, sich im März 1832 selbst zu organisieren. Damit war es zur Partialtrennung gekommen. Unter dem Druck der kleinbürgerlichen Handwerker und Zünfte und entgegen allen Mahnungen einsichtiger Kreise beschloss Basel übereilt, den Konflikt durch eine kriegerische Aktion zu lösen. Am 3. August 1833 kam es zum Treffen an der „Hülftenschanz" zwischen Pratteln und Frenkendorf und zur militärischen Katastrophe für Basel. Auf Seite der Stadt ist dort auch Johannes Mangold von Lupsingen, geb. 1804, gefallen.


Eine der ersten Massnahmen des jungen Kantons Basellandschaft war Amtsenthebung aller Basler Pfarrherren mit zwei Ausnahmen. Auch Pfr. Johannes Linder musste gehen. Er ist später Münsterpfarrer in Basel geworden. Auch Leutnant Emanuel Schäfer verliess Lupsingen und zog nach Basel. Er wurde von der Stadt für seine treuen Dienste mit dem Ehrenbürgerrecht honoriert und ist 1836 gestorben.


Lupsingen hatte sich mit der neuen Situation abzufinden und konnten das umso besser, als sich das Dorf mehr nach Liestal zu orientieren begann und viele Einwohner nach der Schrumpfung der Heimindustrie und der Landwirtschaft in der neuen Kantonshauptstadt ihr Auskommen fanden und etliche auch in der kantonalen Verwaltung zu verantwortungsvollen Posten gelangten. 1959-1963 versah der Lupsinger Bürger Ernst Mangold, geb. 1901, das Amt des Stadtpräsidenten von Liestal.


So erstaunt es nicht, dass Lupsingen in der Frage einer Wiedervereinigung der getrennten Halbkantone deutlich für ein selbständiges Baselbiet eintrat, was aus folgenden Abstimmungsresultaten hervorgeht. Am 23. Februar 1936 entschied sich Lupsingen mit 63 Nein gegen 23 Ja, am 1. Juli 1958 mit 69 Nein gegen 20 Ja gegen die Wiedervereinigungsinitiativen. Und schliesslich wurde am 7. Dezember 1969 mit 253 Nein gegen 18 Ja der Entwurf zu einer Verfassung „Kanton Basel" klar verworfen Damals stimmten auch die Frauen mit.


Die Basler Zeit gehört unwiderruflich der Vergangenheit an. Die Alten wissen noch darum, der jungen Generation ist sie kaum mehr bekannt und noch weniger den vielen Zugezogenen. Aber noch immer zeigt das Wetterfähnlein auf dem Schulhaus den alten Baselstab und auf der Gemeindeverwaltung liegt das Petschaft, das die Gemeinde, Lupsingen fröhlich dem ehemaligen Kanton Basel zurechnet. Mit ihm wird heutzutage wie ehedem die Wahlurne versiegelt.




Wildbestand und Jagd


Die Basellandschaftliche Staatsverfassung spricht die Jagdgerechtsame den Einwohnergemeinden zu. Diese versteigerten die Jagdpacht, wie es das Gesetz vorsah, was in den letzten Jahren wegen der grossen Nachfrage zu Pachtzinsen führte, welche in keinem Verhältnis zum Jagdertrag mehr standen. Schliesslich ist die ein Revier pachtende Jagdgesellschaft zu einer gewissen Wildhege und -pflege verpflichtet, um Schaden von der Landwirtschaft abzuwenden und unsere Gesundheit zu erhalten (z.B. Reduktion der Fuchsbestände zur Tollwutbekämpfung).


Mit der Teilrevision des kantonalen Einführungsgesetzes zum Bundesgesetz über Jagd und Vogelschutz, 6. Juni 1982, konnten die Einwohnergemeinden erstmals ihre Jagdpacht durch Verhandlungen auf Basis eines Schätzwertes mit dem an einer Pacht Interessierten vergeben. Dieser Schätzwert wird von einer kantonalen Jagdrevier-Schätzungskommission festgelegt. Davon kann bei der Festsetzung des jährlichen Pachtzinses bis zu einem Drittel nach oben oder nach unten abgewichen werden.


Sämtliche Gemeinden des Kantons, welche noch eine Jagdpacht besitzen, haben sie für die am 1.4.1984 bis 31.3.1992 laufende Pachtperiode ohne Versteigerung vergeben, um einer fragwürdigen Preisentwicklung entgegenzuwirken.


Die kantonale Jagdrevier-Schätzungskommission bemass den Wert der Jagdpacht Lupsingen unter Einbezug des Wildbestandes und der Ausdehnung des Reviers mit jährlich Fr. 3'000.--. Der Gemeinderat Lupsingen konnte sich nach kurzer Verhandlung mit der hiesigen Jagdgesellschaft einigen und hat den ihm offerierten Pachtzins von Fr. 3'500.-- im Jahr angenommen.


Die Jagdgesellschaft Lupsingen zählt 5-6 Jäger, welche das kantonale Jagdpatent besitzen, und einen Jagdaufseher, der gewisse Polizeiaufgaben zum Schutz des Wildes wahrnimmt. Es sind fast ausschliesslich Lupsibärger Bürger, welche in Lupsingen selbst oder in der weiteren Umgebung wohnen.


Bisher übten sie die Jagd so diskret aus, dass niemals Klagen aus der Bevölkerung laut wurden. Der Wanderer oder Automobilist kann im Gemeindebann auch noch eine Gruppe prächtiger Rehe am Waldrand beim Äsen beobachten oder nachts scheue Hasen im Lichtkegel der Scheinwerfer auf freiem Feld erblicken.


Ihre Treue zum angestammten Revier zeigte die Jagdgesellschaft Lupsingen auch, als sie an der letzten öffentlichen Versteigerung der Jagdpacht im Jahre 1976 das vom Gemeinderat eingeräumte Zugrecht ausübte, obwohl sie auswärtige Jäger von bisher
Fr. 3'000.-- auf Fr. 6'000.-- pro Jahr steigerten. Daraus ergab sich eine namhafte Belastung eines jeden Mitgliedes der Jagdgesellschaft und ein recht kostspieliges Wildbret. Noch 1960 bis 1968 betrug der Pachtzins nicht mehr als Fr. 1'350.-- pro Jahr.


Am 31. März 1983 zählte der Wildbestand des Reviers Lupsingen nach vorsichtigen Schätzungen: 6 Rehböcke, 10 Rehgeissen, 8 Rehkitze und 10 Hasen.


Schwarzwild ist nur spärlich im Banne anzutreffen, weshalb es auch nur bescheidene Schäden an den Kulturen anrichtete.


Bedauerlicherweise ist der Wildbestand rückläufig, was mit der zunehmenden Wohnbevölkerung innerhalb des letzten Jahrzehntes zusammenhängt. Wer könnte es unseren Dorfbewohnern verargen, wenn sie in unserer reizvollen und verhältnismässig unberührten Umgebung auf Spaziergängen, mit oder ohne ihren vierbeinigen Freund, Erholung suchen und dabei unbeabsichtigt das Wild in seiner angestammten Bahn aufscheuchen. Leider fallen auch immer wieder Tiere dem Verkehr und wildernden Hunden zum Opfer. Mehr und mehr zieht sich das Rotwild in die weniger zugänglichen Jurahöhen des oberen Kantonsteils zurück.


Die Direktion des Innern legt die Jagdsaison alljährlich fest, wobei die freie laute Jagd auf Rehböcke in der Regel vom 1. Oktober bis 31. Dezember dauert, während sie auf Rehgeissen erst ab 1. November bis 31. Dezember freigegeben wird. Die Jagd auf Ansitz und Pirsch nur mit der Kugel, welche von der Jagdgesellschaft Lupsingen in den letzten
32 Jahren nicht mehr ausgeübt wurde, ist auf den Rehbock vom 1. Juni bis 30. September erlaubt, während sie auf Rehgeissen nur während zwei Wochen, vom 15. Oktober bis
31. Oktober, gestattet wird. Die Jagd auf Hasen ist auf die Zeit vom 15. Oktober bis
31. Dezember beschränkt.


Die Lupsibärger Jäger blicken auf eine lange Tradition zurück und legen grossen Wert darauf, dass die weidmännischen Regeln strikte eingehalten werden. Nicht minder wichtig ist ihnen die Pflege der Freundschaft, und wo kann man das besser tun als vor dem brodelnden Fleischtopf über dem offenen Feuer vor ihrem bescheidenen Unterstand auf "Züpfen". Wer von ihrer Gulaschsuppe geniesset, vergisst Sturm und Regen, jedoch niemals ihren würzigen Duft!




Lage und Grenzen


Die Gemeinde Lupsingen liegt am Südrand des Tafeljura, und dieser ist - wie der Name es ausdrückt - durch mehr oder weniger flache, tafelartige Hügelzüge charakterisiert. Zwei dieser zum Teil noch bewaldeten Kuppen beherrschen das Landschaftsbild der Gemeinde, nämlich der bis zu 544 m.ü.M. aufsteigende, den Ostrand des Gemeindebann markierende Chleckenberg und der etwa parallel dazu verlaufende Remischberg im Westen, der allerdings nur knapp 500 m hoch ist (497 m.ü.M.). Zwischen diesen SW-NO streichenden Bergrücken und ihren Verlängerungen breitet sich eine flache Mulde aus, die allerdings mit Ausnahme des Abflusses ins Oristal gegen Seltisberg über einen Rücken wieder ansteigt. Im Zentrum der Mulde liegt das Dorf Lupsingen (Dorfplatz 436 m.ü.M.), umgeben von fruchtbaren Äckern und Wiesen. Während sich die alten Dorfhäuser hauptsächlich längs der Liestalerstrasse ins Oristal und der alten Seltisbergerstrasse entlang gruppieren, sind vorwiegend seit dem 2. Weltkrieg zahlreiche Neubauten am sonnbegünstigten Südost- Abgang des Höhenzuges Remischerg-Budler-Leimen entstanden, dem früheren Rebgebiet von Lupsingen. Das Dorf zählt nur wenige auswärts liegende Einzelhöfe, nämlich den Östel im äussersten Süden und etwa 300 m NW davon entfernt den Rotengrund, ferner das Eichli am steilen Passübergang (501 m.ü.M) nach Ziefen und rechts oberhalb der Strasse nach Seltisberg das Höfli.


Der Gemeindebann umfasst eine Gesamtfläche von 313 ha, wovon der grössere Teil, nämlich 166 ha oder 53% aus Wiesen und Ackerland besteht, während 132 ha oder 42% durch Wald eingenommen werden; der Rest von 15 ha oder 5% ist überbautes Gebiet (Häuser, Strassen). Die Bauzone umfasst 50 ha, wovon heute 30% überhaupt sind.


Die Oberflächen-Entwässerung des Gemeindebannes erfolgt fast ausschliesslich von Süden nach Norden durch das Oristal. Einerseits ist dies das in der Schneematt entspringende Bächlein im Ruestel, andererseits der bis zur Kläranage eingedolte Dorfbach, der auch als Regenentlastungswerk dient. Gegen Südosten werden die Abhänge des Chleckenbergs gegen Ziefen und diejenigen des Chapfs und Stocken durch das Riedbächli in die Hintere Frenke entwässert.


Der Gemeindebann hat einen Umfang von 8,66 km. Er grenzt im Westen, wo er von der Schneematt her dem Ruestel und dem Oristal folgt, an den Kanton Solothurn (Gemeinden Seewen, Büren, Nuglar-St. Pantaleon), wobei teilweise die Kantonsgrenze nicht dem Talboden, sondern etwa 20-40 m darüber dem unteren bewaldeten Abhang des Remischberges folgt, ausgenommen im Süden und Norden, wo sie dem Orisbach bis zur Einmündung in die Landstrasse Büren-Liestal (Pt. 396) folgt. Von hier aus ostwärts verlaufend stösst der Bann an die Gemeinde Seltisberg, vorerst steil ansteigend gegen Schaubsrüti und dann abfallend nach Südosten, dabei die Seltisbergerstrasse überquerend, bis zum Stocken und Riedbach, wo die Gemeindegrenze von Bubendorf erreicht wird. Von diesem Punkte aus verläuft die Banngrenze nach einem scharfen Winkel ziemlich geradlinig nach Südwesten, etwa der Kammlinie des Chleckenbergs entlang und am gleichnamigen Gehöft vorbei, das zur Gemeinde Ziefen gehört, und dann bis zur Schneematt südlich von Öschtel, um hier mit einem fingerartigen Auswuchs den etwa ringförmigen Gemeindebann zu schliessen.


Topographisch, mit Bezug auf die Landeskarte 1:25'000, liegt Lupsingen in der äussersten Südostecke des Blattes Arlesheim (Nr.1067), wobei der südlichste Teil, Buchbrunnen und Schneematt, bereits ins Blatt Passwang (Nr. 1087) fällt, während der Nordostzipfel gegen Seltisberg (Hasel, Stocken, Chapf, Riedbach) dem Blatt Sissach (Nr. 1068) angehört.


Der maximale Höhenunterschied zwischen dem Oristal bei den Stegmatten und der Schneematt beträgt etwa 200m.




Lupsingens Nachbargemeinden


   

Das Dorf ist von sechs Nachbargemeinden umgeben, drei dem Kanton Basel-Landschaft, drei weitere dem Kanton Solothurn zugehörig. Der in Richtung Südwest pfeilförmig ausmündende Bann berührt in der Schneematt mit seiner Spitze die drei Nachbargemeinden Ziefen, Seewen und Büren. Die Witterung hat dem dort seit mehreren hundert Jahren stehenden Grenzstein mit der Zahl 87, dem Baselstab und dem Solothurner Wappen arg zugesetzt. Die Grenzanstosszeiten zu den Nachbargemeinden messen gegenüber.

Ziefen
Bubendorf
Seltisberg
Nuglar/St. Pantaleon
Büren
Seewen
Total

2,860 km
0,620 km
1,500 km
0,670 km
3,010 km
0,000 km
8,660 km



Die Flurnamen


Gewiss ist das Interesse an den Orts- und Flurnamen auch in Lupsingen vorhanden. Die Frage nach der Bedeutung eines Namens beschäftigt schon die Kinder. " Worum sait me Chlingelloch?" hat sicher etwa ein wissbegieriger Knabe oder ein Mädchen seinen Vater gefragt. Wenn dieser keine Antwort wusste, konnte vielleicht der Grossvater aushelfen. "Die Olte hai albe verzellt, es syge dört öppen emol grossi Stück vom Boden ygfallen und me het in der Tiefi gchört Wasser ruuschen und chlingle". Mit anderen Worten: Einsturztrichter, eine im Kalkgebierge des Juras nicht seltene Erscheinung.


Die Bezeichnung der Berge, Gewässer, Wege und der Landstücke gehen in Lupsingen wie in anderen Gemeinden bis in die Anfänge unserer Zeitrechnung zurück und sind im
18. Jahrhundert zum grössten Teil abgeschlossen. Sie erwuchsen aus der Arbeit und dem Erleben der bäuerlichen Bevölkerung, wurden ursprünglich nur in mündlicher Form überliefert und erst vom 15. Jahrhundert an und später in Verträgen und Güter-verzeichnissen in Schriftsprache aufgezeichnet.


Die heutige Flurnamenforschung möchte die Orts- und Flurnamen als wichtige Dokumente über verschwundene Geschlechter, Siedlungen, alte Wirtschaftsformen und Rechtsverhältnisse wieder zu Ehren ziehen. Ausgangspunkt ist die ortsübliche dialektische Bezeichnung einer Namensform. Dann gilt es, den Namen in Urkunden und Bereinen so weit als möglich zurückzuverfolgen, um seine Entwicklung festzustellen. Dies erlaubt dann in vielen Fällen eine Deutung oder Etymologie des Namens. Schliesslich zeigt die Realprobe, ob diese vorgenommene Deutung der Wirklichkeit entspricht.


Für Lupsingen gehen die schriftlichen Quellen bis ins 15. Jahrhundert zurück. Es handelt sich um Verträge, die im Urkundenbuch der Landschaft Basel festgehalten sind, dann um Bereine oder Güterverzeichnisse der Stadt Basel, des Klosters Mariastein, der Kirchen von Liestal, Bubendorf und Ziefen, die alle in Lupsingen zinspflichtige Güter besassen. Diese Dokumente werden durch weitere amtliche Schriften, die Feldskizzen des Geometers Georg Friedrich Meyer, verschiedene Kataster sowie durch die Karten der Grundbuchvermessung, des Topographischen Atlasses und der Landeskarte ergänzt. Ausserdem konnten auch Flurnamen erhoben werden, die nur mündlich überliefert sind. Auf dem Flurnamenplan von 1984 werden 83 Namen verzeichnet, auf dem Gemeindeübersichtsplan (1:5000) 68 Namen, auf den Blättern des Topographischen Atlasses 32 und auf den Blättern der Landeskarte 1:25 000 16 Namen.


Die nachfolgende Zusammenstellung ordnet die Orts- und Flurnamen nach Sachgruppen, wobei in vielen Fällen auch die Etymologie berücksichtigt wird. Ein alphabetisches Verzeichnis der Namen mit allen urkundlichen Belegen schliesst sich an. Die Schreibweise der Namen entspricht derjenigen des Grundbuchplanes, in Klammern wird bei abweichenden Fällen die Benennung nach der ortsüblichen Aussprache beigefügt, deren Schreibweise sich nach den eidgenössischen "Weisungen für die Erhebung und Schreibweise der Lokalnamen bei Grundbuchvermessungen" (1948) richtet. Bei den ausgestorbenen Flurnamen wird die älteste urkundliche Namensform angeführt.




Siedlung und Haus


Siedlungsform


Der Dorfkern von Lupsingen liegt als locker überbautes Haufendorf in einer Mulde des Hochplateaus. Seine Entwicklung erfolgt den beiden Strassen Richtung Oristal und Richtung Seltisberg entlang. Auf der Skizze des Dorfes von Georg Friedrich Meyer um 1680 besteht mindestens die Hälfte der Bauten aus hölzernen Ständerbauten mit Strohdächern, die durchwegs freistehen. Gleichzeitig erkennen wir bei den Steinbauten Ansätze zu Häuserzeilen, die zum Teil noch heute bestehen. Die relativ lockere Bauwiese des Dorfes geht somit zum Teil auf die freistehenden Ständerbauten zurück, die hier relativ spät durch Steinbauten ersetzt worden sind, so dass sich keine Häuserzeilen mehr bilden konnten. Nicht ganz 100 Jahre später erkennen wir auf der Federzeichnung von Emanuel Büchel von 1753 eine erstaunliche Verdichtung. Nun dominieren eindeutig die Häuserzeilen, während freistehende Häuser selten geworden sind. Aus den nun zahlreicher gewordenen Häusern ragt aber einzig das sogenannte Schlössli mit seinem Dachreiter hervor. Ein eigentliches Dorfzentrum fehlt jedoch. Erst mit dem Bau des Schulhauses im Jahre 1822 entstand ein Dorfplatz, der allerdings als Ansatz mit dem Dorfbrunnen vorhanden war. Die Mehrzahl der Häuser im Zentrum stammt aus dem 17./ 18. Jahrhundert, doch wurden diese Häuser im
19. Jahrhundert stark verändert. Neubauten im 19. Jahrhundert entstanden vor allem der Strasse entlang Richtung Seltisberg. Im Gegensatz zu anderen Dörfern fehlen in Lupsingen abseits der Strasse gelegene Häusergruppen. Der eigentliche Kern des Dorfes ist vermutlich bei jenen Bauten zu suchen, die sich beim Zusammentreffen der beiden Strassen befinden.




Baudenkmäler


Bauernhaus Liestalerstrasse Nr. 6
Das Bauernhaus Liestalerstrasse Nr. 6 steht in einer Häuserzeile der südöstlichen Strassenseite im Zentrum des relativ kleinen Dorfkerns. Auf der Federzeichnung von Georg Friedrich Meyer um 1680 standen an dieser Stelle bereits drei Häuser wozu sicher auch
Nr. 6 gehörte. Das Haus selbst dürfte aufgrund des rundbogigen Eingangs unter der Laube und eines gotischen Fensters im Erdgeschoss noch im 17. Jahrhundert erbaut worden sein. Im 18. Jahrhundert brach man an den Fassaden stichbogige Fenster aus, und im
19. Jahrhundert erweiterte man das Haus auf der Strassenseite durch den Bau der Holzhaube. Innerhalb der Häuserzeile fällt das Haus, das mit einem steilen Satteldach bedeckt ist, vor allem durch seine offene Laube auf der Strassenseite auf. Hier erscheint das Haus zweigeschossig, während es auf der Rückseite dreigeschossig in Erscheinung tritt. Fenster der verschiedenen Bauperioden haben sich auf der Rückseite erhalten. Im Erdgeschoss finden sich noch gotische Fenster, im ersten Obergeschoss stichbogige und rechteckige und im obersten Geschoss schmale Fenster, weil sich dahinter ursprünglich die Bühne befand. Das behäbige Bauernhaus besteht heute nurmehr aus dem Wohnteil, da die dazugehörige Scheune später davon abgetrennt worden ist. Die zweiteiligen Fenster sind bereits sehr gross und besitzen relativ weite Öffnungen, wie wir sie erst im 17. Jahrhundert kennen. Dass die für Bauernhäuser typische Laube sich hier nicht auf der Rückseite, sondern auf der Vorderseite befindet, liegt vermutlich an der Belichtung der Räume, d.h. der Stellung des Hauses.


Das sogenannte Schlössli

   

Das sogenannte Schlössli ist ein freistehendes Bauernhaus an der Seltisbergerstrasse Nr. 12. Das Gebäude war früher vermutlich ein Zehnten- oder Untervogtshaus. In der Heimatkunde von 1863 wird es als Oltingergut bezeichnet und gehörte somit einst der Familie Oltinger. Diese Familie findet sich im 15. und 16. Jahrhundert sowohl in Basel als auch in Liestal. Ein Hans Oltinger, Bürger von Liestal, war von 1458 bis 1470 Schultheiss der Stadt Liestal. Ein Fridlin Oltinger war zu Beginn des 16. Jahrhunderts Besitzer des Schlosses Wildenstein. Demnach scheint die im 16. Jahrhundert ausgestorbene Familie Oltinger einst Besitzerin des grossen Gutes dieses Namens in Lupsingen gewesen zu sein. Das bestehende Gebäude stammt allerdings erst aus dem Jahre 1717 und steht an der Stelle eines Ständerhauses mit Strohdach, wie es die Skizze von G. Fr. Meyer um 1680 zeigt. Erbauer des heutigen Hauses war vermutlich der Ratsherr Ludwig Frey aus Basel, Besitzer der Orismühle, auf den die Ausstattung des Innern hinweist.

   

Der vierachsige Wohnteil erhebt sich mit zwei Geschossen über einem erhöhten Kellergeschoss und wird von einem Satteldach mit Krüppelwalm am Giebel bedeckt. Auf dem anderen Firstende sass bis um 1900 ein kleines Türmchen, das 1753 von Emanuel Büchel gezeichnet worden ist. Vermutlich hat dieses Türmchen dem Haus den Namen „Schlössli" eingetragen. Die niedere Ökonomie mit dem rundbogigen Scheunentor zwischen den zwei Ställen mit rundbogigen Türen besitzt ebenfalls stattliche Ausmasse. Zum Wohneingang führt eine zweiläufige Freitreppe. Über dem breiten Eingang öffnet sich ein grosses Oberlicht mit Gitterstäben und Ringen. Die prächtige Eichentüre besteht aus einem Flügel und einem Beistoss, beide mit geschnitzten Rosetten und Akanthusblättern verziert. In der Mitte des breiten Hausflurs zweigt Richtung Ökonomie eine zweiläufige Eichentreppe mit einem Geländer aus Brettbalustern ins Obergeschoss ab. Auf allen drei Seiten führen dort Türen mit Gesimsverdachungen und geschnitzten Konsolen in die Zimmer. Die vorderen Zimmer besitzen Wandtäfer mit Füllungen und Holzdecken. Zwei Cheminées runden die herrschaftliche Ausstattung des Hauses ab.

Das sogenannte Schlössli gilt deshalb zu Recht als das schönste Bauernhaus des Dorfes. Seine stattlichen Ausmasse, seine historische Bedeutung und seine kostbare Ausstattung sprengen den Rahmen der lokalen Baukultur. Im Jahre 1717 erbaut, zeigt es in einzigartiger Weise das frühe Eindringen barocker Formen in das abgelegene Bauerndorf Lupsingen.


Das Schulhaus

   

Das alte Schulhaus von Lupsingen liegt im Zentrum des Dorfkerns und bildet den östlichen Abschluss eines kleinen Dorfplatzes. Es entstand 1822 und enthielt ursprünglich die Lehrerwohnung und die Schulstube. Um 1900 wurde die dazugehörige Ökonomie zu Gemeindezwecken umgebaut. Das zweigeschossige Schulhaus wird von einem Krüppelwalmdach bedeckt und mit einem Dachreiter mit einer Glocke bekrönt. Die Glocke stammt von 1826 und enthält die Namen des Ziefner Pfarrers Johannes Linder, des Gemeindepräsidenten Friedrich Mangold und der Gemeinderäte Heinricht Henger und Johann Schäfer. Das Schulhaus vertritt den Typus des Dorfschulhauses, wie sie kurz vor der Kantonstrennung in zahlreichen Gemeinden des Kantons errichtet wurden.




Wasserversorgung


Zu den Vorkommen von Quellwasser sei auf den Artikel von P. Bitterli verwiesen.


Bis in die neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts verfügte Lupsingen über kein Gemeinde- Wasserwerk, obwohl die alten Brunnen zu schwach und hinsichtlich Reinlichkeit sehr unzuverlässig waren. 1886 wurde Lehrer Grauwiler in Frenkendorf mit der Projektierung und Erstellung eines Kostenvoranschlags zur Fassung der Buchbrunnenquelle im Öschtel und einer zeitgemässern Wasserversorgung beauftragt. Gemeindepräsident Tschudin suchte bereits längere Zeit nach einer Verbesserung und liess Quellmessungen vornehmen. Herr Grieder in Liestal übernahm die Ausführung der 1800 m langen Wasserleitung, welche fünf neue, schöne Brunnen und ebenso viele Hydranten speiste, und Herr Minder in Bubendorf erstellte das Reservoir. Am 14. Oktober 1887 konnte die Basellandschaftliche Zeitung über die feierliche Eröffnung der neuen Wasserversorgung berichten, zu der die Brunnen dekoriert wurden und die neuen Hydranten mit ihren 80 Fuss hohen und 110 Fuss langen horizontalen Wasserstrahlen ihre Kraft beweisen mussten.


Leider währte die Freude am neuen Gemeinschaftswerk nur kurze Zeit. Eine Typhusepidemie raffte 1890 acht Einwohner dahin und 105 erkrankten ernsthaft. „Durch eine letzten Mittwoch mittelst Fluorescin vorgenommene Untersuchung ist konstatiert worden, dass das beim Hofgute Schneematt bei Jauche- und Düngergruben vorbeifliessende Wasser den Hauptzufluss der neuen Leitung bildet, indem dieses Wasser in der Thalsoole oberhalb der Brunnstube vermischt. Aller Wahrscheinlichkeit nach rührt nun diese Verunreinigung des Wassers der neuen Leitung von diesem Zuflusse aus der Schneematt her, und es wird sonach, wenn die Gefahr einer ferneren Epidemie vollständig soll beseitigt werden, nichts anderes als eine vollständig neue Quellenfassung übrig bleiben." (BZ, 21. Juli 1890). In jedem Falle werde der Staat mithelfen müssen, „da die Gemeinde durch die ausserordentlichen Ausgaben für die Bekämpfung der Epidemie sowie durch den Ausfall am ordentlichen Verdienste so wie so schwer mitgenommen ist", meinte ihr Korrespondent. Tatsächlich übernahm der Kanton auf Ersuchen des Gemeinderats an den Regierungsrat drei Viertel der Heilungskosten von insgesamt Fr. 3776.20.


In der Folge beschloss die Gemeindeversammlung 1891, die ausserhalb der markanten Südspitze der Gemeinde auf Seewener Boden gelegene Schneemattquelle zu fassen. Diese deckt heute einen wesentlichen Teil des gesamten Wasserbedarfs. Sie und die Buchbrunnenquelle, deren Wasser leider bis in die fünfziger Jahre sporadisch durch Jauche verunreinigt wurde, erwiesen sich als ergiebig genug, um das damals noch immer stagnierende Dorf Lupsingen ausreichend mit Wasser zu versorgen. Nur während der ausserordentlich heissen und trockenen Sommer von 1946 und 1947 musste der Gemeinderat durch vorübergehende Lieferunterbrechungen den Wasserbezug stark einschränken. Diese Trockenperioden mit Quellschüttungen von bloss 18 Minutenlitern veranlassten die Behörden, das Ingenieurbüro Itin & Kipfer aus Liestal mit einer eingehenden Überprüfung der Wasserversorgung und ihrer Neuprojektierung in den Jahren 1956/57 zu beauftragen. Im Jahre 1954 konnte der oberhalb der alten Quellfassung Schneematt gelegene gleichnamige Bauernhof mit 13 ha Weidland und 556 a Wald erworben werden. Als Käuferin trat die Bürgergemeinde, welche damals noch von Gemeinderat in Personalunion vertreten wurde, auf. Sie verfügte über mehr Mittel und Kredit als die damals fast leere Einwohnerkasse. Die Bürgergemeinde liess das Gehöft bis auf das Stöckli, welches heute an den Verein der „Naturfreunde" vermietet ist, abbrechen, um so weitere Quellenverunreinigungen zu verhindern. Mit der Absicht, die unregelmässige Schüttung der Schneemattquelle zu verbessern, liess die Bürgergemeinde von 1959 bis 1965 rund 3,8 ha Weidland mit 37'200 einheimischen Waldpflanzen aufforsten. Diese erfolgreiche Aktion unter Leitung des Gemeindeförsters, Emil Biedermann, beschäftigte mehrere hiesige Mitarbeiter während rund 10'000 Arbeitsstunden, was 5 Mannjahren entspricht. Mit dieser umfangreichern Neubestockung des Terrains oberhalb der Quellfassung ist sowohl die Quellschüttung als auch die Wasserqualität tatsächlich wesentlich besser geworden. Der Bereich der engern Schutzzone oberhalb der neuen Quellfassung Schneematt aus dem Jahre 1956 wurde natürlich in diese Aufforstung einbezogen. Deren Haupteinzugsgebiet ist der Holzenberg, der Teile der Gemeinde Reigoldswil, Seewen und Ziefen umfasst. Von da an wurde die qualitativ unbefriedigende Buchbrunnenquelle nicht mehr genutzt.


1965 setzte die Bautätigkeit in unserem Dorf ein, und im Zug der erweiterten Bauzonenplanung entschloss sich die Gemeinde 1967 zum Bau eines modernen Reservoirs mit zwei Kammern auf dem Chleckenberg. Die erste Kammer fasst 400 m3 Trinkwasser, und die zweite enthält eine Löschwasserreserve von 200 m3. Diese Wasserreserven decken den heutigen Wasserbedarf für rund 2 1/2 Tage.


Neben dem Reservoir befindet sich die Gemeinschaftsantennen-Anlage zum Empfang verschiedener schweizerischer und deutscher Fernseh- und UKW-Programme.


Der neben dem Schulhaus gelegene Löschweiher - im Volksmund „d'Wösch" genannt - wurde danach anfangs der siebziger Jahre abgebrochen und zugeschüttet.
Mit der Genehmigung des Generellen Wasserversorgungs- Projekts (GWP) Lupsingen im Jahre 1968 wurde ein wesentlicher planerischer Schritt abgeschlossen. Dieses legt die im eingezonten Baugebiet notwendigen Leitungen der künftigen Wasserversorgung fest.
1972 beteiligte sich die Wasserkasse Lupsingen vertraglich mit Bubendorf und Seltisberg am Bau und Unterhalt des Grundwasserpumpwerkes Unterbergen an der Hinteren Frenke, wobei das Kantonale Wasserwirtschaftsamt vermittelnd und beratend mitwirkte. Das geförderte Wasser steht zu 3/5 Bubendorf und je 1/5 Seltisberg und Lupsingen zur Verfügung. Im gleichen Verhältnis werden die festen Kosten auf die drei Wasserkassen aufgeteilt.
Doch erst mit dem Bau einer kostspieligen und hauptsächlich vom Kanton finanzierten Verbindungsleitung zwischen Seltisberg und Lupsingen mit dem zugehörigen Pumpwerk Juch im Jahre 1973 wurden die in warmen Sommern immer wieder auftretenden Engpässe der Wasserversorgung unserer Gemeinde endgültig beseitigt. Dies war für den Transport des in Bubendorf gepumpten und aufbereiteten Wassers ins Reservoir Chleckenberg erforderlich.
Zur Sicherung bakteriologisch einwandfreien und möglichst ungetrübten Wassers aus der Schneemattquelle errichtete die Gemeinde schliesslich 1977 eine kleine Wasseraufbereitungsanlage am Waldrand oberhalb des Hofs Oeschtel. Darin durchfliesst das Wasser zunächst einen optischen Trübungsmesser und wird bei starker Trübung, wie sie nach grossen Regenfällen immer wieder auftritt, ins Schneemattbächlein abgeleitet. Die Erdschichten im Bereich der Schutzzonen der Schneemattquelle, durch die der Regen versickert, sind nämlich relativ dünn. Aus diesem Grund wird dieses Quellwasser vor der Einspeisung ins Versorgungsnetz zur Keimabtötung mit ultra-violettem Licht bestrahlt.
Die hohen Investitionen der Jahre 1967-1977 erwiesen sich beim gegebenen Wachstum der Gemeinde als unumgänglich, um eine regelmässige Wasserversorgung zu sichern.
Die Gemeinde führt eine von der Einwohnerkasse getrennte Wasserrechnung. Lange Zeit steckte die Wasserkasse in finanziellen Nöten. Dank massiver kantonaler Subventionen an die getätigten Bauten erfuhr sie eine spürbare Entlastung. Erst mit den Einnahmen aus Anschlussbeiträgen für die zahlreichen Neubauten der letzten Jahre und den Wasserzinsen bildete sich die heutige namhafte finanzielle Reserve.
Mit dem 1981 erlassenen neuen Wasserreglement und der zugehörigen Tarifordnung, welches sich ans kantonale Musterreglement anlehnt, suchte der Gemeinderat eine Neuaufteilung der Anschlussbeiträge zugunsten der nunmehr durch hohe Investitionen stark belasteten Kanalisationskasse.
So kostet denn heute ein m3 Wasser Fr. 1.80. Gibt es ein preiswertes Lebens- und Erfrischungsmittel? Oder möchten sie anstelle dieses Beitrages wie unsere Vorfahren das Wasser wieder am Dorfbrunnen holen?


Mehr Interessantes können Sie aus unserer Heimatkunde aus dem Jahre 1985 entnehmen.



 

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