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Übersicht 200 Fragen an die Geschichte

Die Schweiz und ihr Namen

 

Wieso heisst die Schweiz wie sie heisst?


Der Ursprung des Namens der Schweiz geht auf den Namen des heutigen Kantons Schwyz zurück. Im 14. Jahrhundert - in der Folge der Schlacht bei Sempach - lassen sich die ersten Belege finden, in denen nicht-eidgenössische Chronisten oder Kanzlisten alle fünf Orte der Waldstätte als "Swiz", später dann auch als "Sweiz" bezeichneten. Der Name des einen Ortes Schwyz wurde also von aussen her, als Fremdbezeichnung, auf die anderen, verbündeten Orte übertragen. Anfangs des 15. Jahrhunderts dann wurden unter dem Begriff "Sweiz" auch die weiteren eidgenössischen Orte mit einbezogen, d.h. nach und nach wurde das lose, schwer überblickbare und schwer zu benennende Bündnisgeflecht der Eidgenossenschaft von aussenstehenden Kanzlisten und Chronisten so bezeichnet.


Interessant ist, dass innerhalb der Eidgenossenschaft dieser Begriff bis um 1500 nicht verwendet wurde. Die Eidgenossen konnten es sogar als direkte Beleidigung empfinden, als Schweizer bezeichnet zu werden. Bereits nach der Schlacht von Sempach begann eine regelrechte antieidgenössische Polemik von seiten der Habsburger und ihrer Verbündeten im Adel und in den süddeutschen Städten. In der Schlacht von Sempach war den Eidgenossen die Peinlichkeit geschehen, dass sie den gegnerischen Herzog Leopold, der aber immer noch ihr eigentlicher Landesfürst war, umgebracht hatten. Eine habsburgische Darstellung brachte dieses Ereignis in der pointierten Formulierung, Herzog Leopold sei "auf dem eigenen (Land) von den eigenen (Untertanen) um das eigene (Anliegen)" umgebracht worden. In Streit- und Schmähschriften wie dieser wurden die Eidgenossen als Schweizer bezeichnet. In den darauf folgenden Auseinandersetzungen im 14. und 15. Jahrhundert wurden die Eidgenossen wiederholt als Schweizer verunglimpft. Im alten Zürichkrieg erklärte beispielsweise ein zürcherischer (d.h. in dieser Auseinandersetzung antieidgenössischer) Schulmeister, woher denn der Name "Schweizer" komme: Sie wären von Karl dem Grossen in ihre unwirtlichen Landstriche verbannt worden, um für den Kaiser die Alpenpässe zu schützen, also für den Kaiser zu schwitzen und zu schuften, und vom "schwitzen" leite sich ihr Name ab.


In all diesen Beschimpfungen und Anfeindungen tauchen immer wieder ähnliche Vorwürfe auf: Die Schweizer seien gottlos, da sie gegen die Adligen die Hand erheben und also gegen die gottgewollte Ständeordnung verstossen würden. Sie seien schlimmer als die Türken, da sie nicht einmal Gefangene machen würden. Der schwerwiegendste Vorwurf bezog sich auf das Phänomen, dass in der Waldstätte und im Berner Oberland das Besorgen des Viehs Männerarbeit war, ganz im Gegensatz zu den übrigen Regionen Mitteleuropas, wo Vieharbeit Frauenarbeit war. Die eidgenössischen Männer betrieben also eine seltsam weibliche Tätigkeit: Melken. Und in den antieidgenössischen Anfeindungen wurde sogleich die Erklärung dafür geliefert, weshalb die eidgenössichen Männer so gerne melken: Sie würden es nämlich mit ihren Kühen treiben! Das entsprechende Schimpfwort war "kuegyer", neudeutsch "Kuhficker", oder eben das heute noch bekannte "Kuhschweizer". Diese Beschimpfung war nicht nur eine Beleidigung, sondern eine Ehrverletzung, welche von den Verletzten sofort und zwingend eine Wiederherstellung ihrer verletzten Ehre verlangte. Sodomie war eine der mittelalterlichen Todsünden, und wenn jemand der Sodomie bezichtigt wurde, musste er diesen Vorwurf sofort von sich weisen, ansonsten der Vorwurf an ihm und vor allem auch an seiner Gemeinschaft haften blieb. Wie es den biblischen Städten Sodom und Gomorrah mit ihren sündigen Bewohnern zu Zeiten Abrahams ergangen war, wusste man im Mittelalter sehr genau. Wies ein Eidgenosse diesen Vorwurf nicht zurück, so war demnach seine ganze Talschaft oder Stadt in Gefahr. Wie dieser Vorwurf zurückgewiesen wurde, zeigt folgendes Beispiel: Im Schwabenkrieg (eidgenössische Bezeichnung), bzw. Schweizerkrieg (österreichische Bezeichnung) 1499 zog als Nebenabteilung eine eidgenössische Kriegerschar an der Burg Randek nördlich von Schaffhausen vorbei. Von der Burg herab schrie ihnen die feindliche Burgbesatzung "kuegyer, mu, ble" herab. Sofort begannen die Eidgenossen die Burg zu stürmen, holten die Hauptabteilung her, stellten Geschütze auf, bis sie unter ziemlichen Verlusten die Burgbesatzung zur Aufgabe zwangen. Die Ehre war wiederhergestellt, und die eidgenössischen Chronisten vermerkten stolz, wie die Besatzung "on mu, on ble" beschämt im Büsserhemd abzog. Im Schwaben- oder Schweizerkrieg spitzte sich diese polemische Auseinandersetzung massiv zu. Als die Stadt Basel 1501 der Eidgenossenschaft beitrat, setzte sich auch Basel diesen Anfeindungen aus. In der Stadtbevölkerung war man sich entsprechend nicht unbedingt einig, ob es sich lohne, diese "mesalliance" mit den Kuhschweizern einzugehen.


Aber gerade in diesen Jahrzehnten nach 1500 ereignete sich ein interessantes Phänomen: die eidgenössischen Chronisten und Kanzleischreiber begannen den Begriff "Schweizer" zu übernehmen. Aus der beleidigenden Fremdbezeichnung wurde eine mit einem gewissen trotzigen Stolz vorgebrachte Eigenbezeichnung. Dazu beigetragen hat sicherlich der militärische Erfolg der Eidgenossen und der entsprechende Ruf als begehrte Kriegerscharen in Europa. Aber man kann ähnliche Phänomene auch in anderen Zusammenhängen feststellen, dass eine beleidigende Fremdbezeichnung zur stolzen, trotzig positiv umgedeuteten Eigenbezeichnung wird, wie z.B. in den letzen Jahren die Bedeutung und Verwendung des Wortes "nigger" in den USA, welches sich von der abschätzigen Bezeichnung der Sklavenhalter und Rassisten zur stolzen Eigenbezeichnung im Rap entwickelte. Bis aber die Bezeichnung "Schweiz" als offizielle Bezeichnung der Eidgenossenschaft verwendet und festgelegt wurde, vergingen noch mehrere Jahrhunderte. Es war für die damaligen Eidgenossen auch sonst nicht einfach, sich selbst zu bezeichnen. Eidgenossenschaften, confoederationes gab es noch mehrere. Die erste Gesamtbeschreibung der Eidgenossenschaft in den 1470er Jahren verwendete noch den Begriff "der obertvtschheit eytgenossenschaft loblicher beschreybung", dies in Abgrenzung zu anderen Eidgenossenschaften. Die Wiederentdeckung der Helvetier als vermeintliche antike Ahnherren der Eidgenossen um 1500 erleichterte die Bezeichnung der Eidgenossenschaft. "Helvetien" wurde vor allem in gelehrten, lateinischen Darstellungen der Eidgenossenschaft verwendet. Der erste einheitliche Staat der Eidgenossenschaft nannte sich dementsprechend 1798 auch "Helvetische Republik". Erst das "Folgemodell", d.h. der von Napoleon sanktionierte Staat von 1803, nannte sich "Schweizerische Eidgenossenschaft". Das bedeutet, dass die Schweiz ihren Namen offiziell noch nicht einmal 200 Jahre trägt.



 

Literatur:

- Wilhelm Oechsli: Die Benennungen der alten Eidgenossenschaft und ihrer Glieder, In: Jahrbuch für Schweizerische Geschichte, Bd. 41, Zürich 1916, S. 51-230; Bd. 42, Zürich 1917, S. 87-258.


- Stichwort "Schweiz, Name", In: Historisch-biographisches Lexikon der Schweiz, Bd. 6, Neuenburg 1931, S. 273.


- Stichwort "Schwiz", In: Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache, Bd. 9. Frauenfeld 1929, Spalte 2263 ff.


- Guy P. Marchal: Die "Alten Eidgenossen" im Wandel der Zeiten. Das Bild der frühen Eidgenossen im Traditionsbewusstsein und in der Identitätsvorstellung der Schweizer vom 15. bis ins 20. Jh., In: Innerschweiz und frühe Eidgenossenschaft, Bd. 2, Olten 1990. S. 307-404.


- Claudius Sieber-Lehmann: In helvetios - wider die Kuhschweizer. Fremd- und Feindbilder von den Schweizern in antieidgenössischen Texten aus der Zeit von 1386 bis 1532, Bern 1998.



 

Eingangsnummer: 158 / 245

Beantwortet am 01.03.2001


Michael Blatter



 

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