1. Die mobile Gesellschaft


> Übersicht Wanderwege

 

Als der Kanton Baselland 1833 entstand, rechnete man für den Weg von Basel nach Liestal «drei Wegstunden». Heute dauert dieser Weg mit dem Auto gerade noch eine Viertelstunde. Zwölfmal schneller sind wir, zwölfmal näher ist die Stadt. Das reizt natürlich, das Bedürfnis (manchmal der Zwang) der Gesellschaft nach Mobilität ist heute so gross wie nie. Jeder und Jede bewegt sich - wir fahren mit dem öffentlichen oder privaten Verkehrsmittel zur Arbeit, zum Einkaufen, in die Ferien oder auch nur zum Vergnügen. Viele Pendler fahren mit ihrem Auto umgerechnet in zwei Jahren einmal um die Erde.

 

Mobilität hat ihren Preis: Es braucht Strassen, die Verkehrsflächen dehnen sich immer mehr aus, Lärm und Luftschadstoffe nehmen zu. Im Mittelalter waren es Bäche und Hügel, die die Landschaft prägten. Die Stadt Liestal beispielsweise wurde bewusst am Zusammenfluss der Ergolz und des Orisbachs gebaut. Heute sieht man diese beiden Gewässer kaum mehr zwischen den gebauten Strassen. Der Verkehr prägt die Landschaft deutlich. Der Verkehr im Tal dient dem Transport von Menschen und Waren. Letztere werden wiederum verwendet und ergeben Abfall. Früher oder später werden auch die benützten Fahrzeuge zu Schrott. Zu hochkompliziertem Schrott, der sortiert der Wiederverwertung zugeführt werden muss. Da bleibt immer auch Abfall übrig. Mobilität erzeugt also auch Müll.


«Alles ist Gift, es ist nur eine Frage der Menge», sagte Paracelsus einst. Auf diesem Wegstück treffen wir grosse Verkehrsmengen und grosse Abfallmengen: Vom Schleifenberg sehen und hören wir, wie die Verkehrsströme bei Liestal in die Enge geraten. Später auf dem Lindenstock stehen wir dann auf einem riesigen Abfallberg. Jede einzelne Fahrt im Tal geschieht aus einem Grund, jedes Häufchen Abfall auf dem Lindenstock entstand aus einem Grund. In beiden Fällen ist die Menge, die da in wenigen Jahrzehnten angefallen ist, doch recht erstaunlich.



 

Vom Botenwagen zur Staumeldung

Als vor zweihundert Jahren die Basler Boten bei den Posamentern im hinteren Frenkental die gewobenen Seidenbänder abholten und mit ihren Wagen über den Altmarkt nach Liestal und Basel rumpelten, konnten sie sich im Frühling noch an blühenden Obstbäumen und saftigen Wiesen erfreuen, auf denen das Vieh genüsslich graste. Es blieb genug Zeit, sich auf dem Weg über das gute Geschäft zu freuen, das sie gleich bei den Bändelherren in Basel abschliessen würden. Mit einem Lied auf den Lippen kamen sie auf der schmalen Strasse gut voran. Hin und wieder kreuzten sie ein Fuhrwerk, einen Trupp Reiter oder Fussgänger.



Ein Botenwagen (Bild von Otto Plattner)


Das Ergolztal heute: Dauerstau auf der Rheinstrasse, flächenfressende Verkehrsbauten und ehemals idyllische Dörfer, die unter Lärm und Gestank stöhnen. Für die Autobahn durchs Baselbiet nach Bern wurden ganze Berghänge abgetragen, Täler aufgefüllt und Wälle errichtet. Über 100'000 Fahrzeuge passieren die Zählstelle Hagnau an Werktagen. Kein Wunder, dass sich Bewohner von benachbarten Gemeinden gegen die Zerstörung von Landschaft und Dörfern wehren.


Das Ergolztal bildet einen klassischen Durchgangsweg über den Jura ins Mittelland und weiter nach Süden. Schon die Römer nutzten das Tal und führten eine erste Passstrasse über den Oberen Hauenstein und weiter nach Italien. Deshalb konnte der Markt in Augusta Raurica eben auch Oliven, Zitronen und italienischen Wein anbieten. Die Strasse wurde in den Stein eingehauen, daher rührt ihr heutiger Name. Bei Langenbruck ist noch ein kurzes Stück von ihr zu sehen. Sie führte nach Aventicum (Avenches), weiter über den Grossen St. Bernhard, noch nicht über den Gotthard. Der galt nämlich wegen der Schöllenenschlucht als unüberwindbar und erlangte erst mit der Teufelsbrücke ab 1200 seine zunehmende Bedeutung. Um 1240 entstand dort an der Ergolz, wo sich der Weg in die Passstrassen über den oberen und unteren Hauenstein gabelte, die Stadt Liestal.



Die Römerstrasse am Hauenstein


Die Jura-Passstrassen waren ursprünglich so schmal, dass die Fuhrwerke ihre Rosse hintereinander anspannen mussten, um sie zu befahren. Das änderte sich erst mit ihrer Verbreiterung auf sieben Meter Anfang des 19. Jahrhunderts.


Ein Güterfuhrwerk brauchte damals eineinhalb Tage von Liestal nach Olten. Schon bald bohrte man dort am ersten Tunnel der Schweiz, um der neuen Eisenbahn die Durchfahrt ins Mittelland zu ermöglichen. Mit Bohrern, Pickeln, Meisseln und Brechstangen arbeitete man fünf Jahre am Jura, um die Verbindung Läufelfingen - Trim-bach herzustellen. Bei einer Brandkatastrophe kamen 63 Arbeiter im Tunnel um. Ab 1912 schuf man zusätzlich den niedriger liegenden Hauenstein-Basistunnel.


Eine neue Erfindung machte aber schon bald den Bau von weiteren, neuen Verkehrswegen nötig: das Auto. Von Eptingen nach Hägendorf wurde der Belchentunnel gebaut, vor allem mit Arbeitskräften aus dem Süden. Aber Güterfernverkehr und die Touristen rauschten noch 1967 durchs Liestaler Stadttor, sieben Millionen Fahrzeuge zählte man in diesem Jahr! Die Autobahn über Arisdorf und Diegten stiess zwar auf den heftigen Widerstand der Anwohner, doch brachte sie Entlastung für das Ergolztal und schuf eine wichtige und schnelle Verkehrsader für das Transitland Schweiz.



Ein frühes Postauto, das "Curgäste" zum Bad Bubendorf führte.


Neue Strassen ziehen neuen Verkehr an und Pendlerströme verstopfen die Verkehrswege. Ein Blick vom Schleifenberg ins Ergolztal zeigt, dass nicht mehr viele neue Strassen Platz haben! Darum wird heute auch ein öffentliches Verkehrsnetz mit Bahn, Tram und Bus gefördert, die Entwicklung umweltschonender Transportmethoden (Bahnverlad der Lkws) und auch ein spezielles Wegnetz für Velos. Unter anderem der Rückstau von Lastwagen im Frühjahr 2001 zeigt aber, dass Verkehrsprobleme heute zu «Landesfragen» werden.



 

Müll offenbart Geschichte

Der Einkaufswagen ist wieder voll geworden im Supermarkt: Getränkeflaschen, Teigwaren, Beutelsuppen, Milch, Butter, Gemüse, Tiefkühlprodukte, Schokolade, Bonbons, Gemüse in Dosen, Körperpflege, Papeterieartikel. Wenn das alles ausgepackt und aufgebraucht ist, wird wieder ein Abfallsack voll sein. Die Flaschen werden zur Glasmulde gebracht, die Dosen kommen zum Altmetall. Für den Rest ist einmal in der Woche Müllabfuhr, und wir sind alles los.


Ein Wohnungswechsel steht bevor. Unglaublich, was sich da alles angesammelt hat im Keller und auf dem Dachboden. Das werfen wir alles in eine Abfallmulde. Am anderen Tag wird sie abgeholt und wir sind alles los. Häuser werden abgebrochen - es bleibt Schutt. Strassen werden umgegraben - es bleibt Schutt. Müll, Abfall, Schutt, Tag für Tag. Die moderne Gesellschaft hat ein kompliziertes System entwickelt, Abfall los zu werden. Es wird verbrannt und rezikliert, was übrig bleibt ist Müll. Tag für Tag.


Machen wir ein Experiment - nur im Kopf - und legen all das, was bei uns zu Hause an Abfall anfällt und weder verbrannt noch irgendwie rezikliert werden kann auf einen Haufen. Der Haufen wächst zwar nur langsam, aber stetig. Lassen wir ihn wachsen. In einem Jahr ist er vielleicht 50 cm hoch. In 20 Jahren schon zehn Meter. Ein solcher Haufen ist der Lindenstock.



Nicht nur Verpackungen werden zu Müll...


Neugierde packt eines Tages vielleicht unsere Kinder. Sie fangen an, in der untersten Schicht nachzusehen, was da liegt. Keramikbruchstücke einer Tasse oder Vase? Eine kleine Spiralfeder. Ein Kugelschreiber? Ein u-förmig gebogenes Metallplättchen. Etwas, das wie ein Ring aussieht. Besonderes Interesse wecken Keramik-Bruchstücke. Es gibt viele davon, sie sind dezent rosa, manchmal mit Goldverzierung oder Goldrand. Blüten und Rankenmotiv. Also klauben sie zusammen, was noch zu finden ist.


Die Scherben ordnen sie jetzt nach Motiv, Grösse, Krümmung und Randstücken und versuchen aus den Puzzle-Teilen etwas zusammen zu bauen. Nach tagelanger Arbeit steht eine Vase vor ihnen, nicht mehr ganz vollständig, aber doch eindeutig als solche erkennbar. Nähere Untersuchungen ergeben, dass die Vase schon früher einmal geflickt wurde, denn einige Stellen weisen alte Klebestellen auf. Motiv und Form lassen das Objekt nicht in eine bestimmte Zeit einordnen, sieht ein bisschen nach Louis irgendwas aus. Ein Herstellervermerk ist nicht zu finden. Dutzendware?



... auch der "Einkaufswagen" gehört irgendwann dazu.


Alte Fotoalben zeigen, dass die Vase einmal auf einem Tischchen ähnlichen Stils im Wohnzimmer gestanden hat. Das Bild muss um 1970 entstanden sein, denn die Frau, die neben diesem Tisch sitzt, trägt die Mode jener Zeit. Gibt es noch ältere Hinweise zu dieser Vase? Von den Eltern gekauft? Wohl kaum, denn die übrige Wohnungseinrichtung ist in einem ganz anderen Stil gehalten. Also vermutlich ein Erbstück. Auf dem Hochzeitsbild der Grosseltern vom Estrich begegnen die Kinder der Vase wieder. Sie steht auf dem gleichen Tischchen neben dem Hochzeitspaar. Das Foto wurde 1921 gemacht von einem Fotografen namens «Lutz in Luzern». War die Vase ein Hochzeitsgeschenk an die Grosseltern? Von wem? Jetzt verliert sich die Spur. Ohne ein spezialisiertes Labor zu konsultieren kommen sie nicht weiter. Immerhin: Sie haben mit dieser Vase begonnen, ein Stück Familiengeschichte zu rekonstruieren.


Was Sie jetzt eben gemacht haben, ist oft der einzige Weg, um die Geschichte eines Fundgegenstandes zu ergründen. Von vielen Kulturen, Gesellschaften oder Gruppen sind keine Texte überliefert, niemand hat ihr Leben beschrieben. Es ist selten, dass Gebäude, Werkzeuge und Einrichtungsgegenstände so erhalten bleiben wie im römischen Pompeij. Oft bleibt nur - der Müllhaufen. Abfälle, die Ritter aus einer Burg geworfen haben, können uns beispielsweise viel über ihre Gewohnheiten sagen.



 

Back to Top

Bitte haben Sie einen Moment Geduld, die Daten werden aufbereitet.