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Schweiz im Krieg | |
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Frage: Welches war der letzte Krieg, an dem die Schweiz sich militärisch "aktiv" beteiligt hat?
Die beiden grundlegenden Begriffe der Frage "Schweiz" und "Krieg" sind vor allem in der historischen Perspektive sehr unterschiedlich definierbar. Je nach weltpolitischer Erfahrung oder Couleur der/s forschenden HistorikerIn, oder je nach Zeit, von der die Rede ist, bezeichnen "Krieg" oder "Schweiz" sehr verschiedene Phänomene.
Was heisst denn "Schweiz"?
Der Ursprung des Namens der Schweiz geht auf den Namen des heutigen Kantons Schwyz zurück. Im 14. Jahrhundert, in der Folge der Schlacht bei Sempach, lassen sich die ersten Belege finden, in denen nicht-eidgenössische Chronisten oder Kanzlisten alle fünf Orte der Waldstätte als "Swiz", später dann auch als "Sweiz" bezeichneten. Der Name des einen Ortes Schwyz wurde also von aussen her, als Fremdbezeichnung, auf die anderen, verbündeten Orte übertragen. Anfangs des 15. Jahrhunderts dann wurden unter dem Begriff "Sweiz" auch die weiteren eidgenössischen Orte mit einbezogen, d.h. nach und nach wurde das lose, schwer überblickbare und schwer zu benennende Bündnisgeflecht der Eidgenossenschaft von aussenstehenden Kanzlisten und Chronisten so bezeichnet.
"Schweizer" nannten sich nicht "Schweizer"
Interessant ist, dass innerhalb der Eidgenossenschaft dieser Begriff bis um 1500 nicht verwendet wurde. Die Eidgenossen konnten es sogar als direkte Beleidigung empfinden, als Schweizer bezeichnet zu werden. Dazu muss ich ein wenig ausholen: Bereits nach der Schlacht von Sempach begann eine regelrechte antieidgenössische Polemik von seiten der Habsburger und ihrer Verbündeten im Adel und in den süddeutschen Städten. In der Schlacht von Sempach war den Eidgenossen die Peinlichkeit geschehen, dass sie den gegnerischen Herzog Leopold, der aber immer noch ihr eigentlicher Landesfürst war, umgebracht hatten. Eine habsburgische Darstellung brachte dieses Ereignis in der pointierten Formulierung, Herzog Leopold sei "auf dem eigenen (Land) von den eigenen (Untertanen) um das eigene (Anliegen)" umgebracht worden. In Streit- und Schmähschriften wie dieser wurden die Eidgenossen als Schweizer bezeichnet. In den darauf folgenden Auseinandersetzungen im 14. und 15. Jahrhundert wurden die Eidgenossen wiederholt als Schweizer verunglimpft. Im alten Zürichkrieg erklärte beispielsweise ein zürcherischer (d.h. in dieser Auseinandersetzung antieidgenössischer) Schulmeister, woher denn der Name "Schweizer" komme: Sie wären von Karl dem Grossen in ihre unwirtlichen Landstriche verbannt worden, um für den Kaiser die Alpenpässe zu schützen, also für den Kaiser zu schwitzen und zu schuften, und vom "schwitzen" leite sich ihr Name ab.
Trieben es die "Schweizer" mit ihren Kühen?
In all diesen Beschimpfungen und Anfeindungen tauchen immer wieder ähnliche Vorwürfe auf: Die Schweizer seien gottlos, da sie gegen die Adligen die Hand erheben und also gegen die gottgewollte Ständeordnung verstossen würden. Sie seien schlimmer als die Türken, da sie nicht einmal Gefangene machen würden. Der schwerwiegendste Vorwurf bezog sich auf das Phänomen, dass in der Waldstätte und im Berner Oberland das Besorgen des Viehs Männerarbeit war, ganz im Gegensatz zu den übrigen Regionen Mitteleuropas, wo Vieharbeit Frauenarbeit war. Die eidgenössischen Männer betrieben also eine seltsam weibliche Tätigkeit: Melken. Und in den antieidgenössischen Anfeindungen wurde sogleich die Erklärung dafür geliefert, weshalb die eidgenössichen Männer so gerne melken: Sie würden es nämlich mit ihren Kühen treiben! Das entsprechende Schimpfwort war "kuegyer", neudeutsch "Kuhficker", oder eben das heute noch bekannte "Kuhschweizer". Diese Beschimpfung war nicht nur eine Beleidigung, sondern eine Ehrverletzung, welche von den Verletzten sofort und zwingend eine Wiederherstellung ihrer verletzten Ehre verlangte. Sodomie war eine der mittelalterlichen Todsünden, und wenn jemand der Sodomie bezichtigt wurde, musste er diesen Vorwurf sofort von sich weisen, ansonsten der Vorwurf an ihm und vor allem auch an seiner Gemeinschaft haften blieb. Wie es den biblischen Städten Sodom und Gomorrah mit ihren sündigen Bewohnern zu Zeiten Abrahams ergangen war, wusste man im Mittelalter sehr genau. Wies ein Eidgenosse diesen Vorwurf nicht zurück, so war demnach seine ganze Talschaft oder Stadt in Gefahr. Wie dieser Vorwurf zurückgewiesen wurde, zeigt folgendes Beispiel: Im Schwabenkrieg (eidgenöss. Bezeichnung), bzw. Schweizerkrieg (österreich. Bezeichnung) 1499 zog als Nebenabteilung eine eidgenössische Kriegerschar der Burg Randek nördlich Schaffhausen vorbei. Von der Burg herab schrie ihnen die feindliche Burgbesatzung "kuegyer, mu, ble" herab. Sofort begannen die Eidgenossen die Burg zu stürmen, holten die Hauptabteilung her, stellten Geschütze auf, bis sie unter ziemlichen Verlusten die Burgbesatzung zur Aufgabe zwangen. Die Ehre war wiederhergestellt, und die eidgenössischen Chronisten vermerkten stolz, wie die Besatzung "on mu, on ble" beschämt im Büsserhemd abzog. Im Schwaben- oder Schweizerkrieg spitzte sich diese polemische Auseinandersetzung massiv zu. Als die Stadt Basel 1501 der Eidgenossenschaft beitrat, setzte auch Basel sich diesen Anfeindungen aus. In der Stadtbevölkerung war man sich entsprechend nicht unbedingt einig, ob es sich lohne, diese "mesalliance" mit den Kuhschweizern einzugehen.
Positive Umdeutung
Aber gerade in diesen Jahrzehnten nach 1500 ereignete sich ein interessantes Phänomen: die eidgenössischen Chronisten und Kanzleischreiber begannen den Begriff "Schweizer" zu übernehmen. Aus der beleidigenden Fremdbezeichnung wurde eine mit einem gewissen trotzigen Stolz vorgebrachte Eigenbezeichnung. Dazu beigetragen hat sicherlich der militärische Erfolg der Eidgenossen und der entsprechende Ruf als begehrte Kriegerscharen in Europa. Aber man kann ähnliche Phänomene auch in anderen Zusammenhängen feststellen, dass eine beleidigende Fremdbezeichnung zur stolzen, trotzig positiv umgedeuteten Eigenbezeichnung wird, z.B. in den letzen Jahren die Bedeutung und Verwendung des Wortes "nigger" in den U. S. A., welches sich von der abschätzigen Bezeichnung der Sklavenhalter und Rassisten bis zu der stolzen Eigenbezeichnung im Rap eine neue Bedeutung erhielt.
"Schweiz" als offizielle Bezeichnung
Bis aber die Bezeichnung "Schweiz" als offizielle Bezeichnung der Eidgenossenschaft verwendet und festgelegt wurde, vergingen noch mehrere Jahrhunderte. Es war für die damaligen Eidgenossen auch sonst nicht einfach, sich selbst zu bezeichnen. Eidgenossenschaften, confoederationes gab es noch mehrere. Die erste Gesamtbeschreibung der Eidgenossenschaft in den 1470er Jahren verwendete noch den Begriff "der obertvtschheit eytgenossenschaft loblicher beschreybung", dies in Abgrenzung zu anderen Eidgenossenschaften. Die Wiederentdeckung der Helvetier als vermeintliche antike Ahnherren der Eidgenossen um 1500 erleichterte die Bezeichnung der Eidgenossenschaft. "Helvetien" wurde vor allem in gelehrten, lateinischen Darstellungen der Eidgenossenschaft verwendet. Der erste einheitliche Staat der Eidgenossenschaft nannte sich dementsprechend 1798 auch "Helvetische Republik". Erst das "Folgemodell", d.h. der von Napoleon sanktionierte Staat von 1803, nannte sich "Schweizerische Eidgenossenschaft". Das bedeutet, offiziell hat die Schweiz seit nicht einmal 200 Jahren den Begriff "Schweiz" in ihrem Namen.
Der Beginn der Geschichte der "Schweiz": 1803! ...oder 1815? oder 1848? oder 1891?
Es ist demnach gar nicht so einfach, gerade angesichts der oben aufgezeigten Geschichte des Begriffs "Schweiz", den Zeitpunkt festzulegen, von dem an das Gebilde der Eidgenossenschaft als "Schweiz" angesprochen werden kann. Man könnte demnach die Geschichte der Schweiz 1803 beginnen lassen, als durch Napoleon der Begriff "Schweiz", in die offizielle Bezeichnung der Eidgenossenschaft gelangte. Oder man könnte den Beginn der Schweiz ansetzen, als die Schweiz 1815 geographisch 1815 ihre heutige Ausdehnung erreichte, als z.B. das Birseck, das Wallis, Graubünden und weitere Gebiete definitiv zur Eidgenossenschaft gelangten. Nur schied gerade 1815 der Kanton Nidwalden für kurze Zeit aus dem Verband der Eidgenossenschaft aus und kam erst nach einem innerkantonalen Machtputsch und der Besetzung des Kantons durch die Truppen der Tagsatzung wieder in den Schoss der Eidgenossenschaft. Oder staatsrechtlich könnte man den Beginn der heutigen Schweiz mit 1848 ansetzen, da erst seitdem eine verfassungsrechtlich ungebrochene Kontinuität bis heute vorhanden ist.
Hinsichtlich der emotionalen Existenz Schweiz, also nicht rechtlich, geographisch oder politisch, sondern im Sinne einer nationalen Identität, ist ein Beginn noch schwieriger festzulegen. Eine Identifikation mit dem Gebilde der "obertvtschen eytgenossenschaft" ist in bestimmten gesellschaftlichen Schichten, Gebieten und Situationen bereits im 14. Jahrhundert nachweisbar. Nur darf man diese Phänomene nicht mit einer heutigen nationalen Identität verwechseln. Manche Historiker sehen den Beginn einer nationalen Identität im 18. Jahrhundert, als die helvetische Gesellschaft gegründet worden war, die Alpenmythologie und die Hirtenidylle das ganze gebildete Europa begeisterten. Ein britischer Experte der nationalen Identität setzt dagegen den Beginn der schweizerischen Nation erst 1891 an, als zum ersten Mal der 1. August gefeiert wurde. Erst in der Folge der nationalen Begeisterung der bürgerlichen Oberschichten, dem einheitlichen Militärdienst und dem Schulunterricht im 19. Jahrhundert begann die Schweiz auch eine Angelegenheit in den gesellschaftlichen Kreisen zu werden, die sich vorgängig eher anderer Identifikationsangebote bedient hatten.
Solche ausführlichen Überlegungen zur Geschichte der Schweiz werden selten in den populäreren Darstellungen zur Schweizer Geschichte offengelegt. Verzeihen Sie mir bitte diese langen Ausführungen. Aber ich hoffe, Sie werden mich nun verstehen, wenn ich den Beginn der Schweiz zur Beantwortung Ihrer Frage mit 1803 ansetze, obwohl ich genausogut von 1815, 1798, im Mittelalter, oder erst 1848 oder 1891 beginnen könnte. In der von Napoleon der Schweiz "nahegelegten" Mediationsverfassung von 1803 wird oft ein Vorgängermodell des modernen Bundestaates von 1848 gesehen, vielleicht liege ich also gar nicht so falsch mit 1803.
Die französischen Kriege, die letzten "richtigen" Kriege der Schweiz
Die in der Mediationsverfassung definierte Schweiz befand sich mit dem zunächst noch revolutionären und anschliessend kaiserlichen Frankreich in einem Militärbündnis, der sogenannten "Defensivallianz". Das heisst, dass die Schweiz Truppen stellte und die eigenen Truppen im Verband mit den französischen Truppen mitkämpfen liess. Die schweizerischen Truppen, welche an der Beresina den Rückzug des französischen Heeres deckten, waren demnach offizielle Schweizer Truppen in offiziellem Schweizer Auftrag. Diese offizielle Schweizer Unterstützung der französischen Kriege muss aber nicht unbedingt als Folge einer französischen Unterdrückung der Schweiz gesehen werden. Mehrere Angehörige der mächtigen Familien in der Schweiz waren bereits vor der französischen Revolution in französischen Diensten gestanden, und mehrere dienten in der französischen Armee auch nach der Revolution. Zudem war die Schweiz bereits seit mehreren hundert Jahren in einem Militärbündnis mit Frankreich verbunden. Auch in den kriegerischen Auseinandersetzungen zwei Jahre vor der Mediation, als russische und österreichische Truppen auf dem Gebiet der Eidgenossenschaft französische Truppen bekämpften (Suwurow), waren offizielle eidgenössische Truppen auf seiten der französischen Armee an den Kämpfen beteiligt gewesen. Erst die von den Siegermächten 1815 garantierte - bzw. geforderte - Neutralität der Schweiz setzte dem vier Jahrhunderte alten Militärbündnis zwischen Frankreich und der Eidgenossenschaft ein Ende.
Was heisst denn "Krieg"?
Je nachdem, wie man "Krieg" definiert, waren die Aktivitäten der eidgenössichen Truppen im Rahmen der französischen Koalitionskriege die letzten militärischen Aktivitäten der Schweiz. Ohne den Begriff "Krieg" in seinen historisch gewachsenen und entsprechend unterschiedlichen Bedeutungen so ausführlich zu besprechen wie oben den Begriff "Schweiz", seien nur folgende Überlegungen zum "Krieg" angemerkt: Unsere heutige Auffassung von Krieg ist stark geprägt von den Vorstellungen des 19. Jahrhunderts, gemäss denen der Satz "Krieg ist Weiterführung von Politik mit anderen Mitteln" formuliert wurde. Demnach ist ein Krieg eine militärische Auseinandersetzung zwischen zwei souveränen Staaten, die sich den Krieg erklären, wenn andere Mittel versagen, und die den Krieg einsetzen als Mittel, um sich eigene Vorteile zu verschaffen oder zu sichern. Entsprechend einer solchen Auffassung von Krieg sind Bürgerkriege keine eigentlichen Kriege, sondern binnennationale Auseinandersetzungen um die Macht, unsauber ausgetragen, aber nicht Aussenpolitik, sondern Innenpolitik. Nach einer solchen Auffassung von Krieg sind die Kriege in Ex-Jugoslawien, in Tschetschenien, Ost-Timor, Sri-Lanka etc. gar keine Kriege, sondern Innenpolitik. Erst seit dem Fall der Mauer und dem entsprechenden Ende des Kalten Krieges ist diese Unterteilung in "richtige Kriege" zwischen souveränen Staaten und in "innenpolitische" Bürgerkriege wieder in den Hintergrund getreten, erst mit einer neuen Auffassung von Krieg konnte völkerrechtlich auch der Eingriff der NATO in Ex-Jugoslawien legitimiert werden. Wenn ich also "innenpolitische" kriegerische Auseinandersetzungen ebenfalls zu "Krieg" zähle, so folgten nach den französischen Koalitionskriegen anfangs des 19. Jahrhunderts noch weitere Kriege, in denen sich die Schweiz ausgesprochen aktiv beteiligte.
Die letzten Bürgerkriege in der Schweiz
Wie bereits erwähnt entsandte z.B. 1815 die Tagsatzung eidgenössische Truppen nach Nidwalden. 1833 setzte die damals liberal dominierte Tagsatzung eidgenössische Truppen in Schwyz und in Baselland ein und intervenierte so gegen die konservativen Machthaber in Schwyz und in Basel, welche die liberalen und revolutionären Aufstände in den eigenen Gebieten militärisch unterdrücken wollten. Trotz den z.B. in Baselland blutigen innerkantonalen Gefechten wurden die eidgenössischen Truppen nicht für Kampfhandlungen eingesetzt, d.h. es kam zu keinen innerschweizerischen Kampfhandlungen. Dennoch stellt in diesem Kontext P. E. Martin fest:
"Tiefgreifende und unaufhörlich zu Tage tretende Zwistigkeiten zwischen den Kantonen führten in diesem Jahre 1833 beinahe zum Bürgerkrieg."
Zu einer Art Bürgerkrieg kam es dann 1844/45 in den sogenannten Freischarenzügen, als radikale, nicht offiziell autorisierte, bewaffnete jungendliche Truppen das zu der Zeit wieder konservative Luzern angriffen. Diese Angriffe wurden von Luzern erfolgreich abgewehrt und die kriegerischen Auseinandersetzungen hielten sich in Grenzen.
1847 setzte die liberal dominierte eidgenössische Tagsatzung offiziell Bundestruppen ein, um den Sonderbund der katholisch-konservativen Kantone gewaltsam aufzulösen. Den offiziellen eidgenössischen Truppen standen die Truppen der Sonderbundskantone gegenüber. Die kriegerischen Auseinandersetzungen wurden in regelrechten Schlachten ausgetragen. Die eidgenössischen Truppen besiegten die Truppen der Sonderbundskantone. In der Folge wurde eine neue, liberale Bundesverfassung ausgearbeitet und landesweit in Abstimmungen angenommen und so legitimiert, obwohl anzumerken ist, dass die Abstimmungsmethoden nach heutigen Gesichtspunkten z.T. alles andere als demokratisch waren. Dennoch bildet diese erste Bundesverfassung von 1848 wie oben bereits erwähnt die Rechtsgrundlage, aufgrund der die Verfassungsrevisionen von 1874 und schliesslich von 1999 durchgeführt wurden. Trotz der eigentlich geringen Zahl an Verlusten im Sonderbundskrieg, auf beiden Seiten weniger als 200 Tote, kann man diese kriegerische Auseinandersetzung als eigentlichen Krieg bezeichnen.
Oder war es doch ein "richtiger" Krieg im klassischen Sinn?
Auch im Sinne der "klassischen" Definition des 19. Jh., nach der ein Krieg nur zwischen souveränen Staaten ausgetragen werden kann, könnte man den Sonderbundskrieg als Krieg, d.h. nicht als Bürgerkrieg auffassen. In einem Briefwechsel zwischen einem Luzerner und einem Basler Konservativen aus der Zeit des Sonderbundskrieges, wird sichtbar, wie tief der Graben zwischen den Kriegsparteien und wie gering die emotionale Zugehörigkeit zur Schweiz damals sein konnte. Philipp Anton von Segesser von Luzern, Angehöriger der unterlegenen Sonderbundspartei, schreibt kurz nach dem Sonderbundskrieg seinem Freund Andreas Heusler-Ryhiner in Basel:
"(...) Für mich hat die Schweiz nur Interesse, weil der Kanton Luzern - dieser ist mein Vaterland - in ihr liegt. Existiert der Kanton Luzern nicht mehr als ein freies, souveränes Glied in der Eidgenossenschaft, so ist mir dieselbe so gleichgültig, als die grosse oder kleine Tartarei. Zweitens, ich will entweder ein freier Mann sein oder ein Untertan. Kann ich als Luzerner nicht mehr ein freier Mann sein, so will ich lieber ein Untertan des Königs von Frankreich oder des Kaisers von Oesterreich oder selbst des Grossultans sein, als ein Untertan der Tagsatzung, der Schweiz oder irgend einer republikanischen Behörde. (...)"
Das heisst: die Souveränität lag in den Augen Segessers eindeutig bei den Kantonen, und nicht bei der eidgenössischen Tagsatzung.
Trotz den offenbar sehr erbitterten Auseinandersetzungen war der Konflikt mit der neuen Bundesverfassung eigentlich beigelegt, bzw. flackerte nicht mehr als bewaffneter Konflikt auf, sondern verlegte sich auf die politische Ebene und wurde im National-, Stände- oder Bundesrat ausgetragen. Zudem beteiligte die liberale Mehrheit mit der Zeit die katholisch konservative Minderheit zusehends an der Macht, nicht zuletzt aufgrund der erstarkten Arbeiterbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Schweizer in anderen Kriegen
Mit der neuen Bundesverfassung beendete die Eidgenossenschaft das Reislaufen - mit Ausnahme der Schweizergarde des Papstes. Nach Ablauf der Soldverträge Mitte des 19. Jahrhunderts verschwanden die eidgenössischen Truppen zusehends von den europäischen Kriegsschauplätzen. Vordem waren sie - wenn auch nicht mit offiziellem Auftrag der Tagsatzung - so doch z.T. unter der Schweizerfahne oder zumindest kenntlich als Schweizergarden bis Mitte des 19. Jahrhunderts an verschiedenen Konflikten in Europa beteiligt gewesen.
Kriegerische Aktivitäten in der Schweiz?
Den Sonderbundskrieg könnte man als letzten Krieg bezeichnen, bei dem sich die Schweiz aktiv militärisch beteiligt hat, wenn auch gegen die eigenen Landsleute. Es gibt aber auch spätere Beispiele, in denen Schweizer Truppen auf offiziellen Befehl von ihren Waffen Gebrauch machten und demnach "aktiv" militärisch an einem Konflikt teilnahmen. So schossen 1918 im Generalstreik eidgenössische Truppen auf streikende oder demonstrierende Schweizer Arbeiter, und noch 1932 eröffneten Angehörige einer Rekrutenschule in Genf nach ergangenem Schiessbefehl ihres Vorgesetzten das Feuer auf Demonstrierende und erschossen mehr als ein Dutzend Arbeiter. Obwohl die Schweiz militärisch aktiv war, können die Konflikte, in denen diese offiziellen Schüsse fielen, nicht als "Krieg" bezeichnet werden.
Der letzte Krieg: ein kalter Krieg aber gefochten mit grossem Eifer
In einem anderen Sinne engagierte sich die Schweiz bis noch vor kurzem aktiv in einem Krieg: im Kalten Krieg. Gerade die offizielle Schweiz war in dieser jahrzehntelangen, wenn auch in Europa eher unblutigen, so doch sehr militärischen und ideologischen Auseinandersetzung ausgesprochen aktiv. Gerade die offiziellen Verlautbarungen, Anweisungen an die Zivilbevölkerung, die internen Aktivitäten der Verwaltung und auch das Engagement des schweizerischen Militärs in dieser Frage sprechen dafür, dass sich viele offizielle Vertreter der Schweiz zu der Zeit in einem Krieg wähnten. Stellvertretend für mehrere Quellen zitiere ich den Rechtsprofessor und hohen Militär Karl Brunner, der 1966 die Landesverteidigung analysierte. Er geht unter anderem auch auf die "Geistige Landesverteidigung" ein. Zunächst bespricht er die marxistisch-leninistische Geschichtsauffassung, und wie nach dieser Geschichtsauffassung die Weltrevolution vor sich gehe, und wie sie die kommunistischen Länder umsetzen werden. Demnach lasse sich die Weltrevolution in eine "nicht-kriegerische" und in eine "kriegerische" Phase unterteilen:
"(...) Der kommunistische Politiker verwendet in seiner Propaganda bewusst Begriffe und Wörter, welche in seiner Sprache eine völlig andere Bedeutung haben als in der unsrigen. Damit will und kann er Unklarheit & Verwirrung stiften. Daraus hofft er Anhänger zu sammeln. Letzten Endes soll damit die äussere und innere Widerstandskraft des Gegners Stück für Stück geschwächt werden. (...) Ziehen wir die Folgerungen. Über jedem Gespräch über das ‚friedliche Nebeneinander' steht die Drohung der Gewaltanwendung durch die kommunistischen Staaten. (...) Und so lange müssen auch wir den Kampf mit geistigen Mitteln führen. Wir verletzen keine Norm des Völkerrechts, wenn wir darin mutig und scharf auch zum Angriff übergehen (Hervorhebung im Original). Denn gerade auf diesem Gebiet ist er die beste Verteidigung, wie so oft, wenn dialektisch gekämpft werden muss."
Zu solchen und ähnlichen, beinahe militanten Aufrufen zum "kalten Kriegen" bemerkte der besonnene Zeithistoriker Jean Rodolphe von Salis in den 60er Jahren:
"Man möchte bei der Lektüre der Presse und zuweilen beim Anhören des Radios eher vermuten, wir stünden schweissbedeckt irgendwo vorn an der Front. (...) Wir wissen genau, wie der kalte Krieg geführt werden soll. Man könnte manchmal glauben, wir wären die ersten, die sich auf die künftigen Schlachtfelder stürzen werden."
Das heisst, obwohl die offizielle Schweiz während des Kalten Krieges nicht an eigentlichen "heissen" militärischen Auseinandersetzungen beteiligt war, hatte sie doch ganz klar Position bezogen und sich ausgesprochen aktiv, geradezu militant, an dieser "nicht-kriegerischen" Phase in der Abwehr der drohenden "Weltrevolution" beteiligt, so dass man je nach der Definition von "Krieg" behaupten könnte, der letzte Krieg, in dem sich die Schweiz aktiv beteiligt hat, sei der Kalte Krieg gewesen.
DIE eine Antwort gibt es nicht
Ich kann Ihnen abschliessend keine eindeutige Antwort geben auf Ihre klare und präzise Frage, welches der letzte Krieg gewesen sei, an dem sich die Schweiz "aktiv" militärisch beteiligt hatte. Ich hoffe aber, dass ich Ihnen mit meinen langen und ausführlichen Erklärungen einen Einblick geben konnte in meine Überlegungen, die ich auf der Suche nach einer Antwort anstellte. Ich hoffe, Sie können sich nun aus dem umfangreichen Material Ihre eigene Meinung bilden und auch die Ihrer Ansicht nach richtige Antwort auf die Frage finden, welches der letzte Krieg war, in dem sich die Schweiz "aktiv" militärisch beteiligt hat.
Literatur:
- Edgar Bonjour: Geschichte der Schweiz im XIX. und XX. Jahrhundert, 1798-1920. [S.l.] [s.n.] 1937.
- Eduard His (Hg.): Briefwechsel zwischen Philipp Anton von Segesser und Andreas Heusler-Ryhiner 1842 - 1867, Basel 1932.
- Hubert Foerster: Die bewaffnete Neutralität der Schweiz während der Mediation, 1803-1814/15, In: 1648 - 1798 - 1848 - 1998: 350 Jahre bewaffnete Neutralität der Schweiz. Permanente Neutraliät und Milizsystem im Wandel, Bern 1999. S. 53 - 77.
- Ulrich Im Hof et al. (Hg.): Geschichte der Schweiz und der Schweizer, 3 Bde., Basel, Frankfurt a.M. 1986.
- Thomas Maissen: Fighting for Faith? Experiences of the Sonderbund Campaign 1847, In: Switzerland at war (Occasional papers in Swiss studies, vol. 2), Bern, Berlin, Bruxelles, Frankfurt a.M. , New York, Oxford, Wien 1999, S. 9 - 42.
- Guy P. Marchal: Die "Alten Eidgenossen" im Wandel der Zeiten. Das Bild der frühen Eidgenossen im Traditionsbewusstsein und in der Identitätsvorstellung der Schweizer vom 15. bis ins 20. Jh., In: Innerschweiz und frühe Eidgenossenschaft, Bd. 2, Olten 1990. S. 307-404.
- Paul E. Martin: Die eidgenössische Armee von 1815 - 1914, In: Schweizer Kriegsgeschichte, Heft 7, Bern-Bümpliz 1923, S. 7 - 176.
- Wilhelm Oechsli: Die Benennungen der alten Eidgenossenschaft und ihrer Glieder, In: Jahrbuch für Schweizerische Geschichte, Bd. 41, Zürich 1916, S. 51-230; Bd. 42, Zürich 1917, S. 87-258.
- Stichwort "Krieg", In: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, hrsg. v. Reinhart Koselleck et al., Bd. 3, Stuttgart 1982.
- Stichwort "Schweiz, Name", In: Historisch-biographisches Lexikon der Schweiz, Bd. 6, Neuenburg 1931, S. 273.
- Stichwort "Schwiz", In: Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache, Bd. 9. Frauenfeld 1929, Spalte 2263 ff.
- Claudius Sieber-Lehmann: In helvetios - wider die Kuhschweizer. Fremd- und Feindbilder von den Schweizern in antieidgenössischen Texten aus der Zeit von 1386 bis 1532, Bern 1998.
- Jakob Tanner: Switzerland and the Cold War: A Neutral Country between the "American Way of Life" and "Geistige Landesverteidigung, In: Switzerland at war (Occasional papers in Swiss studies, vol. 2), Bern, Berlin, Bruxelles, Frankfurt a.M. , New York, Oxford, Wien 1999, S. 113 - 128.
Eingangsnummer: 258
Beantwortet am 08.09.2001
Michael Blatter
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