5. Das Laufental - uralt und steinreich


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Auf dieser Etappe geht es um Strecken und um Zeit. Die Natur um uns herum erzählt hier aufregende Geschichten. Wir wollen den Boden etwas erforschen, und sehen, wie er gewachsen ist und was darauf heute wächst. Ein langes Wegstück erlaubt immer wieder weiten Ausblicke auf den Jura. Eigentlich gehen wir hier auf Meeresboden, genauer dem Grund des Jurameeres, der später zu Hügeln aufgefaltet wurde. Wir gehen also über die Spuren uralter Vorgänge - und auch wir selbst gehen eine Strecke und eine Zeitlang. Die paar Stunden Wanderung, die uns lange erscheinen, werden einen der Steine am Weg kaum beeindrucken. Aber - wie lange ist eigentlich lange und wie messen wir so etwas? Im Marktort Laufen, wo Masse und Gewichte auf dem Markt seit Jahrhunderten wichtige Rolle spielen, wollen wir dieser Frage detaillierter nachgehen.

 


 

Uralt und steinreich

Wir steigen eben von Pfeffingen hoch in Richtung Bergmatten. Unser Blick fällt auf das Rebgelände in der Aeschemer Klus. Ein prächtiger Wein gedeiht dort seit Jahrhunderten. Aesch gehört zu den ältesten Rebgemeinden nördlich der Alpen.


Im nahen Birseck, hier und in den Blauen Reben wuchs auch der Wein für die Domherren in Arlesheim. Der nährstoffreiche, lockere Kalkboden und die sonnige Lage bieten auch heute noch ideale Voraussetzungen für den Rebbau.




Kalkboden, Kalksteine


Zahlreich liegen diese Steine hier am Weg. Heben Sie einen auf, nehmen Sie einen mit, er wird Ihnen gleich viel zu erzählen haben:


«Meine Geschichte beginnt vor über 200 Millionen Jahren, im sogenannten Erdmittelalter. Der grösste Teil Mitteleuropas ist vom warmen, tropischen Ozean bedeckt. Hier schwimmen Stoffe wie Kalk, Mergel und Ton in gelöstem Zustand. Der Kalk setzt sich durch den Umweg über Organismen als Ablagerungen auf dem Meeresboden fest. Muscheln und Schnecken nehmen Kalk in ihre Schalen auf. Sterben die Tiere ab, so sinken ihre Überreste zu Boden, noch intakt oder als Bruchstücke, die allmählich zermahlen werden. Der Stein, der daraus entsteht, heisst Rogenstein (Rogen = Laich), da er aus kaum millimetergrossen Körnern besteht.


«Spätiger Stein» entsteht, wenn der Kalk sich auf Pflanzen ablagert. Dieser Entstehungsprozess erklärt, warum sich in Kalksteinschichten häufig versteinerte Fossilien, Ammoniten oder Seelilien befinden. Allmählich wächst diese Kalkschicht bis zu einer Dicke von 1000 Meter. 12 Millionen Jahre später wird diese Schicht mit grossem Druck zusammengepresst, sodass gewaltige Falten entstehen - der Faltenjura, zu dem der Blauen gehört. Ich bin aus der hellen, oberen Malmschicht, der Blauen-Schicht. Die heisst so, weil man 1860 in der Erstelgrube bei Blauen Fossilien in einer Konzentration fand wie bisher noch nie (in dieser Gesteinsschicht).


Betrachten Sie mich mal ganz genau: Sehen Sie die Muschelbruchstücke, spüren Sie die feinen Körner? Können Sie sich mein Alter vorstellen? Über 8 Millionen Jahre! Wieviele Menschenalter sind das wohl, wieviele «Grossväter» bin ich alt?»



Blick vom Schwarzwald in den Jura vor etwa 200 Millionen Jahren.


Ammonit aus Liesberg.



Der Blauen


ist die erste grosse Falte von Norden her. Vom Kammweg aus sieht man immer wieder in die Weite, bis zu den Vogesen, die zu einem anderen Gebirge gehören und eine andere geologische Geschichte haben. In Blickrichtung Süden folgen dicht die weiteren Falten bis zum Mittelland. Der nächste Bergkamm ist also nahe.


Weit und nah, Begriffe, die sehr relativ sind: Wie weit ist weit? Wie nah nah? Wir messen Distanzen heute in Kilometern. Auf einer Karte von 1834 wird als Distanzmass «2000 Basel Ruthen» angegeben, was «zwei gemeinen Stunden» (zu Fuss) entsprach. Um 1875 war Mailand von Basel aus mit den Verkehrsmitteln Bahn, Schiff und Postkutsche zwei Tagereisen weit entfernt. Davon später mehr - zurück auf unseren Weg: Zwei Wegstunden dauert es noch, bis wir in Laufen sind.




Buchen, Tannen, Föhren


säumen hauptsächlich den Weg. Lothar, der Weihnachtsorkan von 1999, hat auch hier Baumriesen entwurzelt. Sie haben Krater hinterlassen, die kleine geologische Fundgruben sein können. Die liegenden Bäume lassen eines zu, was wir sonst so nicht messen können: Die Höhe eines Baumes in Schritten zum Beispiel. Die zurecht gesägten Bäume lassen ihr Alter bestimmen. Sie kennen das, die Anzahl Jahresringe = Alter. Um 100 Jahre alt sind die mächtigsten, also ab etwa 1900 gross geworden. Wanderer waren damals noch selten unterwegs, obwohl es sie schon gab. Erste Wanderrouten wurden etwa im benachbarten Schwarzwald exakt um 1900 angelegt. Es gab auch schon erste Wandervereine - ausschliesslich Männervereinigungen.


Doch: Zu Fuss von A nach B ging man selten zum eigenen Vergnügen, sondern weil es der Arbeitsweg war. Hier oben am Berg waren es Holzfäller aus dem Tal, die Bau- und Brennholz schlugen. Die Nutzung des Waldes war intensiv, auch wurde Wald geschlagen um Weidland zu gewinnen oder Steinbrüche zu erschliessen. Fotos von damals zeigen ein ganz anderes Waldbild als heute. Der Wald ist heute wieder auf dem Vormarsch.


In der «Geschichte und Beschreibung des Kantons Basel» von Markus Lutz, Pfarrer von Läufelfingen, aus dem Jahre 1834 steht zum Thema «wilde Thiere»: «...An Wildpret ist die Landschaft seit der zunehmenden Auslichtung und theilweiser Urbanisierung der Wälder nicht mehr so reich. Doch giebt es Rehe und Hasen. Durch die Verminderung des Wildprets haben sich auch die Wildthiere vermindert. Wilde Schweine und Wölfe sind eine seltene Erscheinung. Hingegen giebt es Füchse, wilde Katzen, Marter und Iltisse noch in ziemlicher Anzahl. Ergiebig aber ist noch die Jagd auf die Streichvögel, als auf Wachteln, Rebhühner, wilde Tauben, Schnepfen und wilder Enten.»




Der Reichtum


des Laufentals war lange Zeit mit dem Stein verbunden. Die Römer brachten die Kunst der Steinhauerei ins Tal. Ein Beispiel ist die Säule aus den Überresten der Villa im Müschhag, die beim Schulhaus in Dittingen ausgestellt ist. Dann geriet die Steinhauerei aber wieder bis ins Mittelalter in Vergessenheit. In Stadtmauern, Toren und Repräsentationsbauten wie zum Beispiel dem Schloss Zwingen (15. Jh.), wurde in der Folge viel Stein verbaut.


Wenn man in Zusammenhang mit grösseren Bauten Hinweise auf Steinhandwerker findet, beschränken sich diese allerdings meist auf Maurer. Die ausdrücklich «Steinhauer» genannten Personen stammten meistens von auswärts. Die Nachfrage nach Stein wuchs im 19. Jh. stark an. Die verordnete Schulpflicht führte in vielen Gemeinden des Laufentals zu Schulhausbauten. Allmählich entstand eine richtige Steinindustrie. Sie rettete viele Laufentaler Kleinbauern, Gewerbler und Handwerker, die hier ein Zubrot verdienen konnten, vor dem Verarmen. Eine eigentliche Blütezeit erlebte die Steinindustrie zwischen 1880 und 1910.


Nach 1910 setzte durch die fortschreitende Industrialisierung eine Krisenzeit ein. Billigere Importsteine und Kunststeine setzten den Steinbrüchen arg zu. Zu einer wesentlichen Erholung des Marktes kam es nie mehr. 1993 zählte das Laufental noch 11 steinverarbeitende Betriebe.



Steinhauer im Dittinger Steibruch «Schachlete», 1937



 

Das Mass aller Dinge

Anfang des 19. Jhdts. hatte jeder Ort in der Schweiz seine eigene Zeit, die sich am Sonnenstand orientierte. War es im Engadin 12 Uhr mittags, so zeigten die Genfer Uhren 11 Uhr 43 an. Fabrikarbeit, Telegrafie und Eisenbahn erforderten eine einheitliche Zeit. Wie sollten Fahrpläne aussehen ohne allgemeingültige Zeit? In Deutschland schloss man sich der Mitteleuropäischen Zeit an, als man den Schlieffen-Plan für den Krieg gegen Frankreich ausarbeitete. In der Schweiz setzte sich die Berner Zeit ab 1850 landesweit durch. Die heute gültige Mitteleuropäische Zeit wurde 1894 eingeführt, nicht ohne den Widerstand der Romandie gegen die «heure allemande».


Und in Basel? Beim höchsten Stand der Sonne war es in der Stadt ursprünglich ein Uhr, nicht zwölf Uhr. Man musste sich streiten, Reformer gegen Konservative, bis die Sonderzeit 1798 schliesslich abgeschafft wurde. «Basel tickt anders» erhält im Licht der Geschichte also eine ganz neue Bedeutung.



"Der Streit um die Basler Uhrzeit". Historische Karikatur


Noch viel unübersichtlicher war die Zahl und Vielfalt der gebräuchlichen Längen- und Raummasse in früheren Zeiten. Masseinheiten sind eine uralte Errungenschaft der Menschen. Der Handel mit Waren oder auch die Schifffahrt machten es nötig, dass man sich über Mengen und Distanzen unterhalten konnte und auf beiden Seiten dasselbe darunter verstand. In den meisten Kulturen wurden Vergleiche zu Naturgrössen als Masseinheiten verwendet. Man mass Stoffe in «Ellen» (Unterarm), Wege in «Stunden» und hatte Doppelzentner oder zählte «Fässer». Der Haken dabei war, dass diese Grössen von Region zu Region wechselten. Ein Beispiel von 1834: In dem unteren Bezirke (des Baselbiets) ist das Mass mit Basel gleich; in den Bezirken Liestal, Waldenburg und in dem Dorfe Pratteln gleich, und in dem Bezirke Sissach ist das Rheinfelder Mass eingeführt, das 10 Mass stärker als das in Basel ist, wo 4 alte Mass gleich sind 5 neuen. Eine alte Mass wiegt beiläufig drei Pfunde. Im Elsass, in der Gegend von Mühlhausen, ist der Saum 6, in Richenwyher 4 und in Kolmar 12 Mass stärker als in Basel; auch das Markgräfler Mass ist im oberen Viertel um 2, im unteren um 6 Mass stärker als in Basel.


Mit der französischen Revolution wurde ein neues System über Europa verbreitet, das einen grossen Vorteil hatte: Im «metrischen System» waren die verschiedenen Einheiten für Längen, Volumen, Gewicht und auch Zeit nicht nur klar definiert, sondern man konnte sie miteinander verrechnen, sie sind «kohärent». Das war eine wichtige Grundlage für die Naturwissenschaften, wo zum Beispiel Weg und Zeit in einer Formel «verrechnet» werden.


Am Ende unseres Wegs, im Ortsmuseum Laufen, sehen Sie zu diesem Thema eine kleine Ausstellung (erkundigen Sie sich bitte vorher nach den Öffnungszeiten im Museum).



 

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