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Übersicht 200 Fragen an die Geschichte

Carl Spittelers Rede im ersten Weltkrieg

 

Carl Spitteler hat zur Zeit des Ersten Weltkrieges im Albisgütli eine Rede zur inneren Verbindung der Schweiz gehalten. Wie lautete sie?


Es handelt sich bei der von Ihnen angesprochenen Rede um Spittelers im nachhinein wirkungsvollsten Text: "Unser Schweizer Standpunkt". Gehalten hat Spitteler diese Rede nicht im Albisgüetli, sondern am 14. Dezember 1914 vor der "Neuen Helvetischen Gesellschaft" (NHG), Gruppe Zürich, im Saal zu Zimmerleuten, das heisst im Zunfthaus zu Zimmerleuten am Zürcher Limmatquai.


Nachlesen können Sie die Rede in:
- Spitteler, Carl: Gesammelte Werke, Band 8, Zürich (Artemis) 1947, darin: Unser Schweizer Standpunkt, S. 577-594.


Falls Sie sich noch eingehender mit der Rede beschäftigen wollen, finden Sie Angaben über die Entstehung und Publikation der Rede in: Lauber, Werner: "Unser Schweizer Standpunkt", in: Spitteler, Carl: Gesammelte Werke, Band 10 (Geleitband II), Zürich (Artemis) 1958, S. 509-517. Allerdings neigt Lauber zu einer nach heutigem Forschungsstand nicht mehr zu teilenden, unkritischen Verherrlichung Spittelers.


Einen sehr guten, repräsentativen Überblick über die aktuelle Beschäftigung der Literatur- und Geschichtswissenschaft mit Spitteler gibt der Sammelband: Quarto. Zeitschrift des Schweizerischen Literaturarchivs (SLA), Nr. 4/5, April 1995. Dossier: Carl Spitteler. Als grössere Publikation eigens zur Standpunktsrede kann ich Ihnen ein leider nur auf französisch erschienenes Buch empfehlen: Vallotton, François: Ainsi parlait Carl Spitteler. Genese et réception du "Notre point de vue suisse" de 1914. Lausanne (Histoire et société contemporaines, tome 11/91)1991.


Gerne gebe ich Ihnen noch Informationen zu Spittelers Rede "Unser Schweizer Standpunkt" und zu deren Umständen: Carl Spitteler hielt, wie oben erwähnt, seine Standpunktsrede am 14. Dezember 1914 vor der "Neuen Helvetischen Gesellschaft" (NHG), Gruppe Zürich. Die NHG war eben erst am 1. Februar 1914 in Bern auf Initiative der jungen welschen Intellektuellen Alexis François, Gonzague de Reynold und Robert de Traz gegründet worden. Diese rechtskonservativen Intellektuellen "wollten ihre Eigenständigkeit wahren gegenüber dem gleichsprachigen Nachbarland wie gegenüber der deutschschweizerischen Mehrheit." Anlässlich des ausgebrochenen Krieges sahen die Vertreter der NHG im Sommer 1914 eine Bewährungsprobe für den Zusammenhalt der schweizerischen Gesellschaft gekommen. Wie der Bundesrat rief auch die NHG das Schweizervolk zu Mässigung und Einigkeit auf. Dem auf Staat, Kultur und Rasse basierenden Nationalismus Deutschlands und Frankreichs stellte die NHG einen schweizerischen Nationalismus des Willens zur Zusammengehörigkeit entgegen, der durch gemeinsamen Geist, durch gemeinsame Gesinnung entstehen sollte. Der Präsident der Ortsgruppe Zürich der NHG, Thurnherr, ersuchte am 26. Oktober 1914 den Schriftsteller Carl Spitteler als namhaften Vertreter der geistigen Elite der Schweiz, der eben gerade in zwei Zeitungsäusserungen für gesamtschweizerisches Zusammenstehen plädiert hatte, in einer Rede diesem Gedanken besonderes Gewicht zu verleihen.


Wie hat Spitteler diesen Gedanken in seiner Rede Form gegeben? Carl Spitteler nahm den "Stimmungsgegensatz", welcher "anlässlich des Krieges zwischen dem deutsch sprechenden und dem französisch sprechenden Landesteil" der Schweiz entstanden sei, zum Anlass für seine Rede "Unser Schweizer Standpunkt". Er forderte in dieser Rede vom 14. Dezember 1914 einen neutralen als einzig richtigen Schweizer Standpunkt angesichts eines Krieges zwischen Nachbarstaaten der Schweiz. Die Schweiz müsse sich Deutschland und Frankreich gegenüber, mit welchen sie Sprache und Kultur teile, gleichermassen neutral verhalten. Diese neutrale Haltung müssten auch die Schweizer Bürger einnehmen, um nicht durch einseitige Stellungsnahme für Frankreich oder für Deutschland indirekt ihre Mitbürger, welche der anderen Kultur zuneigten, anzugreifen und somit die nationale Einheit zu gefährden. Spitteler stellte angesichts des Krieges und der inneren Meinungsverschiedenheiten in der Schweiz die nationale Frage: "Wollen wir oder wollen wir nicht ein schweizerischer Staat bleiben, der dem Auslande gegenüber eine politische Einheit darstellt?" Spitteler beantwortete diese Frage in seiner Rede mit einem klaren Bekenntnis zur Schweiz als Willensnation, deren "Landesgrenzen auch für die politischen Gefühle Marklinien bedeuten." Die politischen Gefühle der Bürger sollten aus Vernunft und patriotischer Pflicht den Bruder dem Nachbarn vorziehen, auch wenn noch so freundschaftliche Beziehungen zum Nachbarn bestünden. Um die familiär beschriebene, nationale Einheit herzustellen, forderte Spitteler alle Schweizer auf, "nach allen Seiten hin die nämliche Distanz zu halten." Die Schweizer sollten sich in neutraler Zurückhaltung üben.


Für die Vorstellung einer "Nation", die ein einig Volk von Brüdern sein sollte, setzte sich Spitteler in "Unser Schweizer Standpunkt" ein, weil er die nationale Einheit durch individuelle Meinungsäusserungen zu Gunsten Deutschlands oder Frankreichs gefährdet sah. Jeder Einzelne müsse in Kriegszeiten eine unparteiische, neutrale Haltung einnehmen, welche dem schweizerischen Staatsgedanken der Neutralität entspräche. Mit diesen Überlegungen zum Verhältnis zwischen Staat und Individuum widersprach Spitteler der liberalen, pluralistischen Staatsauffassung der Schweiz, welche im verfassungsmässigen Recht auf freie Meinungsäusserung zum Ausdruck kam. Im Kriegsfall plädierte Spitteler für die totale Unterordnung des Individuums unter den Staat, für Gesinnungsneutralität. Spittelers Projekt eines einzigen Schweizer Standpunktes, welcher vielschichtige innen- und aussenpolitische Konflikte zum Verschwinden bringen sollte, mutete in der instabilen Situation der Schweiz von 1914 tollkühn an. Denn die Schweiz war nicht nur zwischen germanophilen und frankophilen Leidenschaften zerrissen, sondern auch durch divergierende Haltungen zwischen Politikern und Militärs sowie durch soziale Gegensätze.


Wie fand die in Zürich gehaltene Rede Verbreitung? Grössere öffentliche Beachtung erhielt Spittelers im Rahmen der NHG gehaltene Rede durch die Veröffentlichung in Tageszeitungen. Die "Neue Zürcher Zeitung", die "Basler Nachrichten", die "Berner Tagwacht" und der "Basler Vorwärts" publizierten Spittelers Rede vom 14. Dezember noch im selben Monat integral. Danach erschien Spittelers Rede in Broschürenform bei Rascher & Cie in Zürich als Nummer 2 der "Schriften für Schweizer Art und Kunst" sowie in französischer, italienischer und romanischer Übersetzung.


Wie wurde die Rede aufgenommen? In der Schweiz lässt sich seit Ende des Ersten Weltkriegs ein grundlegender Wandel in der öffentlichen Haltung zu Spitteler feststellen, der zeigt, dass Spitteler und dessen Schweizer Standpunkt erst im nachhinein einen Platz in der Galerie bedeutender Schweizer Männer und Taten erhalten hat. In der Zeit des Zweiten Weltkrieges wurde Carl Spitteler als Retter der Schweiz und Vater des schweizerischen Neutralitätsgedankens gepriesen und war seitdem ein "Säulenheiliger der Neutralität" (Oskar Reck) . Die unmittelbare Aufnahme der Rede war hingegen umstritten gewesen.


In der Deutschschweiz rief die Rede anfänglich vorsichtige Zurückhaltung oder scharfe Ablehnung hervor, jedoch keine offene Zustimmung. Die Zurückhaltung mag auf dem Hintergrund des sich seit Kriegsausbruch vertiefenden Grabens zwischen der Deutsch- und der Welschschweiz als Rücksicht gegenüber den welschen Miteidgenossen interpretiert werden. Die scharfe Ablehnung mag durch Identifikationsschwierigkeiten vieler Deutschschweizer, speziell Zürcher, mit Spittelers Person begründet werden. Ebenso lehnten deutschfreundlich gesinnte Deutschschweizer Spittelers Standpunkt ab. Vor allem Spittelers Kritik am deutschen Einmarsch in Belgien wurde von diesen als unliebsame profranzösische Stellungnahme aufgefasst. Spitteler stand mit seiner Position in Widerspruch zur deutschfreundlichen Haltung der schweizerischen Militärführung. Den meist zurückhaltenden oder ablehnenden Deutschschweizer Pressereaktionen auf Spittelers Rede standen Sympathiebezeugungen für Spitteler und dessen Rede, die als grosse staatsbürgerliche Tat gewürdigt wurde, in der Presse der Romandie gegenüber, wobei die welschen Vertreter der NHG die französischsprachige Publizistik wirkungsvoll beeinflussten.


Im Ausland wurde Spittelers Rede sehr unterschiedlich aufgenommen. Sein sich neutral darstellender Schweizer Standpunkt wurde nicht als Neutralitätsbezeugung aufgenommen. In Deutschland und Frankreich wurde die von Spitteler postulierte absolute Neutralität nicht als innenpolitisch gedachte, nationale Standortbestimmung, sondern als Parteinahme im Konflikt zwischen diesen beiden Ländern aufgefasst. Vor allem in Deutschland fügte Spitteler durch seine scheinbare Parteinahme für Frankreich seinem schriftstellerischem Ruf und seinen Publikationsmöglichkeiten bleibenden Schaden zu.


Seine Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis des Jahres 1919 war dafür unter anderem eine Folge der französischen Rezeption seiner Rede von 1914. Speziell Romain Rolland machte sich für Spitteler stark, um einen politischen Literaten und "unerschrockenen (und ziemlich missverstandenen) Kämpen gegen den deutschen Imperialismus" zu ehren. In England und den USA hiess es denn auch, die schwedische Akademie hätte Spitteler für seine während des Krieges gehaltene Rede mit dem Friedenspreis gekrönt. In Deutschland wurde die Auszeichnung als Verbeugung vor der Entente beschrieben.



 

Eingangsnummer: 192

Beantwortet am 18.04.2001


Tobias Senn



 

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