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"Völkerstämme" in Basel | |
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Aus welchen Völkerstämmen setzte sich vor 500 Jahren die Basler Bevölkerung zusammen, und welche Sprache wurde vorwiegend gesprochen?
Der Begriff "Völkerstämme" ist ein sehr unscharfer Begriff, und mit ihm wird in heutigen, wissenschaftlich vertretbaren Untersuchungen nicht mehr operiert. Deshalb soll hier zunächst einmal näher auf diesen Begriff eingegangen werden: Seit Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts beschäftigte sich die Wissenschaft der Anthropologie mit der Zugehörigkeit von Individuen zu diesem oder jenem "Völkerstamm". Anhand von in Friedhöfen oder Beinhäusern aufgefundenen Knochen und anhand von Untersuchungen an lebenden Menschen, v.a. Schädelvermessungen, versuchte man eine Typologie der Rassen, Völker und Stämme festzulegen. Diese Versuche gipfelten in der Schweiz in einem Projekt des "Rassenhygienischen Instituts der Universität Zürich" mit dem Ziel, den "homo alpinus helveticus" zu finden. In den Vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden in der Schweiz die Schädel sämtlicher Rekruten vermessen. Das Projekt endete Ende der 40er Jahre mit dem ernüchternden Ergebnis, dass sich der postulierte "homo alpinus helveticus" nicht finden lässt. Dennoch wurden weitere Untersuchungen vorgenommen, z.B. nach 1950 ein Vergleich von Bevölkerungen der Walsersiedlungen und Rumantsch-sprechenden Siedlungen hinsichtlich blauer Augen, blonden Haaren und Blutgruppen, mit dem erklärten Ziel festzustellen, wo "das germanische Blut" noch am reinsten fliessen würde. Diese Untersuchungen muten uns heute seltsam unkritisch, unwissenschaftlich und bisweilen geradezu rassistisch an.
Solche Untersuchungen waren leider nicht nur blosse wissenschaftliche Experimente, sondern entsprachen der damals weit verbreiteten Vorstellung der Eugenik, d.h. dass der "Volkskörper" durch die überproportionale Vermehrung "abnormaler", "erbkranker" Elemente ernsthaft gefährdet sei. Was damals als "abnormal" oder "erbkrank" empfunden wurde, befremdet uns heute sehr, so z.B. "Wandertrieb", "Schwachsinnige", "Epileptiker" etc. Was jeweils als "krank" oder "abnormal" empfunden wird, ist sehr zeitabhängig. Dennoch wurden aufgrund solcher zeitbedingter Vorstellungen auch in der Schweiz von Medizinern Sterilisationen vorgenommen mit der Absicht, den "Volkskörper" vor seiner "Degeneration" zu schützen.
Die Versuche, anhand von Friedhöfen und Beinhäusern eine Geschichte der verschiedenen Rassetypen auf dem Gebiet der heutigen Schweiz zu schreiben, sind als gescheitert anzusehen. Das Konzept der Rasse als Kategorie in der historischen Entwicklung hat seitdem ausgedient, nur vereinzelt taucht diese Vorstellung wieder auf, nicht zuletzt, da die Bücher und Zeitschriften aus der Zeit dieser Untersuchungen immer noch greifbar sind. Weshalb das Konzept als wissenschaftliche Kategorie zur Beschreibung des Menschen versagte, lässt sich nicht alleine mit der Annahme erklären, dass die Vermischung der seit der Ur- und Frühgeschichte auf dem Gebiet der heutigen Schweiz lebenden Menschen zu gross gewesen sei. Eine solche "Vermischung" hat es immer gegeben. Nur schon wenn man den Begriff "Vermischung" benutzt, so nimmt man an, dass es irgendwann einmal in der Vergangenheit einen reinen, unvermischten Zustand dieses oder jenes "Völkerstammes" gegeben habe. Eine solche Annahme lässt sich aber bis heute nirgends bestätigen. Das heisst, in der Geschichte oder in der Gesellschaft Rassekategorien anzuwenden bedeutet, von Annahmen auszugehen, die nicht gegeben sind.
In Anbetracht dieser Voraussetzungen wird klar, dass sich die Frage nach den "Völkerstämmen" in der Bevölkerung Basels nicht beantworten lässt. Die heutige Anthropologie untersucht nicht mehr die Zugehörigkeit zu dem einen oder anderen "Volksstamm", sondern die Ernährung, die Krankheiten und den Lebensverlauf der Individuen, deren Gebeine auf Friedhöfen gefunden werden. So versucht die heutige Anthropologie nicht mehr, den ursprünglichen, reinen "Volkskörper" zu finden und mit anderen "Völkerstämmen" zu vergleichen, sondern die heutigen Anthropologen liefern wertvolle Hinweise auf die Ernährung oder den Gesundheitszustand der damaligen Bevölkerung.
Die zweite Frage, welche Sprache(n) in Basel vor 500 Jahren gesprochen wurden, lässt sich hingegen klar beantworten: Die einfache Bevölkerung sprach eine elsässische Dialektvariante des Deutschen. Auch in den Amtsstuben und Kanzleien wurde in etwa der gleiche Dialekt geschrieben, wenn auch leicht an die Sprache der Kanzleien anderer Städte oder adliger Verwaltungen angelehnt. Auf den Strassen konnte man bisweilen die unterschiedlichsten europäischen Sprachen sprechen hören: vor allem Französisch und Italienisch. Durch Handel, Pilgerreisen und Kriegszüge war die Mobilität einzelner Personen und Personengruppen verblüffend gross. An der Universität, in den oberen Kreisen der Kirchen und der Klöster in Basel, und auch unter den in Basel wohnenden Humanisten und Buchdruckern wurde Latein nicht nur geschrieben, sondern auch gesprochen. Latein war die Sprache, in der man sich auch mit Personen unterschiedlichster Herkunft unterhalten konnte. Heute würde man eine solche Sprache als "internationale Geschäftssprache" bezeichnen.
Literatur:
- Christoph Keller: Der Schädelvermesser. Otto Schlaginhaufen - Anthropologe und Rassenhygieniker. Eine biographische Reportage, Zürich 1995.
- Georg Kreis: Der "homo alpinus helveticus". Zum schweizerischen Rassendiskurs der 30er Jahre, In: Erfundene Schweiz. Konstruktionen nationaler Identität (Clio Lucernensis 1), Zürich 1992, S. 175-190.
- Werner Meyer: Basel 1501: Die Reichsstadt wird Mitglied der Eidgenossenschaft, In: Basel 1501 2001 Basel (Neujahrsblatt der GGG, 179), Basel 2001, S. 11-54.
Eingangsnummer: 154
Beantwortet am 23.02.2001
Michael Blatter
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