Hölstein: Forstwesen - Buschtrommel und Rauchzeichen

Mensch und Wald


Schon seit der Urzeit pflegen wir Mensch eine besondere, stets den gegebenen Umständen entsprechende Beziehung zum Wald. Bis zu der Steinzeit lebten wir gänzlich von den Produkten die uns die Natur, insbesondere der Wald, lieferte. Der Wald war absolute Lebensgrundlage. Als wir vor ca. 5000 Jahren sesshaft wurden und mit den Ackerbau begannen wandelte sich die Beziehung. Später begann man mit der Zucht von Tieren, rodete immer mehr Wald für den Ackerbau. Mit der Zeit begannen sich einzelne Dörfer zu Städten zu entwickeln, der Bedarf an nicht natürlichen Produkten stieg immer mehr.

In der heutigen Zeit hat der Wald für uns Menschen eine ganz andere Bedeutung als noch vor 50 Jahren. Wir sind uns auch vielen Funktionen, die der Wald direkt für uns Menschen erfüllt, nicht mehr bewusst. Unser tägliches Leben ist geprägt durch Termindruck, Sorge um den eigenen Arbeitsplatz und die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung, Planung der nächsten Ferien, Ängste vor Einwanderungen (war auch schon früher so), generelle Ungewissheit vor der Zukunft und vieles mehr. Dabei geht uns der Blick für die Perlen vor der eigenen Haustüre je länger je mehr verloren.

 

 

Sicher, wer sich erholen will geht heute häufiger als noch vor 50 Jahren in den Wald und sucht dort seinen Seelenfrieden oder will einfach nur Stress abbauen und neue Energie tanken. Dies geschieht auf die unterschiedlichsten Art und Weisen. Einige wandern, andere joggen, für manche ist das biken die absolute Erfüllung und für etwelche gibt es nichts Schöneres als hoch zu Ross die Natur und den Wald zu geniessen. Die Jäger wünschen sich möglichst wenig Störung des Wildes, für einige Jugendliche gibt es nichts "cooleres" als eine Raver-Party (oder sonstige Party) in einer abgelegenen Waldhütte abzuhalten. Für einen Kletterer ist es das höchste der Gefühle, auf dem Gipfel des, im Schweisse seines Angesichtes erzwungenen Felsen zu sitzen und den Ausblick zu geniessen und wiederum andere erfreuen sich an der ökologischer Vielfalt in Fauna und Flora und wünschen sich eine unberührte Natur pur. Und die Waldeigentümer möchten gerne eine ausgeglichene Forstrechnung!


Jeder hat Anspruch darauf, den Wald auf seine Weise zu nutzen, geniessen und ihn auch zu betreten, unabhängig von den Eigentumsverhältnissen. Dieses allgemeine Betretungsrecht ist in Art. 699 des Zivilgesetzbuches klar geregelt. Alle Waldbenutzer sehen logischerweise ihren persönlichen Anspruch an erster Stelle.


Dass sich all diese, sehr unterschiedlichen Ansprüche, aber nur schwer und teilweise gar nicht unter einen Hut bringen lassen, ist auch jedem klar.


Ich möchte in dieser Artikelserie "Buschtrommel und Rauchzeichen" als Förster und Geschäftsführer des Waldwirtschaftsverbandes beider Basel, Hintergrundinformationen zum Wald und der Natur generell, der Bewirtschaftung, Beziehung zur Bevölkerung liefern und hoffe dadurch, noch mehr Verständnis für die Bewirtschaftung, Pflege und den Unterhalt des Waldes zu wecken. Unser Wald ist ein Kulturgut, das schon, seit es die Menschen gibt, immer genutzt wurde. Einzig die Form der Nutzung hat sich im Verlaufe der Jahrhunderte geändert.



Bennwil, 5, Januar 02, D. Wenk
Zeichnung: K. Wenk, Arlesheim


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Sind die Förster Baummörder?


Einen Baum zu fällen ist grundsätzlich kein populärer Akt. Häufig werden unsere Forstleute mit einem skeptischen Blick gewürdigt, wenn sie im Wald einen Holzschlag ausführen. Noch schwieriger ist es, eine Baum in der Stadt zu Fällen. Einzelne Leute haben sich auch schon an Bäume gekettet, die gefällt werden sollten. Die emotionale Bindung der Menschen an den Wald und an den einzelnen Baum ist sehr stark. Leider wird aber häufig vergessen, dass ein Baum ein Lebewesen ist. Jedes Lebewesen auf dieser Welt hat aber eine biologische Altersbegrenzung, wird also irgendeinmal eingehen.

Keimung, Kampf ums Licht, Wachstum und Absterben sind tägliche Abläufe in einem natürlichen Kreislauf. Beim Wald und insbesondere bei einzelnen, vor allem älteren Bäumen, ist dies aber nicht gut erkennbar. Ein grösserer Baum scheint auf dem täglichen Spaziergang durch den Wald immer gleich zu sein. Bei einem Kornfeld können wir das Wachstum und die Entwicklung problemlos nachvollziehen. Es würde wohl nie einem Menschen in den Sinn kommen, sich an ein Kornfeld zu ketten, wenn der Mähdrescher im Sommer anrückt.

 

 

Auf den ersten Blick scheint der Vergleich zwischen einem Kornfeld und dem Wald zu hinken. Aber gibt es da wirklich keine Parallelen? Die Zeit von der Aussaat bis zur Ernte nennt man Umtriebszeit. Diese Dauert beim Kornfeld 1 Jahr. Beim Wald liegt die Umtriebszeit, je nach Baumart zwischen 80 und 120 Jahren. Wir ernten im Wald also heute Bäume die um 1880 bis ca. 1920 gepflanzt wurden oder natürlich aufgekommen sind. Damals war Wald ein sehr wertvoller Rohstofflieferant und die Bevölkerung lebte zu einem grossen Teil von den Produkten aus dem Wald. 1902 wurde das erste eidgenössische Forstgesetz in Kraft gesetzt. Dieses Gesetz regelte vor allem den Schutz des Waldes vor Raubbau. Es folgten viele Aufforstungen, viele Hänge waren zu dieser Zeit kahl geholzt. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.


Eine ausgewachsene Buche (ca. 110 Jahre alt) besitzt einen Kronendurchmesser von 8 bis 12 m und erreicht eine Höhe von ca. 35 m. Auf einer Are Wald haben ca. 2 bis 4 solcher Exemplare platz. Im Dickungsalter (ca. 2 bis 5 m hohe Jungwaldbäume, ca. 10 Jahre alt) stehen auf einer Are noch ca. 200 Bäume. Im Verlaufe von 100 Jahren verschwinden also ca. 196 Bäume auf einer Are Wald. Diese Entwicklung läuft unabhängig von der Bewirtschaftung des Waldes so ab und vollzieht sich sehr langsam. Einzige Zeugen dieses Vorganges sind dürre Bäume die im Wald stehen.


Bei der Bewirtschaftung des Waldes (Holzhauerei, Jungwaldpflege) wird also nichts anderes gemacht, als dem natürlichen Vorgang vorgegriffen. Das bei diesen Arbeiten geerntete Holz, kann als oekologischer Bau- oder Brennstoff sinnvoll verwertet werden. Ausser dem darf nur so viel geerntet werden wie nachwächst. Dadurch ist sicher gestellt, dass der Wald sowohl flächen- wie vorratsmässig nicht abnehmen kann (Nachhaltigkeit). Die Schweiz hat ausser dem eines der strengsten Forstgesetze auf der Welt.


Die Förster sind also keine Baummörder, sondern arbeiten ganz im Kreislauf der natürlichen stattfinden Zyklen. Die Dynamik des Waldes ist aber für den Spaziergänger nicht offensichtlich zu erkennen.


Bennwil, im März 2002, D. Wenk
Zeichnung: K. Wenk, Arlesheim


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Wieviel Wert ist unser Wald ?


Der Verkaufswert von einem m2 Wald liegt je nach Lage, Erschliessungsgrad (Strassennetz) und Baumbestand zwischen Fr. 1.50 bis 3.--. Der Verkaufswert von Bauland liegt je nach Lage und Nähe zur Agglomeration zwischen Fr. 200.-- bis Fr. 1000.-- pro m2. Entspricht dieser Zustand der Realität? Ist es wirklich richtig, dass Wiesland, das sich zufälligerweise in der Bauzone befindet 100 bis 500 mal mehr Wert ist als ein Stück Wald? Dieses Verhältnis war nicht immer so. Erst vor 60 Jahren war der Wert des Waldes im Vergleich zum übrigen Wiesland deutlich höher. Der Grund dafür: Holz war ein wichtiger und bedeutungsvoller Rohstoff für die Menschen. Der Wald lieferte mit seinen Bäumen Holz, das als Bau- und Brennstoff begehrt war. Der Wert des Waldes wurde also lediglich aufgrund seiner wirtschaftlichen Bedeutung festgelegt. Und genau dort liegen die Ursachen für die Unterbewertung unserer Wälder. Auch in unserer modernen Zeit ist lediglich der Wert des Waldes als Rohstofflieferant (Holzproduktion) präzise messbar.

 

 

Auf Exkursionen stelle ich den Teilnehmern jeweils die Frage, welche Funktionen der Wald für uns erbringt. Als erstes wird jeweils die Sauerstoffproduktion genannt, dann folgt meist die Luft- und Wasserfilterung, auch der Lebensraum für Tier- und Pflanzen wird genannt und dass Wald als Erholungsraum genutzt wird, ist allen klar. Meistens muss ich noch gezielt nachfragen, bis auch die Funktion der Holzproduktion aufgezählt wird. Im Bewusstsein der heutigen Bevölkerung scheinen also alle anderen Funktionen bedeutungsvoller zu sein, als die Holzproduktion.


Wie also kann der Wert des Waldes gerecht bemessen werden? Sicher keine einfache Aufgabe. Die Bemessung eines Wertes ist grundsätzlich von vielen Faktoren abhängig und oft nicht nachvollziehbar. Wieviel Wert ist ein Bild von Pablo Picasso? Ca. Fr. 30.--, Sie halten mich sicher für nicht ganz zurechnungsfähig. Aber warum ist ein Bild von Picasso mehr Wert als ein Stück Leintuch, etwas Farbe und der Rahmen aus Holz? Es sind also andere Faktoren, die den Wert dieses Bildes in so astronomische Höhen schiessen lässt.


Mit dem Erlös von einem m3 Holz konnten 1970 noch ca. 30 Arbeitsstunden bezahlt werden. Heute reicht dieser Betrag noch für 1 1/2 Stunden. Dieser Vergleich zeigt auf eindrückliche Art und Weise, wie der Wert des Holzes als Bau und Brennstoff, im Zeitalter von fossilen Brennstoffen und anderen Baustoffen an Bedeutung verloren hat.


Den Wert des Waldes aber mit dieser Abnahme des wirtschaftlichen Wertes zu vergleichen, ist in meinen Augen nicht richtig. Es wird eine der zukünftigen Hauptaufgaben der Waldeigentümer sein, die anderen Funktionen des Waldes besser bekannt zu machen. Erst durch die Bewirtschaftung (Holznutzung) unserer Wälder werden viele unterschiedliche Waldfunktionen erst ermöglicht und sichergestellt.


Frederic Vester hat in einer Studie den Wert einer ausgewachsenen Buche mit Fr. 5'500.-- pro Jahr berechnet. Im Revier Bennwil, Hölstein, Ramlinsburg (360 ha öffentlicher Wald) stehen ca. 100'000 solcher Exemplare..........


Bennwil, im Juni 02, D. Wenk


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Frühling, Power im Wald, heile Welt?


Was gibt es schöneres als das Erwachen der Natur im Frühling mit zu verfolgen. Die Aktivität des Lebens im Wald wird während den Wintermonaten reduziert. Die Tiere "sparen" so wertvolle Energie. Für das Pflanzenwachstum ist es im Winter zu kalt. Jetzt beginnen die Vögel mit dem Nestbau, üben sich im Gesang, bald begeben sich die Jungfüchse, ohne Scheu, neugierig auf die ersten Erkundungstouren, die Rehe haben ihre Winterzweckgemeinschaften (Sprünge) aufgelöst, kurzum, das Leben zieht wieder in den Wald ein. Die Bodenpflanzen nützen schnell das Licht, das vor dem Laubausbruch noch auf den Boden fällt aus, um zu blühen und sich letztendlich zu vermehren und so mancher Kirschbaum, Schwarzdorn oder Spitzahorn erfreut das Auge mit seiner wundervollen Blütenpracht vor dem Laubausbruch.

 

 

Schon oft habe ich mich gefragt, warum der Frühling solche Glücksgefühle in uns weckt. Kraft, Zuversicht, ungebremster Tatendrang, werden ausgelöst. Wahrscheinlich ist das noch ein Übrigbleibsel aus der Steinzeit.


Denken Sie doch einmal in der Evolution ein paar Jahrtausende zurück. Man stelle sich vor, den ganzen Winter durch um die Minus 20 Grad C, in der Höhle gehockt, ab und zu etwas zwischen die Zähne gekriegt und endlich kommt der Frühling. Die Schneedecke schmilzt, es gibt wieder etwas Grünfutter und vielleicht kommt auch noch ein Kadaver, gut gelagert, unter dem Eis hervor. Nahrung ohne grossen, jagdlichen Energieaufwand. Nebst dem gibt es auch noch etwas mehr Wärme um den, damals noch üppig behaarten Körper.


Für mich ist es jedes Jahr absolut faszinierend, mit welcher geballten Ladung Energie die Natur neues Leben weckt. Schauen Sie sich einmal eine simple Knospe etwas genauer an. Man kann dem jungen Blatt förmlich zusehen wie es wächst. Woher nimmt das Blatt diese Energie? Sicher, wenn es einmal entwickelt ist, produziert es, mit Hilfe von Wasser, Kohlendioxyd, Sonnenlicht und Chlorophyll letztendlich den lebensnotwendigen Traubenzucker, aber vorher? Die Natur sorgt vor. Bereits im Sommer und Herbst wird "überschüssige" Energie im Mark, den Markstrahlen, den Wurzeln und auch knapp hinter dem Blattansatz, vorsorglich deponiert. Diese Reserven werden dann im Frühling angezapft, um das Wachstum auszulösen.


Noch spannender ist der Vorgang der Keimung. Die notwendige Energie ist im Samen vorhanden. Baumnüsse und Kastanien sind wahre "Kalorienbomben". Bei grosssamigen Pflanzen ist diese Energie offensichtlich. 1000 Eicheln wiegen ca. 2 kg, 1000 Birkensamen hingegen nur 1 g und aus beiden Samen entstehen mächtige Bäume. Eine Superleistung. Bis es allerdings aus einer Eichel einen grossen Baum gibt, hat der Samen noch einen weiten Weg vor sich. Vielleicht landet er im Wasser oder auf einem Felsvorsprung? Oder er wird von einem Wildschwein, Eichelhäher, Eichhörnchen oder Käfer gefressen. Es ist also schon ein grosses Glück, wenn es zur erfolgreichen Keimung kommt. Dann beginnt der Kampf gegen Pilze und ums Licht. Das junge Bäumchen befindet sich nach 2 bis 3 Jahren in der Strauchschicht und wird nun auch vom Reh bald einmal entdeckt und landet vielleicht auf dessen Speisekarte.


So schön und ausgeglichen, heile Welt, wie die Natur auf uns wirkt, ist es in Wirklichkeit also doch nicht ganz. Es findet ein erbitterter Kampf um den besten Platz, das Sonnenlicht, die Nährstoffe und die raffinierteste Vermehrungstechnik statt (Konkurrenzkampf), was den schönen Anblick und die Lustgefühle in uns aber keinesfalls mindern soll.


Bennwil, im April 02, D. Wenk, Revierförster



 

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